Die Ursachen und Voraussetzungen zum Entstehen der griechischen Biographie


Seminararbeit, 2006

19 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Versuch einer Definition

3 Entstehung der griechischen Biographie – ein gesellschaftliches Merkmal

4 Anfänge der griechischen Biographie
4.1 Biographien bei Herodot
4.1.1 Das Kyros-Portrait
4.1.2 Das Kambyses-Portrait
4.1.3 Portraits griechischer Feldherren und Politiker
4.2 Biographisches bei Thukydides
4.2.1 Kleine Portraits (Perikles, Kleon, Brasidas, Alkibiades)
4.2.2 Große Portraits (Pausanias, Thukydides)
4.3 Sokratische Schriften

5 Schlussbemerkungen

6 Literaturliste

1 Einleitung

Die vorliegende Arbeit behandelt die Ursprünge der griechischen Biographik. Die Probleme, die hierbei auftreten, sind grundlegend, da man über das literarische Genus der Biographie selbst streitet. Die antike Biographie ist nie durch eine feste Tradition geformt worden, ihre Anfänge lagen selbst in der Antike im Dunkeln. Man prägte den Begriff der „biographischen Tradition[1] “, der einen allzu engen Genusbegriff verhindern sollte. Nicht zu leugnen ist, dass es einige gesellschaftliche Indizien für die Entstehung der Biographie gibt, Entwicklungen, die den Focus von der Gesamtgesellschaft auf das Individuum, von den Leistungen der Gesamtheit auf die Art Einzelner, von den Taten auf den Charakter lenken. In der Forschung gibt es verschiedenste Ansatzpunkte für die Biographie, einige reichen ins fünfte Jahrhundert vor Christus zurück, andere setzen sie im vierten Jahrhundert an. Hier muss untersucht werden, ob die Menschen im 5. Jahrhundert überhaupt fähig waren einen individuellen Charakter zu erfassen.

2 Versuch einer Definition

Bevor man damit beginnt festzulegen, welcher Autor oder welche Werke in die Gattung Biographie einzuordnen sind, ist es nötig, eine Definition der Biographie zu geben. Die Biographie ist nicht „durch eine lange und vieldiskutierte Stiltradition diszipliniert worden“, sondern „hat in vielen ihrer Werke eine Art Mittelstellung zwischen Literatur und Wissenschaft eingenommen.“[2] Ein erschwerender Faktor zur Eingrenzung der griechischen Biographie liegt in der Tatsache, dass auch die Biographie das Schicksal vieler Werke des Hellenismus teilt: sie ist heute sehr schlecht erhalten.

Gerade diese schlechte Lage der Überlieferung und die fehlende Stiltradition bieten den Nährboden für viele verschiedene Definitionen.

So definiert Arnaldo Momigliano die antike Biographie als „an account of the life of a man from birth to death.“[3] Diese äußerst bescheidene Definition hat zur Konsequenz, dass die Darstellung eines Teils eines Lebens nicht zur Gattung der Biographie gehört, während einfachste und schlichteste Datensammlungen als Biographie verstanden werden können. Momigliano entgeht somit der Frage nach der literarischen Form der Biographie, die sich Friedrich Leo stellt.

Dieser nämlich versucht die Biographie nach ihrer Ausgestaltung zu ordnen und zu definieren: literarisch anspruchsvolle Lebensbeschreibungen sind bei Personen des Staatslebens zu finden, literarisch anspruchslose bei Personen des Geisteslebens. Die Entdeckung der Vita des Euripides, abgefasst von Satyros in Dialogform[4], macht diese Definition nach formalen Kriterien obsolet.

Dihle sieht die Biographie einer Person dort, wo „das Wesen dieser Persönlichkeit durch die als Einheit aufgefasste Gesamtheit ihrer Handlungen und Schicksale, kurz durch ihren Lebenslauf, erfasst und ausgedrückt wird.“[5] Er sieht drei Punkte als wichtige Voraussetzung zur Entstehung der antiken Biographie: die Bedeutung des ersten nach einer individuellen Sittlichkeit gestalteten Lebenslaufes, die Fähigkeit des 5. Jahrhunderts, Menschen aus einer Alltagssituation heraus zu charakterisieren und das „ethisch-psychologische Begriffsystem des Peripatos.“ Es verwundert daher nicht, dass Dihle aufgrund dieser Definition Platons Apologie zum Beginn der Biographie macht. Wenn man Dihle folgt, die Apologie des Sokrates als eine Biographie auffasst und dies dann mit Leos Ansätzen vergleicht, widerspricht dies der Definition Leos. Eine Biographie als Gerichtsrede ist auch ein künstlerisches Produkt, so schlicht die Apologie äußerlich gehalten sein und auch von einigen Konventionen abweichen mag.

Holger Sonnabend sammelt diese Ansätze und versucht so ein allgemeines Schema der Biographie der Griechen zu entwickeln: eine weitestgehend chronologische Lebensdarstellung von Geburt bis Tod, Gruppierung der Ereignisse um die Person, Erfassung des Lebens in Rubriken, Zielsetzung des Werks.[6]

Man sieht, dass die Schwierigkeiten bei der Definition der griechischen Biographie auch Schwierigkeiten bei der Findung des primus inventor machen.

3 Entstehung der griechischen Biographie – ein gesellschaftliches Merkmal

Die Frage ist nun, wann man die Biographie beginnen lässt. Es sind gesellschaftliche und kulturelle Umbrüche zu finden, an denen sich das Entstehen der Biographie und Autobiographie festsetzen lässt. Man findet die ersten Werke, die man heute unter der Überschrift Biographie zusammenfassen würde, in einer Zeit, in der der Umbruch von der Ära der Polis-Kultur zu den Monarchien des Hellenismus stattfindet. Die Polis Athen, die Polis schlechthin, setzt mehr auf die Gemeinschaft als auf das Individuum. Christian Meier misst dem „politischen Verband der Polis“ sogar einen familienartigen Charakter“[7] bei. Sehr klar ist dies im Epitaphios des Perikles im Geschichtswerk des Thukydides geschildert. Bedeutung habe derjenige, der sich für die Stadt engagiere.[8] Die Betonung der Gemeinschaft findet sich aber nicht nur beim Sonderfall Athen, dessen Verfassung bereits Thukydides als dhmokratÛa identifiziert. Wenn man die Geschichte dieser Staatsform beschreiben will, nutzt man die Historiographie. Beim Übergang zum Hellenismus ändert sich der Wert und der Einfluss der Gemeinschaft auf die geschichtliche Entwicklung, Geschichte wird nun durch Monarchen mit ihren Reichen gemacht. An dieser Stelle mag der Einwand angemessen erscheinen, dass Monarchen bzw. Tyrannen bereits in archaischer und klassischer Zeit vorhanden waren. Jedoch sind die Situationen andere: das spartanische Doppelkönigtum mit seiner Polis-Verfassung lässt sich nur schwerlich mit dem Königtum in Pella vergleichen. Hierfür wird die Biographie kennzeichnend als Methode der Geschichtsschreibung[9].

Albrecht Dihle hält für diesen Vorgang „die Gestalt des großen und begabten Einzelnen charakteristisch, der sich nach überragenden Leistungen für Staat und Gesellschaft den herkömmlichen Ordnungen nicht mehr fügen will und darum in Konflikt gerät mit seiner Umwelt, deren gesellschaftliches Gefüge noch so fest ist, dass sie von jedem bedingungslose Einordnung verlangen kann.[10] “ Diese Aussage Dihles ist bezeichnend für die vielen gebrochenen Karrieren attischer Feldherren und Politiker des fünften vorchristlichen Jahrhunderts. „Sie fragten nach dem Sinn des Selbstverständlichen, nach der Existenz und Berechtigung des Alltäglichen und des Tageslichtes; sie stellten alles in Frage, was galt und bestand, und suchten überall nach den Elementen einer neuen Anschauung von Welt und Leben. So wurde der Mensch zum Objekt der Forschung und alle Momente seines äußeren und inneren Lebens begannen der Beobachtung unterworfen zu werden[11] “, schreibt Friedrich Leo beinahe noch pointierter über den stattfindenden Paradigmenwechsel.

[...]


[1] KRISCHER, Tilman: Die Stellung der antiken Biographie in der griechischen Literatur, Hermes 110 (1982), S. 51

[2] DIHLE, Albrecht: Studien zur antiken Biographie, Göttingen, 1956, S. 7

[3] MOMIGLIANO, Arnaldo: The development of Greek biography, Cambridge, 1971, S. 11

[4] Papyrus, Ox. 1176

[5] DIHLE, 1956, S. 11

[6] SONNABEND, Holger: Geschichte der antiken Biographie. Von Isokrates bis zur Historia Augusta, Darmstadt, 2003, S. 18

[7] MEIER, Christian: Athen, Berlin, 1993, S. 128 ff.

[8] Thuc., 2,37,1

[9] Ein Indiz für dieses Prinzip lässt sich in umgekehrter Weise auch in der urchristlichen, neutestamentarischen Literatur erkennen, allerdings in umgekehrter Weise. Während das Leben Jesu Christi durch eine Biographie beschrieben wird, wechselt beispielsweise Lukas zur Beschreibung des frühen Christentums zur Historiographie (Apostelgeschichte), anstatt die Leben Petrus’ und Paulus’ zu beschreiben, womit man die hellenistische Tradition fortgesetzt hätte. Lukas verwendet in seiner Apostelgeschichte selbst den Begriff koinvnÛa (Apg. 2,42), als er das Entstehen der ersten Gemeinde beschreibt.

[10] DIHLE, 1956, S. 35

[11] LEO, Friedrich: Die griechisch-römische Biographie nach ihrer literarischen Form, Leipzig, 1901, S. 85

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Die Ursachen und Voraussetzungen zum Entstehen der griechischen Biographie
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Seminar für klassische Philologie)
Veranstaltung
Sueton, Nero
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
19
Katalognummer
V65777
ISBN (eBook)
9783638582674
ISBN (Buch)
9783638753678
Dateigröße
504 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit fußt im Proseminar "Sueton, Nero". In diesem Seminar wurden auch Fragen nach der Entstehung der Literaturgattung Biographie behandelt. Die vorgelegte Arbeit untersucht an Werken der klassischen Zeit Griechenlands die Entstehung der Biographie als Literaturgattung. Besonderes Augenmerk liegt dabei auf der Erkenntnis des biographischen Verständnisses, welches in der ausgehenden klassischen Zeit im Übergang zum Hellenismus aufkeimte.
Schlagworte
Ursachen, Voraussetzungen, Entstehen, Biographie, Sueton, Nero
Arbeit zitieren
B.A. Karsten Schulze (Autor), 2006, Die Ursachen und Voraussetzungen zum Entstehen der griechischen Biographie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/65777

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