Das Problem sexualisierter Gewalt im Sportunterricht


Examensarbeit, 2006

75 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

2 Einleitung

3 Definition Sexualisierte Gewalt
4 Sexualisierte Gewalt im Sport (Diskussion aktueller Ergebnisse)
4.1 Erscheinungsformen
4.1.1 mittelbare Formen
4.1.2 unmittelbare Formen
4.2 Häufigkeit
4.2.1 Dunkelfelder
4.3 Ursachen
4.4 Opfer
4.4.1 Mädchen o Frauen
4.4.2 Jungen o Männer
4.5 Täter
4.5.1 Mädchen o Frauen
4.5.2 Jungen – Männer

5 Folgerungen / Fazit
5.1 Forderungen für zukünftige Forschungen
5.2 Forderungen für die Sportorganisationen
5.2.1 Forderungen innerhalb der Sportorganisationen
5.2.1.1Primäre Prävention
5.2.1.2Sekundäre Prävention
5.2.1.3Tertiäre Prävention
5.2.2 Forderungen außerhalb der Sportorganisationen
5.3 Forderungen für die Erziehung

6 Quellennachweise
6.1Bibliographie
6.1.1 Aufsätze
6.1.2 Bücher
6.2 Internet
6.3 Abbildungen

2 Einleitung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Foto: Bernd Weisbrod[1]

Pressemitteilung Nr. 133/1999,8. Dezember 1999: „[...] "Sexualisierte Gewalt im Sport gibt es nicht!" o so lautet die Meinung vieler Sportlerinnen und Sportler und zahlreicher Sportfunktionäre [...]“[2].

Diese Pressemitteilung ist nur eine von vielen. Bereits vor dem Erscheinen dieser Mitteilung gab es viele Hinweise auf sexualisierte Gewalt im Sport. Es wurden Bücher[3] veröffentlicht, die sich mit dem Thema „Sexualität o Gewalt – Sport“ auseinandersetzen. Dabei drängen sich folgende Fragen auf:

- Warum gibt es immer noch Menschen, die von sexualisierter Gewalt im Sport nichts wissen, bzw. nichts darüber wissen wollen?
- Wieso ist die Verschwiegenheit zu diesem Thema immer noch so groß?
- Wie hoch sind die Dunkelfelder im Bereich des Sports?

Unter denjenigen, die sich für das Thema interessieren und ihre Augen nicht verschließen[4], gibt es immer noch offene Fragen[5]. Teilweise werden sie mit Informationen überhäuft, so dass sie den Überblick verlieren, da viele Angaben[6] sehr allgemein gehalten werden. Andererseits haben die Menschen aber auch Angst, mehr über das Thema zu erfahren. Je weiter die Informationen in Details gehen, umso grausamer wird es und umso schwieriger wird es darüber zu sprechen.

- Gibt es Anzeichen, Ursachen, Hinweise die auf eine sexualisierte Gewalt im Sport hindeuten?
- Ist dies nicht ein Grund mehr, das Schweigen zu brechen und somit für Aufklärung zu sorgen?
- Warum fällt es den Opfern, den Freunden und Angehörigen von Betroffenen trotzdem so schwer, darüber zu reden?

Anfang der achtziger Jahre begannen in der Bundesrepublik Deutschland betroffene Frauen, ermutigt von der Frauenbewegung, öffentlich darüber zu sprechen, dass sie in ihrer Kindheit und Jugend sexuell missbraucht wurden. Es wurden Forschungen[7] zum Thema Gewalt im Sport durchgeführt. Unter anderem sprachen sie sexuelle Gewalt an und kamen zu dem Entschluss, dass niemand die Augen vor diesem Thema verschließen darf. Diese Studien geben einen Überblick zu folgenden Fragen:

- Wer sind die Opfer?
- Wer sind die Täter?
- Wie viele Opfer und Täter gibt es?
- Kann man sie überhaupt zahlentechnisch erfassen?

Nachdem einige Forschungen beendet waren, gibt es heutzutage immer noch Referenten[8], die über die Ergebnisse diskutieren. Insbesondere setzen sie sich mit nachstehenden Fragen auseinander:

- Welche Folgerungen können wir aus den Studien ziehen?
- Wie können wir den Opfern, bzw. Tätern helfen?
- Was sind die Folgen sexualisierter Gewalt für Mädchen / Frauen?
- Was sind die Folgen sexualisierter Gewalt für Jungen / Männer?

Auf jede einzelne Frage werde ich eingehen. Vor allem werde ich zeigen, dass nicht nur Mädchen und Frauen in der Opferrolle zu finden sind, sondern auch Jungen und Männer.

Ziel meiner Arbeit ist eine Diskussion zur aktuellen Sicht der Problemstellung, wobei geschlechterspezifische Unterschiede berücksichtigt werden. Dazu wird nach einer kurzen Begriffsdefinition von „sexualisierter Gewalt“ direkt ins Thema eingestiegen. Dabei geht es nicht nur um die dort vorherrschenden Erscheinungsformen, sondern es wird auch die Häufigkeiten und die Ursachen sexualisierter Gewalt im Sport betrachtet. Ein weiterer Schwerpunkt ist das Opfer und der Täter, dabei werden insbesondere weibliche und männliche Merkmale herausgearbeitet. Zum Schluss setzte ich mich mit den Ergebnissen sowie den daraus resultierenden Folgerungen auseinander.

3 Definition Sexualisierte Gewalt

In der Literatur besteht ein Problem darin, eine einheitliche Definition für „sexualisierte Gewalt“ zu finden. Das liegt vor allem daran, dass jeweils unterschiedliche Gewichtungen[9], verschiedene Betrachtungsweisen[10] und unterschiedlich verwendete Begriffe[11] eine Rolle spielen.

Bange und Deegener verwenden den Begriff „sexueller Missbrauch“. Diese Begriffsbestimmung dient als Grundlage für die hier zu erarbeitende Definition, da der Begriff „sexualisierte Gewalt“ eine viel weitreichendere Deutung beinhaltet.

„Sexueller Missbrauch an Kindern ist jede sexuelle Handlung, die an oder vor einem Kind entweder gegen den Willen des Kindes vorgenommen wird oder der das Kind aufgrund körperlicher, psychischer, kognitiver oder sprachlicher Unterlegenheit nicht wissentlich zustimmen kann. Der Täter nutzt seine Machto und Autoritätsposition aus, um seine eigenen Bedürfnisse auf Kosten des Kindes zu befriedigen.“[12]

In dieser Definition wird deutlich darauf hingewiesen, dass ein Kind niemals den gleichen Informationsstand über Sexualität besitzen kann wie ein Erwachsener (bedingt durch die körperliche, psychische, kognitive oder sprachliche Unterlegenheit). Ein weiterer Aspekt dieser Begriffsbestimmung ist, dass der sexuelle Missbrauch von Kindern praktisch überall und nicht nur in der Familie geschieht, sondern auch in Institutionen wie z.B. Kindergärten, Schulen, Heimen oder Vereinen.

Da sich diese Arbeit mit sexualisierter Gewalt im Sport auseinandersetzt, soll die hier zu verwendete Definition eine allgemein gültige und zugleich spezielle Begriffsbestimmung für den Sport beinhalten. Gewalt findet nicht nur auf physischer Ebene statt, sondern beinhaltet ebenso psychische und strukturelle Anwendungen. Bange und Deegener beschränken sich ausschließlich auf den Kontakt zwischen Erwachsenen und Kindern. Sie gehen allerdings nicht auf Sexualtaten zwischen Gleichaltrigen ein[13]. Demnach fehlt hier dieser Aspekt, zumal es sexualisierte Gewalt im Sport nicht nur unter Kindern, sondern auch unter Erwachsenen gibt. In meiner Definition sollen Funktionäre, Sportlehrer[14], Trainer, Physiotherapeuten, Sportler, Zuschauer und Spanner gleichermaßen inbegriffen sein und das bezogen auf beide Geschlechter.

Deshalb ergänze ich die Definition durch die Begriffsklärung von Constance Engelfried. Die Wissenschaftlerin unterscheidet zwischen direkter personaler und indirekter struktureller sexueller Gewalt. Dabei betont sie, dass sich zwar der „[...] weit gefasste Gewaltbegriff nicht zwischen personaler und indirekter struktureller Gewalt unterscheidet [...]“, allerdings ginge dies „[...] einher mit der Nivellierung von Unterschiedlichkeiten [...]“[15]. Für sie ist die direkte personale sexuelle Gewalt ein Akt, welcher durch körperliche oder seelische Berührung zustande kommt. Das Opfer erlebt dabei eine Person (Täter) in naher Umgebung oder direkt vor dessen Augen, welcher eine sexuelle Gewalttat ausübt. Betroffene können sich nicht wehren, da sie sich in einer von dem Täter erzwungener Situation befinden. Für Constanze Engelfried fällt folgendes darunter:[16]

- Vergewaltigung (orale, anale und vaginale Penetration);
- Sexuelle Ausbeutung (Masturbation an / vor den Opfern, Fraueno und Kinderhandel, Zeigen pornographischer Schriften und Filmen, Zwang zur Prostitution);
- Sexuelle Grenzüberschreitungen / Übergriffe (sexuelle Belästigung, Exhibitionismus, Anfassen der Genitalien).

Bei der indirekten strukturellen sexuellen Gewalt steht für sie fest, dass sich diese durch alle gesellschaftlichen Bereiche zieht.[17] Gerade Mädchen und Frauen haben im Bereich des Sports mit Vorurteilen, insbesondere ausgehend von den Männern, zu kämpfen. Zum Beispiel wird ihnen, laut einer Statistik des Landesosportbundes NRW im Jahre 1994[18], der Weg zu einer Führungsrolle innerhalb des Sportverbandes erschwert. Auch die Jungen und Männer unter sich geraten auf struktureller Ebene aneinander. Dabei kommen sich oftmals ältere und jüngere Männer in die Quere, jedoch seltener die Gleichaltrigen. Die Generationen bringen unterschiedliches Wissen mit, welches durch unterschiedliche geistige Entwicklungsstadien bedingt ist. Demnach werden zum Beispiel eher ältere, reifere Männer für gehobenere Positionen[19] bevorzugt, da hier die Erfahrungswerte gefragt sind Junge, spontane und ideenreiche Männer werden eher in den Bereichen eingesetzt, in denen es auf neue Ideen ankommt und auch mal ein Risiko[20] eingegangen wird.

Diese (Machto)Kämpfe, egal ob heteroo oder homogen, werden unter anderem auf struktureller sexueller Gewaltebene ausgetragen. Sie finden indirekt statt, da die Übermittlung immer durch Dritte geschieht. Hierzu einige Beispiele:

- Frauenfeindliche Bemerkungen:
- Die Frauenbeauftragte eines Sportvereins verkündet auf einer Sitzung zur Wahl des Verbandvorstandes, dass sie Interesse an einer Kandidatur hat. Daraufhin hört sie 2 Plätze weiter, wie ein Kollege seinem Nachbarn ins Ohr flüstert: „Was will sie denn da? Früher oder später tickt ihre innere Uhr und dann kommt sie nur noch ihren Pflichten als Produktionsmaschine nach. Dann kann sie auch gleich da bleiben, wo sie jetzt ist, dann hinterlässt sie wenigstens kein all zu großes Loch, wenn sie ausfällt.“
- sexistische Bemerkungen:
- Eine Übungsleiterin wird zur Trainerin C ernannt, dabei ertönt es aus der Menge: „Kein Wunder, bei diesen wunderschönen großen Augen.“
- Medien:
- Auf einem privaten Fernsehsender wird über den Sportlerball berichtet, und nebenbei verglichen, welche Sportlerin mit dem tiefsten Dekolleté auftauchte (zusätzliche Fragen, wie: „Warum sie das wohl nötig hätte?“ blieben dabei vom Reporter offen im Raum stehen.)

Die Beispiele sagen jedoch nichts darüber aus, ob sich das Opfer auch wirklich als Opfer fühlte. Eine sexualisierte Gewalttat kann verschiedene Folgen haben, demnach fallen manche Menschen ungern in die Opferrolle[21] (siehe Abschnitt 4.4).

Die beiden oben zitierten Definitionen enthalten jeweils wichtige Aspekte von sexualisierter Gewalt im Sport. Basierend auf diesen zwei Auslegungen gilt für diese Arbeit folgende Definition:

Sexualisierte Gewalt ist jede sexuelle Handlung, die an oder vor einer Person entweder gegen seinen / ihren Willen vorgenommen wird oder bei der die Person aufgrund körperlicher, psychischer, kognitiver oder sprachlicher Unterlegenheit nicht wissentlich zustimmen kann. Der Täter nutzt seine Machto und Autoritätsposition aus, um seine eigenen Bedürfnisse auf Kosten der Person zu befriedigen. Dabei wird zwischen direkter personaler sexueller Gewalt und indirekter struktureller sexueller Gewalt unterschieden.

4 Sexualisierte Gewalt im Sport (Diskussion aktueller Ergebnisse)

Sexualisierte Gewalt im Sport ist mittlerweile kein unbekanntes Thema mehr. Allerdings gibt es immer noch Bereiche im Sport, die kaum darüber reden und dass bedeutet vor allem der Schulsport, der Leistungso und Breitensport und die Sportvereine allgemein. Statements wie "Ich kenne niemanden, der bei uns so etwas tut!" sind keine Einzelfälle. Alle paar Jahre taucht für die Öffentlichkeit ein Skandal „sexueller Gewalt im Sport“ auf. 1995 berichtete die Stuttgarter Zeitung über einen Prozess, bei dem ein Tennislehrer wegen „sexuellen Kindesmissbrauchs“ angeklagt wurde.[22] Ende der 90er Jahre war es beispielsweise der Eiskunstlauftrainer Karel Fajfr, die Anklage lautete „sexueller Missbrauch“.[23] Die Reaktion auf Vorfälle dieser Art ist immer die gleiche: Es wird darüber geredet, man regt sich auf, es wird öffentlich hochgezogen, und dann verschwindet alles mitsamt den Opfern wieder in der Bodenlosigkeit. Alles andere, was zwischen den medienwirksamen Skandalen passiert, wird tabuisiert, unterdrückt und verheimlicht.[24]

Aus diesem Grund haben sich einige Forscher seit Beginn der Achtziger mit dem allgemeinen Thema „Gewalt im Sport“ auseinander gesetzt. Der Forschungsgedanke ist bei allen gleich: Sie möchten herausfinden, warum es „Gewalt im Sport“ gibt. Das dieses Problem existiert, darin sind sich alle einig. Die Problematik ist sehr komplex, so dass es umso schwieriger ist, sich auf alle Facetten zu konzentrieren. Die Forscher betrachten zu Beginn ihrer Studien nur einen kleinen Bereich (z.B. Gewalt gegen Mädchen im Sport oder gegen Jungen oder gegen Kinder), um diesen anschließend zu vertiefen, bzw. zu erweitern. In ihren Studien gehen sie nicht auf Gewalt im Allgemeinen ein, sondern teilen diese umfangreiche Thematik in verschiedene Erscheinungsformen. Dabei findet man auch sexuelle, verbale, körperliche und strukturelle Gewalt.

Die wohl bekanntste und oft für Erklärungen hinzugezogene Forschung ist die Pilotstudie[25] von Michael Klein und Birgit Palzkill.

Ausgangspunkt ihrer Pilotstudie waren zwei Diagnosen:

- „[...] Der Gewaltbegriff im Sport ist weitgehend unpräzise, vieldeutig und strittig und wird auch als Vehikel in der Auseinandersetzung unterschiedlicher Interessenlagen missbraucht. [...]
- Gewalt, Gewalthandlungen und Gewaltsituationen, insbesondere die Gewalt gegen Mädchen und Frauen im Sport werden zwar andiskutiert und teilweise auch untersucht, aber sie stellen noch weitgehend einen tabuisierten und verleugneten Bereich dar. [...]“[26]

Diese Diagnosen stellten Klein und Palzkill auf, weil sie zuvor sowohl in den Medien als auch im Sport feststellen mussten, dass sich die Öffentlichkeit nur für Skandale interessiert und dabei die eigentliche Problematik (Gewalt im Sport) in Vergessenheit geriet. Zu Beginn ihrer Studie stellten sie einen Fragenkatalog auf, der unter anderen folgende Probleme klären sollten.[27]

- Gibt es Gewalt gegen Mädchen und Frauen im Sport?
- Gibt es für den Sport typische und spezifische Formen der Gewalt gegen Mädchen und Frauen?
- Welche Bedingungen im Sport sind der Gewalt gegen Mädchen und Frauen besonders förderlich?

Die Studie dauerte fünf Monate, in denen die Forscher Literatur zum Thema sichteten, und Kontakt mit Personen, die entweder Gewalt selbst erlebt haben oder Personen, die Gewalt thematisieren und dadurch zum Ausdruck bringen (z.B. Mitarbeiter von Beratungsstellen, Schüler unterschiedlichen Jahrgangs, Sportlehrer, Leistungssportler und Leistungssporttrainer). Die Personen wurden ausgewählt, da es an dieser Stelle der Studie zunächst darum ging, „[...] Wahrnehmung und Erlebnisqualität der Betroffenen Gehör zu verschaffen und um einen annähernden validen Zugang zu Gewaltsituationen und Gewalterfahrungen möglich zu machen [...]“.[28] Beide sind zusätzlich der Meinung, dass die gewonnenen Ergebnisse durchaus in einer Hauptstudie noch zu vertiefen sind.

In ihrer Pilotstudie haben sie sich nicht mit den Themen „Jungen als Opfer“ oder „Mädchen und Frauen als Täterinnen“ beschäftigt. Allerdings werden alle anderen Ergebnisse von ihnen in dieser Arbeit o hauptsächlich im Kapitel 4 o aufgegriffen, insbesondere wenn es um den Bezug der Mädchen und Frauen als Opfer geht.

Die Forschungslage „sexualisierter Gewalt gegen Jungen und Männer im Sport“ sieht dagegen sehr dürftig aus. Nicht zuletzt ein Grund mehr sich mit dieser Seite intensiver auseinander zusetzen. Es gibt zwar viele Ausgaben von „sexualisierter Gewalt gegen Jungen“, allerdings nicht halb so viele Veröffentlichungen zu „sexualisierter Gewalt gegen Jungenim Sport“. Ein Beitrag von Dirk Bange[29] setzt sich explizit mit der Frage auseinander, in wiefern „Sexueller Missbrauch an Jungen – auch im Sport ein Thema?!“ ist. Er selbst sagt, dass es bis zum Erscheinen seines Beitrags nur drei Bücher von deutschen Autoren gibt, die sich mit dem Thema „sexueller Missbrauch an Jungen“ befassen.[30] Glöer / SchmiedeskampoBöhler 1990 beschäftigen sich zwar mit dem Thema, aber sie beziehen sich nicht auf den Sport.[31] Julius / Boehme 1994 setzen sich ebenfalls ausführlich mit dem Thema auseinander und arbeiten mit einer umfangreichen Auflistung durchgeführter Studien zu dem Problem. Allerdings gehen sie nur implizit im Kapitel „Opfer – Täter – Beziehungen“ auf den Bereich Sport ein und auch nur ansatzweise durch das Wort „Autoritätsperson“[32].

Dirk Bange beschäftigt sich in seinem Beitrag mit speziellen Punkten, um so die Problematik „sexuelle Gewalt gegen Jungen im Sport“ ein wenig zu beleuchten. Folgende Betrachtungen nimmt er vor:

- Häufigkeit sexuellen Missbrauchs an Jungen
- Anhand eines Schaubildes stellt er das Ausmaß des sexuellen Missbrauchs an Jungen dar. Dabei stellt er die Studien von Raupp und Eggers 1993, Wetzel 1994, dem Bundesministerium für Familie und Senioren 1993 und seine eigene Studie von 1994 gegenüber. (siehe Abschnitt 4.2)
- Umstände sexuellen Missbrauchs
- In diesem Abschnitt spricht er über das „Wo?“ und „Wie?“ sexueller Missbrauch an Jungen stattfindet. Zusätzlich geht er kurz auf das Durchschnittsalter von Opfer und Täter ein.
- Frauen als Täterinnen
- Da dieses Thema kaum Beachtung findet und selten in Frage kommt, aber dennoch nicht verachten werden darf, trägt er der Vollständigkeit bisherige Untersuchungen zusammen. (siehe Abschnitt 4.5.1)
- Folgen von sexuell missbrauchten Jungen
- Bei den Folgen von männlichen Opfern konzentriert er sich hauptsächlich auf die Probleme mit der männlichen Identität, die Isolierung von anderen Kindern sowie die Aggressivität. Allerdings stellt die Tabuisierung von „Sexueller Gewalt gegen Jungen im Sport“ eine weitere Schwierigkeit dar. (siehe Abschnitt 4.4.2)
- Anregungen für die beraterischotherapeutische Arbeit mit männlichen Opfern
- Ihm ist es besonders wichtig, dass bei einer sensiblen Beratung speziell auf Schamo und Schuldgefühle eingegangen werden. Diese Gefühle sind bei männlichen Opfern sehr häufig und deshalb berichtet er über diese Punkte ausführlich. (siehe Abschnitt 4.4)

Dirk Bange ist bewusst, dass die derzeitigen Forschungsergebnisse zu „sexueller Gewalt gegen Jungen im Sport“ noch nicht ausreichend sind. Allerdings ist er einer der wenigen, die versucht haben, diese Thematik auf den Punkt zu bringen. Deswegen wird o bezogen auf die männlichen Aspekte o größtenteils auf seinen Beitrag zurückgegriffen.

4.1 Erscheinungsformen

Hinsichtlich der verschiedensten Erscheinungsformen hat sich unter anderem Brackenridge (1995) einer Forschung angenommen, die persönliche und interpersonale Komponenten missbräuchlicher Beziehungen auflistet. Dabei ging sie speziell nur auf die Beziehungen zwischen Sportler und Trainer ein. Für ihre Ergebnisse zog sie individuelle Berichte über betroffene Sportlerinnen hinzu. In ihrer Auflistung wird zwischen sexueller Diskriminierung, sexueller Belästigung und sexuellem Missbrauch unterschieden. Unter diesen einzelnen Punkten werden unterschiedliche Varianten angegeben, die zugleich als Definition der Bereiche gelten sollen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

institutionell... persönlich

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Abbildung 1: Definition und Beispiele sexualisierter Gewaltformen im Sport

Diese Abbildung zeigt wie vielseitig die Formen sexualisierter Gewalt im Sport sind. Gleichzeitig lässt sich erkennen wie unterschiedlich die Begrifflichkeiten definiert sind. So gibt es zum Beispiel unter dem Punkt sexuelle Belästigung Abweichungen zur Ausgangsdefinition von Engelfried. Für Brackenridge hat dieser Aspekt von sexueller Gewalt nichts mit Körperkontakt zu tun, sie listet nur seelische Berührungen auf. Allerdings sagt sie: „Es gibt sicherlich Parallelen zwischen sexueller Diskriminierung, sexueller Belästigung und sexuellem Missbrauch. Man könnte zum Beispiel argumentieren, dass sämtliche Varianten sowohl strukturelle wie auch persönliche Elemente einbeziehen.“[33]

Constanze Engelfried ist dagegen von vornherein der Meinung, dass sexuelle Belästigung durchaus dem direkten Körperkontakt hinzugefügt wird.[34]

Zum Beispiel:

o Der Sportlehrer gibt regelmäßig Hilfestellung bei den Mädchen. Mit der Zeit fällt den Mädchen auf, dass er bei einer bestimmten Schülerin immer wieder abrutscht und dabei „aus versehen“ ihre Brüste berührt. Dies viel auch schon der betroffenen Schülerin auf und sie meldet diese Vorfälle dem Vertrauenslehrer.

In diesem Beispiel fand ein sexueller Übergriff statt, da der Lehrer eine Handlung vollzog, wodurch er sich an der betreffenden Person sexuell erregte oder befriedigte. Der Schülerin war zu Beginn dieser Handlung nicht bewusst, was ihr Sportlehrer tat. Erst als sich die Ereignisse wiederholten, fühlte sie sich von ihm belästigt und meldete es.

Brackenridge und Summers haben zusätzlich, um ihre Auflistung der Erscheinungsformen zu vertiefen, eine weitere detaillierte Einteilung vorgenommen. Dieses Schaubild soll verdeutlichen, wie breit das Spektrum von Risikofaktoren ist, welche die Formen der sexualisierten Gewalt im Sport verstärken. Dazu haben sie die Berichte, welche sie bereits beim ersten Schaubild verwendet haben, erneut ausgewertet und verglichen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Risikofaktoren sexuellen Missbrauchs im Sport

Dieses Schaubild zeigt neben den Variablen auch ihre Trends (in Klammern). Demnach sollte ein Trainer eher ein Mann sein und darüber hinaus auch viel größer / stärker und älter, als die Sportler. Nicht nur das die eventuell bereits geschehene sexuelle Belästigungen unbekannt sind, die Eltern pflegen zudem ein starkes Vertrauen zum Trainer, so dass die Glaubwürdigkeit der SportlerInnen zusätzlich niedriger ist. Außerdem scheinen die Trainer viele Möglichkeiten zu haben, in denen sie ihrer sexuellen Handlung nachkommen können (z.B. Trainingslager, Wettkämpfe im Ausland). Die Sportler werden immer jünger und die Zahl der Einsteigerinnen in die Sportart überwiegt gegenüber den Jungen. Sie können sich mit der Zeit weniger selbst einschätzen, so dass ihre Aufmerksamkeit, was Vorfälle sexueller Belästigung angeht, sinkt. Diese Tendenzen geben auch Hinweise auf Ursachen (siehe Abschnitt 4.3) von sexualisierter Gewalt im Sport.

Brackenridge benutzt im Gegensatz zu Engelfried, andere Definitionsauffassungen bestimmter Begrifflichkeiten und hat erkannt, dass durchaus noch Forschungsbedarf besteht, was zum Beispiel den Zusammenhang zwischen Essstörungen und sexuellen Missbrauch angeht.[35] Diese beiden Tatsachen zeigen, dass sich die Autoren nicht immer einig sind und die Studien zu diesem Thema noch nicht abgeschlossen sind. Nachfolgend werden Formen sexualisierter Gewalt aufgeführt und diese an Beispielen verdeutlicht. Da das Thema noch längst nicht ausreichend erforscht ist, kann ich mich jedoch nur auf bereits wissenschaftlich fundierte Formen stützen. Die folgende Aufzählung erhebt demnach nicht den Anspruch der Vollständigkeit. Dass es bei den einzelnen Auslegungen auch Beziehungen untereinander gibt (siehe sexuelle Belästigung), wird nicht ausgeschlossen.

Die gewählten Begriffe „mittelbar“ und „unmittelbar“ sind zu verstehen als: Ob ein Körperkontakt zwischen Opfer und Täter stattgefunden hat. Wenn ja, dann ist diese Art des Kontaktes den unmittelbaren Formen und wenn nein den mittelbaren Formen zugeordnet.

4.1.1 mittelbare Formen

Sexuelle Belästigungen sind laut Brackenridge und Summers (1997): „[...] ein Verhalten [...], das Kommentare und / oder Verhalten beinhaltet, das beleidigend, einschüchternd, erniedrigend, schmerzlich, hinterhältig, degradierend oder anderweitig belästigend gegenüber einem Individuum oder einer Gruppe von Individuen ist, oder das eine unangenehme Umgebung schafft.“[36] Hierbei handelt es sich um Kinder, die an sexuellen Handlungen mit Erwachsenen (oder umgekehrt) und Gleichaltrigen beteiligt werden. Die (sogenannte) Freiwilligkeit spielt dabei keine Rolle. Sicherlich können auch Vergewaltigungen hinzugezählt werden, allerdings geht es nicht um den direkten Kontakt zweier Geschlechtsteile oder den Missbrauch durch einen anderen Gegenstand. Vielmehr handelt es sich um das bewusste oder „unbewusste“ Zeigen oder Betrachten des Intimbereichs, bzw. einzelner Körperteile. Der Aspekt des Berührens ist den unmittelbaren Formen zu zuordnen (siehe Abschnitt 4.1.2). Beispiele für sexuelle Belästigungen:

- Übergriffe exhibitionistischer Art
- ... ein Tennistrainer trägt keine Shorts unter seiner Sporthose, so dass seine Schüler jedes Mal sein Geschlechtsteil sehen können, wenn er sich hinsetzt.[37]

- verbale Übergriffe
- ... eine Sportlehrerin muss sich von ihren Schülern Sprüche anhören wie „Boa, hast du ne geile Figur“.[38]

- Gestische Übergriffe
- ... ein Schwimmtrainer wirft seinen Schülerinnen immer wieder lüsterne Blicke zu, insbesondere betrachtet er ihre Brüste als sie in die Pubertät kommen.[39]

- Verletzung der Intimsphäre
- ... die Mädchen müssen ihrem Sportlehrer auf der Toilette ihre Binden und Tampons zeigen, wenn sie während der Menstruation vom Sportunterricht befreit werden möchten.[40]

Eine weitere mittelbare Form liegt vor, wenn das „Opfer“ sich unwohl fühlt, ohne dass von dem „Täter“ eindeutige sexuelle Absichten ausgehen. Man spricht von Grenzverletzungen, wenn es sich dabei um einmalige Momente handelt. Aus diesem Grund sind solche Formen von sexualisierter Gewalt schwer nachzuweisen. Falls sich solch eine Tat dennoch wiederholt, so kann man von einer sexuellen Belästigung ausgehen. Zum Beispiel:

- Grenzverletzungen bei Kontrolle der Sportbekleidung
- ... ein Volleyballtrainer untersagt seinen Sportlerinnen das Tragen langer Trainingshosen, stattdessen sind nur kurze und enge Hosen erlaubt; außerdem sind Unterhosen verboten, da diese an der Haut reizen würden.[41]

Die strukturelle sexualisierte Gewalt wird ebenfalls als mittelbare Form angesehen. Das entscheidende bei dieser Erscheinungsform ist, „[...] dass sie weniger als gewalttätige Sexualität daherkommt, sondern als Machtausübung, Unterwerfung und Demütigung mit dem Mittel der Sexualität [...]“.[42] Hierbei richtet sich die strukturelle Gewalt gegen das Geschlecht (Mann / Frau), die sexuelle Neigung (Homosexualität) oder das Aussehen (besondere weibliche / männliche Merkmale oder gerade weil bestimmten männliche / weibliche Merkmale nicht vorhanden sind).

[...]


[1] [Frei,K.: Sexueller Missbrauch o Schutz durch Aufklärung, Ravensburger Buchverlag 1993&1997]

[2] [Vgl. Universität Bielefeld: Presse. Zugriff am 14. September 2005 unter http://www.uniobielefeld.de/presse/pm/pm99_133.htm]

[3] [z.B. Palzkill / Scheffel / Sobiech 1991, Engelfried 1997]

[4] [z.B. Forscher wie Engelfried / Bange / Klein & Palzkill]

[5] [z.B. „Wie sehen die Strategien im Umgang mit Beschwerden von sexueller Gewalt inallenBeoreichen des Sports aus?“]

[6] [z.B. zum Geschlecht, zum Umfeld, zur Täterschaft, zum Alter der Opfer / der Täter]

[7] [z.B. Klein & Palzkill 1998 „Gewalt gegen Mädchen und Frauen im Sport“, eine Pilotstudie im Aufotrag des Ministeriums für die Gleichstellung von Frau und Mann des Landes NordrheinoWestfalen]

[8] [z.B. Engelfried in Anders & BraunoLaufer 1996, S.41]

[9] [z.B. Geschlecht und Alter der Opfer / der Täter]

[10] [z.B. klinische Studien, gemeldete Straftaten, Dunkelziffern]

[11] [z.B. „sexuelle MissoHandlung“ oder „sexueller ÜberoGriff“, vgl. Luka 1998, S.9]

[12] [Bange & Deegener 1996, S.105]

[13] [Vgl. Bange in Engelfried 1997, S. 113 o 118]

[14] [in dieser Arbeit wird die sächliche Form benutzt, wenn beide Geschlechter angesprochen weroden, zum Beispiel: Sportler = Sportlerinnen]

[15] [Zitat Engelfried 1997, S.23]

[16] [Vgl. Engelfried 1997, S.23]

[17] [Vgl. Engelfried 1997, S.21o22]

[18] [Diese Statistik besagt, dass Frauen zwar 37% der Vereinsmitglieder stellen, allerdings je höher die Verantwortlichkeit, desto seltener ist eine Frau präsent. Frauen sind z.B. zu 0% im geschäftsführenden Präsidium des Landessportbundes NRW vertreten.]

[19] [z.B. Präsidenten des Sportvereins, des Verbandes]

[20] [z.B. „Als Jugendwart im Verein Entscheidungen treffen, die ohne jegliche Absprachen eventuell Konsequenzen für ihn hätten.“ oder „Als Sportlervertretung hinter den Sportlern stehen und eben nicht hinter den Organisatoren.“]

[21] [Vgl. Engelfried 1997, S.24]

[22] [Vgl. Engelfried 1997, S. 132]

[23] [Vgl. Klein & Palzkill 1998, S. 7]

[24] [Vgl. Klein & Palzkill 1998, S. 7]

[25] [„Gewalt gegen Mädchen und Frauen im Sport“, eine Pilotstudie im Auftrag des Ministeriums für die Gleichstellung von Frau und Mann des Landes NordrheinoWestfalen, 1998]

[26] [Zitat, Klein & Patzkill 1998, S. 8]

[27] [Vgl. Klein & Patzkill 1998, S. 8]

[28] [Zitat, Klein & Palzkill 1998, S. 10]

[29] [Vgl. Bange in Engelfried 1997, S. 112-130 ]

[30] [z.B. Glöer & SchmiedeskampoBöhler 1990; Julius & Boehme 1994; Bange & Enders 1995]

[31] [Vgl. Glöer & SchmiedeskampoBöhler „Verlorene Kindheit“, 1990]

[32] [Vgl. Julius & Boehme 1997 (2.Auflage), S.73]

[33] [Vgl. FairoPlayoInitiative des deutschen Sports unter Federführung der Deutschen Olympischen Gesellschaft mit Unterstützung der Sparkassen & Bundesausschuss Frauen im Sport des Deutschen Sportbundes (Hrsg.): Fair Play – Für Mädchen und Frauen im Sport? Frankfurt am Main 1995, S. 33]

[34] [Vgl. Engelfried 1997, S. 23]

[35] [Vgl. Engelfried 1997, S. 50]

[36] [Zitat: Backenbridge & Summers 1997, in Klein & Palzkill 1998, S. 71]

[37] [Vgl. Engelfried 1997, S. 36]

[38] [Vgl. Klein & Palzkill 1998, S. 38]

[39] [Vgl. Klein & Palzkill 1998, S. 38]

[40] [Vgl. Enders 1995, S. 21]

[41] [Vgl. Klein & Palzkill 1998, S. 38]

[42] [Zitat Klein & Palzkill 1998, S. 30]

Ende der Leseprobe aus 75 Seiten

Details

Titel
Das Problem sexualisierter Gewalt im Sportunterricht
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover  (Institut für Sportwissenschaft - Hannover)
Note
2
Autor
Jahr
2006
Seiten
75
Katalognummer
V65982
ISBN (eBook)
9783638583770
Dateigröße
808 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Bei dieser Arbeit handelt es sich um eine Diskussion unter besonderer Berücksichtigung geschlechtsspezifischer Unterschiede.
Schlagworte
Problem, Gewalt, Sportunterricht
Arbeit zitieren
Susan Gießler (Autor), 2006, Das Problem sexualisierter Gewalt im Sportunterricht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/65982

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