Hans Magnus Enzensbergers Begriff der 'Bewusstseins-Industrie' anhand seiner medienkritischen Essays von 1962 und 1970


Seminararbeit, 2006
14 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Bewusstsein und Wissensvermittlungshierarchie

2. Bewusstseinsindustrie: Das Undefinierbare des Allgemeinen

3. Immaterialität als emanzipatorischer Wertmaßstab

4. Die Rolle des Produzenten

5. Falsche Bedürfnisse?

Fazit

Bibliographie

Einleitung

Als in der Zeitschrift ‚Akzente’ 1956 der erste umfangreichere medienkritische Essay von Hans Magnus Enzensberger gedruckt erscheint[1], liegen die Anfänge seiner medientheoretischen Essayistik bereits über ein Jahr zurück: seit 1955 ist Enzensberger auf die Vermittlung von Alfred Andersch hin als Redaktionsassistent beim Süddeutschen Rundfunk tätig[2] und verfasst in dieser Zeit für die Sendereihe „Radio-Essay“ Beiträge, die in den Folgejahren in Zeitschriften nachgedruckt werden und schließlich 1962 als Auswahl im Essay-Band „Einzelheiten I. Bewusstseinsindustrie“ erscheinen.

Der titelgebende Beitrag „Bewusstseins-Industrie“, für die Zusammenstellung eigens verfasst, bildet dabei einen theoretischen Rahmen um die Konstellation gesellschaftskritischer Schwerpunkte, die zwischen Medien-, Sprach- und Konsumkritik ein weit gefächertes Spektrum zeigen: die Ausweitung einer sich bisher als Kulturkritik verstehenden kritischen Gesellschaftsdiagnostik auf Bereiche der Bildung, des Konsums und Religion bildet denn auch eines der tragenden Themen dieses Essays, der als Auseinandersetzung mit seinem „Mentor“[3] und ‚Lehrer’[4] Theodor W. Adorno verstanden wird - zumal er sich nicht nur in den vorangegangenen Jahren in seiner Lyrik, sondern auch in „Die Sprache des Spiegel“, einem der in den „Einzelheiten“ versammelten Essays, explizit auf Adornos „Arbeiten über die Kulturtheorie“[5] bezieht.

Dabei wird Enzensbergers Positionierung gegenüber dem für eine Gegenüberstellung einzig in Betracht kommenden ‚Kulturindustrie’-Abschnitt[6] von Adorno und Horkheimer verschiedentlich aufgefasst: während ein Teil der Forschung Enzensbergers Positionierungen in einer deutlichen „Anlehnung“[7] an die Frankfurter Schule erkennen, erblicken andere Unterschiede „in wesentlichen Punkten“[8], erkennen eine „Analogie und kritische Auseinandersetzung“[9] gleichzeitig oder schätzen sie als „im Schatten der Adornoschen Kulturindustriethese verbleiben[d]“[10] ein.

Ziel dieser Arbeit ist es, die wesentlichsten Standpunkte, die Enzensberger in den Essays „Bewußtseins-Industrie“ und „Baukasten zu einer Theorie der Medien“ einnimmt, zu beleuchten, ihre Argumentation in groben Zügen nachzuzeichnen sowie zu versuchen, ihre Positionierungen vom heutigen Blickwinkel aus auf ihre Aussagekraft in der gegenwärtigen veränderten medialen Realität zu prüfen.

1. Bewusstsein und Wissensvermittlungshierarchie.

Bereits in den ersten Abschnitten seines Essays spricht Enzensberger ein Plädoyer gegen ästhetisch-eskapistische Tendenzen und Autonomieansprüche des menschlichen Bewusstseins aus: mit einem Rückgriff auf Marx, der Bewusstsein als ein soziales Produkt verstanden hat, nimmt er eine Position ein, die von vornherein jeder in Genie-Traditionen verwurzelten Singularitätsästhetik gegenübersteht: des Menschen Geist ist Ergebnis seiner sozialen bewusstseinsstiftenden Umwelt; deren Entwicklung zu einer regelrechten Industrie dagegen begreift er als ein relativ junges Phänomen, ein „Kind der letzten hundert Jahre“[11].

Dabei enthält der Begriff Bewusstsein für Enzensberger Bedeutungsmerkmale von Wissens- und Urteilskraftvermittung auf der Basis eines von oben nach unten gerichteten Sendeverhältnisses im Sinne der tradierten Position eines „Lehrers“ gegenüber seinem „Schüler“ oder eines „Meisters“ gegenüber seinem „Jünger“[12], den Enzensberger als solchen für unproblematisch hält und der für ihn erst ab dem Zeitpunkt als schwierig erscheint, in dem das hierarchische Gefälle „industrielle Maße annimmt“[13].

Das hierarchische Vermittlungsgefälle wird von Enzensberger 1970 dagegen weitaus optimistischer als ein veränderbares aufgefasst: die Neuen Medien, auf die sich sein Kursbuch-Essay „Baukasten zu einer Theorie der Medien“ konzentriert, werden von ihm als „ihrer Struktur nach egalitär“ eingeschätzt, mithin definitiv der „bürgerlichen Kultur“ wie dem konservativen Gestus zwangsläufig zuwiderlaufend[14].

2. Bewusstseinsindustrie: Das Undefinierbare des Allgemeinen.

Enzensberger zeichnet in der „Bewusstseins-Industrie“ das Konstrukt eines theoretischen Zusammenhangs zwischen den einzelnen Sparten der wissens-, werte- und urteilsvermittelnden Industrie. Er kritisiert die Debatten über Sondererscheinungen der einzelnen Medien und vermisst in der Diskussion die Erfassung des verbindenden Überbaus des Gegenstands: „Jede seiner Branchen fördert neue Erörterungen [...] heraus, [...] als wäre mit dem Tonfilm oder dem Fernsehen etwas schlechthin Neues auf den Plan getreten“[15]. Dabei übersieht die Debatte in seinen Augen über der Faszination für „technologische [...] Voraussetzungen und Bedingungen“ die organische Struktur des medialen Industriekomplexes, der er als „Natur der Massenmedien“[16] bezeichnet. Er sieht diese Natur mit den Mitteln einer auf branchenspezifische Technologien fixierten Methode nur unzureichend erkannt.

Der von der Frankfurter Schule geprägte Begriff der „Kulturindustrie“[17] wird von Enzensberger als Alternative abgelehnt: ein für die rezipierende Gesellschaft typischer Hang, Inhaltslieferanten in die Lager politisch aktiver und gesellschafsverändernder Kräfte einerseits und „harmlos[er]“[18] Kulturbildner andererseits einzuteilen, bildet für Enzensberger hierfür die argumentative Grundlage. Das in der Folge „ohnmächtig“ gewordene „Wort Kultur“ erinnere zwar an jenen „außerhalb aller Industrie“[19] liegenden Ursprung des Bewusstseins als gesellschaftliches Produkt, ist aber als nicht mehr verwendungsfähig anzusehen, da es „die gesellschaftlichen und politischen Konsequenzen“[20] der Bewusstseins-Industrie verdunkelt und dadurch jener gesellschaftlichen Vorliebe zur Segregation in ungefährliche, den status-quo herrschender Verhältnisse nicht antastende Kulturträger und politisch Aktive Vorschub leisten.

Die „Reservate“, in die die Bewusstseins-Industrie die Bereiche Kunst und Geisteswissenschaft wegdrängt, werden für Enzensberger auf diese Art zu abgegrenzten Arealen verwandelt, deren Abgeschiedenheit in ihrer soziopolitischen Wirkungslosigkeit und im Verlust gesellschaftlicher Relevanz die Schattierung einer „Schutzhaft“ annimmt[21]. Die Zerstörung des Zusammenhangs zwischen dem „öffentlichen [und] private[n] Bewusstsein“[22], das in sich zu Urteilsfähigkeit zu gelangen trachtet, wird für Enzensberger auch durch die Ideologiekritik vorangetrieben, die in ihrer Unterschätzung der Reichweite der Bewusstseins-Industrie verkennt, dass ihre Wirkungen vielschichtiger sind und weiter reichen als die der vermittelten politischen Losungen und Propaganda alleine.

Zu den Sparten und Branchen der Bewusstseins-Industrie zählt Enzensberger außer dem Journalismus die Bereiche Mode, Gestaltung, Tourismus und Religion – wodurch der kreierte Begriff in die Nähe des heute gebräuchlicheren „Zeitgeists“ gerät mit den dazugehörigen moderneren Bezeichnungen Design und Life-Style. Doch Enzensberger weitet den Rahmen seiner Begriffssetzung noch weiter aus: Sparten der Naturwissenschaften wie die „neuere[...] Physik“[23] zählt er ebenso zu ihren Bestandteilen wie die Psychoanalyse, Soziologie und Demoskopie, was den Nachvollzug des theoretischen Gesamtkonstruktes schon aufgrund der aufgegriffenen, beispielhaft angeführten Einzeldisziplinen erschwert. Verständlicher wirkt demgegenüber seine Postulierung der Technisierung von Wissensvermittlung und Lehre als Kernstück der Bewusstseins-Industrie: als hellsichtige Vorausschau auf tagesaktuelle Diskussionen zu universitären Bachelor-Umstellungsproblemen, auf Debatten zu Nutzen und Nachteilen des Campus-Management-Systems und des e-learnings mit vorauszusehenden Folgen einer weiter um sich greifenden Verselbständigung elektronischer Systeme, welche die Entlassung von Fachlehrpersonal in umfassenderem Maße zukünftig erleichtern könnte erscheinen Erkenntnisse wie die folgende:

[...]


[1] Der Beitrag „Literatur und Linse und Beweis dessen, dass ihre glückhafte Kopulation derzeit unmöglich ist“ erschien 1956 in der Zeitschrift „Akzente“. Jörg Lau sieht in diesem Aufsatz den Beginn der medienkritischen Arbeit Enzensbergers überhaupt (vgl. Lau 1999, S. 71), übergeht mit seiner Formulierung allerdings selbst die vorangegangenen medientheoretischen Hörfunk-Essays, auf die er ab S. 80 hinweist.

[2] vgl. Lau 1999, S. 40-43. Allgemeine biographische Angaben stützen sich auf: Bartmann 2003, S. 307-309 sowie Dierschreit 2004, S. 158-160.

[3] Grimm 1984 (b), S. 141.

[4] Karla Lydia Schultz nennt Hans Magnus Enzensberger einen „eigenwilligen ‚Schüler’“ Adornos, sich auf die Eigenaussage Enzensbergers berufend, dass Adorno keinen „Erfassungsgegenstand“ für ihn darstelle, „sondern jemand [sei], von dem man lernen könne“ (Schultz 1984, S. 237. Ähnlich Grimm 1984, S. 140). Schultz zählt die Anklänge an Adorno in Enzensbergers Lyrik (ab 1959) und direkte Erwähnungen in Essays und weiteren Gedichten auf, wobei zwar Enzensbergers Kursbuch-Beiträge von 1967 und 1968 genannt werden, die „Sprache des Spiegel“ aber übersehen wird. Letzterer würde in der Evidenz seines Bezugs auf die Kritische Theorie und aufgrund seiner Datierung (1957, Vorarbeiten für den Essay wurden als Radiobeitrag 1956 gesendet, vgl. hierzu Lau 1999, S. 80) Enzensbergers frühe Adorno-Rezeption nachweisen, die für die spätere Zeit auch durch Enzensbergers Zusammenarbeit mit dem Adorno-Herausgeber Tiedemann verstärkt worden sein dürfte, wäre nicht bereits für Ende Oktober durch Enzensbergers Versuche, als Redaktionsassistent Adorno zu einem Interview mit Goffried Benn zu bewegen (vgl. Lau 1999, S. 41), ein weiterer Hinweis für das frühe Interesse gegeben, der von einer gründlichen und genauen Rezeption der in Betracht kommenden Schriften Adornos ausgehen lässt.

[5] Enzensberger 1964, S. 82.

[6] Da eine Systhematisierung der kulturkritischen und ästhetischen Aspekte Adornos erst zu Beginn der 70er Jahre erfolgte (vgl. Hauptmann 1997, S. 10), kommt für Enzensbergers Adorno-Rezeption v.a. der Abschnitt zur Kulturindustrie in Adorno/Horkheimers „Dialektik der Aufklärung“ in Frage, die bereits seit 1947 - im Amsterdamer Querido-Verlag erschienen - in deutscher Sprache vorlag (vgl. hierzu Carlo Pettazzis Bibliographie zu Th. W. Adorno, in: Arnold 1983, S. 176).

[7] Dierschreit 2004, S. 159,

[8] Hauptmann 1997, S. 25.

[9] Dierschreit 1986, S. 49.

[10] Lau 1999, S. 74.

[11] Enzensberger 1969, S. 8.

[12] Enzensberger 1969, S. 7.

[13] Enzensberger 1969, S. 8..

[14] Enzensberger 1970, S. 167.

[15] Enzensberger 1969, S. 8.

[16] Enzensberger 1969, A.a.o.

[17] Auf Enzensbergers Adornorezeption geht u.a. Christoph Hauptmann genauer ein, der zunächst den Einfluß Adornos auf Enzensbergers Lyrik seit Beginn der 60er Jahre nachzeichnet und daraufhin Adornos Abschnitt zur Kulturindustrie in der „Dialektik der Aufklärung“ als Ausgangsposition der Enzensbergerschen Begriffserweiterung zur „Bewusstseins-Industrie“ darstellt (vgl. Hauptmann 1997, S. 9-10 und S. 19-24). Den Zusammenhang skizziert auch Kyung-Nan Kim auf den Seiten 41-42 (Kim 2002).

[18] Enzensberger 1969, S. 8.

[19] Enzensberger 1969, S. 8.

[20] Enzensberger 1969, S. 9.

[21] Enzensberger 1969, A.a.o.

[22] Enzensberger 1969, A.a.o.

[23] Enzensberger 1969, S. 10

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Hans Magnus Enzensbergers Begriff der 'Bewusstseins-Industrie' anhand seiner medienkritischen Essays von 1962 und 1970
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Institut für Publizistik und Kommunikationswissenschaft)
Veranstaltung
PS 'Gesellschafts- und Medientheorien im Überblick'
Note
2,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
14
Katalognummer
V65612
ISBN (eBook)
9783638581349
ISBN (Buch)
9783638820202
Dateigröße
498 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hans, Magnus, Enzensbergers, Begriff, Bewusstseins-Industrie, Essays, Medientheorien
Arbeit zitieren
Anna Panek (Autor), 2006, Hans Magnus Enzensbergers Begriff der 'Bewusstseins-Industrie' anhand seiner medienkritischen Essays von 1962 und 1970, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/65612

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