Die italienische Kunst in La Chartreuse de Parme von Stendhal


Hausarbeit, 2003

17 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Stendhal und die italienische Kunst

3. Die italienische Kunst in der Chartreuse de Parme
3.1 Correggio, Leonardo und Reni – Drei große Renaissancemaler
3.2 Die zeitgenössische italienische Kunst
3.3 Die Bedeutung der Kunst für die Romanfiguren

4. Resümee

Literaturverzeichnis

1. Einführung

Die Chartreuse de Parme gilt in der Literatur häufig als der Italienroman schlechthin. Sie wird als Höhepunkt von Stendhals Auseinandersetzung mit Italien, die in Form persönlichen Erlebnisses und Wunschdenkens beziehungsweise einer Idealisierung Italiens als das Land seiner Träume stattfindet, betrachtet. Insgesamt lebt er sechzehn Jahre in Italien, unternimmt zahlreiche Reisen und fühlt sich selbst als Italiener. Stendhal bringt, wie so häufig, seine eigenen Erfahrungen und Empfindungen als Soldat in Italien, mit italienischen Frauen, beim Genuss italienischer Literatur, Musik und nicht zuletzt der Bildenden Kunst in die fiktive Romanhandlung der Chartreuse ein. Aus dem großen und komplexen Thema Stendhal und Italien, dessen Betrachtung für ein tiefgründigeres Verständnis seiner Werke unerlässlich ist, soll hier im Besonderen die italienische Kunst und dabei in erster Linie die Malerei behandelt werden.

Die Zielstellung besteht darin, die Bedeutung der italienischen Kunst zu analysieren, indem deutlich gemacht werden soll an welchen Stellen, in welcher Form und mit welcher Funktion diese in der Chartreuse zu Tage tritt.

Dabei scheint es sinnvoll zunächst die Beziehung Stendhals zur italienischen Kunst, dass heißt ihre Bedeutung für ihn als Schriftsteller und Kunstliebhaber, zu untersuchen und darauffolgend die Chartreuse de Parme näher zu betrachten. Im Roman finden sich hauptsächlich zwei Epochen italienischer Kunst wieder: zum Einen die italienische Renaissance mit ihren großen Malern Tizian, Leonardo da Vinci, Michelangelo und dem Lieblingsmaler Stendhals Correggio, der auch in der Chartreuse eine herausragende Stellung genießt. Zum anderen spielen die zeitgenössischen Künstler Italiens, dass heißt die Generation des ausgehenden 18. und der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, eine Rolle. Dieser Tatsache wird durch eine entsprechende Gliederung Rechnung getragen.

Abschließend soll, im Überblick, die Funktion der Kunst für die Romanfiguren selbst etwas näher beleuchtet werden.

2. Stendhal und die italienische Kunst

Stendhals erste Reise nach Italien, die er, siebzehnjährig der Armee Napoleons folgend, erlebt, ist für ihn ein Schlüsselereignis, das sein weiteres Leben entscheidend prägen wird. Bei diesem ersten Aufenthalt in Mailand entdeckt er zunächst die Musik Cimarosas, die ihn tief beeindruckt.[1] Erst elf Jahre später, im August 1811, findet Stendhal die Gelegenheit wieder nach Italien zu reisen, diesmal als „Tourist“ und mit dem Ziel ein Reisetagebuch zu schreiben. Vorbereitend liest er Tagebücher und Charakterstudien über Italien und das italienische Volk, von denen er besonders die „Lettres d´Italie“ von Charles de Brosses schätzt. In Mailand beginnend, führt ihn seine Reise über Bologna und Florenz nach Rom und schließlich nach Neapel. Stendhal ist fasziniert von verschiedensten Kunstwerken[2], deren Betrachtung ihn emotional zutiefst berührt. So ist er außer sich vor Glück, als er in Santa Croce in Florenz Bronzinos „Christus in der Vorhölle“(1552) sowie die Gräber von Michelangelo, Machiavelli und Galilei erblickt.[3] In Rome, Naples et Florence (1817) schreibt er dazu später: „Mon émotion est si profonde qu´elle va presque jusqu´à la piété.“[4] Gleichzeitig erkennt er aber auch seine eigene Unwissenheit, aufgrund derer ihm ein wirkliches Kunstverständnis zunächst verborgen bleibt. Stendhal beginnt daraufhin mit der Lektüre kunsthistorischer Literatur, darunter Luigi Lanzis „Storia pittorica dell´ Italia“(1792), die ihn zu einer eigenen Geschichte der italienischen Malerei anregt. Diese erscheint dann auch 1817 unter dem Titel Histoire de la peinture en Italie. Allerdings ist sie zu einem großen Teil ein Plagiat von Lanzis Werk und daher vom kunsthistorischen Standpunkt aus betrachtet wenig originell.[5] Heinrich Wölfflin schreibt in seinem Vorwort zur deutschen Erstausgabe der Histoire de la peinture en Italie: „Es ist fast mehr das Tagebuch eines Kunstliebhabers als ein Geschichtswerk.“[6] Und tatsächlich geht es Stendhal immer um die subjektive Empfindung, um seine ganz persönliche Meinung und seinen Geschmack. Dies alles spiegelt sich in Stendhals Werken wieder, so auch in der Chartreuse, wie wir später sehen werden. Er suchte in der Kunst die starke Persönlichkeit und die große Empfindung, beides findet er bei den großen italienischen Renaissancemalern Raffael, Tizian, Michelangelo, Leonardo da Vinci und seinem Lieblingsmaler Correggio: „Pour Stendhal, le Corrège n´a pas été un peintre, mais la peinture même.“[7]

Stendhal sieht den Grund für die Größe der italienischen Renaissancemalerei einerseits im Zustand der Unterdrückung, in dem sich Italien in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts unter Philipp II., König von Spanien, befand. Zeiten der Unfreiheit seien für die Entwicklung von Kunst besonders förderlich, da sie dann die einzige Möglichkeit ist, sich gegen diese aufzulehnen.[8] Andererseits betont er immer wieder den besonderen italienischen Charakter, der sich vor allem durch Leidenschaft auszeichnet: „Alors on vit des passions, et non pas l´habitude de la galanterie. Voilà la grande différence entre l´Italie et la France, voilà pourquoi l´Italie a vu naitre les Raphael, les Giorgione, les Titien, les Corrège, tandis que la France produisait tous ces braves capitaines du seizième siècle, si inconnus aujourd´hui.“[9]

Die Figuren der großen Renaissancemaler verkörpern für Stendhal den vollkommensten Ausdruck des beau idéal moderne. Er unterscheidet in seiner Histoire de la peinture en Italie das beau idéal moderne und das beau idéal antique, wobei sich letzteres vor allem durch das Fehlen von Leidenschaft, welche der Schönheit schade, vom ersteren abgrenze.[10] Das moderne Ideal, welches von Land zu Land unterschiedlich ist und sich im Laufe der Zeit verändert, vereint Charakterzüge, wie „ein lebhafter Geist, [...] große Lustigkeit“[11] mit Äußerlichkeiten wie „glänzende Blicke, [...] schlanker Wuchs“[12]. In den Romanen Stendhals tauchen die Renaissancemaler immer anlässlich der positiven Protagonisten auf, die durch den Vergleich mit den Figuren der Maler das beau idéal moderne verkörpern sollen. So ist beispielweise Julien Sorel in Le Rouge et le Noir „une espèce de prophète de Michel-Ange“[13], während Fabrice eine „physionomie à la Corrège“[14] zugesprochen wird.

Wir sehen also, obwohl wir hier nicht auf jedes seiner Werke, in denen die italienische Kunst zur Sprache kommt eingehen können, dass Stendhal, als er 1838 mit der Chartreuse beginnt, ein umfassendes Wissen über die italienische Kunst in Vergangenheit und Gegenwart besitzt. Er hat einen eigenen Zugang zur Kunst gefunden, seinen persönlichen Kunstgeschmack gefestigt und auch persönliche Kontakte zu zeitgenössischen Künstlern wie dem Bildhauer Antonio Canova, der uns in der Chartreuse wieder begegnen wird. Dieses Wissen setzt er auch bei seinem Leser voraus, wenn dieser am Ende zu den Happy Few, denen ein umfassendes Verständnis zuteil geworden ist, gehören will. In welcher Form die italienische Kunst nun konkret in der Chartreuse auftritt und welche Funktion sie übernimmt, wird Gegenstand des folgenden Kapitels sein.

[...]


[1] Nerlich (1993), S.26f.

[2] Wenn im Folgenden von italienischer Kunst die Rede ist, soll dieser Begriff die Malerei, die Skulptur und die Architektur umfassen.

[3] ebd., S. 49f.

[4] nach Simon (0000), S.9

[5] Nerlich (1993), S.50

[6] Wölfflin, in: Stendhal: Geschichte der Malerei in Italien (1924), S.5

[7] Berthier (1977), S.131

[8] Lotter (2000), S.5ff.

[9] Stendhal: Chroniques italiennes (1964), S.25

[10] Stendhal: Histoire de la Peinture en Italie (1817), S.189

[11] ebd., S.247

[12] ebd.,S.247

[13] nach Warning (1994), S.165

[14] La Chartreuse de Parme (2000), S.136

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Die italienische Kunst in La Chartreuse de Parme von Stendhal
Hochschule
Universität Leipzig
Note
2,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
17
Katalognummer
V65229
ISBN (eBook)
9783638578486
Dateigröße
548 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kunst, Chartreuse, Parme, Stendhal
Arbeit zitieren
Berit Reimann (Autor), 2003, Die italienische Kunst in La Chartreuse de Parme von Stendhal , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/65229

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