Inhalt der Examensarbeit ist die Entwicklung der Abtreibungsregelung in der BRD von 1974 (Inkrafttreten der eugenischen Indikation) bis heute. Der Schwerpunkt liegt auf der Problematik der Spätabtreibungen, die seit einer Gesetzesänderung von 1995 im Rahmen der medizinischen Indikation straffrei bleiben und den damit einhergehenden medizinischen, gesellschaftlichen, ethischen und heilpädagogischen Aspekten.
Betrachtet wird der Kontext der Schwangerschaft, also die Bedingungen, die vor der Geburt des Kindes relevant sind. Auf die damit in Verbindung stehenden Systeme wie Familie und Schule aber auch Bildung und Erziehung wird aufgrund der Komplexität dieses Themas nur in geringem Maße eingegangen.
Dabei wird den wirtschaftlichen und politischen Interessen an den Bereichen Pränataldiagnostik, Biomedizin usw. nachgegangen, die die Aufrechterhaltung dieses Gesetzes ermöglichen.
Aus den verschiedenen Gesichtspunkten entspringen die Fragen nach den übergreifenden sozialen, kulturellen aber auch pädagogischen Zusammenhängen, den Grenzen der wissenschaftlichen Freiheit, der Wertigkeit eines ungeborenen Menschen und der allgemeinen Lebensrechtsproblematik.
Dabei wird das Konstrukt “Behinderung“ genauer betrachtet, welche diffusen Vorstellungen, Ängste und Vorurteile damit in Verbindung stehen und wie diese durch die juristische Regelung und die Medizinisierung der Schwangerschaft noch verstärkt werden.
Zu diesem Zweck werden verschiedene Klassifikationssysteme von geistiger und schwerer Behinderung dargestellt.
Die Wechselwirkung von Gesellschaft und Medizin, Politik und Medien führt zu einem immer einseitiger werdenden, auf die Defektivität und Unzulänglichkeit einer pränatalen Schädigung orientierten Sichtweise von Behinderung, die durch die Projektion eigener Werte und Normen noch verstärkt wird.
Um diese Problematik zu verdeutlichen, wird die aktuelle Diskussion der Bioethik und des Präferenzutilitarismus in Bezug auf die Differenzierung von Mensch-Sein und Person-Sein dargestellt und verschiedene Bruchstellen dieser ethischen Position herausgearbeitet bzw. Gegenthesen anderer Fachbereiche wiedergegeben.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Der § 218 StGB
2.1 Historischer Verlauf des strafrechtlichen Lebensschutzes
2.2 Das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland
2.3 Die Reformen der 1970er Jahre
2.4 Die aktuelle Formulierung der Abtreibungsregelung
2.5 Die Beratungsregelung
2.5.1 Strafrechtliche Grundlagen
2.5.2 Die Beratungsstellen
2.6 Die Indikationsstellungen
2.6.1 Die kriminologische Indikation
2.6.2 Die medizinische Indikation
2.6.3 Die versteckte kindliche Indikation
2.7 Statistische und demographische Entwicklungen
3 Der Begriff Behinderung
3.1 Klassifikationssysteme
3.2 Die Klassifikation von Behinderung im Allgemeinen
3.2.1 Die gesetzliche Klassifikation
3.2.2 Die Klassifikation der WHO
3.3 Die Klassifikation von geistiger Behinderung
3.3.1 Die medizinische Klassifikation
3.3.2 Die pädagogische Klassifikation
3.4 Die Klassifikation von Schwerstbehinderung
3.5 Ethische Aspekte der Klassifikation
4 Medizinische Aspekte zur Frage der Spätabtreibung
4.1 Pränataldiagnostik (PND)
4.2 Pränatale Untersuchungen zur Erfassung einer Schädigung des Kindes
4.3 Die ethische Problematik der Pränataldiagnostik
4.4 Das Recht auf Wissen und Nicht-Wissen
4.5 Methoden der Spätabtreibung
4.6 Früheuthanasie
4.6.1 Aktive Früheuthanasie
4.6.2 Indirekte Früheuthanasie
4.6.3 Passive Früheuthanasie
4.6.4 Die ethische Problematik der passiven Früheuthanasie
4.7 Das Dilemma der medizinischen Indikation und die Medizinisierung eines sozialen Problems
4.8 Die Einbecker Empfehlungen
5 Gesellschaftliche Aspekte zur Frage der Spätabtreibung
5.1 Privatisierung der Abtreibung
5.2 Die Deformation des Rechtsbewusstseins
5.3 Das Problem der Verantwortung
6 Ethische Aspekte zur Frage der Spätabtreibung
6.1 Das heterogene Menschenbild der Gesellschaft
6.2 Die Unmöglichkeit einer allgemeingültigen Ethik
6.2.1 Die Tugenden- und Werteethik
6.2.2 Der Utilitarismus
6.2.3 Der Präferenzutilitarismus
6.2.4 Der Status des Ungeborenen
6.2.5 Die Diskursethik
6.3 Der unlösbare Konflikt
6.4 Die Möglichkeit der Pränatalen Diagnostik als soziale Herausforderung
6.5 Politische und gesellschaftliche Grundlagen
7 Heilpädagogische Aspekte zur Frage der Spätabtreibung
7.1 Auswirkungen auf das Arbeitsfeld der Heilpädagogen
7.2 Auswirkungen auf das Lebensrecht und Bildungsrecht
8 Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themenschwerpunkte
Die Arbeit untersucht die komplexe und kontroverse Problematik der Spätabtreibung in der Bundesrepublik Deutschland im Kontext der medizinischen Indikation und der Pränataldiagnostik. Die zentrale Forschungsfrage fokussiert auf die ethischen, rechtlichen und gesellschaftlichen Spannungsfelder, die durch die Möglichkeit entstehen, Schwangerschaften auch in fortgeschrittenen Stadien aufgrund einer pränatal diagnostizierten Behinderung oder Schädigung des Kindes zu beenden.
- Rechtliche Grundlagen und historische Entwicklung des § 218 StGB.
- Medizinische Dimensionen der Pränataldiagnostik und deren ethische Implikationen.
- Gesellschaftliche Konstruktion des Behinderungsbegriffs und deren Einfluss auf die Selektionsentscheidung.
- Ethische Theorien im Umgang mit dem Lebensrecht von Ungeborenen und Menschen mit Behinderung.
- Heilpädagogische Konsequenzen für das Arbeitsfeld, das Lebensrecht und das Bildungsrecht.
Auszug aus dem Buch
4.6.1 Aktive Früheuthanasie
Die aktive Früheuthanasie ist in Deutschland, ebenso wie die aktive Sterbehilfe, als aktiver Tötungsprozess verboten (vgl. Everschor, S. 39). Kommt das Kind lebend auf die Welt, ist es unerheblich, ob der Säugling bereits im Sterben liegt oder nicht, das direkte Eingreifen ist weder den Eltern noch einem Arzt gestattet (vgl. Everschor, S. 39).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Abtreibung als vorrangig gesellschaftliches Problem und führt in die Problematik des § 218 StGB sowie die ethischen Fragen zur menschlichen Personwerdung ein.
2 Der § 218 StGB: Dieses Kapitel analysiert die gesetzliche Regelung, den historischen Verlauf und die verschiedenen Indikationsstellungen (Beratungsregelung, kriminologische und medizinische Indikation).
3 Der Begriff Behinderung: Hier werden unterschiedliche Klassifikationssysteme (gesetzlich, WHO, medizinisch, pädagogisch) dargestellt, um die gesellschaftliche Konstruktion und das Stigma von Behinderung zu verdeutlichen.
4 Medizinische Aspekte zur Frage der Spätabtreibung: Das Kapitel befasst sich mit der Pränataldiagnostik als Instrument, den Methoden des Abbruchs und der ethischen Problematik der Früheuthanasie.
5 Gesellschaftliche Aspekte zur Frage der Spätabtreibung: Es wird die Privatisierung der Abtreibung, die Deformation des Rechtsbewusstseins und die Frage der Verantwortung in einer leistungszentrierten Gesellschaft diskutiert.
6 Ethische Aspekte zur Frage der Spätabtreibung: In diesem Kapitel werden das Menschenbild, die Grenzen einer allgemeinen Ethik (Utilitarismus, Diskursethik) und der Status des Ungeborenen ethisch reflektiert.
7 Heilpädagogische Aspekte zur Frage der Spätabtreibung: Hier wird der Fokus auf die Konsequenzen für das heilpädagogische Arbeitsfeld sowie das Bildungs- und Lebensrecht von Menschen mit Behinderung gelegt.
8 Schlussbetrachtung: Die Schlussbetrachtung fasst die ethischen Dilemmata zusammen und fordert ein gesellschaftliches Umdenken sowie striktere Grenzen beim Einsatz der Pränataldiagnostik.
Schlüsselwörter
Spätabtreibung, § 218 StGB, Pränataldiagnostik, medizinische Indikation, Behinderung, Ethik, Menschenwürde, Lebensrecht, Früheuthanasie, Selektion, Heilpädagogik, Lebensqualität, Schwangerschaftsabbruch, Eugenik, Rechtssicherheit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Praxis der Spätabtreibung in Deutschland, insbesondere unter dem Aspekt der medizinischen Indikation nach pränataler Diagnostik, und setzt sich mit deren ethischen und rechtlichen Folgen auseinander.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Die zentralen Themen sind das geltende Recht nach § 218 StGB, die medizinische Diagnostik im Mutterleib, ethische Theorien zur Bewertung von menschlichem Leben sowie die Auswirkungen dieser Dynamiken auf Menschen mit Behinderung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Diskrepanz zwischen verfassungsrechtlichem Lebensschutz und der klinischen Realität der Spätabtreibung aufzuzeigen und die zugrunde liegenden gesellschaftlichen Normen kritisch zu hinterfragen.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Arbeit?
Die Arbeit basiert auf einer wissenschaftlichen Literaturanalyse und der kritischen Auseinandersetzung mit geltenden Gesetzen, juristischen Kommentierungen, ethischen Diskursen und behindertenpädagogischen Perspektiven.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in rechtliche Grundlagen, medizinische Aspekte (PND, Methoden der Abtreibung, Früheuthanasie), gesellschaftliche Rahmenbedingungen und eine tiefergehende ethische Reflexion verschiedener philosophischer Strömungen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere Spätabtreibung, medizinische Indikation, Lebensrecht, behindertenfeindliche Tendenzen, Pränataldiagnostik und advokatorische Ethik.
Welche Rolle spielt die "Kindliche Indikation" in diesem Dokument?
Die Autorin weist darauf hin, dass die kindliche Indikation formal durch die medizinische Indikation ersetzt wurde, wodurch jedoch der faktische Ausschluss von Kindern mit Behinderung verdeckt weiterbesteht.
Wie bewertet die Autorin die Rolle des Arztes bei Spätabtreibungen?
Die Autorin kritisiert, dass Ärzte oft in einen Interessenkonflikt geraten, zwischen der Sorge um Haftungsansprüche bei "schadhaftem" Leben und ihrer eigentlichen Aufgabe, Leben zu erhalten und zu schützen.
Welchen Stellenwert nimmt die Heilpädagogik in der Argumentation ein?
Die Heilpädagogik wird als Disziplin verstanden, die für das Lebensrecht und die Bildungsfähigkeit jedes Menschen – unabhängig von einer Normabweichung – eintritt und somit als ethischer Kontrapunkt zur selektiven Medizin dient.
- Quote paper
- Sina Bottke (Author), 2006, Die Spätabtreibung in der BRD. Eine Zwischenbilanz, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/65042