Strauß lesen - das Theaterstück "Unerwartete Rückkehr" von Botho Strauß im assoziativen Leseprozess


Bachelorarbeit, 2006

52 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorbemerkungen

2. „Unerwartete Rückkehr“ – Close Reading
I
II
III
IV
V
VI
VII
VIII
IX
X

3. Zentrale Motive
3.1 Identität
3.2 Bilder
3.3 Beobachtung
3.4 „Sie alle: ein Bündel Schiefgegangenes“
3.5 Rückkehr in die Vergangenheit
3.6 Und die Liebe?

4. Abschließende Bemerkungen

5. Literaturverzeichnis

1. Vorbemerkungen

„…und ich dachte darüber nach, wieso es immer die Liebe war, die einem das antat – einfach auf einen einschlug, daß man ganz wund davon wurde. Und je mehr man liebte, umso weher tat es.“

Wally Lamb: Die Musik der Wale

Ein malerisches Tal im Schatten eines Berges. In diesem Tal: ein Chalet mit Hof am Ufer eines Sees. Die Bewohner des Chalets: Die Frau, Der Mann und Seine Freundin. Zu dieser seltsamen Ménage à Trois findet sich vom Berg ausgespuckt ein Phantom der Vergangenheit: Der andere Mann. Mit ihm führte Die Frau vor zwanzig Jahren und mehr eine exzentrische Affäre, für die sie beinahe mit ihrem Leben bezahlt hätte.

In dem geschlossenen Raum des Tals werden die vier Gestalten ungebremst aufeinander losgelassen, manipulieren, verwunden sich – selbst und auch gegenseitig – im Namen der (verletzten) Liebe, der ganz großen Gefühle. Der Leser wird zum Zeugen einer „Unerwarteten Rückkehr“[1].

Im Sinne ihres Titels Strauß lesen. Am Beispiel von „Unerwartete Rückkehr“ versucht die vorliegende Arbeit sich Botho Strauss’ Theaterstück „Unerwartete Rückkehr“ in erster Linie über den assoziativen Leseprozess anzunähern. Der Arbeitsprozess und Aufbau dieser Arbeit untergliederte sich dabei in zwei Phasen:

Der erste Schritt bestand, wie der Titel der Arbeit bereits erkennen lässt, im Prozess des Close Readings. Hier sollten anhand eines subjektiv-assoziativen Zugangs in einem ersten Lese- und Interpretationsprozesses die „Unerwartete Rückkehr“ Szene für Szene untersucht und aufgeschlüsselt werden. Für diesen ersten Arbeitsschritt wurde in strengster Disziplin keinerlei Botho Strauß und die „Unerwartete Rückkehr“ betreffende Sekundär- oder Fachliteratur zu Rate gezogen, vielmehr sollte der Text für sich selbst sprechen. Dem Blick sollte hierbei nicht durch die Lektüre der einschlägigen Literatur zu Botho Strauß bereits im Vorfeld eine bestimmte Richtung gewiesen werden. Vielmehr sollte die Option erhalten bleiben, den Blick frei schwingen zu lassen, um sich den Eindrücken des Stückes frei von jedem gerichteten Fokus hingeben zu können.

Während dieser ersten Arbeitsphase fiel meine Aufmerksamkeit auf Roland Barthes Glossar „Fragmente einer Sprache der Liebe“[2]. Viele der dort dargestellten Figuren schienen im Kern dem zu entsprechen, was sich aus den ersten Interpretationsdurchgängen der „Unerwarteten Rückkehr“ herauskristallisierte. Aus diesem Grund erscheint es durchaus sinnvoll und legitim, die sonst eigenständige Interpretation des Theaterstücks um eine weitere Perspektive, nämlich Barthes Fragmente, zu bereichern, um die Arbeit so mit Barthes Assoziationen ergänzen und abrunden zu können.

Die Ergebnisse dieses ersten Arbeitsschrittes werden im folgenden Kapitel vorgestellt.

In einem zweiten Arbeitsschritt sollen die im ersten Arbeitsschritt gewonnenen Leseeindrücke zu zentralen Motiven und Themen verdichtet werden, um diese überblickhaft herauszuarbeiten und transparent zu machen. Dazu wird auch die einschlägige Forschungsliteratur konsultiert, um die Ergebnisse des ersten Arbeitsschritts zu überprüfen und abzusichern, bevor das abschließende Kapitel einige knappe Gedanken zur formalen Struktur der „Unerwarteten Rückkehr“ aufgreift.

2. „Unerwartete Rückkehr“ – Close Reading

„Die Frau Du verstehst nichts. Es geht immer um Leben und Tod.

Wenn es überhaupt um etwas geht

Der Mann Wer sagt denn das?

Die Frau Die Liebe sagt das. Die Liebe selbst sagt es.“[3]

0. Personenverzeichnis

In der „Unerwarteten Rückkehr“ wird der Leser mit vier Figuren konfrontiert: Der Mann, Die Frau, Seine Freundin und Der andere Mann.

Nähere Angaben, beispielsweise über das Alter oder den sozialen Status der Figuren werden, hier nicht gegeben. Vielmehr als um tatsächliche Personen scheint es sich zunächst um Stereotype zu handeln. Diese Vermutung wird durch Zuschreibung der Artikel zu den Substantiven nahe gelegt. Die Figuren haben keine Eigennamen, sind nicht individualisiert. Vorerst unterscheiden sie sich nur durch die Zuordnung zum Geschlecht. Dadurch entstehen charakteristische erste Assoziationen.

Die Frau als Stereotyp kann man mit Fruchtbarkeit, Schönheit, Sinnlichkeit, Verführungskraft und Weiblichkeit in Verbindung bringen. Aber auch Mütterlichkeit, Hausfraulichkeit oder die Frau als Ehefrau wären mögliche Gedankenverknüpfungen.

Der Mann, ist er der Frau gegenübergestellt, ruft den Eindruck von Stärke, Schutz, und Männlichkeit hervor. Jedoch hat Stärke immer zwei Seiten. Sie kann nicht nur zum Schutz eingesetzt werden, sondern auch um Gewalt zuzufügen. Welche Beziehung Der Mann und Die Frau, beziehungsweise ob sie überhaupt eine Beziehung zueinander haben, lässt sich aus dem Personenverzeichnis zunächst nicht erkennen.

Anders verhält es sich mit der Freundin. Das Possessivpronomen „Sei ne“ lässt vermuten, dass sie einem der beiden Männer angehört. Als Begriff scheint „Freundin“ ein weniger sinnlicher zu sein als der der Frau. „Freundin“ wirkt wie ein jugendlich beschwingter Ausdruck. Im Zusammenhang mit dem Possessivpronomen könnte hier jedoch eine Gefahr mitschwingen: Sind Frau und Mann ein Paar und ist sie Seine Freundin, also die Freundin des Mannes, liegt die Vermutung nahe, dass es sich um eine Affäre handelt. In diesem Sinne wird die „Freundin“ zum Inbegriff der Bedrohung einer vorhandenen Beziehung.

Ähnlich verhält es sich mit Dem anderen Mann. Der andere Mann als Stereotyp birgt a priori die Gefahr des Betrugs am Partner in sich. Er steht, ähnlich wie die Freundin, als eine Alternative zum Vorhandenen und damit als Konkurrenz im Raum, die einer Liebe schwer zusetzen oder sie sogar zerstören kann.

I

In der ersten Szene des Textes wird der Leser an eine Berghöhe in den Schweizer Alpen[4] geführt: „Aussichtspunkt auf halber Berghöhe“[5] Berge vermitteln oftmals den Eindruck von Abgeschiedenheit, Abgrenzung von einer Außenwelt.

Der Mann, von dem wir in Verlauf des Stückes erfahren werden, dass es sich um Stefan Kauntzsch, einen 62-jährigen ehemaligen Verwaltungsangestellten eines staatlichen Museums handelt, sitzt auf einer Bank sieht durch ein Fernglas in das vor ihm befindliche Tal. Er rastet auf „halber Berghöhe“ und hat damit sowohl die Möglichkeit des Aufstiegs auf den Gipfel, als auch des Abstiegs in das Tal. Momentan scheint er jedoch die Aussicht von der Plattform zu genießen. Von jener aus wird ihm der Blick von einer erhöhten Position in eine möglicherweise abgeschlossene Lebenswelt ermöglicht. Er befindet sich in einer Beobachterrolle.

Dieser Eindruck wird von dem von ihm benutzten Fernglas verstärkt. Durch das Fernglas kann der Mann etwas aus weiter Ferne betrachten, ohne dass er in das Beobachtete verwickelt wird, aber auch ohne dass der, das oder die Observierte den Beobachtenden bemerkt. Er sitzt bequem auf einer Bank, um zu sehen, was im Tal vor sich geht. Das Fernglas könnte hier zudem auf einen subjektiven, verengten Blickwinkel des Mannes verweisen: Mit einem Fernglas ist nur ein Bildausschnitt zu sehen, lediglich ein Fragment der Realität. Nur das, worauf das Fernglas gerichtet wird, hat in diesem Moment Bedeutung.

Was genau Der Mann beobachtet, erfährt der Leser erst aus dem Gespräch mit dem anderen Mann.

Der andere Mann, Clemens Wagner, betritt „kaum für eine Wanderung gekleidet“[6] die Plattform. Vielleicht wirkt er durch die unangemessene Kleidung etwas fehl am Platz. Fast vermutet man, dass er um den Atem ringen muss. Er eröffnet das Gespräch, indem er Den Mann nach der Beschreibung einer Abkürzung zum Rüdersberg bittet. Der Mann weist ihm die Richtung, lässt ihn aber nicht seiner Wege ziehen, sondern fordert ihn auf, einen Blick durch das Fernglas zu werfen.

Nun erfahren wir auch, welcher Art die Beobachtung Des Mannes war: An einem See gelegen befindet sich ein Chalet mit kleinem Hofplatz. Auf die Frage, ob der Mann dort wohnen würde, erhält Der andere Mann eine seltsame Antwort: „Wir wohnen immer noch am Stuttgarter Platz. Wissen Sie?“[7] Es stellt sich die Frage, woher Der andere Mann diese Information erhalten haben sollte und woher er wissen könnte, dass Der Mann „immer noch“ am Stuttgarter Platz wohnt. Die Auflösung folgt wie ein Paukenschlag: „Sehen die Frau dort unten, die gerade frische Wäsche auf die Leine hängt? […] Sie hatten einmal eine Abtreibung mit ihr.“[8] Dieser lockerleicht in die Sommerweichspülerstimmung dahingesagte Satz verweist auf folgenschwere Implikationen: Eine Abtreibung impliziert eine Schwangerschaft, diese wiederum die sexuelle Vereinigung von Mann und Frau, leider nicht Des Mannes mit seiner Frau, sondern die Des anderen Mannes mit der Frau Des Mannes. Der Leser wird damit zum Zeugen eines Zusammentreffens des gehörnten Ehemanns mit dem Liebhaber seiner Frau. Der lapidar formulierte Satz „Sie hatten einmal eine Abtreibung mit ihr.“ steht im Gegensatz zu dem bleischweren Vorwurf des Ehebruchs.

Die Schwere des Vorwurfs kommt in der folgenden Aussage des Mannes zum Tragen: „Ich kenne sie sehr gut. Ich habe Sie gleich erkannt. Sie waren einmal mein Untergang.“ Der Ehebruch scheint ihn schwer getroffen zu haben, jedoch verweist die Vergangenheitsform, dass der Untergang nicht vollständig war, sondern überwunden wurde. An dieser Stelle mag sich der Leser fragen, ob Der Mann die Rückkehr Des anderen Mannes, wenn vielleicht auch nicht erwartet, so doch zumindest erhofft hat.

Wir erfahren im folgenden Dialog, dass die Frau, deren Name Ingrid Thammer ist, vor etwa zwanzig Jahren eine längere Affäre mit Dem anderen Mann, namentlich Clemens Wagner, hatte. Das Liebesabenteuer wurde in jeder Bewegung und jedem Augenblick von dem krankhaft eifersüchtigen Mann überwacht. Nach einer besonders ausschweifenden Liebesnacht kehrt sie nicht zurück. Der Mann, der in eben dieser Nacht Den anderen Mann umbringen wollte, findet seine Frau in der verlassenen Wohnung seines Konkurrenten bewusstlos in einem Teppich eingerollt. Bedingt durch ein Aneurysma schwebt sie in Lebensgefahr. Der Mann entreißt sie dem nahenden Tode und bringt sie ins Krankenhaus, wo sie geheilt wird. In scheinbar endloser, masochistisch anmutender Dankbarkeit verweilt sie bei ihrem Ehemann, der sich auf grausame Weise an ihr rächt: „Ich zahle es ihr heim. Zwei- und dreifach zahl ich’s ihr heim. Alles, was sie mir damals angetan hat mit Ihnen. Sie bekommt es zurück. Zwei- und dreifach.“ Indem er sich immer wieder neue Freundinnen einlässt und auch mit diesen zusammenlebt, lässt er Die Frau den Schmerz, den er durch ihren Betrug erlitten hat, immer wieder aufs Neue durchleben. Die Frau kann ihn trotz dieser fortwährenden Demütigungen nicht verlassen:

„Ich hatte meiner Frau also das Leben gerettet. Das ist zweifellos ein bedeutender Wendepunkt in einer nicht mehr sehr glücklichen Liebesgeschichte. […] Wenn man dem Tod von der Schippe springt, erstrahlen die gewöhnlichsten Dinge in einem neuen Glanz. Selbst ein bescheidener Verwaltungsbeamter und gehörnter Ehemann.“[9]

Diese auf grenzenlose Dankbarkeit gründende Unfähigkeit, sich auf eigene Beine zu stellen, bietet dem Mann eine fruchtbare Grundlage für seine Rache. Vom Beginn der Beziehung an hat Stefan einen anderen Mann in der Beziehung mitgedacht:

„Nichts an ihrem Verhalten deutete auf Verrat. Und das war sein sicherstes Vorzeichen.[…] Die Liebe in der Ehe ist grundsätzlich die Liebe zu einer potentiellen Ehebrecherin. Eine Frau, die zu dir zurückkehrt, nach einer bitteren Erfahrung, einer Niederlage, eines Besseren belehrt über ihre eigene Natur, hat dieses erregende Flair, ihre natürliche Begabung zur Untreue für immer verloren. Sie wird nie wieder davon laufen.“[10]

Es stellt sich die Frage, worin dieses „Ur-Misstrauen“, diese Angst Stefans, seine Frau könnte ihn betrügen, begründet ist:

„Der Psychotiker lebt in der Angst vor dem Zusammenbruch (deren Abwehr die verschiedenen Formen der Psychosen bilden.) Aber »die klinische Angst vor dem Zusammenbruch ist die Angst vor dem Zusammenbruch, der bereits erlebt worden ist (primitive agony)[…].« Dasselbe scheint auch für die Angst des Liebenden zu gelten: sie ist die Furcht vor einer Trauer, die bereits stattgefunden hat, von Anbeginn der Liebe an, von dem Augenblick an, da ich hingerissen war.“[11]

Vielleicht wurde Stefan in einer früheren Beziehung betrogen und projizierte dieses Bild in Ingrid: Er scheint in ihr eine Art Urtypus der Ehebrecherin zu sehen, a priori schuldig am Verrat. Vielleicht war sie zu schön, um einem Mann allein zu gehören, vielleicht lagt es an Stefans diskreditiertem Selbstbild, sicherlich aber an der „Unbesonnenheit“ und der „unstillbaren Neugier und Lebenslust“[12], die Stefan in Ingrids Augen zu sehen glaubte.

Durch ihren einmaligen Betrug und ihre nachfolgende Rückkehr zu ihrem Mann erhält er die Sicherheit, dass Sie ihm nie wieder Schmerz zufügen wird. Doch damit allein gibt sich Der Mann noch nicht zufrieden: Ihre Existenz fristet Ingrid nun mehr als Hausfrau, die nicht mit Stefan und Seiner Freundin tafeln darf, sondern, ganz Dienstmagd, in der Küche zu fristen hat, ein „Bündel Schiefgegangenes“[13] von dem keine Gefahr, kein Reiz mehr ausgeht. Durch ihre Rückkehr zu Stephan, verliert Ingrids Bild an Glanz: „- all das für diese kleine Person, die auf einmal wieder da ist, diese verhältnismäßig kleine Person, wie dir nun scheinen will, weil sie eben: wieder da ist.“[14]

Der andere Mann zeigt sich verwundert: „Ingrid? Sie lebt wieder mit Ihnen?“[15] Er scheint nicht damit gerechnet zu haben, dass Ingrid nach einer Affäre mit ihm zu ihrem Mann zurückkehrt. Er erkennt Die Frau jedoch zunächst durch das Fernglas nicht als Ingrid. Die Affäre scheint für ihn „wie aus einem anderen Leben“[16]. Er kann sich nur aufgrund der Anreize erinnern, welche durch die vom Mann gezeichneten Bilder der Vergangenheit hervorgerufen werden.

Er versucht, Dem Mann zu schmeicheln und die Bedeutung des Geschehenen zu schmälern: „Es gab da eine kurze Geschichte mit einer Frau“[17]. Er misst der Affäre eine gänzlich andere Bedeutung bei als Der Mann, was sich auch darin widerspiegelt, dass er es vor zwanzig Jahren fertig gebracht hatte, Ingrid bewusstlos in seiner Wohnung zurückzulassen ohne sich hernach zu erkundigen, wie es ihr ergangen ist. Es scheint offensichtlich, dass sie ihm nicht viel bedeutet hat. Dem Mann hingegen erkennt man seine Verbitterung und seinen Schmerz hingegen deutlich an. Seine Rachegelüste gegenüber seiner Frau haben nicht nachgelassen und aus diesem Grund kann er sie auch nicht gehen lassen.

In der Freundin des Mannes, die einen kurzen Auftritt hat, um einen Picknickkorb zu bringen, glaubt Clemens Ingrid wieder zu erkennen: „Für mich war das Ingrid.“[18] Er hat ein Abbild von Ingrid im Kopf, das sich mit der Erscheinung der Freundin zu decken scheint. Für Stefan hingegen ist Leonie eine „kleine Freundin“, nichts weltbewegendes, austauschbar, aber in ihrer Funktion als wandelnde Demütigung Ingrids das Mittel zum Zweck.

Sein großer Racheplan scheint sich mit der unerwarteten Rückkehr Clemens’ zu vervollständigen: „Nun will es der Zufall, der Berg gibt sie frei, der dunkle Rüdersberg“[19] Nun besteht auch die Möglichkeit, Rache am Verführer selbst zu nehmen: Da Stefan weiß, dass Ingrid sich vom anderen Mann nicht mehr verführen lassen wird, lädt er ihn in das Chalet ein, um so nicht nur ihn zu demütigen, weil er auf diese Weise seine Rolle als „Der andere Mann“ einbüßt, sondern auch seine Frau, indem er ihr ihren einstigen Fehltritt vorführt. Für Stefan gibt es kein Vergessen und erst recht kein Verzeihen. „Der Liebende, der nicht manchmal vergißt, stirbt an Maßlosigkeit, Ermattung und Gedächtnisüberreizung.“[20] Ihn lässt die Vergangenheit nicht los oder besser er lässt die Vergangenheit nicht los und findet so auch keine Heilung seiner Wunden, die unter der dünnen Haut der Rache ständig schwären und sich immer wieder aufs Neue entzünden.

Mit Clemens Wagner und Stefan Kauntzsch stehen sich zwei Männer gegenüber, die wie zwei Seiten derselben Medaille wirken. Während Stefan als stellvertretender Verwaltungsdirektor der Staatlichen Museen den Typ des etwas verknöcherten, pedantischen, kleinlich berechnenden Beamten verkörpert, der die (Mittel-)Mäßigkeit als Lebenscredo erkoren hat, vertritt der Bonvivant Clemens als Inhaber einer Galerie ein spritzigeres Image als sein Kontrahent.[21] Ähnlich zeichnet es sich in der Art der Beziehung, welche die Männer mit Ingrid führen, ab: Die Beziehung zwischen Ingrid und Stefan scheint – bis zum Zeitpunkt der Affäre – dem Typus der „vernünftigen Liebe“ zu entsprechen, einer Art „gezähmten Liebe“ die keinerlei Ausschweifung duldet. In der Liebe, wie in den leiblichen Bedürfnissen gilt das Gebot der Mäßigkeit: „Satt bin ich allemal geworden. Das hatte ich nicht nötig. Aber tafeln so wie Sie mit ihr, ständig über die Stränge schlagen, das gehörte nicht zu unserem Stil. Ich war ja nur ein einfacher Verwaltungsmensch.“[22] Clemens und Ingrid hingegen lebten ein ausschweifend sinnliches, dionysisch anmutendes (Liebes-)Leben.

Der Begriff der „Tafel“, der auch von Clemens benutzt wird[23], verweist auf große, üppig ausladende Sinnesfreuden, welche auch eine sexuelle Komponente beinhalten. Die Tatsache, dass Ingrid in der Gegenwart nicht an Stefans und Leonies Tafel speisen darf, könnte somit auch bedeuten, dass zwischen Stefan und Ingrid keine erotischen Begegnungen mehr stattfinden. Die Erotik zwischen den beiden ist vergangen. Ingrid ist lediglich die Küche als Refugium geblieben, ein Ort, an dem ihr neues Bild erschaffen wird: Die Verführte wird zur Hausfrau, die sich in Selbstaufopferung ihrem Ehemann hingibt.

II

Wir steigen hinab in das Tal, das Stephan und Clemens eben noch beobachtet haben, dem Hofplatz vor dem Chalet. Die Frau, die wir bisher nur durch die Worte Clemens und Stephans kennen gelernt haben, hängt Wäsche auf und erfüllt so das Bild der Hausfrau, das von ihr gezeichnet wurde. Über ihr Erscheinungsbild erfahren wir zunächst weiter nichts, als dass sie längeres Haar hat. Vermutlich wird sie eher eine schlanke Erscheinung sein, da sie viel arbeitet. Sie dürfte etwa um die fünfzig Jahre alt sein.

Seine Freundin ist zunächst lediglich als Silhouette, schemenhaft hinter dem Bettlaken zu erkennen. Aus dieser Position heraus spricht sie, gleichsam einer Stimme in Ingrids Kopf: „Findest du nicht, daß du in letzter Zeit stark nachgelassen hast?“[24] Damit stellt sie die Frage, die jede Frau beschäftigt: „Bin ich noch schön? Begehrenswert?“ Seine Freundin tritt gleichsam wie ein Zerrspiegel vor Ingrid, der fortwährend ihre negativen Seiten widerspiegelt. In Leonies Augen hat Ingrid einen verabscheuungswürdigen Geschmack, ihr Körper ist nicht mehr attraktiv. Demgegenüber steht die vermutlich wesentlich jüngere Frau, eine Künstlerin, die Ingrid mit jedem ausgesprochenen Satz neue Wunden schlägt und somit die Rache des Mannes ausführt. Sie ist eine ständige Bedrohung für Ingrid, was besonders dadurch deutlich wird, dass Leonie während der Szene hinter Ingrid stehend eine Waffe auf sie richtet. Sie verkörpert die Gefahr, die jederzeit Ingrids Existenz ein Ende setzen kann, denn es bestünde prinzipiell auch die Möglichkeit, dass der Mann sich für Seine Freundin entschiede und somit die Frau um ihre Existenzgrundlage als altruistische Hausfrau brächte. Die Bedrohung beschränkt sich nicht nur auf die emotionale Ebene, sondern manifestiert sich mit der Waffe auch auf der leiblichen Ebene. Zudem hält Leonie den Revolver unter ihrem Rock versteckt, ein Hinweis auf die Sexualität, die sie ebenfalls als Waffe gegen Ingrid einsetzt.

Ingrid betrachtet ihren Mann wie ein Bild: „Ich habe ihn mir noch einmal lange angesehen. Stefan. Meinen Mann. Es ist leichter, jemanden in Ruhe zu betrachten, wenn man nicht mehr zu ihm gehört.“ Beobachtung mag hier für passives Empfangen stehen. Sie nähert sich Stefan wie einem Kunstwerk. Ihr Blick verschafft ihr Distanz, vielleicht auch um ihre eigenen Lebensumstände zu ertragen. Sie ist in die Beziehung mit Stefan nicht mehr emotional involviert, sondern geht in ihrer neuen Rolle als Hausfrau völlig auf. Ihre Identität wird völlig von Stefan und seinen Bedürfnissen gestiftet: „Manchmal geschieht es, daß ich mit ihm vor Freude zittere. Auch wenn es meine Freude nicht ist, ich selbst gar keine Freude verspüre, sondern nur seine.“[25] Dazu Barthes: „[…] die Frau ist seßhaft, der Mann ist Jäger, Reisender; die Frau ist treu (sie wartet), der Mann ist Herumtreiber (er fährt zur See, er »reißt auf«).“[26] Während Ingrid also den Haushalt führt, übernimmt Stefan die Rolle des Herumtreibers, des Jägers. Seine Trophäen sind die jungen Freundinnen, die er Ingrid in fortwährender Bestrafung ihres Sündenfalls vorsetzt.

Und tatsächlich kehrt Stefan eines Tages als Der Mann unerwartet zu Der Frau zurück: In einer Rückblende erzählt Ingrid von einem erotischen „Überfall“, bei dem es sich allerdings nicht um einen Akt der Liebe handelte: „Es war nicht ganz echt, wie er mich anfaßte. Nicht das, was wir früher taten, vor langer Zeit, bevor es dich gab.“[27] Auch hier lässt sich das Motiv der unerwarteten Rückkehr finden. Ingrid hatte nicht damit gerechnet, dass ihr Mann sie noch einmal berühren würde. Allerdings hat sich das Verhältnis zwischen den beiden derart geändert, dass der Akt nicht „echt“ war und somit ein schwaches Abbild dessen, was die beiden früher verband.

Leonie führt dies, ganz ihrer Rolle entsprechend, auf den körperlichen Verfall Ingrids zurück: „Dein Leib ist vorüber.“[28] Die Zeit, in der ein Mann diesen Leib begehren konnte, ist verstrichen. Der den Alterungsprozessen preisgegebene Leib ist nicht mehr. Moderne Körper müssen jung, schön, geschmeidig, frei von Falten und Orangenhaut sein, um als Leib erkannt zu werden. Gealterten Menschen, wie Ingrid, wird die Leiblichkeit und damit die Möglichkeit auf ein erotisches Ausleben dieser Leiblichkeit von Leonie abgesprochen. Auch eine Typveränderung Ingrids könnte in Leonies Augen nichts an ihrem Bild ändern, da ein Wandel der äußeren Erscheinung keine Auswirkungen auf das innere Wesen hat. Und innerlich bestimmt Ingrid ihre Identität ausschließlich über die Bedürfnisse ihres Mannes Stefan.

Ingrid versucht, trotz dieser an sich unerträglichen Situation, sich ihre Würde zu bewahren. Auch dieser Versuch wird von Leonie attackiert: „Ich habe nicht gesehen, daß du verzweifelt bist. Es kommt daher, weil du immer versuchst, eine gute Figur zu machen.“[29] Sie übersieht, dass auch in dem Versuch, eine gute Figur zu machen, die schiere Verzweiflung stecken kann. Es scheint der Fluch Der Frau zu sein, bei allem was sie tut, von der Hausarbeit bis zum Geschlechtsakt, ein möglichst perfektes Bild abgeben zu müssen.[30] Leonie versucht hinter die Fassade der „guten Figur“ und der „perfekten Hausfrau“ zu blicken und von äußeren Verfallserscheinungen, wie Schuppen und dünner, trockener Haut auf einen inneren Verfall zu schließen.

Die Frau erträgt ihre Attacken mit nahezu stoischer Würde. Sie hält die verbalen und physischen Attacken wie eine Art Buße für den Ehebruch aus. Zudem scheint sie die Dankbarkeit zu halten, die sie ihrem Mann schuldet, weil er ihr einst das Leben gerettet hat.[31] Mit dieser Rettung scheint er ihr Schicksal besiegelt zu haben und sie in diese seltsame Koexistenz zu zwingen:

[...]


[1] Strauß, Botho: Unerwartete Rückkehr. München, Wien 2002

[2] Barthes, Roland: Fragmente einer Sprache der Liebe. Frankfurt 1984

[3] Strauß, a.a.O., S. 50

[4] Später erfahren wir, dass sich Der andere Mann auf dem Weg zum Rüdersberg befindet, einem Berg in den Schweizer Alpen.

[5] Strauß, a.a.O., S. 11.

[6] Ebd., S. 11

[7] Ebd.

[8] Ebd.

[9] Ebd., S. 18

[10] Ebd., S. 15

[11] Barthes, a.a.O., S. 42

[12] Strauß, a.a.O., S. 15

[13] Ebd., S. 15

[14] Ebd.

[15] Ebd., S. 13

[16] Ebd., S. 12

[17] Ebd.

[18] Ebd.

[19] Ebd., S. 17. Der Leser fühlt sich hier stark an Motive der Romantik erinnert.

[20] Barthes, a.a.O., S. 28

[21] Das dieses Bild der Vergangenheit angehört, dass auch Clemens mittlerweile längst nicht mehr Esprit verströmt, wird sich erst im weiteren Verlauf des Stückes herauskristallisieren

[22] Ebd.

[23] Ebd., S. 12

[24] Ebd., S. 19

[25] Ebd. S. 20

[26] Barthes, a.a.O., S. 28

[27] Strauß, a.a.O., S. 20.

[28] Ebd.

[29] Ebd., S. 21

[30] Man erinnere sich an die Fernsehwerbung der Fitnesszeitschrift SHAPE aus dem Jahr 2003: „Was ist das Gute an einem flachen Bauch? – Dass man ihn beim Sex nicht einziehen muss.“

[31] Mit Barthes lässt sich hier die Figur der Askese einführen: „Askese. Sei es, daß das liebende Subjekt sich dem Liebesobjekt gegenüber schuldig fühlt, sei es, daß es ihm Eindruck machen will, indem es ihm sein Unglück vor Augen führt, es erlegt sich ein asketisches Selbstbestrafungsgebaren auf (Regelung des Tagesablaufs, der Kleidung usw.).“ Barthes, a.a.O., S. 43

Ende der Leseprobe aus 52 Seiten

Details

Titel
Strauß lesen - das Theaterstück "Unerwartete Rückkehr" von Botho Strauß im assoziativen Leseprozess
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Theaterwissenschaft)
Veranstaltung
Dramaturgische Lektüre
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
52
Katalognummer
V65871
ISBN (eBook)
9783638583343
ISBN (Buch)
9783638714310
Dateigröße
720 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Strauß, Theaterstück, Unerwartete, Rückkehr, Botho, Leseprozess, Dramaturgische, Lektüre
Arbeit zitieren
B.A. Viola Schneider (Autor), 2006, Strauß lesen - das Theaterstück "Unerwartete Rückkehr" von Botho Strauß im assoziativen Leseprozess, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/65871

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