Das Phänomen der „Organisierten Kriminalität“ (OK) ist ein äußerst umstrittenes Thema. Bei genauerer Betrachtung, erweist sich die Diskussion zunächst vor allem politischer Natur.
Über diese politische Diskussion hinaus, sind auch die Medien durch die dramatisierende Darstellung der Gefahren der OK beteiligt, wie schließlich auch Forscher im Streit um die adäquate Definition der OK engagiert sind. Der Fakt, dass sich so viele Gruppen mit dem Definieren, Beschreiben und Analysieren beschäftigt haben, kann auch teilweise erklären, weshalb so viele unterschiedliche Auffassungen und Vorstellungen bezüglich der OK existieren. Erschwert wird die Forschung dabei vor allem durch die Vielfalt der OK und ihrer Aktivitäten. Aber auch die der Illegalität geschuldete Geheimhaltung obstruiert die Auseinandersetzung mit der OK und gestaltet die Datensammlung schwierig. Da die Strafverfolgungsbehörden zudem ihre gewonnenen Erkenntnisse nur sehr restriktiv zur Verfügung stellen und diese dann teilweise schon verzerrt sind, erschwert dies die Erforschung des Problems zusätzlich. Entsprechend ist empirische Literatur nur spärlich vorhanden. Für ein besseres Verständnis der OK sollte jedoch eine interdisziplinäre Betrachtung erfolgen. Die ökonomischen Beiträge zur OK sind dabei allerdings bisher unterrepräsentiert. Daher soll die vorliegende Arbeit einen sachlichen Beitrag zu dem in der Öffentlichkeit häufig überzeichnet dargestellten Phänomen der OK liefern.
Es wird daher zu erarbeiten sein, ob diesbezüglich eine theoretische Fundierung besteht und ob sich die Adaption des Unternehmensbegriffs auf die OK rechtfertigen lässt. Dies erscheint insbesondere deshalb angezeigt, da die OK im Allgemeinen als Anbieter illegaler Güter und Dienstleistungen für die Öffentlichkeit angesehen wird.
Im Hauptteil der Arbeit sollen zunächst die generellen Konsequenzen skizziert werden, während im Anschluss daran die speziellen Konsequenzen der Illegalität und die Reaktionen und Maßnahmen der OK hierauf dargestellt werden. Es ist anzunehmen, dass die Illegalität dabei Auswirkungen auf die Struktur der OK und ihrer Beziehungen mit ihren Umweltsystemen hat.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung und Abgrenzung
2. Die Organisierte Kriminalität
2.1. Begriffsbestimmung und -verständnis
2.2. Die Organisierte Kriminalität als illegales Unternehmen?–Das „enterprise model“ von Smith
2.3. Die formale Unternehmenseigenschaft
2.4. Abgrenzung zum Terrorismus
2.5. Umfang wesentlicher Tätigkeitsfelder der Organisierten Kriminalität
3. Auswirkungen der Organisierten Kriminalität auf die legale Wirtschaft und ihr Gefahrenpotenzial
3.1. Beeinträchtigungen des Wettbewerbs und des marktwirtschaftlichen Systems
3.2. Gefahren für die Demokratie und Schäden für die Allgemeinheit
4. Generelle Konsequenzen der Illegalität für die Organisierte Kriminalität
5. Spezielle Konsequenzen der Illegalität und Anpassungsstrategien der Organisierten Kriminalität
5.1. Personal
5.1.1. Informationsreduzierung und ökonomische Anreize
5.1.2. Disziplinierung durch Androhung und Einsatz von Gewalt
5.1.3. Generelle Mitarbeiterreduzierung und nicht-ökonomische Faktoren
5.2. Zulieferer
5.2.1. Vertragsbeziehungen und deren Durchsetzung
5.2.2. Ein heuristisches Modell der vertikalen Integration
5.2.2. Vor- und Nachteile der vertikalen Integration
5.3. Endkunden
5.4. Konkurrenten
5.4.1. Monopolbestrebungen einer illegalen Unternehmung
5.4.2. Gewalteinsatz in einem oligopolistischen Markt
5.4.3. Gewalteinsatz unter polypolistischen Marktbedingungen
5.5. Finanzierung und Investition
5.5.1. Beschränkungen bei der Kapitalbeschaffung
5.5.2. Die Geldwäsche zur Legalisierung illegaler Einkünfte
5.6. Regulierung
5.6.1. Risikominimierung durch Korruption
5.6.2. Korruption als Risikofaktor
6. Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit zielt darauf ab, die Organisierte Kriminalität unter Anwendung ökonomischer Instrumentarien als illegales Unternehmen zu analysieren und dabei die spezifischen Auswirkungen der Illegalität auf deren Struktur, Strategien und Marktverhalten zu untersuchen.
- Ökonomische Perspektive der Organisierten Kriminalität als illegale Unternehmung
- Einfluss der Illegalität auf Personalpolitik, Vertragsbeziehungen und Marktinteraktionen
- Rolle von Gewalt, Korruption und Geldwäsche als strategische Instrumente
- Analyse der vertikalen Integration und Expansionsstrategien krimineller Organisationen
- Wettbewerbsanalysen in oligopolistischen und polypolistischen illegalen Märkten
Auszug aus dem Buch
2.2. Die Organisierte Kriminalität als illegales Unternehmen?–Das „enterprise model“ von Smith
Als bedeutender Vertreter der unternehmerischen Sichtweise, welche die OK im Wesentlichen als illegales Unternehmen auffasst und als solches charakterisiert, kann Dwight C. Smith (1980, 1978, 1971) gesehen werden (Standing 2003, S. 66). In seiner „spectrum-based theory of enterprise“ geht er zunächst von einem Kontinuum unternehmerischer Aktivitäten aus. Eine als „saintly“ angesehene Tätigkeit stellt dabei einen Extrempunkt dieses Spektrums dar, wo die legale Unternehmung, von Smith als „paragon“ bezeichnet, einzuordnen ist. Die am anderen Ende angesiedelte „sündige“ unternehmerische Aktivität wird demnach von der illegalen Unternehmung, dem „pirate“ ausgeübt. Zwischen diesen Polen sind die „pariah“ positioniert (siehe Abbildung 2 im Anhang). Das sind Unternehmen die Güter oder Dienstleistungen anbieten, welche als moralisch anrüchig angesehen werden. Als Folge gesellschaftlicher Werte bewegen sie sich demnach in der Grauzone zwischen Legalität und Illegalität. Da sich diese Einstellungen ändern können, kann das Ansehen und der Status dieser Unternehmen im Verlauf und entsprechend ihr Platz auf dem Spektrum variieren (Kopp 1999, S. 39 FN 38; Smith 1980, S. 371, 382f.). So ist bspw. der legale Status eines Produkts nicht unveränderlich. Während der Prohibition in den USA war Alkohol verboten, wogegen dies heute (in Amerika) nicht mehr zutrifft (Kopp 1999, S. 15).
stellt die Legalität daher einen willkürlichen Punkt im wirtschaftspolitischen Umfeld dar, welcher verschoben werden kann, wenn neue Gesetze erlassen werden. Er geht weiterhin von der grundsätzlichen Wesensgleichheit legaler und illegaler Unternehmen aus, die sich nur aufgrund des Kriteriums der Legalität auf den entgegengesetzten Enden dieses Spektrums unternehmerischer Aktivitäten befinden (Smith 1980, 1978). Für den Autor sind ein „Kredithai“ mit einer Bank, ein Drogenschmuggler mit einem Großhändler und ein Hehler mit einem Einzelhändler aufgrund der Ähnlichkeit in den Betätigungsfeldern durchaus vergleichbar (Smith 1980, S. 370ff.; 1978, S. 164). Letztlich wird für Smith die illegale Unternehmung zur Profiterzielung, als Antwort auf die latente gesetzeswidrige Nachfrage, lediglich in Bereichen tätig die gewöhnlich geächtet sind und stellt daher nur die Erweiterung legaler Marktaktivitäten dar. Zudem streben illegale Unternehmen wie ihre legalen Gegenstücke ebenfalls nach Marktanteilen und deren Ausweitung (Smith 1978, S. 164).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung und Abgrenzung: Einführung in das Thema der Organisierten Kriminalität und Begründung der ökonomischen Analyseperspektive.
2. Die Organisierte Kriminalität: Theoretische Einordnung der OK als illegales Unternehmen und Abgrenzung zum Terrorismus.
3. Auswirkungen der Organisierten Kriminalität auf die legale Wirtschaft und ihr Gefahrenpotenzial: Darstellung der negativen Einflüsse auf den Wettbewerb, das Finanzsystem und die demokratische Stabilität.
4. Generelle Konsequenzen der Illegalität für die Organisierte Kriminalität: Analyse der Rahmenbedingungen, unter denen illegale Organisationen aufgrund der fehlenden Rechtssicherheit agieren müssen.
5. Spezielle Konsequenzen der Illegalität und Anpassungsstrategien der Organisierten Kriminalität: Detaillierte Untersuchung von Strategien zur Personalsteuerung, Zuliefererbeziehungen, Marktanteilserweiterung und Kapitalbeschaffung unter den Bedingungen der Illegalität.
6. Fazit und Ausblick: Zusammenfassung der zentralen Ergebnisse und Aufzeigen des weiteren Forschungsbedarfs.
Schlüsselwörter
Organisierte Kriminalität, Illegale Unternehmen, Ökonomische Analyse, Wettbewerb, Illegalität, Korruption, Geldwäsche, Markttransaktionen, Vertikale Integration, Risikokosten, Transaktionskosten, Reputation, Gewalt, Strafverfolgung, Unternehmenskultur.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Diplomarbeit untersucht die Organisierte Kriminalität (OK) aus einer wirtschaftswissenschaftlichen Perspektive. Dabei wird das theoretische Konstrukt der OK als "illegales Unternehmen" angewandt, um zu verstehen, wie diese Akteure auf Märkten agieren.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die Arbeit fokussiert sich auf die ökonomische Struktur illegaler Märkte, die Konsequenzen der Illegalität für die Organisation, Auswirkungen auf die legale Wirtschaft sowie spezifische Strategien zur Personal- und Marktsteuerung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Das Hauptziel ist es, einen sachlichen, ökonomisch fundierten Beitrag zum Verständnis der OK zu liefern und zu prüfen, ob die Adaption betriebswirtschaftlicher Unternehmensmodelle auf kriminelle Organisationen zur Analyse ihres Verhaltens geeignet ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor nutzt Ansätze der Institutionenökonomik, insbesondere die Transaktionskostentheorie sowie spieltheoretische Modelle, um die Interaktionen und Entscheidungswege innerhalb der OK zu beleuchten.
Welche Inhalte werden im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die generellen und speziellen Folgen der Illegalität, insbesondere in den Bereichen Personalmanagement (z.B. Loyalität und Gewalt als Disziplinierung), Zuliefererbeziehungen (z.B. vertikale Integration), Kundeninteraktionen und die Nutzung von Korruption und Geldwäsche als strategische Instrumente.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Die wichtigsten Begriffe sind Organisierte Kriminalität, Illegale Unternehmung, Transaktionskosten, Korruption, Geldwäsche und Risikominimierung.
Warum wird die OK in der Arbeit als "Unternehmen" betrachtet?
Die Arbeit folgt dem Ansatz von Dwight C. Smith, der illegale Organisationen aufgrund ihrer rationalen Gewinnmaximierung, ihrer Markt- und Nachfrageorientierung sowie der Ähnlichkeit ökonomischer Prinzipien in legalen und illegalen Märkten als unternehmerisch agierende Einheiten definiert.
Welche Rolle spielen Korruption und Gewalt nach der Analyse des Autors?
Beide werden als geschäftspolitische Mittel zur Risikominimierung und zur Sicherung von Marktvorteilen identifiziert. Die Arbeit verdeutlicht jedoch auch, dass ihr Einsatz aufgrund der damit verbundenen Aufmerksamkeit der Strafverfolgung und der hohen Koordinationskosten ökonomisch nicht unbegrenzt effizient ist.
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- Thomas Geyer (Author), 2005, Organisierte Kriminalität. Eine ökonomische Analyse, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/65151