Die Idee der Chancengleichheit gilt bis heute als eine wesentliche Zieldimension pädagogischer Institutionen. Während dieser Anspruch an das Bildungswesen in der Operationswirklichkeit von Recht und Gesetz bereits realisiert wurde, ist die Verwirklichung dieses Zieles in der Realität (noch) fragwürdig. Die soziale Disposition des Einzelnen, die Möglichkeiten und Chancen, die von der Stellung im sozialen Gefüge, von der Zugehörigkeit zu einer Schicht abhängen, haben anscheinend bestimmenden Einfluss auf den Werdegang einer Person innerhalb des Bildungssystems.
Dieser Zusammenhang des persönlichen Milieus, das den Lebensraum eines jeden darstellt und seine Sozialisation bestimmt, und dem resultierenden Lebenslauf soll hier nachgegangen werden. Zunächst wird diese Untersuchung die Sozialisationstheorien von Pierre Bourdieu herausarbeiten und bestimmende Begriffe definieren. Anschließend folgt eine konkrete Schilderung der Implikationen, die aus diesem Konzept hervorgehen. Eine kurze Einführung in das Sozialisationskonzept von Klaus Hurrelmann liefert dann im Folgenden die Argumente für eine kritische Realitätsprüfung der Theorien Bourdieus, die im Schlussteil versucht werden soll.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung und Gang der Untersuchung
2 Sozialisation als Habitualisierung nach Pierre Bourdieu
2.1 Prinzipien und Formen des Kapitals
2.1.1 Kulturelles Kapital
2.1.2 Soziales Kapital
2.1.3 Ökonomisches Kapital
3 Transformationen des Kapitals
4 Interaktive Persönlichkeitsentwicklung nach Hurrelmann
5 Resumée
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Spannungsfeld zwischen schichtspezifischer Sozialisation und individueller Freiheit, um die Grenzen des bildungspolitischen Ideals der Chancengleichheit kritisch zu hinterfragen. Im Zentrum steht dabei die Frage, inwieweit soziale Dispositionen den Lebenslauf determinieren und ob diese durch eine Betrachtung der Persönlichkeitsstruktur in Relation gesetzt werden müssen.
- Sozialisationstheoretische Grundlagen nach Pierre Bourdieu
- Kapitalformen: Kulturelles, soziales und ökonomisches Kapital
- Wechselwirkungen und Transformationen von Kapitalarten
- Ansatz der interaktiven Persönlichkeitsentwicklung nach Klaus Hurrelmann
- Kritische Reflexion der Determinanten individueller Lebenschancen
Auszug aus dem Buch
Sozialisation als Habitualisierung nach Pierre Bourdieu
Pierre Bourdieu, einer der bedeutendsten Sozialwissenschaftler unserer Zeit, und Mitglied des „Collège de France“, vertritt die Auffassung, dass zwischen der Position, die der Einzelne innerhalb der Gesellschaft einnimmt, und seinem Lebensstil ein Zusammenhang besteht. Was aus der Perspektive der Handelnden das Ergebnis freier individueller Entscheidungen, Vorlieben und Anstrengungen zu sein scheint, ist in Wirklichkeit das Ergebnis einer schichtenspezifischen Sozialisation. Nach seiner Auffassung übernehmen wir von früh an die Lebensform der sozialen Gruppe, in der wir leben, erwerben hier klassenspezifische Zwänge und Freiheiten, und erhalten und entwickeln diese über unsere gesamte Existenz hinweg weiter. Welche Vorlieben und welchen Geschmack wir haben, wie wir unsere Wohnung einrichten und welchen Kleidungsstil wir mögen, selbst unsere Art der Körperhaltung und –bewegung sind Ausdruck unserer Position im sozialen Raum, und vielmehr das Ergebnis sozialer „Konditionierungen“, als Ausdruck reflektierter und individueller Entscheidungen.
Die Vorstellung Bourdieus, dass Alles was Individualität ausmacht eng mit dem sozialen Milieu zusammenhängt, indem jemand aufgewachsen ist, wie einer spricht, tanzt, lacht, liest, was er liest, was er mag, welche Bekannte und Freunde er hat usw., hat immer wieder zum Vorwurf geführt, sein „Habituskonzept“ sei deterministisch und ließe keinen Raum für die Vorstellung eines „individuellen Wesens“.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung und Gang der Untersuchung: Die Einleitung führt in die Problematik der Chancengleichheit ein und erläutert den Aufbau der Untersuchung, die Bourdieu und Hurrelmann zur Analyse heranzieht.
2 Sozialisation als Habitualisierung nach Pierre Bourdieu: Dieses Kapitel erläutert das Habituskonzept als Ergebnis schichtspezifischer Sozialisation und differenziert die drei Kapitalformen kulturelles, soziales und ökonomisches Kapital.
3 Transformationen des Kapitals: Hier wird dargelegt, wie die verschiedenen Kapitalarten konvertiert werden können und wie sie sich über Generationen hinweg vererben bzw. reproduzieren.
4 Interaktive Persönlichkeitsentwicklung nach Hurrelmann: Hurrelmanns Modell der inneren und äußeren Realität dient hier als Gegenpol, um die Einflüsse von sozialen Faktoren und individueller Persönlichkeit einzuordnen.
5 Resumée: Das abschließende Kapitel kritisiert die Determiniertheit des Bourdieu-Ansatzes und stellt die These auf, dass der menschliche Lebenswille ebenfalls ein maßgeblicher Faktor für die Entwicklung ist.
Schlüsselwörter
Chancengleichheit, Sozialisation, Habitus, Pierre Bourdieu, kulturelles Kapital, soziales Kapital, ökonomisches Kapital, Kapitalakkumulation, Klassenspezifik, Klaus Hurrelmann, Persönlichkeitsentwicklung, Lebensstil, soziale Disposition, Transformation, soziale Schicht.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert, inwieweit soziale Herkunft und schichtspezifische Sozialisation die Lebenschancen und den Werdegang eines Individuums im Bildungssystem beeinflussen.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Felder umfassen die Sozialisationstheorie, das Konzept des Habitus, die verschiedenen Formen des Kapitals sowie die interaktive Persönlichkeitsentwicklung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es, die Grenzen der Chancengleichheit aufzuzeigen, indem die Determinierung durch das soziale Milieu kritisch gegen den Aspekt der individuellen Persönlichkeitsstruktur abgewogen wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Auseinandersetzung, die durch die vergleichende Analyse von Sozialisationstheorien nach Bourdieu und Hurrelmann methodisch geleitet wird.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden die Kapitalformen nach Bourdieu erläutert, deren Transformationsmöglichkeiten diskutiert und das Modell der Persönlichkeitsentwicklung von Hurrelmann als kritischer Rahmen eingeführt.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselbegriffe sind vor allem Habitus, Kapitalakkumulation, schichtspezifische Sozialisation sowie die Interaktion von innerer und äußerer Realität.
Was versteht man unter dem Habituskonzept nach Bourdieu?
Der Habitus beschreibt ein System von Dispositionen und Verhaltensweisen, das durch die soziale Herkunft geprägt ist und die Lebensführung eines Menschen strukturiert.
Kann man nach Bourdieu seine soziale Position verlassen?
Bourdieu betont zwar die starke Bindung an das soziale Milieu, erkennt aber innerhalb der gesetzten Grenzen durchaus Spielräume für erfinderisches Handeln.
Warum wird Hurrelmann zur Ergänzung herangezogen?
Hurrelmann ergänzt die deterministische Sichtweise Bourdieus durch die Einbeziehung der „inneren Realität“, wodurch die aktive Rolle des Individuums bei der Persönlichkeitsbildung stärker betont wird.
Welches Fazit zieht der Autor zur Chancengleichheit?
Der Autor bezweifelt, dass eine absolute Chancengleichheit existiert, da neben dem sozialen Umfeld auch die individuelle Persönlichkeitsstruktur und der Lebenswille die Entwicklung des Menschen maßgeblich bestimmen.
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- Nils Prinz (Author), 2003, Die Grenzen der Chancengleichheit nach Bourdieu, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/65002