Simplicius` Initiationen zum Narren und zum Heiligen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

23 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Gliederungsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Gang der Untersuchung
1.2 Der ‚Picaro’ Simplicius und der ‚Simplicianische Zyklus’

2 Simplicius Verwandlung zum Narren
2.1 Simplicius beim Einsiedel
2.2 Simplicius in Hanau
2.2.1 Simplicius Verwandlung
2.2.2 Simplicius als Narr

3 Simplicius` Sündenfall
3.1 Simplicius` Verstrickung in die Welt
3.1.1 Die Sünde der Trägheit
3.1.2 Der Betrüger Simplicius
3.1.3 Die Sünde des Hochmuts
3.2 Zusammenfassung
3.3 Simplicius` weiterer Lebensweg

4 Die Schlossepisode
4.1 Die Erzscherer
4.2 Simplicius` Auftrag

5 Deutung gemeinsamer Motive in beiden Szenen
5.1 Die Parallelen
5.2 Die Bedeutung der qualitativen Unterschiede

6 Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Der vollständige Titel von Grimmelshausens ‚Simplicissimus Teutsch’ lautet:

„Der Abentheuerliche Simplicissimus Teutsch / Das ist: Die Beschreibung deß Lebens eines seltzamen Vaganten / genant Melchior Sternfels von Fuchshaim / wo und welcher gestalt Er nemlich in diese Welt kommen / was er darinn gesehen / gelernet / erfahren und außgestanden / auch warumb er solche wieder freywillig quittirt. Überauß lustig / und männiglich nutzlich zu lesen.“

Nacheinander ist Simplicius – der Protagonist einer fiktiven Autobiographie – Bauernjunge, Gefährte eines Einsiedels, Narr und Diener eines adeligen Herrn, Soldatenknecht und Soldat, bürgerlicher Ehemann, Abenteurer und männliche Hure, landstreichender Quacksalber, schließlich Bauer, Privatgelehrter, Pilger und schließlich wieder ein Einsiedel. Dabei bildet der Dreißigjährige Krieg den Hintergrund für große Teile des Romans, der das Leben aller gesellschaftlichen Schichten zu dieser Zeit berührt: das der ländlichen und das der städtischen Bevölkerung, das Leben bei Hofe, das der Soldaten, der Geistlichen und nicht zuletzt das der Rechtlosen und Vogelfreien.

Vor diesem vielfarbigen Bild vom Leben in ‚Deutschland’ des 17. Jahrhunderts schildert Grimmelshausen in diesem Roman den Weg seines Helden ‚in die Welt’ und durch sie hindurch bis zu ihrem ‚Verlassen’.[1]

Diese Untersuchung befasst sich vornehmlich mit zwei zentralen Initiationsprozessen: den, der Simplicius in die Welt samt ihren Verstrickungen führt und jenen, der seine Entwicklung zum ‚Heiligen’ besiegelt.

Eine zentrale Ausgangsannahme der Arbeit ist, dass das Schlossabenteuer das komplementäre Ritual zur Hanauer Initiation darstellt.

Das Ziel der Untersuchung ist, die Bedeutung beider Szenen jeweils für sich und im Zusammenhang zu erarbeiten und aus den resultierenden Erkenntnissen heraus, Mutmaßungen über Grimmelshausens Intention für diese Verschränkung weit auseinanderliegender Textteile innerhalb des ‚Simplicianischen Zyklus`’ anzustellen.

1.1 Gang der Untersuchung

Zunächst erfolgt eine kurz gefasste Einbettung der ‚Simplicianischen Schriften’ in den literaturhistorischen Zusammenhang seinerzeit. Daran anschließend wird die Hanauer Narrenverwandlung dargestellt, mitsamt der entsprechenden Vorgeschichte sowie Simplicius` Verstrickung in die Welt. Nach einer äußerst knapp gehaltenen Skizzierung seines weiteren Lebensweges folgt eine Wiedergabe der Schlossepisode, anhand der gemeinsame Motivketten aus beiden Szenen herausgearbeitet und gedeutet werden. Die Schlussbetrachtung widmet sich der Betrachtung beider Wandlungsphasen aus der Perspektive der einsiedlerischen Lehren. Den Abschluss bilden entsprechende Überlegungen zur Autorintention.

1.2 Der ‚Picaro’ Simplicius und der ‚Simplicianische Zyklus’

Der ‚Abentheuerliche Simplicissimus Teutsch’ ist 1668 in Nürnberg erschienen. Neben Anklängen an den französischen roman comique sowie die deutschsprachige Schwank- und Schelmenliteratur steht Grimmelshausens Roman vor allem in der Tradition des spanischen Picaro-Romans. Dieser hatte sich in Spanien des 16. Jahrhunderts als Gegenmodell zum Ritterroman herausgebildet. Mateo Alemans Guzman de Alfarache (1599), der bekannteste unter ihnen, lag ab dem frühen 17. Jahrhundert in deutscher Sprache vor.

Im Mittelpunkt dieses Romantyps steht ein ‚Picaro’ – ein gemeiner Kerl von üblem Lebenswandel. Anders als die statisch-unschuldigen Helden der Schwank- und Schelmenliteratur durchlaufen die Protagonisten des Picaro-Romans eine Entwicklung im Sinne einer christlich-erbaulichen Ausrichtung. Die bekehrten, von der Welt geheilten Picaros enden nach einem linearen Dreischritt von Sünde, Reue und Buße meist entsagungsvoll als Eremiten (und unterscheiden sich damit von den edlen Helden des Ritterromans, die die Launen des Schicksals überstehen und am Ende für ihre Beständigkeit und Tapferkeit belohnt werden).[2]

Bereits in der Vorrede zum ‚Satyrischen Pilgrim’ (1666) hatte Grimmelshausen ein Werk angekündigt, das sich ad infinitum erstreckt. Entsprechend gruppiert er in der Vorrede zum zweiten Teil seines letzten Romans (Das wunderbarliche Vogelnest, 1675) diejenigen seiner Werke zu einer Serie von zehn ‚Simplicianischen Schriften’, die das Schicksal von Figuren des Simplicissimus-Romans zum Gegenstand haben. Diese setzen sich wie folgt zusammen: die fünf Bücher des Simplicissimus Teutsch selbst, die Continuatio [3] als 6. Buch, Trutz Simplex (1670) als 7. Buch, der seltzame Springinsfeld (1670) als 8. Buch, sowie als 9. und 10. Buch die 1672 und 1675 veröffentlichten Teile vom wunderbarlichen Vogelnest. [4]

2 Simplicius Verwandlung zum Narren

Um Simplicius[5] Verwandlung zum Narren und ihre Bedeutsamkeit herauszuarbeiten, ist es nötig, zunächst seine frühen Jahre in den Blick zu nehmen.

Über Geburt und Herkunft des ‚Helden’ erfährt der Leser zu Beginn der Autobiographie nicht mehr, als dass der bereits zehn Jahre alte Knabe im Spessart bei einfachen Bauersleuten – seinem „Knan“ und der „Meüder“ - aufgewachsen ist.[6] Gelernt hat er bis dato lediglich, die Tiere des Bauern zu hüten.

„ich kennete weder GOtt noch Menschen / weder Himmel noch Höll / weder Engel noch Teuffel / und wuste weder Gutes noch Böses zu unterscheiden ...“ (ST 20,19).

„ich war so perfect und vollkommen in der Unwissenheit / daß mir unmüglich war zu wissen / daß ich so gar nichts wuste ...“ (ST 20,30).

So verwundert es nicht, dass Simplicius als Reiter den Hof überfallen, davonläuft, ohne das grausame Geschehen zu begreifen. Nach der Beschreibung verschiedener Foltermethoden heißt es:

„Allein mein Knan war meinem damaligen Beduncken nach der glückseeligste / weil er mit lachendem Mund bekennete / was andere mit Schmertzen und jämmerlicher Weheklag sagen musten / ... / dann sie setzten ihn zu einem feuer / banden ihn / daß er weder Händ noch Füß regen konnte / und rieben seine Fusohlen mit angefeuchtetem Saltz / welches ihm unser alte Geiß wieder ablecken / und dardurch also kützeln muste / daß er vor lachen hätte zerbersten mögen ...“ (ST 29,14).

2.1 Simplicius beim Einsiedel

Im Wald trifft S. auf den frommen „Einsiedel“[7], der ihn ins Christentum einführt und schreiben und lesen lehrt. War er zuvor bloß „mit der Gestalt ein Mensch / und mit dem Nahmen ein Christenkind / im übrigen aber nur eine Bestia ...“ (ST 27,23), erfährt er in den ersten drei Wochen „alles das jenige / was ein Christ wissen soll ...“ (ST 41,18); vom Fall Luzifers, der Vertreibung aus dem Paradies, dem Gesetz Moses und den zehn Geboten bis zu „Christi Geburt / Leiden / Sterben und Aufferstehung; zuletzt beschlosse ers mit dem jüngsten Tag / und stellet mir Himmel und Höll vor Augen ...“ (ST 41,4).

„daß ich alles so bald gefasst / was mir der fromme Einsidel vorgehalten / ist daher kommen / weil er die geschlichte Tafel meiner Seelen gantz läer / und ohn einige zuvor hinein gedruckte Bildnussen gefunden / so etwas hinein zu bringen hätt hindern mögen ...“ (ST 42,11).

Über irdische Dinge indes schweigt der Einsiedel.

S. bleibt bei dem asketischen Mann - der sein großes Vorbild wird - über zwei Jahre. Sie ernähren sich spartanisch von dem, was ihnen die Natur beschert und widmen ihre freie Zeit gänzlich christlichen Betrachtungen. Die Lebensmaxime des Einsiedel lautet „bete und arbeite“:

„unterdessen lernete ich in solchem harten Leben Hunger / Durst / Hitz / Kälte / und große Arbeit überstehen / und zuvorderst auch GOTT erkennen / und wie man Jhm rechtschaffen dienen sollte / welches das vornehmste war. Zwar wollte mich mein getreuer Einsidel ein mehrers nicht wissen lassen / dann er hielte davor / es seye einem Christen genug / zu seinem Ziel und Zweck zu gelangen / wann er nur fleissig bete und arbeite / dahero es kommen / ob ich zwar in geistlichen Sachen ziemlich berichtet wurde / mein Christenthum wol verstunde / ... daß ich dannoch der einfältigste verbliebe ...“ (ST 47,5).

Die einzige Verbindung zu anderen Menschen in jener Zeit ist der „Pfarrer“ im nächsten Dorf.

Als der Eremit stirbt, besteht sein Vermächtnis an S. aus drei Postulaten: „sich selbst erkennen / böse Gesellschafft meiden / und beständig verbleiben“ (ST 49,25).

2.2 Simplicius in Hanau

Eines Tages wird S. Hütte von Soldaten überfallen und er entschließt sich, den Wald zu verlassen, zumal ihn der Einsiedel in einem hinterlassenem Brief dazu anhält. Bald darauf gelangt er in die Festung zu Hanau, wird ob seines wilden Aussehens der Spionage verdächtigt, aber vom genannten Pfarrer – der im Turm eingesperrt ist – erkannt.

Es stellt sich heraus, dass der Gubernator der Festung - Oberst Ramsau - der Schwager vom Einsiedel ist. Dieser hatte nach einer verlorenen Schlacht, bei der ihm auch seine hochschwangere Gemahlin abhanden gekommen war, seinen Adel, Offiziersrang und seine Güter verschmäht und sich in die Einsiedelei zurückgezogen, wie der Pfarrer berichtet. Das geschah vor zwölf Jahren.

Als der Gubernator erfährt, wie sein Schwager im Wald gelebt hat und welche Freude S. diesem bereitete - der „seiner Liebsten von Angesicht so ähnlich seye“ (ST 84,16)[8] -, wird S. des Gubernators Page.

Schon bald offenbart sich S., dass die Welt nicht sonderlich christlich ist und die Menschen das Gegenteil dessen tun, was der Einsiedel ihn gelehrt hatte. Doch das Befremden beruht auf Gegenseitigkeit: „Dem seltzamen Simplicio kompt in der Welt alles seltzam vor / und er hingegen der Welt auch“ (ST 91,16)[9], denn S. ist von „frommer Einfalt und Unwissenheit“ (ST 98,3) beseelt. Er beginnt gegen Laster und Abgötterei der „Welt-Menschen“ (ST 86,23) zu predigen, doch sehen die „Leut“ der „Welt Wesen“ nicht mit „Simplicii Augen“ (ST 95,14) an.

[...]


[1] Vgl. Hinrichs (1979), S. 47.

[2] Vgl. Rötzer (1972), S. 43f.

[3] Die Coninuatio ist untrennbar mit den Büchern des Simplicissimus Teutsch verknüpft. Das Schlossabenteuer ist Teil der Continuatio.

[4] Ringvorlesung Europäische Romane. Hans Jakob Grimmelshausen: Simplicissimus Teutsch. Unter: http://www.literaturwissenschaft-online.de

[5] In der Folge wird Simplius, Simplicius, Simplicii und Simplicissimus mit S. abgekürzt.

[6] Die Familiengeschichte wird erst im V. Buch geklärt, vgl. ST 476ff.

[7] Die Ehefrau des Einsiedel – durch die Wirren des Krieges von ihrem Gatten getrennt – brachte 10 Jahre zuvor im Wald, mit Hilfe des Knan und der Meuder, einen Knaben – Simplicius – zur Welt und verstarb kurz darauf.

[8] (ST 84 16) = Simplicissimus Teutsch, S. 84, Zeile 27. Die Zeilenangabe bezieht sich jeweils auf die erste Zeile. Stellen aus dem ST werden künftig am Ende des Zitats in Klammern angegeben.

[9] Überschrift des 25. Kapitels.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Simplicius` Initiationen zum Narren und zum Heiligen
Hochschule
Universität Hamburg  (Sprach-, Literatur- und Medienwissenschaft)
Veranstaltung
Grimmelshausen, Simplizissimus und simplizianische Schriften
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
23
Katalognummer
V65007
ISBN (eBook)
9783638576710
Dateigröße
554 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Nacheinander ist Simplicius - der Protagonist einer fiktiven Autobiographie - Bauernjunge, Gefährte eines Einsiedels, Narr und Diener eines adeligen Herrn, Soldatenknecht und Soldat, bürgerlicher Ehemann, Abenteurer und männliche Hure, landstreichender Quacksalber, Bauer, Privatgelehrter, Pilger und schließlich wieder ein Einsiedler (...)
Schlagworte
Simplicius`, Initiationen, Narren, Heiligen, Grimmelshausen, Simplizissimus, Schriften
Arbeit zitieren
Nils Prinz (Autor), 2006, Simplicius` Initiationen zum Narren und zum Heiligen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/65007

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