Integration in Lateinamerika. Neofunktionalistische und intergouvernementalistische Elemente im Mercosur


Diplomarbeit, 2006

113 Seiten, Note: 1,0

Anonym


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

A. EINLEITUNG

B. THEORETISCHE GRUNDLAGEN FÜR DIE ANALYSE DES MERCOSUR
1. Der Neofunktionalismus
1.1 Die ursprüngliche Formulierung des Neofunktionalismus bei Haas
1.2 Die Erweiterung der neofunktionalistischen Perspektive
1.3 Weitere Differenzierung des Neofunktionalismus
1.3.1 Erste Korrekturen: Leon N. Lindberg und Ernst B. Haas
1.3.2 Grundlegende Revisionen des Neofunktionalismus
1.3.2.1 Philippe Schmitter: Akteursstrategien und Entscheidungszyklen
1.3.2.2 Das Modell von Lindberg / Scheingold
1.3.2.3 Joseph S. Nye: Prozessmechanismen und Integrationsbedingungen
1.3.3 Resümee zu den neofunktionalistischen Differenzierungen
1.4 Die Renaissance des Neofunktionalismus
1.5 Zusammenfassung der neofunktionalistischen Theorie
2. Der Intergouvernementalismus
2.1 Die Formulierung des Intergouvernementalismus bei Hoffmann
2.1.1 Die zentrale Rolle der Nationalstaaten
2.1.2 Hoffmanns Kritik am funktionalistischen Erklärungsmodell
2.1.3 Logic of Diversity als dynamisches Element
2.1.4 Resümee zum Intergouvernementalismus bei Hoffmann
2.2 Der liberale Intergouvernementalismus Moravcsiks
2.2.1 Grundsätzliche Prämissen und Intergovernmental Institutionalism
2.2.2 Die Erweiterung des Ansatzes
2.2.3 Resümee zum Intergouvernementalismus bei Moravcsik
2.3 Zusammenfassung der intergouvernementalistischen Theorie

C. THEORETISCHES ANALYSERASTER: WESENTLICHE ERKLÄRUNGSMUSTER BEIDER THEORIEN ALS BASIS FÜR DIE ANALYSE DES MERCOSUR
1. Wesentliche Erklärungsmuster des Neofunktionalismus
1.1 Technisch-funktionale Zusammenarbeit als Ursprung von Integration
1.2 Die Akteure des Integrationsprozesses im Sog funktionaler Sachzwänge
1.3 Gemeinschaftliche Institutionen und nationale Eliten als Integrationsgestalter
1.4 Spill-over als dynamisches Element im Integrationsprozess
2. Wesentliche Erklärungsmuster des Intergouvernementalismus
2.1 Institutionelle Strukturen: Zwischenstaatliche Verhandlungen statt Supranationalismus . . .
2.2 Nationale Interessen, Macht und Souveränität als bestimmende Größen
2.3 Die Nationalstaaten als entscheidende Akteure
2.4 Integration als innenpolitisches Instrument
2.5 Inner- und zwischenstaatliche Verhandlungen als Erklärungsmodell
3. Zusammenfassende Darstellung des Analyserasters

D. NEOFUNKTIONALISTISCHE UND INTERGOUVERNEMENTALISTISCHE ELEMENTE IM MERCOSUR-PROZESS
1. Neofunktionalistische Elemente im Mercosur
1.1 Technisch-funktionale Zusammenarbeit als Ursprung von Integration? Die Anfänge des Mercosur
1.2 Die Akteure des Integrationsprozesses im Sog funktionaler Sachzwänge
1.2.1 Der Globalisierungsprozess als Weichensteller
1.2.2 Transnationale Vernetzungen im Wirtschaftssektor
1.2.3 Sackgasse Importsubstitution
1.2.4 Die Verschuldungskrisen der 1980er Jahren
1.2.5 Die brasilianische Finanzkrise von 1999 und ihre Folgen
1.2.6 Das Vertragswerk des Mercosur
1.2.7 Resümee
1.3 Gemeinschaftliche Institutionen und nationale Eliten als Integrationsgestalter
1.3.1 Supranationale Institutionen als Katalysator im Integrationsprozess
1.3.1.1 Supranationale Strukturen im Mercosur
1.3.1.2 Einfluss gemeinschaftlicher Institutionen auf den Integrationsprozess
1.3.2 Nationale Eliten als relevante Akteure im Mercosur
1.3.2.1 Die Verbände im Mercosur-Prozess
1.3.2.2 Die Parteien im Mercosur-Prozess
1.3.3 Resümee
1.4 Spill-over als dynamisches Element im Mercosur-Prozess
1.4.1 Spill-over auf institutioneller Ebene
1.4.2 Bürgerintegration als potentieller spill-over
1.4.3 Gemeinsame Strukturpolitik als Folge von spill-over
1.4.4 Weitere Beispiele möglicher spill-over
1.4.5 Resümee
1.5 Zusammenfassung der neofunktionalistischen Elemente im Mercosur
2. Intergouvernementalistische Elemente im Mercosur
2.1 Institutionelle Strukturen des Mercosur: Zwischenstaatliche Verhandlung statt Supranationalismus
2.2 Nationale Interessen, Macht und Souveränität als bestimmende Größen im Mercosur-Prozess
2.2.1 Nationalstaatliche Interessen als ausschlaggebende Größe
2.2.1.1 Integration als strategische Allianzbildung
2.2.1.2 Die Bedeutung von nationalen Interessen in bi- und multilateralen Verhandlungen
2.2.1.3 Noch immer Rivalen: Brasilianisch-argentinische Handelskonflikte
2.2.1.4 Der argentinisch-uruguayische „Zellulosekrieg“
2.2.2 Nationalstaatliche Macht als bestimmender Faktor
2.2.2.1 Der Mercosur als machtpolitisches Instrument Brasiliens
2.2.2.2 Verhandlungsmacht als Triebfeder der Integration
2.2.2.3 Die Bedeutung relativer Machtverhältnisse im Mercosur-Prozess
2.2.3 Souveränität als oberste Priorität
2.2.3.1 Gemeinschaftsorgane und Souveränitätstransfer als kalkulierte Handlungen der Nationalstaaten
2.2.3.2 Brasilien als Verfechter nationalstaatlicher Souveränität
2.2.4 Resümee
2.3 Die Nationalstaaten als entscheidende Akteure im Mercosur
2.3.1 Der Einfluss von gemeinschaftlichen Institutionen
2.3.2 Die Nationalstaaten als entscheidende Gestalter
2.4 Der Mercosur als innenpolitisches Instrument
2.5 Inner- und zwischenstaatliche Verhandlungen als Erklärungsmodell für die Entwicklung des Mercosur
2.6 Zusammenfassung der intergouvernementalistischen Elemente im Mercosur
3. Ergebnisse der Untersuchung
3.1 Der Mercosur: Ergebnis funktionaler Sachzwänge?
3.2 Der Mercosur: Spielball nationaler Regierungen?
3.3 Fazit

E. SCHLUSSBEMERKUNG

Literaturverzeichnis

Tabellenverzeichnis

A. EINLEITUNG

Seit Beginn der 1990er Jahre erlebt Lateinamerika eine kaum für möglich gehaltene neue Integrationsdynamik. Die weltweiten Regionalisierungstendenzen innerhalb einer zuneh- mend globalisierten Weltordnung haben offensichtlich auch diese Region erfasst. Als das bisher erfolgreichste und ehrgeizigste Integrationsprojekt in Lateinamerika gilt dabei der Mercosur1. Während es aktuell zahlreiche Beispiele für regionale Zusammenschlüsse gibt, handelt es sich hier um einen Kooperationsansatz, dessen verpflichtender Charakter und dessen ordnungspolitischer Umfang wohl nur noch von der Integration Europas über- boten werden.2 Zwar ist etwa die NAFTA3 bedeutender bezüglich ihrer Wirtschaftskraft, jedoch ist ihre Integrationsintensität erheblich geringer. Letzteres gilt auch für die zahlrei- chen übrigen lateinamerikanischen Integrationsprojekte4, ebenso wie für die asiatische ASEAN5 oder die afrikanische SADC6 bzw. ECOWAS7.

Aufgrund der enormen globalen Bedeutung derartiger Prozesse setzen sich die un- terschiedlichsten wissenschaftlichen Disziplinen mit dem Thema Integration auseinander. Das Forschungsinteresse ist dabei ebenso vielseitig wie die Disziplinen selbst. Es liegt auf der Hand, dass z.B. die Wirtschaftswissenschaften bemüht sind, die ökonomischen Impli- kationen der Regionalisierungsprozesse zu untersuchen und auszuwerten, etwa um Handlungsempfehlungen an Politik und Unternehmen geben zu können. Aber auch inner- halb der Sozialwissenschaften beschäftigt sich nicht zuletzt die Politikwissenschaft mit dem Phänomen integrativer Entwicklungen. Hier wurde eine Reihe divergierender Theo- rien erarbeitet und diskutiert, deren Anspruch es war und ist, Integrationsprozesse zu er- klären. Das ideale empirische Betätigungsfeld bot dabei in jüngerer Vergangenheit nahe- zu ausschließlich der europäische Einigungsprozess, dessen „idealtypischer“ Verlauf den Nährboden für die theoretische Entwicklung darstellte. Dies hatte zur Folge, dass anderen Integrationsprojekten relativ wenig Aufmerksamkeit geschenkt wurde und dass diese vor allen Dingen in der Theorieentwicklung kaum Berücksichtigung fanden. Dies erscheint umso verwunderlicher, berücksichtigt man einerseits die inzwischen gewichtige Rolle des Mercosur auf dem amerikanischen Kontinent und seine stetig wachsende Relevanz auf dem globalen Parkett, und andererseits das große Interesse, das diesem Zusammenschluss von anderer Seite entgegengebracht wird.

Bei einer solchen europazentrierten Ausrichtung der Integrationsforschung stellt sich die Frage, ob und in welchem Umfang politikwissenschaftliche Theorien in der Lage sind, Integrationsprozesse auch außerhalb ihres europäischen Entstehungskontextes zu erklären. An dieser Stelle setzt die vorliegende Arbeit an. Es soll versucht werden, beste- hende integrationstheoretische Ansätze im lateinamerikanischen Kontext, und hier explizit am Beispiel des Mercosur anzuwenden. Um dieses Vorhaben sinnvoll einzugrenzen, gilt es zunächst, eine Auswahl an zu überprüfenden integrationstheoretischen Konzepten zu treffen. Im aktuellen politikwissenschaftlichen Diskurs findet sich eine Vielzahl konkurrie- render Ansätze, die sich dem Thema Integration von verschiedenen Seiten nähern. Auf- grund des unterschiedlichen Erkenntnisinteresses ist es kaum sinnvoll, alle oder beliebige Theorien miteinander zu vergleichen. Es sollen deshalb mit dem Neofunktionalismus und dem Intergouvernementalismus zwei Konzepte für die Analyse herangezogen werden, die sich aus einem mittlerweile Jahrzehnte währenden Antagonismus heraus entwickelt ha- ben und die in der heutigen Integrationsforschung nach wie vor eine gewichtige Rolle spielen.

Auch wenn er seinen Zenit bereits Mitte der 1970er Jahre überschritten hat, stellt der Funktionalismus einen entscheidenden Referenzpunkt bei der Auseinandersetzung mit Integrationsprozessen dar. Erstmalig von David MITRANY8 systematisch formuliert, wurden die funktionalistischen Thesen später von Ernst B. HAAS9 aufgegriffen. Dieser stellte schließlich mit dem Neofunktionalismus eine revidierte und erweiterte Form des ursprünglichen Gedankenguts vor. Aufgrund seiner erheblichen Bedeutung für die Integ- rationsforschung soll der Neofunktionalismus den ersten Bezugspunkt für die folgende Analyse bilden.

Den Gegenpol zum Neofunktionalismus bildet der staatszentrierte Intergouverne- mentalismus, der von Stanley HOFFMANN10 als Antwort auf die Thesen von HAAS formu- liert wurde. Das Aufeinandertreffen beider Ansätze war schließlich der Auslöser für eine fruchtbare integrationstheoretische Debatte, die - wenn auch in abgeschwächter Form - bis zum heutigen Tag anhält. Ohne Zweifel spielt dieser Diskurs nach wie vor eine wichti- ge Rolle in der Integrationsforschung, was nicht zuletzt an der anhaltenden Fülle der Veröffentlichungen und der stetigen Weiterentwicklung bestehender Konzepte deutlich wird. Es liegt daher nahe, den Intergouvernementalismus als zweiten Bezugspunkt für die anstehenden Untersuchungen heranzuziehen.

Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, elementare Aussagen und Thesen des Neofunktionalismus und des Intergouvernementalismus am Beispiel des Mercosur zu überprüfen. Welche wesentlichen Erklärungsmuster dieser beiden Theorien greifen innerhalb dieses bedeutenden lateinamerikanischen Integrationsprozesses?

Wie bereits erwähnt, fand die bisherige integrationstheoretische Debatte - wenngleich angelsächsisch dominiert - zum Großteil im europäischen Kontext statt. Als Diskussions- foren konnten sich dabei politikwissenschaftliche Zeitschriften wie „International Organiza- tion“ oder das „Journal of Common Market Studies“, neuerdings auch das „Journal of Eu- ropean Public Policy“ etablieren.11 Die in großer Anzahl erschienenen Beiträge der Se- kundärliteratur zum Neofunktionalismus und Intergouvernementalismus beziehen sich ebenfalls überwiegend auf den europäischen Einigungsprozess. Es konnte somit für die vorliegende Arbeit nicht auf bestehende Untersuchungen zurückgegriffen werden, in de- nen die ausgewählten Theorien im lateinamerikanischen Kontext und hier insbesondere auf den Mercosur angewandt wurden.12 Als Basis für die empirische Analyse dienen da- her in erster Linie Aufsätze, die sich aus nicht integrationstheoretischer Perspektive her- aus mit dem Mercosur beschäftigen. Die so gewonnenen Daten werden dann entspre- chend der Fragestellung geordnet, ausgewertet und interpretiert.

Im Verlauf der Arbeit werden zunächst die Integrationstheorien des Neofunktionalismus und des Intergouvernementalismus in ihren wesentlichen Zügen vorgestellt.13 Im Anschluss gilt es, wesentliche Erklärungsmuster dieser beiden Ansätze unter Beachtung der Anwendbarkeit auf den Mercosur herauszuarbeiten. Das so gewonnene, vom europäischen Kontext bereinigte Analyseraster bildet schließlich die Basis für die im empirischen Teil der Arbeit durchzuführende Untersuchung des Mercosur-Prozesses. Die Analyseergebnisse werden schließlich in einer zusammenfassenden Darstellung in Hinblick auf die zugrunde liegende Fragestellung ausgewertet.

B. THEORETISCHE GRUNDLAGEN FÜR DIE ANALYSE DES MERCOSUR-PROZESSES

Als Basis für die Analyse des Mercosur-Prozesses sollen in diesem Teil der Arbeit die Integrationstheorien des Neofunktionalismus und des Intergouvernementalismus darge- stellt werden.14 Dabei wird grundsätzlich die Entwicklung der letzten 50 Jahre erfasst, das heißt, es finden sowohl ursprüngliche Konzepte als auch jüngere Modifikationen Beach- tung.

Da es weder sinnvoll noch möglich ist, alle Autoren und deren Beiträge zu berück- sichtigen, konzentriert sich die folgende Darstellung auf die wesentlichen Protagonisten der jeweiligen Theorien und ihre wichtigsten Arbeiten. Auf diese Weise sollen die essen- tiellen Merkmale der beiden Ansätze zusammengefasst werden, ohne sich in detaillierte Beschreibungen einzelner Strömungen zu verlieren. Die Darstellung erfolgt bereits in Hin- blick auf die später durchzuführende Analyse, jedoch steht zu diesem Zeitpunkt insge- samt noch die kohärente Darstellung der Theorieentwicklung im Vordergrund.

Sowohl die neofunktionalistische als auch die intergouvernementalistische Integra- tionstheorie entstanden und entwickelten sich nahezu ausschließlich im europäischen Kontext, der somit den zentralen und annähernd einzigen empirischen Bezugspunkt für die politikwissenschaftliche Integrationsforschung darstellt15. In den folgenden Ausführun- gen wird jedoch lediglich an den Stellen auf die jeweils zugrunde liegenden Prozesse in- nerhalb des europäischen Integrationsprozesses hingewiesen, wo dies notwendig er- scheint. Insgesamt soll versucht werden, die Konzepte möglichst von diesem regionalen Kontext losgelöst darzustellen.16

1. DER NEOFUNKTIONALISMUS

Der Neofunktionalismus gilt als die erste politikwissenschaftliche Theorie, die explizit die Beschreibung und Erklärung, ja sogar die Prognose von Integrationsprozessen anstrebt.17 Als Referenztheoretiker ist Ernst B. HAAS hervorzuheben, der den Neofunktionalismus in den späten 1950er Jahren in den Vereinigten Staaten begründete. Während der 1960er und 70er Jahre folgten eine Reihe von Revisionen und Weiterentwicklungen unter ande- rem von Leon N. LINDBERG, Stuart A. SCHEINGOLD, Philippe C. SCHMITTER und Joseph S. NYE.

In seiner ursprünglichen Formulierung baut der Neofunktionalismus von HAAS auf dem Funktionalismus David MITRANYS und dem Transaktionalismus Karl W. DEUTSCHS auf18 und bildete innerhalb der politikwissenschaftlichen Diskussion bis Mitte der 1960er Jahre das vorherrschende Paradigma. Durch die Krise der europäischen Gemeinschaftsbildung Mitte der 60er Jahre und explizit durch Charles de Gaulles „Politik des leeren Stuhls“19 geriet das Theoriegerüst des Neofunktionalismus jedoch fundamental ins Wanken. Eine solche Entwicklung war bei neofunktionalistischer Argumentation nicht vorhersehbar und schien auf zweifelhafte Prämissen und inhaltliche Lücken hinzuweisen. Die Folge war eine Reihe von teils weit reichenden Veränderungen und Anpassungen des HAASschen Modells zwischen 1965 und 1971. Zu einem vorläufigen Ende der Entwicklung des Neo- funktionalismus kam es, als HAAS selbst in einem 1976 erschienenen Beitrag die Beschäf- tigung mit Theorien regionaler Integration als eigenständigen Theoriestrang innerhalb der Internationalen Beziehungen als insgesamt überflüssig bezeichnete.20 Mit der erneut zu- nehmenden Dynamik des europäischen Integrationsprozesses seit Ende der 1980er Jah- re erlebte schließlich der Neofunktionalismus eine Renaissance und bildete die Grundlage für neue Arbeiten und Analysen.

Im Folgenden soll zunächst die ursprüngliche Formulierung des Neofunktionalismus bei HAAS dargestellt werden. Seine Arbeiten bilden die Basis für die zukünftigen Modifikationen und Revisionen des neofunktionalistischen Theoriegebäudes, auf die dann im Anschluss einzugehen ist.

Die ursprüngliche Formulierung des Neofunktionalismus bei Ernst B. Haas

1.1 Die ursprüngliche Formulierung des Neofunktionalismus bei Ernst B. HAAS

Die 1958 erstmalig veröffentlichte Monographie „The Uniting of Europe“ ist die zentrale Arbeit von HAAS, in der er die Grundlagen seiner Revision des Funktionalismus darlegt und somit den Neofunktionalismus begründet. Der Autor unternimmt hierbei den Versuch, eine Theorie regionaler Integration aufzustellen, um schließlich die zentrale Frage beant- worten zu können, “[…] how and why states cease to be wholly sovereign, how and why they voluntarily mingle, merge and mix with their neighbours so as to lose the factual attributes of sovereignty while acquiring new techniques for resolving conflict between themselves.”21

Als Ausgangspunkt seiner integrationstheoretischen Untersuchungen wählt HAAS primär den westeuropäischen Integrationsprozess und versucht, eine generalisierende Erklärung dieses Phänomens zu liefern.22 Den Begriff der politischen Integration definiert er dabei als „[…] the process whereby political actors in several distinct national settings are persuaded to shift their loyalties, expectations and political activities toward a new centre, whose institutions possess or demand jurisdiction over the pre-existing national states“23.

Als Endzustand eines Integrationsprozesses prognostiziert HAAS die Existenz einer sup- ranationalen Gemeinschaft („ political community24 ) und umschreibt diese Situation als „a condition in which specific groups and individuals show more loyalty to their central political institutions than to any other political authority, in a specific period of time and in a definable geographic space“25.

Die wesentlichen Prämissen26, die HAAS seiner Arbeit zugrunde legt, können in drei Punk- ten zusammengefasst werden. Erstens setzt der Autor ein pluralistisches Gesellschafts- system innerhalb der betroffenen Staaten voraus. Zwischen den verschiedenen Gruppen mit jeweils spezifischen Interessen herrsche Wettbewerb um Einfluss und Gestaltungs- möglichkeiten im Politikformulierungsprozess, was nach seinem Verständnis „Politik“ im Wesentlichen ausmache und zudem ausschlaggebend für die Entstehung einer transnati- Die ursprüngliche Formulierung des Neofunktionalismus bei Ernst B. Haas onalen Gemeinschaft sei.27 Somit könnten Staaten, die eine schwach oder gar nicht plura- listisch ausgeprägte Gesellschaftsstruktur vorzuweisen haben, kaum an einem Integrati- onsprozess teilhaben.28 Zweitens geht HAAS von einem technisch-funktionalistischen Staatsverständnis aus, wobei das primäre Ziel jeglichen politischen Handelns die Optimie- rung der gesamtgesellschaftlichen Wohlfahrt darstellt. In diesem Sinne liegt die Hauptauf- gabe des Staates nicht mehr etwa in „ high politics “ wie der Außen- und Sicherheitspolitik, sondern vielmehr in der Gewährleistung des Wohlstandes der Bürger.29 Im Mittelpunkt steht somit in zunehmendem Maße Koordination, technische Abwicklung und rationales Management von Wohlfahrts-Bedürfnissen, während etwa der Einfluss von Ideologien oder großen politischen Entwürfen in den Hintergrund tritt.30 HAAS geht davon aus, dass derartige Tendenzen sowohl auf nationaler als auch auf supranationaler Ebene zu ver- zeichnen sind.31 Drittens ist schließlich das Handeln der Hauptakteure im Integrationspro- zess von streng rationalen, gewinnmaximierenden und nutzenorientierten Kriterien be- stimmt, wohingegen ideologische Aspekte kaum auszumachen sind. Nach Auffassung von HAAS erkennen die Akteure während des Integrationsprozesses die Vorteile einer gemeinsamen Aufgabenwahrnehmung. Dieser Lernprozess32 sorge dann für weitere „Nachfrage“ nach Integration auch in anderen Bereichen, die die nationalen Regierungen in der Folge zu befriedigen versuchten, was zu einer permanenten Ausweitung und Ver- tiefung des Integrationsprozesses führe.33

Als bedeutsamste Akteure für das Fortschreiten der Integration werden im ursprünglichen neofunktionalistischen Modell drei Gruppen genannt. Als „ main creators “ und somit wich- tigste Gruppe nennt HAAS die politischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Eliten der Mitgliedsstaaten, d.h. die führenden Köpfe aller innenpolitischen Gruppierungen.34 Diese seien aufgrund der Formulierung und Vertretung ihrer Interessen in Pressuregroups we- sentliche Initiatoren innerhalb der Politikgestaltung.35 Des Weiteren nennt HAAS die supranationalen Institutionen, die erst bei relativ weit fortgeschrittener politischer Integration eine entscheidende Rolle spielen. Er geht hier von einem Prozess der wechselseitigen Beeinflussung zwischen nationalen Gruppen und Vertretern der supranationalen Institutionen aus, die nunmehr eigene Vorstellungen entwickeln und versuchen, diese durchzusetzen. Nationale Gruppen sähen sich daher gezwungen, diese neuen supranationalen Entscheidungsinstanzen in ihrer Interessensformulierung und -artikulation zu berücksichtigen.36 Die Regierungen der Mitgliedsstaaten, respektive deren Vertreter bilden schließlich die dritte Gruppe von relevanten Akteuren.37

Auf dem Weg zur supranationalen Gemeinschaft als Endzustand der integrativen Entwick- lung sind typischerweise verschiedene Zwischenstufen zu durchlaufen. Aufgrund empiri- scher Beobachtungen38 gilt für HAAS die Kooperation auf wirtschaftlichem Gebiet als Aus- gangspunkt des Integrationsprozesses. Hier entstehen durch zunehmende funktionale Differenzierung und Segmentierung nach und nach Bereiche, die allgemein als „tech- nisch“ bezeichnet werden können und somit kaum politische Brisanz enthalten. Aufgrund dieses Umstandes und auch wegen der meist komplexen Materie liegt eine Delegation dieser Bereiche an Experten nahe. Gerade im Bereich der Ökonomie ergibt sich dann wegen wachsender Interdependenzen oft die Notwendigkeit, diese technischen Bereiche grenzübergreifend zu regeln. Einer solchen „Vergemeinschaftung“ stehen auch keine we- sentlichen Hürden entgegen, zumal sie als sinnvoll und politisch unproblematisch ange- sehen werden. Außerdem bietet der Wirtschaftssektor den beteiligten Nationalstaaten die besten Chancen zu einer wortwörtlich „gewinnbringenden“ Zusammenarbeit.39

Der Erklärungsmodus, der dem HAASschen Neofunktionalismus für die Dynamik des ein- mal begonnenen Integrationsprozesses zugrunde liegt, basiert auf dem Verhalten der involvierten politischen Akteure.40 Die Weiterentwicklung des Integrationsprojektes ist folg- lich abhängig und gesteuert von deren rationalem Interessenkalkül, Werten und Wahr- nehmungen sowie von dem weiter oben beschriebenen Lernprozess, den sie durchlaufen. Entscheidend ist jedoch, dass HAAS weiter davon ausgeht, die Akteure müssten aufgrund ihres rationalen, gewinnmaximierenden Verhaltens erkennen, dass sie ihre Interessen am besten auf transnationaler Ebene realisieren können. Somit könne ihr Verhalten letztlich nur zu einer immer weiteren „Nachfrage“ nach Integration führen.41 Ähnliches gelte für die nationalen Regierungen, die zunehmend wahrnehmen, dass es der angestrebten Wohlfahrtsmaximierung nicht zuträglich sein kann, wenn man sich zu Gunsten nationalstaatlicher Interessen gegen supranationale Konzepte und Entscheidungen wendet.42 Somit enthält der frühe HAAS´sche Neofunktionalismus einen deutlichen Determinismus bezüglich der Integrationsentwicklung.43

Darüber hinaus leitet HAAS aus seinen empirischen Beobachtungen eine von Sachzwang geprägte Logik hin zu weiteren Integrationsschritten und immer stärkerer Vergemeinschaftung ab:

„Sector integration, however, begets its own impetus toward extension to the entire economy even in the absence of specific group demands and their attendant ideologies.”44

HAAS bezeichnet diese dem Integrationsprozess inhärente Entwicklungslogik als „ spill- over “ 45 bzw. als „ expansive logic of sector integration46 und formuliert damit das zentrale Erklärungselement für die dynamische Entwicklung des Integrationsprozesses.47 Hat die Vergemeinschaftung einmal in einem (wirtschaftlichen-technischen) Bereich begonnen, wird sie von diesem bereits transnational regulierten Sektor in andere angrenzende Sek- toren und schließlich von der ökonomischen in die politische Sphäre übergreifen:

„Earlier decisions, including the ones constituting the Communities, spill over into new func- tional contexts, involve more and more people, call for more and more inter-bureaucratic con- tact and consultation, thereby creating their own logic in favour of later decisions, meeting, in a pro-community direction, the new problems which grow out of the earlier compromises.”48

HAAS´ frühe Darstellungen des spill-over implizieren einen Automatismus innerhalb des Integrationsprozesses, dem sich die beteiligten Akteure nicht entziehen können. Getrie- ben von funktionalen Sachzwängen und klaren politischen oder ökonomischen Nutzenerwartungen seien diese dazu gezwungen, neue Bereiche ebenfalls zu vergemeinschaften, um für das optimale Funktionieren des ursprünglich integrierten Bereichs garantieren zu können.49 Es entstehe so ein praktisch nicht aufzuhaltender Zwang, auch politisch brisante Segmente in den Prozess mit einzubeziehen, was letztendlich in der Verwirklichung der politischen Gemeinschaft kulminiere:

„Given all these conditions […], the progression from a politically inspired common market to an economic union and finally to a political union among states is automatic. The inherent logic of the functional process in a setting such as Western Europe can push no other way”.50

Unterstützt wird diese Dynamik nach HAAS zusätzlich durch eine schrittweise stattfinden- de Loyalitätsübertragung weg von den nationalen politischen Systemen hin zum suprana- tionalen Gemeinschaftssystem. Dieser Transfer werde zunächst von den Eliten eines Landes, später von wesentlichen gesellschaftlichen Gruppen und schließlich praktisch von der gesamten Bevölkerung getragen.51 Ähnlich verhält es sich mit trans- und suprana- tionalen Institutionen, auf die im Laufe der Zeit die politische Entscheidungsfindung über- tragen wird. Einmal gegründet, bilden sie eine Art Katalysator für die weitere Einigung, indem sie alternative, funktional überlegene Problemlösungen anbieten und damit Kompe- tenzübertragungen auf die supranationale Ebene möglich machen und sinnvoll erschei- nen lassen.52

Mit seiner Forschung hat HAAS den Rahmen für die weitere neofunktionalistische Theoriebildung geschaffen, die den integrationstheoretischen Diskurs innerhalb der Politikwissenschaft während der kommenden zwei Jahrzehnte dominieren sollte.

1.2 Die Erweiterung der neofunktionalistischen Perspektive

Der ursprüngliche Neofunktionalismus von HAAS wurde in den folgenden Jahren von zahl- reichen Autoren aufgegriffen, diskutiert und weiterentwickelt. Im Folgenden werden mit den Beiträgen von Leon N. LINDBERG53 und Philippe C. SCHMITTER54 zwei zentrale Modifi- kationen dargestellt.

LINDBERG befasst sich in seiner Arbeit mit der detaillierten Beschreibung und Messung der politischen Integration. Diese fasst er als Prozess auf, in dem Nationalstaaten eine politische Gemeinschaft konstruieren, womit er angelehnt an HAAS einzelne politische Abläufe innerhalb des Integrationsprozesses in den Mittelpunkt rückt:

„[…] political integration is (1) the process whereby nations forgo the desire and ability to conduct foreign and key domestic policies independently of each other, seeking instead to make joint decisions or to delegate the decision-making process to new central organs; and (2) the process whereby political actors in several distinct settings are persuaded to shift their expectations and political activities to a new center.“55

Hinsichtlich der Bedingungen für einen politischen Integrationsprozess56 betont LINDBERG

- wie zuvor bereits HAAS -, dass die den neu geschaffenen gemeinsamen Institutionen übertragenen Aufgaben „ inherently expansive “ sein müssen, damit es zu spill-over auf neue Sachgebiete kommen kann. Die spill-over- Dynamik wird von LINDBERG folgendermaßen beschrieben:

„[…] the initial task and grant of power to the central institutions creates a situation or series of situations that can be dealt with only by further expanding the task and the grant of power.”57

Trotz vieler Übereinstimmungen mit den Annahmen von HAAS stellt LINDBERG bereits fest, dass die Integrationsbereitschaft der Mitgliedsstaaten unabdingbar sei für weiteren spill over und das gegen deren Willen Integration nicht erfolgreich verlaufen könne. Damit hebt er hervor, dass Integration ein politischer Prozess sei und nicht durch die Entscheidung funktionaler Zusammenarbeit entpolitisiert werden könne58.

SCHMITTERS Beitrag dagegen besteht in erster Linie darin, das neofunktionale Variablen- Set und Analyseraster verfeinert und teilweise operationalisiert zu haben. Er versucht ein Modell zu gestalten, anhand dessen jeder beliebige Prozess regionaler Integration unter- sucht werden kann, und somit eine veritable Theorie regionaler Integration mit umfassen- dem Geltungsanspruch aufzustellen.59 1964 vergleicht er in Zusammenarbeit mit HAAS in einer umfassenden Studie60 verschiedene, damals aktuelle regionale Integrationsprozes- Weitere Differenzierung des Neofunktionalismus se anhand eines von den beiden Autoren erarbeiteten Variablenrasters61. Ziel ist die Klä- rung der für den Neofunktionalismus elementaren Frage, ob wirtschaftliche Integration zwischen Staaten tatsächlich automatisch in politische Integration mündet. Im Ergebnis gehen die beiden Autoren in Anlehnung an HAAS´ früherer Arbeit weiter davon aus, dass wirtschaftliche Integration und die hieraus entstehenden politischen Konsequenzen funkti- onal miteinander verknüpft seien. Sie stellen die Beziehungen zwischen wirtschaftlicher und politischer Union unter Annahme bestimmter Bedingungen als „Kontinuum“ dar62 und legen dabei nach wie vor einen wenn auch relativierten Automatismus zu Grunde:

„Automatismus bedeutet also, daß, unter sonst ungefähr gleichen Umständen, eine Gruppie- rung, die in unseren Kategorien einen ´hohen´ Punktwert bekommen hat, wahrscheinlich in ei- ne Art von politischer Union transformiert wird, auch wenn einige Mitglieder über diese Aus- sicht dann, wenn sie mit rein politischen Argumenten vertreten wird, alles andere als begeistert sind. […] Automatismus bedeutet aber nicht, daß es keine Konflikte gibt, daß die Verhandlun- gen ohne Schwierigkeiten ablaufen und daß es nicht zeitweilige Rückschläge im Prozeß gibt.“63

HAAS und SCHMITTER prognostizieren also 1964 die automatische Politisierung einer ursprünglich wirtschaftlich-technischen Kooperation, mit der Einschränkung, dass bestimmte Hintergrundbedingungen für einen automatischen spill-over von der funktionalen, wirtschaftlichen Zusammenarbeit hin zu politischer Integration erfüllt sein müssen.

Die zentrale These dieser ersten, überaus erfolgreichen Entwicklungsphase des Neofunk- tionalismus von 1958 bis 1965 war somit die Annahme, dass ein einmal auf wirtschaftli- cher Ebene begonnener Integrationsprozess zwischen souveränen Nationalstaaten unter bestimmten Bedingungen aufgrund prozessinhärenter und prozessinduzierter spill-over - Dynamiken stets in der politischen Integration dieser Staaten münden würde.64

1.3 Weitere Differenzierung des Neofunktionalismus

Zu weit reichenden Revisionen der neofunktionalistischen Theorie kam es ab 1965, einge- leitet insbesondere durch de Gaulles „Politik des leeren Stuhls“ im Ministerrat und der Weitere Differenzierung des Neofunktionalismus allgemeinen Stagnation des europäischen Integrationsprozesses. Ein einzelner Politiker war offensichtlich in der Lage, den Integrationsprozess zu verzögern oder gar zu gefähr- den, womit die Kernaussagen des Neofunktionalismus bezüglich der dem Integrations- prozess inhärenten Entwicklungslogik in Frage gestellt wurden. Um derartige empirische Entwicklungen erklären zu können, sahen sich die Funktionalisten gezwungen, ihr Aussa- gensystem zu überarbeiten.65 Dies geschah in der so genannten zweiten Phase66 der Entwicklung des Neofunktionalismus zunächst in Form kleinerer Korrekturen und Relati- vierungen, bevor dann umfassende Revisionen von verschiedenen Autoren vorgestellt wurden.67

1.3.1 Erste Korrekturen: Leon N. LINDBERG und Ernst B. HAAS

Den Auftakt machte LINDBERG im Jahr 1965. Er stellt fest, „that governments can avoid the ´logical consequences´ of integration for an unexpectedly long time”.68 Zwar glaubt er keinesfalls, dass die Überlegungen zum spill-over oder gar das gesamte neofunktionalistische Gedankengut aufgrund der offensichtlichen Krise hinfällig geworden sind, jedoch sei der Neofunktionalismus bisher von einem falschen, weil zu technischen Politikverständnis ausgegangen. Spill-over- Prozesse hingen tatsächlich von politischen Entscheidungen ebenso ab wie von ökonomischen Dynamiken.69

HAAS selbst hält trotz der aktuellen Entwicklung in Europa an den von ihm formu- lierten Kernthesen (insbesondere der „expansiven Logik des Funktionalismus“) fest, er- achtet jedoch einige Berichtigungen bzw. Ergänzungen für notwendig.70 So räumt er z.B. ein, dass eine pragmatische Interessenpolitik, in deren Mittelpunkt die wirtschaftliche Wohlfahrt steht, ihre natürlichen Grenzen habe. Eine solche Politik baue nicht auf tiefen ideologischen Überzeugungen auf und sei deshalb stets anfällig. Sie könne leicht umge- kehrt werden und auf diese Weise gar in Desintegration münden. Zudem könnten „von außen wirkende Kräfte“ den Integrationsprozess unterbrechen und somit das Zutreffen funktionalistischer Prognosen gefährden.71

1.3.2 Grundlegende Revisionen des Neofunktionalismus

Zu grundsätzlichen Revisionen des ursprünglichen neofunktionalistischen Aussagensystems kam es dann ab 1970. Während bisher mit kleineren Korrekturen versucht wurde, den ursprünglichen Neofunktionalismus aufrecht zu erhalten, stellte man sich nun zunehmend die Frage, wie die jüngsten empirischen Sachverhalte systematisch in die Theorie integriert werden könnten. Die Folge war eine Reihe von Arbeiten, die bei weitem stärker ausdifferenzierte Konzepte entwickelten. An dieser Stelle soll auf die Modelle von SCHMITTER72, LINDBERG / SCHEINGOLD73 sowie NYE74 eingegangen werden, da diese als die umfassendsten Weiterentwicklungen dieser Zeit gelten.75

1.3.2.1 Philippe C. SCHMITTER: Akteursstrategien und Entscheidungszyklen

Der Neofunktionalismus ist bisher von einer weitgehend automatischen Fortentwicklung eines einmal begonnenen Integrationsprozesses ausgegangen. Zwar relativiert SCHMIT- TER in Zusammenarbeit mit HAAS wie oben bereits erwähnt diesen Automatismus, be- zeichnet seine Arbeit von 1964 nun allerdings als „successfull failure“.76 SCHMITTER geht in seinem revidierten neofunktionalistischen Modell davon aus, dass die Integration vor- mals unabhängiger politischer Einheiten grundsätzlich auf gleichen Variablen und Prozes- sen basiert77, was die Möglichkeit impliziert, eine allgemein gültige, regional unabhängige Theorie formulieren zu können. Den Integrationsprozess selbst betrachtet SCHMITTER als eine Reihe von durch Krisen hervorgerufenen Entscheidungszyklen. Hierbei haben die beteiligten Akteure sieben (!) Möglichkeiten, diesem krisenbedingtem Handlungsbedarf zu begegnen78. Entsprechend der gewählten Strategie seien sieben mögliche Entwicklungs- richtungen des Integrationsprozesses denkbar, wobei nunmehr spill-over lediglich ein mögliches Szenario darstellt.79 Bemerkenswert ist hierbei die erstmalige Berücksichtigung eines möglichen spill-back, d.h. eines Rückschlags auf qualitativer wie quantitativer Ebe- Weitere Differenzierung des Neofunktionalismus ne innerhalb des Integrationsprozesses.80 Als bei weitem wahrscheinlichsten Zustand betrachtet SCHMITTER encapsulation: Integrationsprozesse neigen dazu, auf einem einmal erreichten Niveau zu verharren, da ein weiteres Vorantreiben des Integrationsprozesses für die Akteure mit Ungewissheit und Risiken verbunden ist.81

Im Gegensatz zum bisherigen neofunktionalistischen Verständnis beziehen sich diese nunmehr sieben möglichen Strategien nicht mehr auf eine dem Integrationsprozess inhärente Sachlogik, sondern stellen bewusste Reaktionen der Akteure im Krisenfall dar, von denen die Entwicklungsrichtung eines Integrationsprozesses letztlich abhängt. SCHMITTER beseitigt somit den Determinismus und Automatismus des ursprünglichen neofunktionalistischen Modells. Ferner differenziert er mit der Unterscheidung verschie- dener Prozessentwicklungszyklen und der Implementierung umfangreicher Variablensets das ursprüngliche neofunktionalistische Modell stark aus. Allerdings muss dem Gesamt- modell eine extrem hohe Komplexität attestiert werden, was eine empirische Anwendung schwierig und die Theorie insgesamt unhandlich und unübersichtlich macht.82

1.3.2.2 Das Modell von LINDBERG / SCHEINGOLD

LINDBERG und SCHEINGOLD legen 1970 ihre Variante eines revidierten neofunktionalisti- schen Modells vor.83 Ein zentraler Aspekt der Arbeit ist die differenziertere Betrachtung des HAASschen spill-over- Konzeptes. Zwar gehen die beiden Autoren auch von einer dem Integrationsprozess inhärenten Dynamik aus, allerdings glauben sie nicht, hieraus auf Weitere Differenzierung des Neofunktionalismus einen Automatismus der Akteursreaktionen schließen zu können.84 Vielmehr identifizieren sie eine Reihe von Variablen85, deren Interaktion fünf mögliche, unterschiedliche Pro- zessentwicklungen mit sich bringen könne.86 Damit lehnen die beiden Autoren explizit die Vorstellung ab, es gäbe innerhalb des Integrationsprozesses nur den einen Weg hin zu mehr politischer Integration.87 Daneben äußern sich LINDBERG und SCHEINGOLD zur Be- deutung der Öffentlichkeit im Integrationsprozess: Neben der bereits erwähnten Loyali- tätsübertragung der Akteure auf die supranationale Ebene spiele auch die Akzeptanz der jeweiligen Bevölkerung eine nicht unbedeutende Rolle. Eine solche, als „permissive con- sensus bezeichnete Zustimmung erleichtere es den Mitgliedern, weitere Integrations- schritte anzustreben, ohne innenpolitisch auf vehemente Ablehnung zu stoßen.88

1.3.2.3 Joseph S. NYE: Prozessmechanismen und Integrationsbedingungen

Ein weiteres detailliertes und grundlegend revidiertes Modell zur Beschreibung und Vor- hersage der Entwicklung von Integrationsprozessen stellt NYE vor. Um es auch außerhalb Europas in weniger entwickelten Regionen und Kontexten anwendbar (und somit weniger „europocentric“89 ) zu machen, schlägt NYE Modifikationen in vier Bereichen vor: Neben einer eindeutigeren Definition der abhängigen Variablen fordert auch er die Berücksichti- gung weiterer denkbarer Entwicklungspfade und Prozessmechanismen90 innerhalb des Integrationsprozesses, anstatt den spill-over als einzig denkbaren Weg hin zur politischen Union anzusehen. NYE erweitert zudem die Gruppe der zentralen Akteure91 und formuliert neue Bedingungen für den Integrationsprozess, die auch weniger entwickelte Regionen berücksichtigen.92 Ob sich die erwähnten Prozessmechanismen nun positiv oder negativ auf die politische Integration auswirken, macht NYE an einer Reihe von Struktur- und Per- zeptionsbedingungen fest, die die Ausgangsbasis und das integrative Potential eines re- gionalen Zusammenschlusses bestimmen.93 Die Dynamik eines Zusammenschlusses beschreibt NYE - teilweise in Anlehnung an SCHMITTER - anhand verschiedener hypothe- tischer Phasen, welche die Entwicklung eines Integrationsprozesses charakterisieren sol- len.94

Das revidierte neofunktionalistische Zyklusmodell von NYE bietet somit Erklärungen für alternative Prozessverläufe und berücksichtigt positive wie negative Rückkopplungspro- zesse. (Supra-)Nationale Pressuregroups und Eliten werden als relevante Akteure in den Mittelpunkt gerückt und können nun dem Integrationsprozess sowohl abwehrend als auch neutral oder forcierend gegenüber stehen.95 Politische Entscheidungsträger würden - wenn sie nicht einem zu starken politischen Druck ausgesetzt sind - zur Erhaltung des erreichten Status quo tendieren (inertia).96 Gemeinsame Märkte können, sie müssen sich aber nicht zwangsläufig zu einer politischen Gemeinschaft auf hohem Integrationsniveau entwickeln. Somit wird auch bei NYE der im ursprünglichen Neofunktionalismus formulier- te Determinismus beseitigt.97 Insgesamt präsentiert NYE ein Modell, das weniger komplex und formalistisch ist als das von SCHMITTER vorgelegte.

1.3.3 Resümee zu den neofunktionalistischen Differenzierungen

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass die neofunktionalistische Theorie während dieser zweiten Entwicklungsphase Anfang der 1970er Jahre analytisch verfeinert und stark ausdifferenziert wurde. Es wurde versucht, offenkundig gewordene Schwächen systematisch auszuräumen. Dabei behielten die oben aufgeführten Modelle wesentliche Prämissen des ursprünglichen Neofunktionalismus - wie etwa den spill-over - Mechanismus - im Kern bei, beseitigten aber den institutionellen Entwicklungsdetermi- nismus und den Automatismus des frühen Neofunktionalismus hinsichtlich des Übergan- ges vom gemeinsamen Markt hin zu einer politischen Gemeinschaft. Vielmehr ging man inzwischen davon aus, dass ein Integrationsprozess verschiedene Entwicklungsrichtun- gen einschlagen könne, die entsprechend unterschiedliche Auswirkungen auf den Integra- tionsfortschritt mit sich bringen. Dabei galt nun nicht mehr spill-over, sondern equilibrum (bzw. encapsulation oder inertia) als das wahrscheinlichste Ergebnis. Die Neofunktionalis- ten der „zweiten Generation“ rückten zudem politische Akteure und deren Strategien ver- stärkt ins Zentrum der Betrachtung und emanzipierten sich somit von der ursprünglich angenommenen, mechanistischen Entwicklungsdynamik.98

Das vorläufige Ende der neofunktionalistischen Theorieentwicklung wird von HAAS selbst eingeleitet. Bereits 1970 bezeichnet er im Rahmen einer intensiven Auseinandersetzung mit der bisherigen Integrationsforschung den Neofunktionalismus als „pretheory“, die den Ansprüchen einer Theorie regionaler Integration nicht genügt.99 Mitte der 70er Jahre schließlich bezeichnet er Theorien regionaler Integration und damit auch den Neofunktionalismus als „überholt“ (obsolete) und „veraltet“ (obsolescent). Vor dem Hintergrund einer stagnierenden Entwicklung des europäischen Integrationsprozesses kommt die theoretische Debatte damit weitgehend zum Erliegen.100

1.4 Die Renaissance des Neofunktionalismus

Im Zuge der wieder auflebenden integrationstheoretischen Debatte in Europa Ende der 1980er Jahre101 erlebte der Neofunktionalismus eine Renaissance und wurde in der Fol- gezeit von verschiedenen Autoren zur Erklärung aktueller Entwicklungen herangezogen. Dabei lässt sich zum einen feststellen, dass in vielen Arbeiten weitgehend die Argumente des klassischen Neofunktionalismus aufgegriffen werden, was vor allen Dingen für das spill-over- Konzept102 als zentrales Erklärungsmodell gilt.103 Zum anderen erscheint eine Reihe von Beiträgen, die nicht allein mit neofunktionalistischem Gedankengut argumentieren, sondern zusätzlich Anleihen bei anderen Denkschulen vornehmen, um empirische Gegebenheiten besser erklären zu können.104

An dieser Stelle ist vor allem auf die Transaktions-Theorie105 von STONE SWEET und SANDHOLTZ einzugehen, die explizit an das neofunktionalistische Aussagensystem an- knüpft und dieses systematisch weiterentwickelt. Die Autoren beschäftigten sich mit der Frage, wie, warum und unter welchen Bedingungen es im Integrationsprozess - und hier in unterschiedlichen Politikfeldern - zum Übergang von nationalem zu supranationalem Regieren kommen kann.106 In ihrem Erklärungsansatz gehen sie vereinfacht von folgen- dem Zusammenhang aus: Zwischenstaatliche Transaktionen der Mitgliedsstaaten gene- rieren eine Nachfrage nach Regelungen auf Gemeinschaftsebene. Diese Nachfrage ver- suchen supranationale Organisationen zu befriedigen, indem sie entsprechende Rege- lungen erlassen. Bei der Anwendung und Interpretation dieser Regelungen werden Lü- cken und Unklarheiten deutlich, die der Klärung und weiterer Bestimmungen bedürfen. Es entwickelt sich also eine Eigendynamik, die sowohl zur Vertiefung der Integration im be- troffenen Politikfeld als auch zu spill-over auf andere Bereiche führt.107 Den im Integrati- onsprozess eingebetteten Mitgliedsstaaten wird dabei nach und nach die Fähigkeit entzo- gen, den Integrationsprozess autonom zu kontrollieren. Mitgliedsstaatliches Handeln wird folglich nicht als aktiver Vorstoß, sondern vielmehr als Anpassungsreaktion der nationalen Regierungen auf den Integrationsprozess interpretiert.108 Insgesamt knüpft die Transaktions-Theorie deutlich an zentrale Bestandteile des frühen, ursprünglichen Neofunktionalismus an und wird von den Autoren innerhalb der integrationstheoretischen Debatte Ende der 1990er Jahre als ein Modell mit hoher theoretischer Erklärungskraft vorgestellt.109

1.5 Zusammenfassung der neofunktionalistischen Theorie

Mit dem Neofunktionalismus als Integrationstheorie wurde von Ernst B. HAAS ein ambitio- nierter Ansatz mit hohem theoretischem Anspruch bezüglich der Erklärungs- und Progno- sekraft entwickelt. Begleitet von einigen, teils tief greifender Revisionen des ursprüngli- chen Aussagensystems dominieren oder beeinflussen neofunktionalistische Elemente die integrationstheoretische Debatte bis in die Gegenwart. Der Neofunktionalismus geht da- von aus, dass regionale Integration mit der bewussten Entscheidung politischer Eliten beginnt, in eher unpolitischen und gemeinhin als „technisch“ bezeichneten Bereichen effi- zienzsteigernd zusammenzuarbeiten. Naturgemäß wird dies zunächst im ökonomischen Bereich der Fall sein. Diese Zusammenarbeit führt schließlich zu immer größer werden- den Interdependenzen und schließlich zu einer politischen Gemeinschaft der beteiligten Staaten. Erklärt wird diese Entwicklungsdynamik des Integrationsprozesses mit dem im Laufe der Zeit zunehmend ausdifferenzierten spill-over- Mechanismus, der das Herzstück der neofunktionalistischen Theorie darstellt. Eine einmal auf wirtschaftlicher Ebene be- gonnene Kooperation weitet sich aufgrund funktionaler Sachzwänge schrittweise auf im- mer weitere, zunehmend auch politisch relevante Bereiche aus und führt zu deren Ver- gemeinschaftung.

Eine wichtige Rolle spielen im Neofunktionalismus auch die gemeinschaftlichen In- stitutionen, die neben den transnationalen Eliten die entscheidenden Akteure darstellen. Sie repräsentieren ein im Zuge der Integration neu geschaffenes System mit supranatio- naler Entscheidungsstruktur, zu dessen Gunsten die beteiligten Staaten auf Teile ihrer Hoheitsrechte verzichten. Dieser Souveränitätstransfer der Mitgliedsstaaten auf gemein- schaftliche Organe stellt ein weiteres wesentliches Element des neofunktionalistischen Modells dar.

Im Laufe der theoretischen Entwicklung des Neofunktionalismus wurden die ange- wandten Analyseraster zunehmend verfeinert. Auf diese Weise wurde zwar einerseits eine größere Realitätsnähe in Bezug auf Europa erreicht, andererseits jedoch eine An- wendung der Theorie auf andere regionale Integrationsprozesse deutlich erschwert und somit der Anspruch einer allgemeinen Theorie regionaler Integration zunehmend einge- büßt.

2. DER INTERGOUVERNEMENTALISMUS

Nach der integrationspolitischen Krise Mitte der 1960er Jahre und der folgenden Stagnation des europäischen Integrationsprozesses begann der vor allem von Stanley HOFFMANN als explizite Antwort auf den Neofunktionalismus formulierte Intergouvernementalismus die integrationstheoretische Debatte zu dominieren.110 HOFFMANN kritisiert aus realistischer Perspektive die neofunktionalistische Theorie und erarbeitet einen eigenen Ansatz zur Erklärung der aktuellen Entwicklungen. Seine Arbeiten stellen die Basis für die weitere intergouvernementalistische Theorieentwicklung dar und sollen zu Beginn dieses Abschnittes in ihren Grundzügen dargestellt werden.

Aufbauend auf den zentralen Argumenten HOFFMANNS formuliert Andrew MORAVCSIK mit seiner Theorie des liberalen Intergouvernementalismus einen eigenständigen integrationstheoretischen Ansatz und liefert hiermit die wohl systematischste und am meisten beachtete Weiterentwicklung des „klassischen“ Intergouvernementalismus. Sie gilt es, im Anschluss vorzustellen.

2.1 Die Formulierung des Intergouvernementalismus bei HOFFMANN

Die theoretischen Wurzeln des HOFFMANNschen Intergouvernementalismus liegen im Re- alismus begründet.111 Nach dessen Sichtweise treten souveräne, rational agierende Nati- onalstaaten (respektive deren Regierungen) als die zentralen Akteure in einem prinzipiell anarchischen internationalen System auf. Ihr Bestreben ist es, Macht und Einfluss zu ma- ximieren, um die eigenen Interessen effizient im Konkurrenzkampf durchsetzen zu kön- nen.112

HOFFMANNS Intergouvernementalismus baut neben grundlegenden Prämissen der realistischen Schule im Wesentlichen auf drei Argumentationskernen auf. Zum einen be- tont er die bereits erwähnte zentrale Rolle der Nationalstaaten und ihren Fortbestand als politische, gesellschaftliche und kulturelle Basiseinheiten. Eine zweite zentrale Einheit bildet die Auseinandersetzung mit der funktionalistischen Integrationstheorie und den Kernthesen des Neofunktionalismus bezüglich der Integrationsdynamik. Drittens schließlich beschreibt HOFFMANN mit der Logic of Diversity eine wesentliche Komponente der Integrationsdynamik seines Konzeptes.113 Diese zentralen Überlegungen sollen im Folgenden näher betrachtet werden.

2.1.1 Die zentrale Rolle der Nationalstaaten

Die Nationalstaaten fungieren in der Argumentation HOFFMANNs als die relevanten Basiseinheiten des Integrationsprozesses und bestimmen somit seinen Verlauf:

„The nation-state has survived as the centre of political power and the focus of the citizens´ allegiance; nationality remains the basis of citizenship, the main countervailing force that resists all the dissolvents of community.”114

Neben der politischen Dimension betont HOFFMANN immer wieder auch deren gesellschaftlich-kulturelle Rolle:

„It is neither fashionable nor accurate to say that nations have souls. But they do have historical memories - memories of how their citizens behaved toward each other and toward outsiders in moments of stress and crisis. […] And yet, since people do not live by economic rationality alone, this is a dimension that cannot be dismissed.”115

Innerhalb des Integrationsprozesses agieren nach HOFFMANN somit die Nationalstaaten als die entscheidenden Akteure. Initiativen und Entscheidungen von nationalen Regierun- gen machten dessen Entstehung und Entwicklung erst möglich. Dabei blieben auch bei fortgeschrittenem Gemeinschaftsbildungsprozess die jeweiligen nationalen Interessen erhalten. Diese bestehen laut HOFFMANN einerseits darin, die eigene Stärke und Souve- ränität116 zu bewahren, andererseits wird aber auch versucht, die Position der Gemein- schaft auf der internationalen Bühne zu stärken. Kommt es allerdings zu Konflikten zwi- schen diesen beiden Zielen, habe die Erhaltung der nationalen Souveränität Priorität.117 Auch würden die Nationalstaaten sich nicht den gemeinsam geschaffenen Institutionen unterordnen. Obwohl es sehr wohl sinnvoll sein könne, gemeinsame Politik zu betreiben und in einzelnen Bereichen zu kooperieren, steht für HOFFMANN der Fortbestand der Staaten an sich außer Frage:

„What a nation state cannot provide alone - in economics, or defense - it can still provide through means far less drastic than hara-kiri.“118

Die Tatsache, dass ein Nationalstaat im internationalen Gefüge nicht mehr alle Aufgaben allein erfüllen kann oder will, führt nach HOFFMANN gerade nicht zwangsläufig zu einem Integrationsautomatismus. Gemeinsame Projekte werden vielmehr mittels intergouvernementaler Kooperation verwirklicht.119

HOFFMANN räumt ein, dass die Handlungsfreiheit der Mitgliedsstaaten innerhalb der kooperationsrelevanten Bereiche sehr wohl eingeschränkt, auf keinen Fall aber völlig aufgehoben werde. Es finde auch eine Annäherung der nationalstaatlichen sozialen Strukturen und Politiken statt, ohne aber das Überleben der Nationalstaaten zu gefährden.120 Die Gemeinschaft (hier: Europa) könne die Nationen nicht ersetzen:

„[…] Europe cannot be what some of nations have been: a people that creates its state; nor can it be what some of the oldest states are and many of the new ones aspire to be: a people created by the state.”121

2.1.2 HOFFMANNs Kritik am funktionalistischen Erklärungsmodell

Eine wesentliche Kritik HOFFMANNS betrifft die neofunktionalistischen Kernthesen zur In- tegrationsdynamik. So stoße das spill-over -Konzept dort sehr schnell auf seine Grenzen, wo nationale Schlüsselinteressen betroffen sind, nämlich bei Fragen der von HOFFMANN als high politics bezeichneten Bereiche Außen-, Sicherheits- und Verteidigungspolitik.122 Während im Bereich der Wohlfahrtsmaximierung, also innerhalb der ökonomischen Ko- operation und damit der low politics 123 sehr wohl spill-over -Effekte zu beobachten seien, schließt HOFFMANN einen politischen spill-over auf Bereiche der high politics, die er für grundsätzlich integrationsungeeignet hält, aus.124 Die ursprüngliche neofunktionalistische spill-over -Hypothese ließe sich also keinesfalls für alle Politikbereiche aufrecht halten. Entscheidend seien vielmehr die Frage, ob zwischen den Mitgliedern ein Konsens bezüglich eines Inhalts bestehe, sowie das Kalkül der einzelnen Nationalstaaten:

„In order to go ´beyond the nation-state´, one will have to do more than set up procedures in adequate ´background´ and ´process conditions´. For a procedure is not a purpose, a process is not a policy. […] Ambiguity lures and lulls the national consciousness into integration as long as the benefits are high, the costs low, the expectations considerable. Ambiguity may arouse and stiffen national consciousness into nationalism if the benefits are slow, the losses high, the hopes dashed or deferred.”125

Dieses Nutzenmaximierungskalkül könne demnach, wenn überhaupt, nur für den ökono- mischen Sektor gelten, nicht aber für politische Bereiche. Funktionale Sachzwänge und spill-over -Dynamiken seien nicht in der Lage, Politik zu ersetzen. Kein Staatsmann könne es sich erlauben, allein auf Basis wohlfahrtsorientierter Überlegungen Entscheidungen zu treffen.126 Vor allem lehnt HOFFMANN die neofunktionalistische Annahme ab, dass die Na- tionalstaaten während des Integrationsprozesses Schritt für Schritt ihre Souveränität ab- geben, bis schließlich auch die letzten und sensibelsten Bereiche der high politics verge- meinschaftet werden.127

2.1.3 Logic of Diversity als dynamisches Element

In einer weiteren These beschreibt HOFFMANN die Logic of Diversity, welche besagt, dass die Mitgliedsstaaten des Integrationsprojektes aufgrund ihrer verschiedenartigen Geschichte und Entwicklung unterschiedlich auf Krisen und Konflikte reagieren:

Coming from diverse pasts, moved by diverse tempers, living in different parts of the house, inescapably yet differently subjected and attracted to the outside world, those cohabitants react unevenly to their exposure and calculate conflictingly how they could either reduce the disturbance or affect in turn all those who live elsewhere“.128

HOFFMANN setzt dieses Konzept der Integrationslogik des Neofunktionalismus gegenüber und begrenzt so das Ausmaß, in dem der spill-over -Prozess die Handlungsfreiheit der Nationalstaaten einschränken könnte. Deren Regierungen würden nämlich vor allem in politischen Schlüsselbereichen die Kontrolle über die Prozesse nicht aus der Hand geben: argumentiert Hoffmann 1983, dass grundsätzlich alle Politikbereiche high bzw. low politics darstellen könnten. Vgl. Hoffmann (1982): 29.

[...]


1 Gemeinsamer Markt des Südens. Spanisch: Mercado Com ú n del Sur (Mercosur), Portugiesisch: Mercado Comum do Sul (Mercosul). Im Folgenden wird die spanischsprachige Abkürzung Mercosur verwendet.

2 Vgl. Schirm (1999): 12.

3 North American Free Trade Agreement, NAFTA. Der Wirtschaftsverbund zwischen den USA, Kanada und Mexiko wurde am 1994 gegründet.

4 Von einiger Relevanz sind hier z. B. die Andengemeinschaft (Comunidad Andina de Naciones, CAN) oder der Gemeinsame Zentralamerikanische Markt (Mercado Com ú n Centroamericano, MCCA).

5 Association of Southeast Asian Nations, ASEAN, ist eine Vereinigung im südostasiatischen Raum, die auf eine Initiative von 1967 zurückgeht.

6 Southern African Development Community, SADC. Die Südafrikanische Entwicklungsgemeinschaft entstand 1979.

7 Economic Community of West African States, ECOWAS. Die Westafrikanische Wirtschaftsgemeinschaft wur- de 1975 ins Leben gerufen.

8 Mitrany (1946): A working peace system (Die erste Auflage erschien 1943).

9 Haas (1958): The Uniting of Europe.

10 Hoffmann, Stanley (1966): Obstinate or Obsolete? The Fate of the Nation-State and the Case of Western Europe.

11 Vgl. Schieder (2003): 185.

12 An dieser Stelle ist ein klares Forschungsdefizit festzustellen. Ausführliche Auseinandersetzungen mit latein- amerikanischen Integrationsprozessen aus politikwissenschaftlicher Perspektive sind faktisch nicht existent.

13 Wenngleich natürlich nicht sämtliche Strömungen und Differenzierungen in der Theorieentwicklung erfasst werden konnten, wurde dennoch darauf geachtet, sowohl ursprüngliche als auch jüngere Elemente zu erfassen und somit den Veränderungen und Anpassungen im Zeitablauf gerecht zu werden. Außerdem wurde versucht, die wichtigsten Beiträge der bedeutendsten Autoren zu berücksichtigen.

14 Diese beiden Theorien stellen einen Teilbereich der Integrationsforschung dar. Für eine überblicksartige Dar- stellungen der bestehenden Integrationstheorien und deren Entstehungskontext, sowie deren Verortung inner- halb der Internationalen Beziehungen als politikwissenschaftliche Disziplin siehe z. B. Schieder/Spindler (2003); Krell (2004); Lehmkuhl (2001); Gu (2000); Bellers/Häckel (1990); Rittberger (1990).

15 Einige neofunktionalistische Autoren unternahmen v. a. anfänglich den Versuch, die Theorie auch auf weitere regionale Integrationsprozesse wie beispielsweise in Lateinamerika anzuwenden. Erste komparative Studien unternahmen z.B. Haas (1961) sowie explizit zur lateinamerikanischen Integration Haas (1967) sowie Haas/Schmitter (1964). Vor allem in jüngerer Zeit jedoch gibt es kaum noch Arbeiten, die die hier vorgestell- ten Theorien in einem anderen als den europäischen Kontext anwenden.

16 Der Begriff Region wird im Folgenden in seiner weltsystemtheoretischen Bedeutung verwandt, das heißt als Bezeichnung für eine Weltregion, für eine Gruppe von Staaten.

17 Vgl. O´Neill (1996): 37.

18 An dieser Stelle kann nicht näher auf die Zusammenhänge zwischen den drei Theorien eingegangen werden. Vgl. hierzu u.a. Giering (1997): 44ff; Rosamond (2000): 31ff; Conzelmann (2003): 144ff.

19 Der damalige französische Staatspräsident de Gaulle zog aus Protest gegen bestimmte politische Vorhaben und Entwicklungstendenzen der EWG seinen Vertreter aus dem Ministerrat zurück - Frankreichs Stuhl blieb „leer“. Auf diese Weise wurde die Gemeinschaft, die auf dem Einstimmigkeitsprinzip basierte, aufgrund der Blockadehaltung einer einzigen nationalen Regierung de facto entscheidungsunfähig. Der Konflikt wurde 1966 im so genannten Luxemburger Kompromiss beigelegt. (Vgl. Giering 1997: 64).

20 Vgl. Haas (1976).

21 Haas (1970a): 610.

22 Vgl. Haas (1968b): xxxii. Es handelt sich hier um die 2. Auflage von „The Uniting of Europe“ von 1958. Die- se wurde von Haas durch ein weiteres Vorwort ergänzt, bezüglich des Haupttextes und der Seitennummerie- rung unterscheiden sich die beiden Auflagen jedoch nicht.

23 Haas (1968b): 5.

24 Vgl. Haas (1968b): 16.

25 Haas (1968b): 5.

26 In den hier folgenden Ausführungen argumentiert Haas im Kontext entwickelter Industriestaaten im Westeu- ropa der 1950er und 60er Jahre.

27 Vgl. Haas (1968b): 4f. Haas bezieht sich immer wieder auf die Relevanz des pluralistischen Elements in sei- ner Theorie, so z.B. in Haas (1968b): 11, Haas (1968b): xxxv oder Haas (1970a): 623.

28 Vgl. Haas (1961): 375.

29 Vgl. Haas (1968b): xixf; Haas (1969): 51; Haas (1964b): 71, hier spricht der Autor über „victory of economics over politics“.

30 Vgl. Heathcote (1975):39.

31 Vgl. Haas (1964b): 71; Rosamond (2000): 57ff.

32 Zum Zusammenspiel von Lernen und Integration: “Learning is bases on the perceptions of self-interest dis- played by the actors. When actors realize that their interest would be achieved by adopting new approaches, and if these approaches involve commitment to larger organizations, then and only then does ´learning´ con- tribute to integration.” Haas (1964a): 48.

33 Vgl. Haas (1968b): 290. Wolf geht bezüglich der dem Funktionalismus im Allgemeinen zugrunde liegenden Prämissen neben dem Pluralismusaspekt auch auf die weit reichende (internationale) Arbeitsteilung ein, die u.a. zu einer Zunahme transnationaler gesellschaftlicher Kontakte und Verbindungen führt und somit die na- tionalstaatliche Außenpolitik und Diplomatie in den Kontext einer Vielzahl von bi- oder multilateraler Bezie- hungen stellt. Vgl. Wolf (1999): 40.

34 Dies sind insbesondere Regierungen, Parteien, Verbände und Lobbygruppen.

35 Vgl. Haas (1968b): xix, xxxiv; Haas (1968b): 17.

36 Vgl. Haas (1968b): 18f. Zu den supranationalen Institutionen vgl. auch Haas (1968b): 308ff.

37 Vgl. Haas (1958): 312. Die Relevanz des Ministerrats als formales Machtzentrum schränkte Haas durch die Feststellung ein, dass „[…] the intergovernmental Council of Ministers would not in fact make any decisions without following the studies and recommendations of the Commission”.

38 Diese beziehen sich konkret auf den westeuropäischen Integrationsprozess bis zum Ende der 1950er Jahre.

39 Vgl. Haas (1968a): 523.

40 Vgl. Haas (1968b): 13.

41 Vgl. Haas (1968b): 12ff sowie 294ff.

42 Vgl. Haas (1968b): xxxiv.

43 In diesem Zusammenhang weist Wolf explizit darauf hin, dass trotz der Verwendung von Begriffen wie „Ak- teur“, „Interesse“, „Präferenz“ oder „Entscheidung“ in den grundlegenden Arbeiten etwa von Haas der Erklä- rungsmodus der Theorie nicht intentional, sondern klar funktional sei. Akteure seien im vorliegenden Kontext Funktionserfüller, die strukturellen Zwängen unterlägen, denen sie sich praktisch nicht entziehen könnten. Vgl. Wolf (1999):42f.

Haas selbst spricht von einer „ hiding hand “, die die Theorie des Neofunktionalismus leite und betont so die relative Bedeutung des von ihm analysierten Akteursverhaltens. Vgl. Haas (1968b):xif.

44 Haas (1968b): 297.

45 Hier im Sinne von „Übergreifen“ oder „Überschwappen“; dieser Begriff wurde bereits im Funktionalismus Mitranys geprägt. Vgl. Conzelmann (2003): 149.

46 Vgl. Haas (1968b): 283ff.

47 Vgl. Haas (1961): 372ff. Haas bezog diesen spill-over-Effekt auf eine funktionale, eine politische sowie ein geographische Dimension.

48 Haas (1961): 372.

49 Vgl. Haas (1968b): 297.

50 Haas (1968b): xxiii.

51 Vgl. Haas (1968b): 14ff. Ein solcher Loyalitätstransfer stellt für die (Neo-) Funktionalisten allerdings keine Voraussetzung für Integration dar, sondern wird vielmehr als eine Konsequenz des Integrationsprozesses ge- sehen, die der Vergemeinschaftung zusätzlichen Schub verschafft.

52 Vgl. Haas (1968b): 283ff; 524f.

53 Vgl. Lindberg (1963).

54 Vgl. Haas/Schmitter (1961).

55 Lindberg (1963): 6 (Hervorhebungen im Original).

56 Die ausführliche Formulierung dieser Bedingungen findet sich in Lindberg (1963): 7ff; vgl. ferner Giering (1997): 66f.

57 Lindberg (1963): 10.

58 Vgl. Lindberg (1963):11. Hier zeichnet sich bereits ansatzweise eine Relativierung des von Haas postulierten Determinismus und Automatismus der Integrationsdynamik ab, die allerdings erst einige Zeit später aufgrund realpolitischer Entwicklungen innerhalb der Europäischen Gemeinschaft konsequent vollzogen wurde.

59 Vgl. Faber (2005): 51.

60 Vgl. Haas/Schmitter (1964). Laursen bemerkt zu diesem Beitrag, dass es in den 1960er und 1970er Jahren sehr wohl weitere vergleichende Studien zur regionalen Integration gegeben habe, dabei allerdings keine „so theoretical in approach“ gewesen sei wie die von Haas und Schmitter. Vgl. Laursen (2003): 9.

61 Empirische Bezugspunkte waren unter anderem die EWG, die EFTA, der OECD sowie die lateinamerikani- sche Freihandelsassoziation LAFTA. Anhand von „allgemeinen Hintergrundvariablen“ (wie z.B. das Ausmaß des gesellschaftlichen Pluralismus), „Prozessvariablen“ (wie die Reaktionsfähigkeit von Regierungen gegen- über Enttäuschungen und Krisen des Integrationsprozesses) sowie der in der Anfangsphase erreichten „Dich- te“ der Kooperation (Komplementariät der von den Regierungen verfolgten Ziele und Delegation von Aufga- ben an die supranationale Ebene) wurden die Kooperationen mit einem Punktesystem bewertet und schließlich eine Prognose bezüglich der „chances of automatic politicization“, also ein Übergreifen von der ökonomi- schen zur politischen Kooperation getroffen. Vgl. Haas/Schmitter (1981): 169ff (Es handelt sich hierbei um die deutsche Übersetzung des Artikels von Haas/Schmitter (1964) in gekürzter Form).

62 Vgl. Haas/Schmitter (1981): 164.

63 Haas/Schmitter (1981): 175f.

64 Vgl. Faber (2005): 54.

65 Haas schrieb in einem Beitrag von 1966: „De Gaulle has proved us wrong, But how wrong? […] I suggest that the theory can be amended with the lessons de Gaulle has taught us and still tell us something about the logic of functional integration among nations.” Haas (1966): 327.

66 „We look back only in order to look ahead, to prepare for the second act [of integration studies, M.S.]”. Lind- berg/Scheingold (1971): x.

67 Im Folgenden soll auf eine Auswahl von Beiträgen von Haas, Lindberg, Scheingold, Schmitter und Nye ein- gegangen werden, die als die wichtigsten Arbeiten dieser Entwicklungsphase gelten.

68 Lindberg (1965): 78.

69 Vgl. Lindberg (1966): 235; 262.

70 Vgl. Haas (1970b): 48; 59 (Es handelt sich hier um die deutsche Übersetzung von Haas 1967).

71 Vgl. Haas 1970b: 59ff.

72 Vgl. Schmitter (1971).

73 Vgl. Lindberg/Scheingold (1970).

74 Vgl. Nye (1971a).

75 Eine Vielzahl weiterer Beiträge findet sich u.a. in den Jahrgängen 1968-1971 von International Organization sowie dem Journal of Common Market Studies.

76 Schmitter bezieht sich hier auf die weiter oben bereits erwähnte empirische Arbeit mit Haas, in der verschie- dene Integrationsprozesse anhand eines Punktesystems beurteilt wurden. „Failure“ insofern, als es sich um ei- ne kaum angemessene und leicht missverständliche Theorie handle, v. a. deshalb, weil die Variablenbeziehun- gen untereinander sowie die Wahrscheinlichkeit unterschiedlicher „integration outcomes“ nicht berücksichtigt wurde; „successfull“, weil sie eine fruchtbare Debatte angestoßen habe. Vgl. Schmitter (1971): 32f.

77 Vgl. Schmitter (1971): 233.

78 Diese sieben Strategien betitelt Schmitter als spill-ove r, spill-aroun d, buildup, retrench, muddle-about, spill- back sowie encapsulate. Er definiert diese möglichen Akteursstrategien als abhängige und somit zu erklärende Variable. Vgl. Schmitter (1971): 240ff.

79 Vgl. Schmitter (1971): 238f.

80 Vgl. Schmitter (1971): 242. Giering bemerkt an dieser Stelle, dass sich eine Mehrheit der möglichen Szena- rien auf Krisen, Rückschläge und Kompetenzverluste der gemeinsamen Organe beziehe und schließt hieraus auf einen deutlich gedämpften Optimismus der Neofunktionalisten bezüglich des Integrationsautomatismus nach der De Gaulle´schen Machtdemonstration. Vgl. Giering (1997): 84.

81 Vgl. Schmitter (1971): 243; 263. Bezüglich des Variablensets geht Schmitter u.a. von neun Faktoren aus, die entscheidenden Einfluss auf den Integrationsprozess haben: (1) die relative Größe und Macht der Mitglieds- staaten, (2) die Transaktionsrate und der Verflechtungsgrad der Staaten und Akteure untereinander, (3) Grad des unter den Staaten herrschenden Pluralismus, (4) Komplementarität der Wertvorstellungen der Eliten, (5) extraregionale Abhängigkeit, (6) nationale Akteursstrategien, (7) die Umsetzung dieser Akteursstrategien in eine gemeinsame Politik, (8) level und scope der regionalen Institutionen und (9) der durch level und scope definierte Stil der Entscheidungsfindung. Vgl. Schmitter (1971): 246ff. Die Zusammenfassung ist angelehnt an Giering (1997): 84. Auf Basis dieser und weiterer Überlegungen formuliert Schmitter acht Makrohypothesen, die durch eine große Zahl von bi- und multivariabler Hypothesen abgestützt werden und die die Grundlage seines in drei Gruppen von Zyklen unterteilten Modells bilden (initiation cycle - Gründungsphase der Integrationsbewegung, priming cycles -frühe Wachstumsphase und transforming cycles - Transformationsphase). Vgl. Schmitter (1971): 232ff. Dabei bleibt Schmitter dem Aussagensystem des Neofunktionalismus grundsätzlich treu, ergänzt es jedoch und differenziert es stark aus. Eine detaillierte Darstellung seines Modells und der sehr umfangreichen Prozessanalyse, die er entwickelt, kann hier nicht geleistet werden. Wesentliche Unterschiede zum bisherigen Neofunktionalismus werden aber in obiger Ausführung deutlich.

82 Vgl. auch Faber (2005): 70f.

83 Die beiden Autoren versuchen explizit, den Wandel und die Veränderungen innerhalb der EG zu erklären (vgl. Faber (2005): 61). Aus diesem Grund sollen hier nur einige Aspekte ihrer Arbeit kurz dargestellt werden, die auch eine mögliche Übertragung auf Integrationsprozesse etwa in Lateinamerika zulassen.

84 Vgl. Lindberg/Scheingold (1970): 118.

85 Lindberg und Scheingold unterscheiden hier zwischen mechanisms und activators. Vgl. hierzu im einzelnen Lindberg/Scheingold (1970): 117ff; 134.

86 Folgende Prozessmodelle werden unterschieden: Forward linkage, Output failure, Equilibrium, Spill-back und System transformation (vgl. Lindberg/Scheingold (1970): 137). Forward linkage und System transforma- tion beschreiben Wachstumsszenarien innerhalb des Integrationsprozesses. Equilibrium steht für das Verhar- ren auf einem einmal erreichten Integrationsniveau. Output failure und Spill-back dagegen berücksichtigen Rückschläge und eine Reduzierung des Integrationsniveaus.

87 Vgl. auch Faber (2005): 66.

88 Vgl. Lindberg/Scheingold (1970): 38ff.

89 Nye (1971a): 193. Dieser Aufsatz erschien erstmalig in International Organization, Vol. 24 (1970), S. 796- 835. Die Darstellung des hier beschriebenen Modells findet sich auch in Nye (1971b): 55ff.

90 Nach Nye existieren sieben Prozessmechanismen: die funktionale Verknüpfung von Aufgaben, wachsende Transaktionen, bewusste Verknüpfungen von Aufgabenbereichen, Akteurskoalitionen (im Sinne eines cultiva- ted spill-over), Elitensozialisation, die Formierung regional organisierter Interessengruppen, die ideologisch- identitätstiftende Anziehungskraft der regionalen Organisation und die Beteiligung externer Akteure. Vgl. Nye (1971a): 195ff. Zusammengefasst nach Faber (2005): 72f.

91 Diese umfasst neben Technokraten auch organisierte Interessengruppen (pro-integrative, aber auch integrati- onskritische und neutrale Gruppen), nationale Regierungen, „dramatisch“ auftretende Politiker und „führende Köpfe“ der öffentlichen Debatte. Vgl. Nye (1971a): 195ff. Zusammengefasst nach Faber (2005): 72.

92 Vgl. Nye (1971a): 193ff.

93 Als Strukturbedingungen, die Nye als während des Integrationsprozesses relativ konstant bezeichnet, nennt er eine weitgehende ökonomische Gleichwertigkeit der Mitgliedsstaaten, homogene Wertehaltungen der relevan- ten Eliten, eine pluralistische Gesellschaftsstruktur und die Möglichkeit der Mitgliedsstaaten, auf gegenseitige Forderungen angemessen reagieren zu können. Vgl. Nye (1971a): 208ff. Diese Bedingungen finden sich wie weiter oben ausgeführt bereits ähnlich bei Haas und Schmitter. Neu sind jedoch die Wahrnehmungsbedingungen (Perceptual Conditions), die Nye als volatil und sich im Prozess entwickelnd bezeichnet: das Empfinden einer fairen Verteilung der Integrationsgewinne, das Bewusstsein, dass konzertierte Aktionen die eigene (globale) Position verbessern sowie die Perzeption, dass die Integrationskosten niedrig sind bzw. weitergegeben werden können. Vgl. Nye (1971a): 214ff.

94 Laut Nye gibt es vier dieser möglichen Zustände: Politcization steht für eine zunehmende Vertiefung des In- tegrationsprozesses unter Einbeziehung neuer Aufgaben und Akteure. Unter Redistribution wird die (Um-) Verteilung von Ressourcen und Integrationsgewinnen innerhalb und zwischen den Mitgliedsstaaten verstan- den. Reduction of Alternatives besagt, dass mit wachsendem Integrationsniveau und fortschreitender gemein- samer Entscheidungsfindung die unabhängigen Entscheidungsoptionen einzelner Mitglieder reduziert werden. Diese Annahme knüpft an die ursprüngliche Automatismusthese an, wobei nun von weiterhin möglichen sou- veränen Entscheidungen (wenn auch in sinkender Zahl) ausgegangen wird. Externalization schließlich meint die zunehmende Formulierung von gemeinsamen Positionen gegenüber Dritten. Vgl. Nye (1971a): 218ff.

95 Vgl. Nye (1971a): 195ff.

96 Vgl. Nye (1971a): 198.

97 Vgl. auch Nye (1971a): 226.

98 Vgl. Faber (2005): 76.

99 Vgl. Haas (1970a): 614; 623. Haas sprach von drei „Vortheorien“ innerhalb des Forschungsgebietes der regi- onalen Integration: Föderalismus, Transaktionalismus und Neofunktionalismus.

100 Diese Auseinandersetzung von Haas mit dem Stand der Integrationsforschung findet sich ausführlich in Haas (1975) sowie Haas (1976).

101 Auslöser dieser neuerlichen Belebung innerhalb der Integrationsforschung war die Debatte zur Einheitlichen Europäischen Akte und deren Auswirkung auf den europäischen Integrationsprozess.

102 Das Konzept des spill-over wurde im Laufe der neofunktionalistischen Theorieentwicklung stetig ausdifferen- ziert. Eine inzwischen gängige Unterscheidung des Begriffs sieht drei mögliche Varianten vor:
(1) Functional spill-over gilt als Grundform des Konzepts. Danach wird eine einmal begonnene, erfolgrei- che Zusammenarbeit in einem Funktionsbereich aufgrund sachlogischer Verknüpfungen mit anderen Aufgabenbereichen auch zur Integration in weiteren Bereichen führen.
(2) Political spill-over besagt, dass gesellschaftliche Eliten aufgrund eines Lernprozesses Wohlstands- gewinne und auch sonstige subjektive Vorteile durch eine Vertiefung der Integration erwarten. Aus die sem Grund üben sie Druck auf die (supra-)nationalen Institutionen aus, um so die Vergemeinschaftung zu beschleunigen.
(3) Cultivated spill-over entsteht, wenn die supranationalen Gemeinschaftsorgane den auf dem funktionalen und politischen spill-over basierenden Integrationsprozess schließlich instrumentalisieren, indem sie den Nationalstaaten das Gelingen der bisherigen und die Vorteile weiterer Integration als Notwendigkeit na- he legen. Auf diese Weise können supranationale Institutionen Einfluss ausüben, der auf die Stärkung ihrer eigenen Position gerichtet ist.
Vgl. Welz/Engel (1993): 146f; Burley/Mattli (1993): 45; Tranholm-Mikkelsen (1991): 4ff; Zimmerling (1991): 100; Giering (1997): 59f.

103 Exemplarisch seien hierfür folgende Arbeiten genannt: Mutimer (1989), Laursen (1990), Tranholm-Mikkelsen (1991), Zellentin (1992), Burley/Mattli (1993), Corbey (1995)

104 Beispiele hierfür sind etwa Sandholtz/Zysman (1989) oder Cameron (1992).

105 Die Bezeichnung „Transaktions-Theorie“ verwendet Faber (2005). Die beiden Autoren sprechen von einer „transaction-based theory of integration“ (Stone Sweet/Sandholtz (1997): 302).

106 An dieser Stelle wird deutlich, dass die beiden Autoren eine veränderte Untersuchungsfrage formulieren: Problematisiert wird nicht länger die politische Integration an sich, sondern die Frage, warum es in einer Re- gion zu Formen transnationalen Regierens kommt.

107 Stone Sweet/Sandholtz gehen davon aus, dass im Integrationsprozess ökonomische Projekte im Mittelpunkt stehen, da hier die Gewinne am größten sind und sich die materiellen benefits am besten abschätzen lassen.

108 Vgl. Stone Sweet/Sandholtz (1997): 306ff.

109 Vgl. Faber (2005): 211.

110 Hoffmann (1966) gilt als die klassische Formulierung des Intergouvernementalismus. Siehe auch Hofmann (1964b).

111 Vgl. zum Realismus Morgenthau (1948). Vgl. grundlegend zum Neorealismus die Beiträge in Keohane (1986).

112 Vgl. Faber (2005): 87.

113 Vgl. Faber (2005): 92ff.

114 Hoffmann (1982): 21.

115 Hoffmann (1964a): 1256.

116 Hoffmann bedient sich bezüglich der Souveränität der Staaten -wenn auch in abgeschwächter Form- des rea- listischen „Billiard-Ball-Modells“, nach dem Staaten durch Einflüsse von außen zwar bewegt werden, in ih- rem Verlauf und bei gegenseitigem Aufeinanderprallen aber durch die sie umgebende harte Schale der Souve- ränität geschützt sind.

117 Vgl. Hoffmann (1963): 546.

118 Hofmann (1966): 866.

119 Vgl. Hoffmann (1966): 893.

120 Hoffmann (1966): 889.

121 Hoffmann (1966): 910.

122 Vgl. Hoffmann (1964a): 1274f.

123 Hoffmann relativierte später seine genaue Festlegung auf bestimmte Politikbereiche innerhalb der high bzw. low politics, erhielt aber grundsätzlich die oben beschriebenen Aussagen und Zusammenhängen aufrecht.

124 Vgl. Hoffmann (1965): 87ff. Hoffmann relativiert später diese strikte Festlegung. So räumt er ein, dass durch- aus auch Bereiche der low politics so hohe Bedeutung für einen Staat erlangen könnten, dass dieser nicht be- reit sein würde, sich auf eine gemeinschaftliche Lösung festzulegen. Umgekehrt habe der europäische Integra- tionsprozess gezeigt, dass auch Elemente der high politics auf die Gemeinschaftsebene übertragen werden. So

125 Hoffmann (1966): 881f.

126 Vgl. Hoffmann (1964a): 1276f.

127 Vgl. Hoffmann (1966): 883f. Der Autor beschreibt die neofunktionalistische Sichtweise hier sehr bildhaft als „Artischockenmodell“, nach dem im Laufe des Integrationsprozesses nach und nach die einzelnen Blätter ab- geschält werden, bis schließlich nur noch das schmackhafteste Herzstück übrig bleibt, welches dann am Ende auch angetastet würde.

128 Hoffmann (1966): 865.

Ende der Leseprobe aus 113 Seiten

Details

Titel
Integration in Lateinamerika. Neofunktionalistische und intergouvernementalistische Elemente im Mercosur
Hochschule
Universität Passau
Note
1,0
Jahr
2006
Seiten
113
Katalognummer
V65990
ISBN (eBook)
9783638583800
Dateigröße
1128 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
In der Arbeit werden zunächst mit dem Neofunktionalismus und dem Intergouvernementalismus zwei wesentliche integrationstheoretische Konzepte vorgestellt. Anhand eines Analyserasters werden diese dann auf das bedeutendste lateinamerikanische Integrationsprojekt angewandt: den Mercosur.
Schlagworte
Integration, Lateinamerika, Neofunktionalistische, Elemente, Mercosur
Arbeit zitieren
Anonym, 2006, Integration in Lateinamerika. Neofunktionalistische und intergouvernementalistische Elemente im Mercosur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/65990

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