Die Mahar Neo-Buddhisten: Identitätswandel durch Konversion?


Hausarbeit, 2004
15 Seiten, Note: sehr gut

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Hintergrund der Massenkonversion
2.1. Die traditionelle Rolle der Mahars im Kastensystem
2.2. Ambedkar und der Buddhismus

3. Die Innenperspektive
3.1 Buddhist oder Mahar?
3.2. Die gelebte Religion
3.3. Kenntnisse über den Buddhismus

4. Die Neo-Buddhisten und ihre Umwelt

5. Schlussdiskussion

6. Bibliographie

7. Anhang

1. Einleitung

Am 14. Oktober 1956 traten B.R. Ambedkar und mit ihm Tausende von Angehörigen der Mahar-Kaste in einer öffentlichen Zeremonie zum Buddhismus über. Mit dieser Konversion hofften sie, den Diskriminierungen, denen sie als Unberührbare ausgesetzt waren, entfliehen zu können. Diese Massenkonversion ist das Thema meiner Arbeit. Konkret werde ich mich dabei mit den Auswirkungen des Religionswechsels auf die Identität der Neo-Buddhisten befassen. Identität wird hier verstanden als eine Kombination aus der Selbst- und der Fremdwahrnehmung, d.h. dem Bild, das eine Gruppe von sich aufbaut und mit dem sich ihre Mitglieder identifizieren, sowie der Sicht, die andere von dieser Gruppe haben. Wie hat sich also das Selbstbild der Mahars nach der Konversion verändert, wie leben sie ihre Religion, und wie werden sie von aussen wahrgenommen?

Seit der Massenkonversion im Jahr 1956 wurde sehr viel über die ambedkarische Bewegung geschrieben. Neben den Ursachen der Konversion und der ambedkarischen Interpretation des Buddhismus befasste sich jedoch nur ein Teil der Forscher mit den konkreten Auswirkungen der Konversion auf das Alltagsleben der Neo-Buddhisten. Meine Fragestellung bezieht sich auf die Mikroebene und ist deshalb auf Feldforschungsarbeiten angewiesen. Ich stütze mich dabei hauptsächlich auf die Publikationen von Johannes Beltz, Jayashree Gokhale und Nerra Burra, die alle in den 80er und 90er Jahren während Forschungsaufenthalten in Maharashtra mit Neo-Buddhisten gearbeitet haben.

Beltz war in den Jahren 1994 und 1995, sowie 1997 und 1998 in Maharashtra. Sein Interesse galt hauptsächlich dem neo-buddhistischen Diskurs. Er führte darum viele Interviews durch, hauptsächlich mit urbanen Neo-Buddhisten und den Eliten der Bewegung (Beltz 2001: 21-23). Gokhale führte ihre Feldforschungen in den Jahren 1976 und 1981 in verschiedenen Gebieten von Maharashtra durch (Gokhale 1986: 269). Burras Feldforschungsdaten stammen aus dem Jahr 1983 aus einem Dorf im Bezirk Beed in Maharashtra (Burra 1997: 154). Im Gegensatz zu Beltz beschäftigte sich Burra also hauptsächlich mit der ruralen Bevölkerung.

Die Arbeit beginnt mit einem Überblick über die Hintergründe der Massenkonversion und Ambedkars Vision. Auf die ambedkarische Interpretation des Buddhismus werde ich dabei nur insofern eingehen als es eine Rolle spielt für das Leben der Konvertiten. Darauf folgt ein Kapitel über die Innenperspektive. Dabei geht es um die Selbstwahrnehmung der Neo-Buddhisten, sowie um die Rolle der buddhistischen Religion in ihrem Leben. Anschliessend werde ich noch die Beziehungen der Neo-Buddhisten zu ihrer Umwelt behandeln, d.h. die Frage, wie sie von aussen wahrgenommen werden.

Es gibt viele Begriffe, um die ehemaligen Unberührbaren oder Kastenlosen zu bezeichnen. Ich habe mich für den Begriff „Unberührbare“ entschieden, obwohl es die Unberührbarkeit offiziell nicht mehr gibt. Trotzdem bezeichnet dieser Begriff gut die spezielle Position dieser Gesellschaftsgruppe in der indischen Gesellschaft, an der auch die Verfassung nicht viel ändern konnte. Wenn es mir weniger um die Tatsache der Unreinheit, sondern um die Benennung einer bestimmten Gruppe geht, benutze ich den offiziellen Begriff Scheduled Castes (SC).

2. Der Hintergrund der Massenkonversion

2.1. Die traditionelle Rolle der Mahars im Kastensystem

Subjekt dieser Arbeit sind die Mahars, die im indischen Bundesstaat Maharashtra beheimatet sind und die im Gefolge von Ambedkar zum Buddhismus konvertierten. Sie gehören zu den Unberührbaren und befinden sich demzufolge auf der untersten Stufe der indischen Gesellschaft, deren wichtigstes Stratifikationselement die Einteilung in Kasten ist. Im Rahmen dieser Arbeit ist es mir nicht möglich, ausführlich auf das Kastensystem einzugehen. Ich werde darum nur die wichtigsten Merkmale in Bezug auf die Situation der Mahars erwähnen. Hauptmerkmal einer Kaste ist die Feststellung, dass es sich um eine endogame Gemeinschaft handelt. Man wird in eine Kaste hineingeboren, heiratet innerhalb einer Kaste, isst nur mit Mitgliedern der gleichen Kaste und hat in vielen Fällen auch den gleichen Beruf. Ein weiteres wichtiges Merkmal der Kastengesellschaft ist die Unterteilung in „reine“ und „unreine“ Kasten. Die rituelle Reinheit spielt eine wichtige Rolle und bestimmt die hierarchische Stellung einer Kaste. Auf der untersten Stufe stehen, wie gesagt, die Unberührbaren. Doch auch sie bilden keine Einheit, sondern sind untereinander auch wieder in verschiedene, hierarchisch geordnete Kasten und Unterkasten unterteilt (Deliège 1999: 22). Was ihnen jedoch gemeinsam ist, sind die Diskriminierungen, unter denen sie zu leiden haben. Beltz beschreibt sie als „un groupe social très hétérogène souffrant de nombreuses discriminations et se trouvant en marge de la société hindoue, à la fois en dedans et en dehors“ (2001: 47). Sie sind nicht nur rituell unrein, sondern meistens auch politisch und ökonomisch in einer schwachen Position. Zu den typischen Diskriminierungen gehören religiöse Tabus, die Segregation des Wohnortes und das Verbot, öffentliche Einrichtungen zu benützen (Deliège 1999: 90). Ambedkar, der selbst aus der Mahar-Kaste stammt, hat sich stark mit der Situation der Unberührbaren auseinandergesetzt, und er beschreibt sie als „the weariest, most loathed and the most miserable people that history can witness“ (1993: 733). Als Beispiel einer Diskriminierung erwähnt er unter anderem die Kleidervorschriften:

In Bombay the Untouchables were not permitted to wear clean or untorn clothes. In fact the shopkeepers took the precaution to see that before cloth was sold to the Untouchables it was torn & soiled. (1993: 720)

Es sind diese über Jahrhunderte institutionalisierten Diskriminierungen, die Ambedkar abschütteln wollte. Da der Grossteil seiner Anhänger wie er selbst aus der Mahar-Kaste stammt, werde ich noch kurz auf deren konkrete Situation vor der Konversion eingehen. Sie sind zahlenmässig die grösste SC-Gruppe in Maharashtra und sind unterteilt in mehrere endogame Gruppen (Wilkinson 1972: vii).

Im Folgenden stütze ich mich auf den Beschrieb von Burra (1997: 152-153). Die meisten Mahars waren als gaonki, d.h. als Dorfdiener tätig. Als solche hatten sie spezifische Aufgaben für die Dorfgemeinschaft zu erfüllen, z.B. Holz für die Verbrennungsstätten hacken, Nachrichten von Geburt oder Tod überbringen, tote Rinder entsorgen und verschmutze Quellen reinigen. Für diese Arbeiten erhielten sie von der Dorfgemeinschaft Getreide oder Land, dass sie bearbeiten konnten. Zum Teil waren sie auch als Boten oder als Wachmänner für die Regierung tätig. Es gab zwar auch Mahars, die als selbständige Bauern tätig waren, aber die Mehrheit war vollkommen abhängig von der Dorf- oder Staatsstruktur, um überleben zu können. Ihr sozioökonomischer Status war extrem tief. Wegen ihrer Unreinheit lebten die ausserhalb des Dorfes, im sogenannten maharwada. Da sie durch ihre Aufgaben viel Kontakt mit Kastenhindus hatten, wurden sie ständig an ihre tiefe Position erinnert.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, um sich gegen die tiefe soziale Position zur Wehr zu setzten. Die Mahars wählten unter der Führung von Ambedkar den Religionswechsel. Wie es genau dazu kam, werde ich im nächsten Kapitel darstellen.

2.2. Ambedkar und der Buddhismus

Ambedkar, der oft als Führer der Unberührbaren bezeichnet wird, war dank seinem Vater, der für die britische Armee tätig war, relativ privilegiert. Er erhielt eine gute Ausbildung. Dank Stipendien konnte er unter anderem in den USA und in England studieren. Nach seiner Rückkehr nach Indien war er als Anwalt tätig, und er wurde sogar Justizminister im unabhängigen Indien. Für die Mahars ist er darum ein grosses Vorbild als moderner und erfolgreicher Mann. Doch trotz seiner Stellung litt auch er unter den Diskriminierungen, denen Unberührbare ausgesetzt waren. Er stieg in die Politik ein und versuchte auf diese Weise, die Situation zu verbessern. Seine Themen waren Demokratie, die Bekämpfung der Armut und Zugang zur Bildung für alle. Religiöse Fragen standen dabei vor allem am Anfang nicht im Vordergrund (Deliège 1999: 179). Seine Hoffnungen wurden jedoch enttäuscht. Er musste feststellen, dass die Situation der Unberührbaren innerhalb der Hindu-Gesellschaft nicht verbessert werden konnte. Da sie von den Kastenhindus keine Hilfe erwarten konnten, mussten sie ihr Schicksal selber in die Hand nehmen.

Il connaissait bien sa société et savait que l’esprit de la caste, légitimé par la religion hindoue, est intégré à tous niveaux de la société. (Beltz 2001: 50)

Auf einer Konferenz in Yeola deklarierte Ambedkar 1935 öffentlich, dass er nicht als Hindu sterben werde (Contursi 1993: 321). Die Unberührbaren müssen den Hinduismus verlassen, denn seiner Meinung nach ist eine gleichberechtigte Gesellschaft innerhalb des Hinduismus nicht möglich.

It is impossible to believe that Hindus will ever be able to absorb the Untouchables in their society. Their Caste System and the Religion completely negative [sic] any hope being entertained in this behalf. (Ambedkar 1993: 731)

Nach der Deklaration von Yeola dauerte es noch einmal etwa 20 Jahre bis zu seiner Konversion zum Buddhismus. In dieser Zeit setzte sich Ambedkar intensiv mit verschiedenen Religionen auseinander. Auf der Suche nach der idealen Religion befasste er sich nicht nur mit dem Buddhismus, auch der Sikhismus, der Islam und das Christentum wurden in Erwägung gezogen (Pandyan 1996: 87-92). Er verstand Religion im Sinne einer Moral, die die Gesellschaft zusammenhält. Die Religion sollte mit der Vernunft übereinstimmen, die grundlegenden Prinzipien von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit anerkennen und unfreiwillige Armut nicht selig sprechen (Queen 1996: 47). Aufgabe der Religion ist es, die Menschen glücklich zu machen.

Ein Grund für die Entscheidung für den Buddhismus war die Tatsache, dass der Buddhismus im Gegensatz zu Christentum und Islam eine ursprünglich indische Religion ist. Er stellte sogar die These auf, dass der Buddhismus die Religion der Vorfahren der heutigen Mahars war (Gokhale 1986: 275). Der zweite Grund ist in der Lehre des Buddhismus selber zu suchen. Ambedkar verstand ihn als rationale und egalitäre Religion. In seinem Buch The Buddha and his Dhamma stellte er seine Interpretation des Buddhismus dar. Dieses Buch ist die ethische Basis der ambedkarischen Bewegung (Contursi 1993: 321). Er hielt sich in diesem Werk nicht genau an die Quellen, sondern schuf, beeinflusst vom buddhistischen Modernismus, eine neue Form des Buddhismus. Der Buddha wird dabei als Sozialreformator dargestellt (Beltz 2001: 80). Die Bedeutung der Befreiung wird vom Transzendenten auf das Weltliche verlagert. Wie Ambedkar sagte, wollte er die wirkliche, reine Lehre des Buddha rekonstruieren, frei von allen späteren Zusätzen. Die vier noblen Wahrheiten sollen beispielsweise nicht dazugehören, denn seiner Meinung nach hat der Buddha Hoffnung, nicht Pessimismus gepredigt (Beltz 2001: 84).

Mit der Konversion sollte in erster Linie eine mentale Veränderung erreicht werden. Es ging Ambedkar um die Ablehnung des Hinduismus und damit der Unterdrückung. Mit dem Buddhismus sollten die Unberührbaren eine neue Identität erhalten. Auf der individuellen Ebene war das Ziel die Schaffung eines neuen Selbstbewusstseins. Das traditionelle ideologische Model sollte überwunden und die Gleichheit aller Menschen angestrebt werden. Auf der kollektiven Ebene sollte der Buddhismus ein Mittel zur Vereinigung aller Unterdrückten sein (Gokhale 1986: 272).

So kam es am 14. Oktober 1956 in Nagpur zur Massenkonversion zum Buddhismus. Einige Tausend Mahars folgten ihrem Führer Ambedkar und protestierten somit gegen die Diskriminierungen, denen sie als Unberührbare ausgesetzt gewesen waren.

[...]

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Die Mahar Neo-Buddhisten: Identitätswandel durch Konversion?
Hochschule
Universität Bern  (Institut für Religionswissenschaft)
Note
sehr gut
Autor
Jahr
2004
Seiten
15
Katalognummer
V66003
ISBN (eBook)
9783638583879
ISBN (Buch)
9783638767873
Dateigröße
542 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mahar, Neo-Buddhisten, Identitätswandel, Konversion
Arbeit zitieren
Sarah Brügger (Autor), 2004, Die Mahar Neo-Buddhisten: Identitätswandel durch Konversion?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/66003

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