Entwicklung und soziale Kontexte des englischen Oratoriums im 18. und 19. Jahrhundert


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

16 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Entwicklung und soziale Kontexte des englischen Oratoriums im 18. und 19. Jahrhundert.

Martin Förster*

Das Oratorium ist eine musikalische Gattung von relativ großer innerer Variabilität, die partiell durch den jeweiligen sozialen Kontext erklärt werden kann. Vorliegende Arbeit beschreibt die Entwicklung der Gattungsmerkmale des englischen Oratoriums im 18. und 19.Jhd. und setzt diese in Beziehung zu den entsprechenden gesellschaftlichen Bedingungen.

Das Oratorium ist – besonders in historischer Perspektive – eine flexible musikalische Gattung. Die Merkmale variieren spatial und temporal so stark, dass es nicht gelingt ‚Oratorium’ eindeutig zu definieren. Der Oratorienforscher Günther Massenkeil unternimmt den Versuch, die Gattungsmerkmale einzugrenzen: „Als Gattungsbegriff bezeichnet Oratorium allgemein die zu nichtszenischer Aufführung bestimmte Vertonung eines eigens dafür geschaffenen, meist umfangreichen geistlichen und in der Regel nichtliturgischen Textes, der auf mehrere Personen und Personengruppen verteilt ist“; im darauffolgenden Satz muss er aber diagnostizieren: „Im einzelnen gibt es jedoch einerseits Oratorien, die nicht alle diese Merkmale aufweisen (szenische Oratorien, weltliche Oratorien). Andererseits gehört auch die bis heute große Zahl solcher Werke zur Gattung, die nicht den Titel oder Untertitel Oratorium tragen“ (Massenkeil [MGG Oratorium ]:741). Was an Kriterien bleibt, lässt keine scharfe Abgrenzung der Gattung zu.

Die Variabilität des Oratoriums ist aber kein unergründliches Phänomen. Ein großer Teil der fraglichen Varianz spiegelt die jeweiligen sozialen Kontexte wieder. Die Unterschiede zwischen italienischem, deutschem und englischem Oratorium verweisen zu einem nicht unerheblichen Teil auf die unterschiedlichen gesellschaftlichen Bedingungen in diesen Ländern zu einer bestimmten Zeit; und über die Zeit betrachtet lässt sich am Oratorium die Veränderung der gesellschaftlichen Bedingungen innerhalb eines Landes ablesen.

Ziel dieser Arbeit ist es, die Entwicklung des englischen Oratoriums zu beschreiben und dabei die relevanten sozialen Kontexte zu skizzieren. Der betrachtete Zeitraum umfasst das 18. und 19.Jhd. – eine Ära gravierenden Wandels der englischen Gesellschaft und zugleich eine Periode, in welcher das Oratorium eine der populärsten Musikgattungen Englands war. An keinem anderen Ort und zu keiner anderen Zeit hatte das Oratorium einen so hohen Rang im Musikleben wie in England im 18. und 19.Jhd. Das erste Kapitel befasst sich mit dem 18.Jhd. In jenem Jahrhundert bedeutet die Entwicklung des Oratoriums dessen Entstehung und Etablierung durch die Werke von Georg Friedrich Händel. Er begründete konkurrenzlos das englische Oratorium: zwar gab es neben Händel auch andere Oratorienkomponisten; diese arbeiteten aber „unbewusst unter seiner Schirmherrschaft“ und waren „wie in der äußeren Form so auch in der Art der Tonsprache stark von ihm beeinflusst“ (Schering 1988:322). Erst am Anfang des 19.Jhds. beginnt sich die Gattung aufzufächern. Die Differenzierung des englischen Oratoriums in Typen ist Gegenstand des zweiten Kapitels[1].

1. 18.Jhd.: das Händel-Oratorium

In England beginnt die Oratoriengeschichte 1732 mit der Aufführung von ‚Esther’ von Georg Friedrich Händel. Mit diesem ersten englischen Oratorium[2] bestimmte Händel für fast ein Jahrhundert wesentlich den englischen Typus dieser Gattung. ‚Esther’ ist quasi der Archetyp des englischen Oratoriums im 18. Jahrhundert[3]: ein dramatisches Konzertoratorium in drei Teilen mit alttestamentlichem Sujet und herausragender Bedeutung des Chors (Smither 1977[II]:188,349-350; Mielke-Gerdes [MGG Oratorium ]:784). Der nachstehende Vergleich dieser Eigenschaften des englischen Oratoriums mit den Eigenschaften der kontinentalen Pendants zeigt Parallelen und Devianzen, welche als Manifestationen des sozialen Kontextes beschrieben werden können: die Parallelen verweisen auf ähnliche Kontexte, während die Devianzen den spezifischen sozialen Kontext des Oratoriums im England des 18.Jhds. konturieren.

dreiteiliges dramatisches Libretto

Den dramatischen Charakter hat das englische Oratorium mit dem italienischen und dem deutschen Oratorium des 18.Jhds. gemeinsam. Diese Gemeinsamkeit verdankt das Oratorium seiner historischen Verbindung mit der Oper. In England wie im kontinentalen Europa folgte die Entwicklung bzw. der Erfolg des Oratoriums auf den Spuren der wegbereitenden Oper. Wie diese diente es der Unterhaltung und hatte auf diesem Pfad Erfolg.

Bei genauer Betrachtung werden jedoch Unterschiede in dieser Verbindung sichtbar.

Das italienische Oratorium etablierte sich als Opernsurrogat in der Fastenzeit, in welcher Opern nicht aufgeführt wurden (Riepe [MGG Oratorium ]:751). Das Publikum der Oper hatte aber scheinbar auch in der Fastenzeit ein Bedürfnis nach Unterhaltung[4]. Weil das Oratorium auf einem biblischen Sujet basierte (s. Riepe [MGG Oratorium ]:750) und ohne schau-spielerische Darstellung aufgeführt wurde (s. Smither 1987[III]:4), genügte es den religiösen Anforderungen. Weil das Libretto aber zugleich dramatisch war (s. Smither 1987[III]:4), bediente es eben auch die Anforderung des Publikums nach Unterhaltung. Ein temporäres Verbot der Oper war also die für das italienische Oratorium spezifische Bedingung der Etablierung[5].

Anders in England. Zwar erfüllte das Oratorium auch dort eine Funktion als Opernsurrogat. Aber nicht temporär in der Fastenzeit[6], sondern inhaltlich. D.h. das Oratorium ersetzte die Oper nicht in der Fastenzeit, sondern es ersetzte generell einen bestimmten Typ von Oper: das biblische Drama. Dieses war durch das ‚Stage Licensing Act’ von 1737 für die öffentliche Bühne generell verboten (Conolly 1976; Mohn 2000:146-147). Die Ersatzfunktion war aber nicht so essentiell für die Etablierung des Oratoriums als dramatischer Gattung wie in Italien. In England war das Verbot des biblischen Dramas zwar eine begünstigende Randbedingung, aber keineswegs bestimmend für den dramatischen Charakter des Oratoriums[7]. Dieser kann eher auf die Person Händels zurückgeführt werden.

[...]


* E-mail Adresse: martin.foerster-pu@web.de

[1] Im zweiten Kapitel sind die Daten aller genannten Oratorien, mit Ausnahme der Werke von Georg Friedrich Händel und Felix Mendelssohn-Bartholdy, dem Katalog von Barbara Mohn (2000:411-500) entnommen.

[2] Eine erste Version von ‚Esther’ wurde bereits 1718 aufgeführt (Mainwaring 1987:255). Sie unterscheidet sich signifikant von der zweiten, 1732 aufgeführten Version (Dean 1959:207-209). Eine kontinuierliche Oratorientradition beginnt erst mit der zweiten ‚Esther’-Version: mit Ausnahme der Jahre 1735, 1737, 1738 und 1741 fanden jedes Jahr (bis 1752) Erstaufführungen von Händel-Oratorien statt (Mainwaring 1987:255). Auch hinsichtlich der Gattungsmerkmale war die zweite Version prägend für die nachfolgenden Oratorien.

[3] Ausnahmen sind: ‚Messiah’, ‚Israel in Egypt’, ‚Occasional Oratorio’, ‚Theodora’, ‚Acis and Galatea’ und ‚Alexander’s Feast’.

[4] Diese Annahme leite ich daraus ab, dass „the sponsors and audiences for oratorio were often the same as for opera” (Smither 1987[III]:5; vgl. Riepe [MGG Oratorium ]:751).

[5] Zusätzlich zum regulären Opernverbot während der Fastenzeit begünstigten unreguläre Verbotsperioden das Oratorium. So blieben z.B. von 1701 bis 1708 die Opernhäuser in Bologna geschlossen, „um in diesen Kriegszeiten [Spanischer Erbfolgekrieg] den Zorn Gottes nicht weiter zu reizen“ (Riepe 1998:118). In eben diesem Zeitraum nahm die Aufführung von Oratorien in Bologna stark zu (Riepe 1998:118).

[6] Zwar wurden Oratorien hauptsächlich in der Fastenzeit als ‚Lenten-Oratorios’ aufgeführt. Der Grund dafür ist aber eher das Sujet und nicht das Verbot des Theaters während der Fastenzeit: „the popular notion that oratorio was an entertainment devised specifically for Lent is a myth. [...] oratorios gravitated towards the Lenten season on account of their subject“ (Dean 1959:82). Oratorienaufführungen außerhalb der Fastenzeit untermauern diesen Befund.

[7] Die für das Oratorium charakteristische Kombination dramatisch-biblisch hatte sich ja schon vor 1737 mit den ersten Oratorien von Händel in England etabliert.

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Details

Titel
Entwicklung und soziale Kontexte des englischen Oratoriums im 18. und 19. Jahrhundert
Hochschule
Technische Universität Dresden
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
16
Katalognummer
V65713
ISBN (eBook)
9783638582193
ISBN (Buch)
9783638767798
Dateigröße
524 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Entwicklung, Kontexte, Oratoriums, Jahrhundert
Arbeit zitieren
Martin Förster (Autor), 2006, Entwicklung und soziale Kontexte des englischen Oratoriums im 18. und 19. Jahrhundert, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/65713

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