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Imagination und Bildregie im Tristan Gottfrieds von Straßburg

Title: Imagination und Bildregie im Tristan Gottfrieds von Straßburg

Examination Thesis , 2006 , 78 Pages , Grade: 1,0

Autor:in: Shenja Leiser (Author)

German Studies - Older German Literature, Medieval Studies
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Summary Excerpt Details

Gottfrieds Dichtung genießt seit den Anfängen der Tristan-Philologie eine nahezu uneingeschränkte Wertschätzung ob ihrer ästhetischen Qualität. Hinsichtlich der Deutung und Beurteilung des bearbeiteten Geschehens selbst teilen sich jedoch nach wie vor die Meinungen. Dabei lässt sich insbesondere für die ältere Forschung verzeichnen, dass sie bei ihren Interpretationen die historischen Bedingungen der Dichtung vernachlässigt oder völlig außer Acht lässt und stattdessen aus einem jeweils gegenwärtigen Standpunkt heraus argumentiert. Die jüngere Mediävistik interessiert sich zunehmend für Funktion und Wirkungsweise mittelalterlicher Dichtung aus ihrer zeitgenössischen Perspektive. Vor allem performative Strukturen und Partizipationsmöglichkeiten der höfischen Dichtung werden verstärkt in den Blick genommen. Sinn wird in diesem Zusammenhang nicht als etwas Verborgenes verstanden, das es aufzufinden gilt, sondern als etwas, das durch Vollzug des Sinnlichen hervorgebracht, also erst erzeugt wird. Der Fragestellung dieser Arbeit liegen die Einsichten und Erkenntnisse der Rezeptionsästhetik zugrunde, die den Leser in seiner historischen Situiertheit begreift. Wahrnehmung im Allgemeinen wie in Verbindung mit der Rezeption wird nicht als unveränderlich verstanden, sondern im historischen Diskurs gesehen. Dieser Herangehensweise entsprechend wird versucht zu zeigen, dass Gottfrieds Tristan reich an perzeptiblen Strukturen ist, die einer Wahrnehmungskultur verpflichtet sind, welche sich von der heutigen in weiten Teilen erheblich unterscheidet. Der Text präsentiert sich als ein Wahrnehmungsangebot, als ein imaginierbarer Komplex von Bild- und Sinnesdaten. Dieser soll im Folgenden, untergliedert in Teilaspekte, untersucht werden. Bei den Betrachtungen ist immer zu bedenken, dass die jeweiligen Gesichtspunkte aufeinander aufbauen, einander bedingen und somit schließlich wieder als Ganzes zu sehen sind.
Die Auswahl der Textbelege ist nicht auf Vollständigkeit angelegt, sondern soll Beispielhaftes oder besonders Markantes aufzeigen. Sie richtet sich auch nicht nach der Chronologie des Textes, sondern nach den zu untersuchenden Einzelaspekten.
Insbesondere für längere Passagen wurde versucht, Redundanzen zu bereits vorliegenden Untersuchungen zu vermeiden.
Mit der Frage nach Bildregie und Imagination geht es in der Arbeit einmal mehr um den Versuch, die beeindruckende Wirkung, die die Erzählung (nicht nur) beim mittelalterlichen Rezipienten hinterlässt, zu entschlüsseln.

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

Einleitung

I. Vorbetrachtungen

I. 1. Wahrnehmung, Gedächtnis und Imagination

I. 2. Bildhaftigkeit der Texte

II. Imagination und Rezeptionsart

III. Imagination und Augenzeugenschaft

III. 1. Der Rezipient als Augenzeuge zweiter Ordnung

III. 2. Implizite Augenzeugenschaft

IV. Bildregie

IV. 1. Erzähler und Erzählbilder

IV. 2. Bild-Lücken – Lückenbilder

IV. 3. Einzelbild, Bildgefüge und Bildabfolge

IV. 3. 1. Polyfokalität

IV. 3. 2. Filmhafte Wahrnehmung

V. Imagination von Räumen

V. 1. Ausgedehnte Räume

V. 1. 1. Raum durch Bewegung

V. 1. 2. Raum durch Blicke

V. 2. Eingerichtete Räume

V. 2. 1. Symbolkraft und Öffentlichkeitsrelevanz des Sichtbaren

V. 2. 2. Heimliche Räume

V. 2. 3. Raum der Täuschung

V. 3. Performanz

Zielsetzung und Themen der Arbeit

Die Arbeit untersucht die Funktion und Wirkungsweise von Imagination und Bildregie in Gottfrieds "Tristan" unter rezeptionsästhetischen Gesichtspunkten. Das zentrale Ziel ist es, die spezifischen poetischen Strategien zu entschlüsseln, durch die der mittelalterliche Text ein "Wahrnehmungsangebot" an den Leser oder Zuhörer richtet und eine aktive Teilnahme an der Sinnkonstitution fordert.

  • Analyse des Zusammenspiels von Wahrnehmung, Gedächtnis und Imagination im mittelalterlichen Kontext.
  • Untersuchung der "Augenzeugenschaft" als Beglaubigungsstrategie und Mittel zur Authentifizierung der Erzählung.
  • Erforschung der "Bildregie" und des Wechsels zwischen Erzählerinstanz und bildhaften Darstellungen.
  • Erörterung der Imagination von Räumen (ausgedehnte vs. eingerichtete Räume) als Bedingung für die Partizipation des Rezipienten.
  • Vergleich mittelalterlicher Wahrnehmungsstrukturen mit modernen Konzepten wie der filmhaften Wahrnehmung.

Auszug aus dem Buch

IV. 2. Bild-Lücken – Lückenbilder

wie s’aber von ringe liezen gân, wie sî mit scheften staechen, / wie vil sî der zerbraechen – daz suln die garzûne sagen: die hulfen ez zesamene tragen. ine mag ir buhurdieren / niht allez becrôieren

Man kann die in dieser Textstelle zum Ausdruck kommende Verweigerung einerseits zwar als ironische, kritische Distanz zur konventionellen Artusepik deuten. Andererseits produziert der Text an Stellen wie dieser große Spielräume für die Imagination. Allein der Hinweis auf die Dienstburschen, die die zerbrochenen Lanzen zusammengetragen haben, stimuliert das Hervorrufen innerer Bilder beim Rezipienten, sodass das Turnier doch noch vor dem geistigen Auge stattfindet. Solche Lücken haben also nicht zur Folge, dass der Rezipient die nicht vermittelten Bilder nicht imaginieren könnte oder nicht würde. Das Gegenteil dürfte der Fall sein. Die mit der Erzählverweigerung verbundene Andeutung des Geschehens liefert gewissermaßen das Stichwort, das memoria und imaginatio auf den Plan ruft. Als Besonderheit kommt bei dieser Imagination zum Tragen, dass der Rezipient auswählen kann, was er sehen möchte. Er vermag bis zu einem gewissen Grad, das Geschehen selbst zu steuern. In Rückgriff auf selbst Erlebtes beziehungsweise auf früher Gelesenes oder Gehörtes sowie im eventuellen Zusammenspiel mit der Kommunikation innerhalb der Rezeptionsgemeinschaft können die Bild-Lücken ausgefüllt werden. Die Verweigerungshaltung des Erzählers lässt sich somit als Appell an das Publikum deuten, sich aktiv am Erzählvorgang, an der (Re-)Konstruktion der Geschichte zu beteiligen. Das jeweilige Resultat kann dann als Lückenbild bezeichnet werden.

Zusammenfassung der Kapitel

Einleitung: Die Arbeit führt in die rezeptionsästhetische Perspektive auf den "Tristan" ein, wobei der Text als Wahrnehmungsangebot verstanden wird, das spezifische historische Voraussetzungen der Wissensgenerierung und Bilderzeugung nutzt.

I. Vorbetrachtungen: Dieses Kapitel erörtert die theoretischen Grundlagen der Wahrnehmungspraxis im Mittelalter, insbesondere das Wechselspiel von imaginatio und memoria im Kontext der Literaturrezeption.

II. Imagination und Rezeptionsart: Hier wird die Vortragssituation des "Tristan" thematisiert, indem untersucht wird, wie der Text durch poetische Strategien das Publikum zur aktiven Teilnahme an einer imaginierten Aufführungssituation bewegt.

III. Imagination und Augenzeugenschaft: Der Abschnitt analysiert, wie durch die Einbindung fiktiver Augenzeugen die erzählte Geschichte ihre Authentizität gewinnt und den Rezipienten in den Status eines "Augenzeugen zweiter Ordnung" versetzt.

IV. Bildregie: Es wird die Relation zwischen Erzähler, Rezipient und den evozierten "Erzählbildern" untersucht, wobei insbesondere die Schnitttechnik und der Umgang mit Bild-Lücken als steuernde Regieelemente hervortreten.

V. Imagination von Räumen: Das Kapitel differenziert zwischen ausgedehnten, landschaftlichen Räumen und eingerichteten, symbolisch belebten Räumen, die erst durch das Handeln und die Bewegung der Figuren für den Leser wahrnehmbar werden.

Schlüsselwörter

Gottfried von Straßburg, Tristan, Rezeptionsästhetik, Imagination, Augenzeugenschaft, Bildregie, Mittelalterliche Literatur, Performativität, Kinästhetik, Polyfokalität, Wahrnehmungskultur, Raumwahrnehmung, memoria, imaginatio, fiktionale Literatur.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?

Die Arbeit untersucht, wie Gottfried von Straßburg in seinem "Tristan"-Roman durch spezifische Darstellungsmittel die Wahrnehmung des mittelalterlichen Publikums steuert und den Leser zur aktiven Imagination einlädt.

Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?

Die Schwerpunkte liegen auf den Konzepten der Augenzeugenschaft als Beglaubigungsstrategie, der Bildregie als erzählerisches Steuerungselement und der Imagination von Räumen als konstitutivem Faktor für den Leser.

Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?

Ziel ist es, nachzuweisen, dass der Tristan-Roman ein komplexes "Wahrnehmungsangebot" bietet, das den mittelalterlichen Rezipienten über performative Strategien und eine spezifische "Bildregie" in das Geschehen integriert.

Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?

Die Untersuchung basiert primär auf rezeptionsästhetischen Ansätzen und mediävistischen Theorien zur Wahrnehmungsgeschichte, wobei moderne kognitionspsychologische und medienwissenschaftliche Vergleiche (z.B. mit Filmtechniken) einbezogen werden.

Was behandelt der Hauptteil der Arbeit?

Der Hauptteil analysiert detailliert die verschiedenen Modi der Imagination, wie die Herstellung von Authentizität durch Augenzeugen, die Schnitt- und Montagetechniken des Erzählers sowie die Bedeutung von Bewegung und Blickachsen für die Konstruktion von Räumen.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?

Wesentliche Begriffe sind "Augenzeugenschaft", "Bildregie", "Polyfokalität", "Imagination", "Rezeptionsästhetik" und "performativität".

Wie begründet die Autorin die Bedeutung der "Augenzeugenschaft" für den Tristan?

Sie zeigt auf, dass der Text den Anschein erweckt, auf schriftlich fixierten Augenzeugenberichten zu basieren, um so die Fiktion als "verbürgte historia" zu legitimieren und den Leser direkt am Geschehen teilhaben zu lassen.

Was versteht die Autorin unter dem Begriff der "Bildregie"?

Unter Bildregie wird das komplexe Zusammenspiel von Erzähler, Bildern und Publikum verstanden. Dabei fungiert der Erzähler als "Regisseur", der den Fokus des Publikums lenkt, während die Bilder eine eigene Dynamik entwickeln.

Warum ist das Verständnis von "Räumen" für die Interpretation zentral?

Räume werden im Tristan nicht als statische Kulissen begriffen, sondern als durch Handlungen, Blicke und Bewegungen "eingerichtete" Orte, die den Rezipienten zur Partizipation einladen und erst in der Vorstellung Gestalt annehmen.

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Details

Title
Imagination und Bildregie im Tristan Gottfrieds von Straßburg
College
Humboldt-University of Berlin
Grade
1,0
Author
Shenja Leiser (Author)
Publication Year
2006
Pages
78
Catalog Number
V65981
ISBN (eBook)
9783638583763
ISBN (Book)
9783656783343
Language
German
Tags
Imagination Bildregie Tristan Gottfrieds Straßburg
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Shenja Leiser (Author), 2006, Imagination und Bildregie im Tristan Gottfrieds von Straßburg, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/65981
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