Konservatismus: Kritische Annäherungen an eine komplexe geistige Strömung


Wissenschaftlicher Aufsatz, 1991

23 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1 Konservatismus in der Reflexion der Geschichtswissenschaft
1.1 Traditionalismus als Verhaltensdisposition
1.2 Die historisch-spezifizierende Konservatismusinterpretation
1.3 Die universalistisch-anthropologische Interpretationsrichtung
1.4 Die situationsspezifische Interpretationsrichtung

2 Konservatismus in Geschichte und Gegenwart
2.1 Zum Begriff “Denkbilder”
2.2 Der klassische Konservatismus

3 Identitätsmerkmale des Konservatismus

4 Quellenanmerkungen

Bei dem folgenden umfangreichen Artikel handelt es sich erneut um ein “remake”. Wie schon verschiedentlich annonciert, habe ich mich besonders in den Jahren zwischen 1987 und 1991 sehr intensiv mit dem ideengeschichtlichen Komplex “Konservatismus” befasst. Heraus kamen einige Erkenntnisse, die ich auch unter selbstkritischen Auspizien immer noch für veröffentlichungswürdig erachte, zumal sie auf einer systematischen und von zeitlichen Eingrenzungen abgehobenen Untersuchung gründeten.

Der nachfolgende Beitrag, dessen Titel ich ihm aktuell mitgegeben habe, ist meiner schriftlichen Arbeit für die II. Staatsprüfung für das Lehramt der Sekundarstufe II entnommen. Der Titel der Arbeit lautete “Die Entstehung des klassischen Konservatismus als Kritik an der Französischen Revolution” und wurde im Jahre 1991 verfasst. Darin habe ich die inhaltlichen und unterrichtlichen Planungen und Durchführungen niedergeschrieben und reflektiert, so wie es sich für eine Staatsarbeit geziemt.

Die Kapitelgliederung sowie die Quellenangaben sind natürlich angepasst, da es sich um einen Auszug aus der Arbeit handelt. Der Text jedoch ist weitestgehend unverändert geblieben. Ausnahme bilden die Bezüge zur Unterrichtsgestaltung, die für das heutige Textverständnis verzichtbar sind.

(Glienicke/Nb. im Juni 2005).

Zur Definition von Konservatismus siehe auch meinen Artikel “Konservatismus und nationale Identität in der Bundesrepublik Deutschland” , zu lesen unter “Service”

1 Konservatismus in der Reflexion der Geschichtswissenschaft

Über keine der großen geistig-politischen Strömungen liegen die wissenschaftliche Positionen so weit auseinander wie über die des Konservatismus. Während “Liberalismus und Sozialismus (...) gewisse gemeinsame Definitionsmerkmale (erlauben), die unbeschadet nationaler Eigenentwicklung für die Struktur und die Ziele dieser politischen Bewegung gelten” - “Beide versuchen, die Entwicklung einer Staatsgesellschaft gemäß bestimmten philosophischen und ökonomischen Prämissen so zu lenken und zu planen, daß in der Zukunft eine bestimmte sozioökonomische Gestalt dabei herauskommt” (1) - fällt eine analoge Definitionsbestimmung im Falle des Konservatismus erheblich schwerer. Damit erwächst die Notwendigkeit, aus der Erörterung verschiedener Ansätze eine wissenschaftlich tragfähige Konservatismusdefinition zu gewinnen, die - ohne Anspruch auf Letztgültigkeit - eine wissenschaftsadäquate Behandlung ... erlaubt. Daher sollen in gebotener Kürze die wissenschaftlich anerkannten Definitionsansätze vorgestellt, erörtert, aufeinander bezogen und gegebenenfalls synthetisiert werden. Vorab muß allerdings eine grundsätzliche Frage ausgeräumt werden...Häufig nämlich werden alltägliche Verhaltensweisen oder Haltungen wie altmodisch, traditionell, autoritär oder bewahrend mit Konservativsein assoziiert. Neben diesem alltäglichen, auf statische oder verharrende Verhaltensweisen abzielenden Verständnis existiert ein Verständnis, das Konservativsein mit der CDU/CSU oder konkreten Persönlichkeiten wie (Helmut) Kohl, (Franz Josef) Strauß oder (Alfred) Dregger verbindet. Zwischen diesen alltäglichen und politischen Verständnisebenen besteht in der Regel eine unsystematisierte Beziehung. Deshalb ist eine Unterscheidung zwischen Verhaltensdispositionen und politischen Positionen unerläßlich...

1.1 Traditionalismus als Verhaltensdisposition

Karl Mannheim, die Zentralfigur der wissenssoziologischen Schule, untersuchte den Altkonservatismus des frühen neunzehnten Jahrhunderts und entwickelte von dort aus die Unterscheidung von Traditionalismus und Konservatismus. In die Vorgeschichte des Altkonservatismus zurückblickend kennzeichnete Mannheim den vorrevolutionären Konservatismus (vor 1789) als Traditionalismus, als “Mentalität”, als “formalpsychologische Eigenschaft”. Zugleich betonte er, daß auf dieser frühen Entwicklungsstufe “das Festhalten am Hergebrachten, und die damit verbundene Unlust, sich auf Neuerungen einzulassen, noch gar nicht im Bereich theoretischer Reflexion auftritt. ´Traditionalismus` meint zunächst das Beharren auf Überlieferungen und religiösen Überzeugungen. Erst von dem Zeitpunkt an, wo diese traditionalistische Mentalität durch das Aufkommen liberaler und rationalistischer Tendenzen verunsichert und herausgefordert wird, geht traditionsgeleitetes ´selbstverständliches` Handeln und Denken in konservatives Denken über”. (2)

Diese Erkenntnis läßt sich auf die Gegenwart ... wie folgt übertragen: Traditionalismus ist eine obzwar notwendige, aber keineswegs schon hinreichende Voraussetzung für konservatives Denken. Entspringt traditionalistisches Denken und Handeln einer Disposition, am Hergebrachten festzuhalten und sich nur widerstrebend auf Neuerungen einzulassen, so kann man von Konservatismus erst dort sprechen, wo es sich um sinnorientiertes Handeln im Rahmen eines objektiv-geistigen Strukturzusammenhanges handelt. Alltägliche Verhaltensweisen oder Haltungen werden als traditionalistisch qualifiziert; Konservatismus drückt sich allein im Rahmen politischer Handlungen oder als politische Theorie aus. ...

1.2 Die historisch-spezifizierende Konservatismusinterpretation

Diese Interpretationsschule begreift Konservatismus als eine aristokratisch-klerikale Reaktion auf die Französische Revolution. Konservatismus ein Kind der Revolution sorgt sich um die Rettung der Rund feudalen Institutionen und flieht als politische Romantik ins Mittelalter zurück. Konservatismus umgreift hier soziologisch identifizierbare, in einem historischen Zeitraum fixierbare Träger. “Königtum, Großgrundbesitz, Adelsprivilegien sind demnach die historisch einmaligen sozialen Grundlagen konservativer Option...Konservatismus wird hier interpretiert als Ausdruck und Ideologie einer historisch eingrenzbaren Bewegung aristokratischer Schichten gegen die Emanzipation bürgerlicher Klassen. Die Wendung feudaler, agrarisch bestimmter antikapitalistischer Stände gegen die Französische Revolution und die von ihr ausgehende Bedrohung führt zur Herausbildung einer Restaurationsideologie, die als ein mit Feudalismus, ständestaatlicher Ordnung, ancien régime und Großgrundbesitz verknüpftes Merkmal des Adels während und nach der Französischen Revolution gilt. Mit dieser soziologischen Zuordnung des Konservatismus zur Aristokratie wird er zu einem einmaligen, unwiederholbaren Epochenphänomen”. (3) Diese Interpretationsrichtung kommt logischerweise zu dem Schluß, daß “der Konservatismus als konkrete geschichtliche Erscheinung, die von einer fest umrissenen Ideologie begleitet wurde,

(...) längst tot und begraben (ist).” (4)

Aber gerade in dieser Beschränkung auf den Zeitrahmen 1789 bis 1830 liegt ein Vorzug dieser Interpretation. Sie schärft den Blick für die typische Gestalt des klassischen Konservatismus, den auch sie aus der Französischen Revolution geboren sieht.

1.3 Die universalistisch-anthropologische Interpretationsrichtung

Sie bestimmt Konservatismus als ewig- menschliche Haltung mit allgemeingültigen Ideen und Wertvorstellungen. A.E. Günther, ein Konservativer der Weimarer Zeit, hat “konservativ sein” nicht als “Hängen an dem”, was gestern war, sondern als “ein Leben aus dem, was immer gilt”, beschreiben wollen. (5) Daraus werden Ordnung, Gerechtigkeit, Gleichgewicht, Mäßigung, Augenmaß und Fingerspitzengefühl als allgemeingültige Werte gefolgert; Konservatismus wird hier zu einer Angelegenheit von Haltungen und Gesinnungen stilisiert, zu denen sich jeder Mensch bekennen könne. “Sonach wäre Konservatismus ein zeitlos gültiges System universaler Werte und Tugenden, das auf ein konstantes Wesen des Menschen hindeutet”, wie Kurt Lenk zusammenfaßt. (6)

Diese Interpretationsrichtung ist vorzugsweise im konservativen Wissenschaftsmilieu beheimatet; die formulierte Allgemeingültigkeit und Zeitlosigkeit kommt dem Selbststilisierungsbedürfnis des Konservatismus insgesamt entgegen. Unter Gesichtspunkten der Unvoreingenommenheit, Methodenrationalität und Multiperspektivität des Geschichtsunterrichts ist dieser Interpretationsansatz ... sicherlich nicht unproblematisch. Von Bedeutung aber kann er im Rahmen der Auffindung und Erforschung von Kontinuitätsmerkmalen und Denkbildern sein, denn er beruft sich auf Edmund Burke, den “Stammvater” des klassischen Konservatismus, dessen “Reflections” (7) eine der relevanten historischen Quellen ... darstellen...

1.4 Die situationsspezifische Interpretationsrichtung

Dieser Ansatz steht im Gegensatz sowohl zur historisch-spezifischen Interpretation (Konservatismus ist Ideologie des Adels) als auch zur universalistisch-anthropologischen (Konservatismus ist Geltung allgemeinmenschlicher Werte und Haltungen) Interpretation. Konservatismus ist dieser Deutung zufolge dann aktuell, wenn bis dahin bestehende Strukturen des Politischen und Sozialen in Auflösung begriffen sind, oder, wie es Hermann Lübbe für den Entstehungsprozeß ausdrückt: “Erst die Revolutionserfahrung und die unvermeidliche Auseinandersetzung um ihre deutschen Konsequenzen hat den Konservatismus politisch scharf gemacht und ihn auf einen Weg gezwungen, auf dem er dann auch, als sich eine Öffentlichkeit herauszubilden begann, zu einer publizistischen Kraft und schließlich sogar zu einer Partei wurde.” (8) Konservatismus heißt in diesem Konzept “der seit der Französischen Revolution immer wieder auftretende Versuch sich bedroht fühlender sozialer Gruppierungen und Schichte, durch Rückgriff auf ´bewährte` Traditionen,

Werte, Normen, Tugenden und Einrichtungen der jeweiligen Herausforderungen Herr zu werden”. (9)

Diese situationsspezifische Deutung wird auch von einigen Konservativen favorisiert. So schreibt der Publizist und Systematiker Gerd-Klaus Kaltenbrunner: “Was jeweils konservativ ist, bestimmt sich verschieden je nach der geschichtlichen Lage. Ohne einen lückenlosen Lehrgehalt, der in jeweils neu kommentierter Form von Generation zu Generation weitergegeben werden könnte, aktualisiert sich der Konservatismus - und mit ihm konservative Theorie - nur angesichts tiefgreifender gesellschaftlich-politischer Krisen und revolutionärer Gefahren”. (10)

[...]

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Konservatismus: Kritische Annäherungen an eine komplexe geistige Strömung
Note
1,3
Autor
Jahr
1991
Seiten
23
Katalognummer
V65915
ISBN (eBook)
9783638583565
ISBN (Buch)
9783638670999
Dateigröße
564 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Auszug aus meiner Zweiten Staatsarbeit, Studienseminar f.d. Lehramt Sek II Hamm/Westf. 1991. Literaturangaben über Fußnoten.
Schlagworte
Konservatismus, Kritische, Annäherungen, Strömung
Arbeit zitieren
Holger Czitrich-Stahl (Autor), 1991, Konservatismus: Kritische Annäherungen an eine komplexe geistige Strömung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/65915

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