Die Chartreuse de Parme gilt in der Literatur häufig als der Italienroman schlechthin. Sie wird als Höhepunkt von Stendhals Auseinandersetzung mit Italien, die in Form persönlichen Erlebnisses und Wunschdenkens beziehungsweise einer Idealisierung Italiens als das Land seiner Träume stattfindet, betrachtet. Insgesamt lebt er sechzehn Jahre in Italien, unternimmt zahlreiche Reisen und fühlt sich selbst als Italiener. Stendhal bringt, wie so häufig, seine eigenen Erfahrungen und Empfindungen als Soldat in Italien, mit italienischen Frauen, beim Genuss italienischer Literatur, Musik und nicht zuletzt der Bildenden Kunst in die fiktive Romanhandlung der Chartreuse ein. Aus dem großen und komplexen Thema Stendhal und Italien, dessen Betrachtung für ein tiefgründigeres Verständnis seiner Werke unerlässlich ist, soll hier im Besonderen die italienische Kunst und dabei in erster Linie die Malerei behandelt werden. Die Zielstellung besteht darin, die Bedeutung der italienischen Kunst zu analysieren, indem deutlich gemacht werden soll an welchen Stellen, in welcher Form und mit welcher Funktion diese in der Chartreuse zu Tage tritt. Dabei scheint es sinnvoll zunächst die Beziehung Stendhals zur italienischen Kunst, dass heißt ihre Bedeutung für ihn als Schriftsteller und Kunstliebhaber, zu untersuchen und darauffolgend die Chartreuse de Parme näher zu betrachten. Im Roman finden sich hauptsächlich zwei Epochen italienischer Kunst wieder: zum Einen die italienische Renaissance mit ihren großen Malern Tizian, Leonardo da Vinci, Michelangelo und dem Lieblingsmaler Stendhals Correggio, der auch in der Chartreuse eine herausragende Stellung genießt. Zum anderen spielen die zeitgenössischen Künstler Italiens, dass heißt die Generation des ausgehenden 18. und der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, eine Rolle. Dieser Tatsache wird durch eine entsprechende Gliederung Rechnung getragen.
Abschließend soll, im Überblick, die Funktion der Kunst für die Romanfiguren selbst etwas näher beleuchtet werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung
2. Stendhal und die italienische Kunst
3. Die italienische Kunst in der Chartreuse de Parme
3.1 Correggio, Leonardo und Reni – Drei große Renaissancemaler
3.2 Die zeitgenössische italienische Kunst
3.3 Die Bedeutung der Kunst für die Romanfiguren
4. Resümee
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die zentrale Bedeutung und Funktion der italienischen Kunst – insbesondere der Malerei – im Roman "La Chartreuse de Parme" von Stendhal. Ziel ist es zu analysieren, wie Stendhal durch die gezielte Einbindung von Kunstwerken und Künstlerreferenzen Charakterisierungen vornimmt, soziale Hierarchien markiert und den ästhetischen Rahmen seiner Erzählung konstruiert.
- Die Beziehung Stendhals zur italienischen Renaissance
- Die Funktion von Kunstvergleichen bei der Figurenbeschreibung
- Präsenz und Bedeutung zeitgenössischer italienischer Künstler im Roman
- Kunst als Ersatzhandlung und Mittel zur Identitätsstiftung für die Romanfiguren
- Transpositions picturales als narratives Gestaltungsmittel
Auszug aus dem Buch
Die Bedeutung der Kunst für die Romanfiguren
In den vorangegangenen Abschnitten ist deutlich geworden, dass und wie sich die große Bedeutung italienischer Kunst für Stendhal in der Chartreuse wiederfindet. Nachdem wir gesehen haben, welche Künstler die Präsenz der Kunst manifestieren, wollen wir uns nun ihrer Rolle für die Romanfiguren zuwenden. Zunächst erfahren wir im Verlauf der Handlung, dass Fabrice selbst Kunstliebhaber ist. In Neapel entdeckt er seine Leidenschaft für das Studium der Antike, durch die Teilnahme an verschiedenen Ausgrabungen. In Misena findet Fabrice bei Ausgrabungen eine Büste des Tiberius. Natürlich handelt es sich hier nicht um einen zufälligen, bedeutungslosen Fund, denn Stendhal selbst besitzt eine Büste von Tiberius, die in der Nähe von Misena gefunden wurde, wo er sich ebenfalls an Ausgrabungen beteiligt hatte. Die Parallele zwischen Stendhals eigenem Leben und dem seines Romanhelden Fabrice ist offensichtlich. Die Namen zweier realer Künstler, wir sind bereits darauf eingegangen, dienen Fabrice zudem als Pseudonyme und als Schutz. Neben der Bedeutung der Kunst für Fabrice, übernimmt diese in der Chartreuse im Wesentlichen drei Funktionen:
Zum Einen nehmen Bildnisse für verschiedene Romanfiguren eine Ersatzfunktion für die abwesende geliebte Person wahr. Anetta Marini beispielsweise, die sich in Fabrice verliebt hat, aber dem Sohn Rassis versprochen ist, gibt ein Porträt von Fabrice bei Francesco Hayez in Auftrag, welches sie mit einem großartigen Diamantenring bezahlt. Von diesem Porträt „que l´on disait excellent“ wird im Roman noch mehrmals lobend gesprochen, wobei auch der Künstler Hayez in diesem Zusammenhang bewundert wird: „[...] il [Gonzo] parla de Hayez, avec l´accent plein de lenteur de l´admiration la plus profonde.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung: Das Kapitel verortet "La Chartreuse de Parme" als zentralen Italienroman Stendhals und definiert das Ziel, die Funktion und Form der italienischen Malerei innerhalb des Romans zu untersuchen.
2. Stendhal und die italienische Kunst: Es wird die biografische Prägung des Autors durch Italien sowie seine kunsthistorische Entwicklung und Vorliebe für bestimmte Epochen und Künstler (insb. Correggio) dargestellt.
3. Die italienische Kunst in der Chartreuse de Parme: Dieses Kapitel analysiert die verschiedenen Ebenen der Kunstpräsenz, von der Renaissance bis zu zeitgenössischen Künstlern, und deren Einfluss auf die Narration.
3.1 Correggio, Leonardo und Reni – Drei große Renaissancemaler: Fokus auf die ästhetischen Vorbilder, die Stendhal zur Charakterisierung seiner positiven Romanfiguren nutzt.
3.2 Die zeitgenössische italienische Kunst: Untersuchung der Einbindung zeitgenössischer Architekten und Bildhauer als Ausdruck von Stendhals Wertschätzung und zur pseudonymen Identitätsbildung.
3.3 Die Bedeutung der Kunst für die Romanfiguren: Darstellung der psychologischen Funktion von Kunstwerken für die Figuren, etwa als Ersatz für geliebte Personen oder als Gegenstand der Verehrung.
4. Resümee: Zusammenfassende Bewertung der Untersuchungsergebnisse und Ausblick auf weitere notwendige Analysen, etwa zu Musik und Literatur.
Schlüsselwörter
Stendhal, La Chartreuse de Parme, italienische Malerei, Renaissance, Correggio, zeitgenössische Kunst, Transpositions picturales, Literatur und Kunst, Kunstgeschichte, Figurenbeschreibung, Ästhetik, Romananalyse, Identitätsstiftung, Italienbild, Bildende Kunst.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der Rolle und Funktion der italienischen Kunst, insbesondere der Malerei, im Roman "La Chartreuse de Parme" von Stendhal.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Themen umfassen Stendhals persönliche Beziehung zur Kunst, die Nutzung von Renaissancemalen als Schönheitsideale für Romanfiguren sowie die Einbindung zeitgenössischer Künstler.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Das Ziel ist die Analyse der Bedeutung der italienischen Kunst, wobei insbesondere geklärt werden soll, an welchen Stellen, in welcher Form und mit welcher Funktion diese im Roman auftritt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit folgt einer literaturwissenschaftlichen Analyse, die den Roman in Bezug zur kunsthistorischen Literatur Stendhals setzt und Vergleiche zwischen realen Künstlern und der fiktiven Romanhandlung zieht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der Renaissance-Referenzen (Correggio, Leonardo, Reni), die Bedeutung zeitgenössischer Künstler und die spezifische psychologische Rolle der Kunst für die Romanfiguren.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den zentralen Begriffen gehören Stendhal, La Chartreuse de Parme, Italienische Malerei, Ästhetik, Transpositions picturales und Romanfiguren.
Warum spielt der Maler Correggio eine so herausragende Rolle im Roman?
Correggio gilt als Stendhals Lieblingsmaler. Seine Einbindung dient nicht nur der ästhetischen Aufwertung des Romans, sondern spiegelt Stendhals Vorliebe für die italienische Lebensart und Leidenschaft wider.
Inwiefern dienen Künstlernamen als Identitätsmerkmal für Fabrice del Dongo?
Fabrice nutzt Namen realer Künstler wie Vasi oder Bossi als Pseudonyme auf seinen Reisen, was einerseits ein Schutzmittel ist und andererseits Stendhals künstlerisches Prinzip der Namenszitate verdeutlicht.
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- Berit Reimann (Author), 2003, Die italienische Kunst in La Chartreuse de Parme von Stendhal , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/65229