Der arme Heinrich: Rhetorik und Theologie in der Argumentation der Meierstochter


Seminararbeit, 2006

16 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Die erste Rede an die Eltern: Verlust von Besitz und Ansehen (Verse 490-498)

2. Die zweite Rede an die Eltern: Der Entschluss zum Opfer (Verse 558-564)

3. Die Rede an den Vater: Das Wohl aller (Verse 593-628)

4. Die Rede an die Mutter: Die Überzeugung der Mutter (Verse 663-854)

5. Das Gespräch mit Heinrich: Der Wert seines Lebens (Verse 903-926)

6. Die Rede an den Arzt: Überzeugung des Arztes (Verse 1111-1170)

7. Die Rede an Heinrich: Wehklagen und Beschimpfung (Verse 1290-1304; 1310-1332d)

Bibliographie

Einleitung

„When the heroine of Der arme Heinrich opens her mouth to speak, she normally does so not simply to communicate information, but with the intention of persuading others to adopt her perspective on a situation or to comply with her wishes. In each case this centres around her desire to sacrifice herself for Heinrich.”[1]

Diese Aussage beschreibt wohl am besten aus welcher Perspektive die Meierstochter zu betrachten ist. In der bisherigen Forschung wurde sie eher in einer passiven Situation gesehen. Sie wurde nicht als eigene Handlungsträgering, „sondern einzig und allein als Schlüssel zur Heilung Heinrichs [gesehen]: sein Geschick steht zur Debatte, sie wird ausschließlich über ihren Stellenwert in der Entwicklung des Protagonisten definiert“.[2] Dass die Meierstochter jedoch eine wesentlich zentralere Rolle spielt, zeigt sich etwa schon durch ihren – in Relation zu den anderen Figuren – sehr großen Redeanteil. Auch werden ihre Aussagen im Gegensatz zu Heinrichs fast immer in der direkten Rede wiedergegeben.[3]

In den folgenden Ausführungen wird die Meierstochter auf der Grundlage des Zitates von Andrea Fiddy betrachtet, nämlich als aktiv handelnde Figur, der eine zentrale Rolle in der Handlung zukommt. Sie versucht sowohl ihre Eltern, den armen Heinrich als auch den Arzt in Salerno in mehreren Reden von ihrem Vorhaben, sich zu opfern, zu überzeugen. Dabei bedient sie sich bestimmter rhetorischer Strategien und theologischer Argumente, um die Zweifel der anderen Figuren aufzuheben, ihren Widerstand zu durchbrechen und somit schließlich ihren Willen durchzusetzen.

Im folgenden werden die sieben Reden des Mädchens analysiert (hier sei bewusst der Begriff „Rede“ verwendet, da die Figuren bis auf die Ausnahme des Gesprächs zwischen Heinrich und dem Mädchen nie in Dialogform miteinander sprechen, sondern mittels Reden und Gegenreden). Hierbei stehen die rhetorischen Mittel sowie die theologischen Argumente im Fokus, mit denen das Mädchen ihren Gesprächspartner versucht zu überzeugen. Diese Analyse wird sich im weitesten mit der Gestaltung der Reden beschäftigen, wobei vereinzelt auf die Motive der Meierstochter hingewiesen werden wird. Da dies jedoch nicht Hauptgegenstand dieser Arbeit ist, soll dies auch nur in einem sehr beschränkten Rahmen geschehen.

Bei den sieben Reden, die betrachtet werden sollen, handelt es sich um folgende Textstellen:

- zwei Reden an die Eltern (Verse 490-498[4] ; 558-564[5] )
- die Rede an den Vater (Verse 593-628[6] )
- die Rede an die Mutter (Verse 663-854[7] )
- das Gespräch[8] mit Heinrich (Verse 903-926[9] )
- die Rede an den Arzt (Verse 1111-1170[10] )
- die Rede an Heinrich (Verse 1290-1304; 1310-1332d[11] )

1. Die erste Rede an die Eltern: Verlust von Besitz und Ansehen (Verse 490-498)

Diese erste Rede resultiert daraus, dass die Meierstochter in der Nacht von ihren Eltern geweckt wird und gefragt wird (oder besser gedrängt wird zu sagen), weshalb sie so traurig sei und weine. Sie begründet ihre Trauer mit der Angst um Heinrichs Tod und dem damit drohenden Verlust von Besitz und Ansehen. Die Familie werde es unter einem neuen Herrn, der gewiss nicht so großzügig sein werde wie Heinrich, um vieles schwerer haben.

Hier fällt zunächst auf, dass ihre Aussagen Heinrich gegenüber beinahe herzlos wirken und dass ihre relativ nüchterne Argumentation hier deplaziert wirkt, v.a. da direkt vor und nach dieser Rede ihre Hingabe für Heinrich beschreiben wird, die sogar die Sorge um sich selbst und die Familie zu übertreffen scheint. Es ist jedoch folgendes zu bedenken: sie wird zu dieser Rede gedrängt. Deshalb kann man davon ausgehen, dass sie hier nicht ihre wahren Gefühle und ihre wahre Motivation offenbart (also Heinrich gegenüber keineswegs eine herzlose Position einnimmt). Vielmehr besteht hier die Möglichkeit, dass sie für den drängenden Vater schnell eine Antwort konstruiert oder dass sie diese Antwort wählt, da sie befürchtet, dass ihre Eltern ihre wahren Motive nicht verstehen würden.[12]

Doch die Meierstochter erreicht hier vor allem eines: Sie setzt einen ersten Grundstein, um das Vertrauen der Eltern für sich zu gewinnen. Sie schafft es, die Sympathie der Eltern für sich zu gewinnen[13] und sie auf einer emotionalen Ebene anzusprechen und bestimmte Affekte in ihnen zu wecken[14]. Die Sympathie der Eltern gewinnt sie dadurch, dass sie sehr stark das Gemeinsame betont („ir möhet mit mir klagen“[15] ) und auch die gesamte Rede in der ersten Person Plural gestaltet. Die Affekte der Eltern weckt sie ebenfalls durch diesen Wir-Gedanken. Ihre eigene Trauer und ihre eigenen Ängste werden auch jene der Eltern werden. Die Eltern werden selbst durch diese Sache betroffen sein. Und auch wenn die Eltern die Tochter in dieser Nacht zum Schweigen bringen, so hat diese sicher erreicht, die Eltern zum Nachdenken zu bewegen.

Bereits in dieser ersten Rede verwendet die Meierstochter 2 der Schlüsselwörter[16], um der sich auch die Argumentation in ihren weiteren Reden drehen soll: êre und guot („[…] daz wir den suln verliesen und mit im verkiesen beidiu guot und êre?“[17] Hierbei sei zu erwähnen, dass der mittelhochdeutsche Begriff guot mit „Besitz“ und vor allem „Grundeigentum“[18] und der Begriff êre mit „gesellschaftliche[m] Ansehen, Anerkennung, Ruhm, Erfolg“[19] gleichzusetzen ist. Die Tochter scheint die Eltern, die in einem bäuerlichen Milieu leben, auf einer Ebene anzusprechen, die ihnen sehr wichtig ist: Besitz und Ansehen. Denn für eine Bauernfamilie war es schon nicht selbstverständlich persönlich frei zu sein, geschweige denn ein gewisses Maß an Wohlstand zu genießen. Nach einer üblichen Praxis hat Heinrich die Leibeigenschaft der Familie aufgehoben, da sie für ihn Land gerodet und dieses anschließend bewirtschaftet haben.[20] Zudem hat er sich der Familie gegenüber immer sehr großzügig verhalten. Umso mehr gelingt es der Tochter sich über dieses Thema bei ihren Eltern Gehör zu verschaffen.

[...]


[1] Fiddy, Andrea: The Presentation of the Female Characters in Hartmann’s Gregorius and Der arme Heinrich (Göppinger Arbeiten zur Germanistik 715). Göppingen: Kümmerle Verlag 2004, S. 129.

[2] Kindl, Ulrike: Der Pygmalion-Effekt. Literarische Deutungsmuster weiblicher Existenzdefinierung: über Ricarda Huchs Bearbeitung des „Armen Heinrich“, in: Bennewitz, Ingrid (Hrsg.): Der Frauwen Buoch. Versuche einer feministischen Mediävistik (Göppinger Arbeiten zur Germanistik 517), Göppingen: Kümmerle Verlag 1989, S. 433-455.

[3] vgl. Straub, Henriette: Die Meierstochter und Agnes. Ein Vergleich, in: Amsterdamer Beiträgte zur älteren Germanistik 43-44, 1995, S.467-475, hier: S. 471.

[4] s. Hartmann von Aue: Der arme Heinrich. Stuttgart: Philipp Reclam jun. GmbH & Co. 1993, S. 30-33.

[5] s. ebda. S. 34-35.

[6] s. ebda. S. 36-39.

[7] s. ebda. S. 40-53.

[8] Hier wird der Begriff „Gespräch“ verwendet, da es sich hierbei wirklich um einen Dialog handelt.

[9] s. Hartmann: Der arme Heinrich S. 54-57.

[10] s. ebda. S. 66-71.

[11] s. ebda. S. 76-79.

[12] vgl. Fiddy: The Presentation of the Female Characters, S. 129-130.

[13] vgl. Cicero: De oratore. Über den Redner. Stuttgart: Philipp Reclam jun. 1976, S. 316-321.

[14] vgl. ebda. S. 320-345.

[15] Hartmann: Der arme Heinrich, S. 30.

[16] Wolff, Roland A.: Repitition and Key Terms in Hartmann’s Der arme Heinrich, in: Euphorion 71, 1978, S. 332-338, hier: S. 335-337.

[17] ebda.

[18] ebda. S. 103.

[19] ebda.

[20] ebda. S. 106.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Der arme Heinrich: Rhetorik und Theologie in der Argumentation der Meierstochter
Hochschule
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck  (Institut für deutsche Sprache, Literatur und Literaturkritik)
Veranstaltung
Hartmann von Aue: Der arme Heinrich
Note
1
Autor
Jahr
2006
Seiten
16
Katalognummer
V65850
ISBN (eBook)
9783638583237
ISBN (Buch)
9783638779685
Dateigröße
520 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Heinrich, Rhetorik, Theologie, Argumentation, Meierstochter, Hartmann, von Aue, Mittelalter, Legende
Arbeit zitieren
Stefan Hinterholzer (Autor), 2006, Der arme Heinrich: Rhetorik und Theologie in der Argumentation der Meierstochter, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/65850

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Der arme Heinrich: Rhetorik und Theologie in der Argumentation der Meierstochter



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden