Marina Abramovic und Ulay "Relation Works". Innerhalb des Entwicklungsprozesses der europäischen Performance


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003

22 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltverzeichnis

0. Einleitung

1. Die Legende vom „Traumpaar der Kunstszene“

2. Die Struktur ihrer Performances im Schnelldurchlauf

3. >Relation Works< innerhalb des Entwicklungsprozesses der europäischen Performance
3.1 Überschreiten von körperlichen Grenzen
3.2 Zeremonie und Ritual
3.3 Energien, Energiefelder, Energieübertragung
3.4 Konzentration auf eine Idee
3.5 Männlichkeit - Weiblichkeit

4. Schlussbemerkung

Abbildungsverzeichnisse:

Literaturverzeichnisse:

0. Einleitung

Von dem Künstlerpaar Marina Abramović und Ulay geht eine unweigerliche Faszination aus. Sie erfasste nicht nur mich selbst, sondern auch die Hörer meines Referates. Man benötigt wenig Redekunst, um das Publikum an das Thema zu binden. Die Begeisterung beginnt schon, setzt man sich mit wenigen ihrer Aktionen auseinander. Folgt man seinem Enthusiasmus, gelangt man in ein Bild aus Raum und Zeit, in welchem die Performances nur Schattierungen sind. Ihre gemeinsame Schaffensphase liest sich wie eine Legende der Katharsis und der Liebe. Jeder Moment beider Lebensläufe, jede Performance, jede Aussage fügt sich diesem umfassenden Kunstwerk, ist dessen zwingender Bestandteil. Dies und die damit einhergehende Faszination machen es schwierig, eine eingrenzende Fragestellung für eine Hausarbeit zu finden. Dennoch werde ich es versuchen, auch wenn ich dadurch ein lieb gewonnenes, ganzheitlich vollkommenes Bild aufbreche.

Ich werde ihre Performance-Tätigkeit in die Entwicklung der europäischen Performance Art einordnen, folglich Parallelitäten und Bezüge zu anderen Künstlern ihrer Zeit und das Besondere ihres Schaffens aufzeigen. Ich grenze dabei Environments, Videoarbeiten und Installationen kategorisch aus den Betrachtungen aus. Weiterhin konzentriere ich mich vorderrangig auf die gemeinsamen Arbeiten unter >Relation Works<. Unter dieser Einengung des Sichtfeldes bleiben natürlich die Beobachtungen zum Entwicklungsprozess, zum philosophischen Hintergrund, zum Lebensgefühl beider und zum Aufbau der Performances an der Oberfläche haften. Ich zwänge also das vieldimensionale Bild aus Raum und Zeit in die Zweidimensionalität der Sprache. Bevor ich dies vollziehe, möchte ich den Leser in die Grundzüge des Schaffens von Marina Abramović und Ulay einweisen. Dadurch kann ich die Besonderheiten innerhalb der europäischen Performance einfacher und leichter verständlich aufzeigen. In einem ersten Schritt skizziere ich das Bild der Legende, und führe so in den chronologischen Verlauf ihrer Tätigkeit ein. Darauf folgend betrachten wir die Fotografie einer Performance, um die Grundzüge ihrer Arbeiten zu formulieren. Diese werden im Hauptteil genutzt, in dem wir nach ihrer Herkunft in der Entwicklung der Performance Art fragen.

1. Die Legende vom „Traumpaar der Kunstszene“

Marina[1] Abramović und Ulay lernten sich 1974 an ihrem gemeinsamen Geburtstag, dem 30. November, kennen. Sie erkannten es als ein Zeichen und fanden so ihre Liebe und ihren gemeinschaftlichen Willen zur künstlerischen Tätigkeit. Ulay, geboren 1943 in Solingen, kommt aus Westdeutschland; Marina, geboren 1946 in Belgrad, stammt aus Jugoslawien. Die Vereinigung von West und Ost bleibt Thema ihrer Arbeit, jedoch im Sinne des westlichen und (fern-)östlichen Körpers. Ihre Tätigkeit stellten sie unter den Titel >Relation Works<[2]. Beide hatten schon zuvor den Buddhismus für sich entdeckt. Erfüllt von Sendungsbewußtsein beschlossen sie, ihren festen Wohnsitz aufzugeben, und stattdessen mit einem alten Lastwagen die Welt zu bereisen und Performances zu halten. In ihren Aktionen setzten sie sich starken Strapazen aus, um die Grenzen des Geschlechts und des Ichs zu überschreiten und in völliger Harmonie ineinander überzugehen. Auf diesem Weg der Katharsis durchschritten sie mehrere Stationen und kamen sich immer näher. Die Liebe und die exzessive Auseinandersetzung mit dem Ich und seinem Gegenüber einte sie dermaßen, dass sie im Traum zueinander sprachen.

Ihre Performances waren zu Beginn ihrer Zusammenarbeit dynamisch und singulär. Ende der 70er Jahre, Anfang der 80er Jahre gewannen sie immer mehr an Stille und Ritual. Der strukturelle Wandel ihrer Performances, könnte dem Wandel ihrer Partnerschaft entsprechen - vom anfänglichem Verliebtsein hin zur starken in sich ruhenden Liebe. Die gemeinsamen spirituellen Grenzbeschreitungen führten jedoch nicht nur zueinander, sondern belasteten auch die Beziehung. Bei ihrer letzten Performance wanderten sie die Chinesischen Mauer entlang, Marina Abramović vom westlichen, dem traditionell männlichen Ende, Ulay vom östlichen, dem tratitionell weiblichen Ende aus. Als sie sich auf halber Strecke, nach 4000 km Marsch trafen, verabschiedeten sie sich für immer voneinander. Dieser letzte gemeinsame öffentliche Akt offenbart sich als Symbol ihrer Liebe. Der lange Weg durch Torturen führte sie immer näher zueinander, bis zum Punkt der Vereinigung, an dem die Liebe auf Ewigkeit zerschellte.

2. Die Struktur ihrer Performances im Schnelldurchlauf

Um den strukturellen Aufbau ihrer Performances kurz und knapp zu erklären bediene ich mich des Hilfsmittels der Bildbetrachtung. Ich nutze dazu die Fotografie aus Abbildung 1.

Abgelichtet ist die PerformanceRelation in Timevon 1977, Dauer: 17 Stunden. Eine Frau und ein Mann (Marina Abramović und Ulay) sitzen Rücken an Rücken vor einer weißen Wand. Ein straffer kurzer Zopf aus beider Haar kettet sie aneinander. Das Profil ihrer Gesichter schaut ernst. Beider Blick schweift ziellos in die Ferne oder in das innere Selbst. Die symmetrische Anordnung von Mann und Frau ist unschwer zu übersehen.

Zentrum der Symmetrie bilden der Zopf und beider Haaransatz. Sie heben sich durch das Dunkel der Haare kontrastreich vom Weiß der Wand, der Hemden als auch der hellen Gesichtern ab. Während der 17 Stunden verharrten Marina Abramović und Ulay in der beschrieben Position. Auf einer mir vorliegenden Fotoserie der Aktion sind es immer die gleichen Fotografien. Mann und Frau sitzen Rücken an Rücken. Die vergehende Zeit erkennt man einzig am Zopf, der von Foto zu Foto lockerer wird. Unter der steten Belastung lösen sich einzelne Haarsträhnen aus der ursprünglich straffen Anordnung. Er lässt Schmerz, Ausdauer und die daraus entstehenden Spannungen der Situation - die nicht sichtbare Dynamik zwischen Marina Abramović und Ulay - optisch nachvollziehen. Ein erster wichtiger Punkt im Schaffen der beiden Künstler wird ersichtlich. Kontinuierlich unterzogen sie sich in ihren Performances einer Tortur aus Schmerz und Ausdauer, physisch als auch psychisch. Sie beschritten bzw. überschritten körperliche Grenzen[3].

Meist waren dabei ihre eigenen Körper das einzige Material.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Marina Abramovć / Ulay Relation in Time; Bologna 1977

Kurzbeschreibung: 1. Teil – Dauer 16 h Ohne Publikum Wir sitzen Rücken an Rücken, unsere Haare sind zusammengebunden wir bewegen uns nicht.

2. Teil – Dauer 1 h Die Zuschauer kommen herein. Wir bleiben noch eine Stunde sitzen.

Ich verstehe innerhalb der Arbeit unter ‚Körper’ nicht nur den physischen Teil des Menschen, sondern seine Gesamtheit.

Schließt sich nun die Frage an, weshalb sie dies taten. Damit wir uns nicht in den Tiefen der Antwort verlieren, kehre ich wieder zur Fotographie zurück.

Der Haarknoten verbindet einen Mann und eine Frau. Betrachtet man beide, so fällt uns deren Ähnlichkeit ins Auge. Nur feine Nuancen unterscheiden sie voneinander: die männlichen bzw. weiblichen Gesichtszüge, die verschieden genähten Hemden, der kaum wahrnehmbare Unterschied des Zopfansatzes. Im Gesamteindruck bleibt das Bild aber symmetrisch, scheint die Geschlechter beider zu neutralisieren. Diese Beobachtung umschreibt einen weiteren grundlegenden Aspekt. Die Performances stellten denmännlichen unddenweiblichen Polgleichwertig gegenüber, versuchten sie durch die Tortur zu vereinen, deren Grenzen auszuloten. Beide Künstler gingen dabei sogar über den Gedanken des Geschlechts hinaus, hin zu ihrem Ich. Das Ideal dieser Grenzbeschreitung findet sich im Bild und besonders im Haarknoten wieder. Es vollzieht sich eine Vereinigung zu einem androgynen Wesen, einer Liebe ohne die Grenzen des Geschlechtes und des Ichs. Wieder fügen sich unüberschaubare Gedankenfolgen an diesen Aspekt an, und wieder greife ich zur Fotografie, um die verschiedenen Reflexionen zu ordnen.

Ich nannte bereits den Haarknoten und das Gegenüber von Mann und Frau. Es bleibt uns die Anordnung im Raum und die Farbigkeit übrig. Die Umgebung ist weiß. Die Abbildung lässt nicht auf ihre Ausdehnung schließen. Es bleibt der Eindruck eines viereckigen Raumes ohne Mobiliar. Das Weiß und die Einfachheit des Raumes unterstützen die symmetrische Anordnung und konzentrieren die Situation auf den 17-stündigen Akt von Marina Abramović und Ulay. Das Handeln beider erscheint in diesem Umfeld alsZeremonie. Die Auslieferung an Schmerz und Dauer, um die Grenzen des Ichs und des Geschlechts zu durchschreiten, bräuchte jedoch nicht ein solches Arrangement. Im Grunde benötigt sie nur die Handlung. Die Anordnung zur Zeremonie richtet sich folglich an einen Dritten: den Betrachter, das Publikum. Die Konzentration des Gesamteindrucks auf die Handlung der Künstler sensibilisiert den Betrachter für das, was zwischen Marina Abramović und Ulay geschieht, für die auratische Wirkung der grenzbeschreitenden Performer.

Ich gelange damit an einem Punkt, an dem ich die Fotografie verlassen muss. Wie beschreibt man etwas, was sich der Ratio der westlichen Sprache entzieht und was nie durch Reproduktionen einer Performance zu belegen ist? Ich beschließe, auf das Verständnis des Lesers zu vertrauen und umschreibe es mit Worten, welche gegenwärtig leider von der kommerziell esoterischen Strömung konnotiert sind. Zwischen Marina Abramović und Ulay entsteht durch die Tortur, durch das Durchschreiten von körperlichen GrenzenEnergie, zu verstehen als „Nervenenergie“[4]. Durch die Anordnung der Handlung zur Zeremonie kann sich diese zum Energiefeld aufbauen und auf das Publikum übertragen werden. In den Performances nimmt der Zuschauer somit nicht nur optisch die Handlung der Künstler wahr, sondern er erfährt sie auch mit seinem Körper.

Die visuelle und sensorische Aufbereitung der Handlung steht dabei jedoch nicht im Dienste einer reinen Ästhetik, die als vieldimensionales Bild dem Publikum präsentiert wird. Die Performances von Marina Abramović und Ulay berichteten von Erkenntnissenöstlicher Philosophie und präzivilisatorischen Wissens. Durch ihre Aktionen konnte das Publikum diese erfahren. Sie setzten den Dogmen der westlichen Welt rationell schwer erfassbare, unbekannte Erfahrungswelten gegenüber, und versuchten somit unser Denken um jene zu bereichern.

Kehren wir jedoch zu dem uns vorliegenden Foto zurück und stellen uns die Frage, was den genannten Aspekten zugrunde liegt? Es gibt kein zusätzliches Element, das explizit auf ein Durchschreiten von Grenzen hinweist, das Männlichkeit und Weiblichkeit herausarbeitet. Keine narrativen oder illustrierenden Handlungen deuten auf östliche Lehren und präzivilisatorisches Wissen. Wir sehen ausschließlich eineeinfache und konkrete Idee: Frau und Mann sitzen 17 Stunden Rücken an Rücken, verbunden mit einem Zopf. Diese eine Handlung erschließt jedoch zahlreiche Assoziationsfelder und ist von mehreren Intentionen gestützt. Ich fasse die grundlegenden Aspekte zusammen, ohne dabei andere ausschließen zu wollen: das Beschreiten psychischer und physischer Grenzen, das gleichwertige Nebeneinander von Männlichen und Weiblichen, das gemeinsame Durchdringen der Grenzen des Geschlechts und des Ichs, die Übertragung von Energie und die Vermittlung von östlichen Lehren und präzivilisatorischem Wissen an die westliche Welt.

Da wir nun die Grundzüge der Performances von >Relation Works< anhandRelation in Timeerfasst haben, stellt sich nun die Frage nach ihrem Entstehen im Entwicklungsprozess der europäischen Performance. Ich betrachte sie dabei herausgelöst aus ihrem Gesamtzusammenhang, um das Vorgehen zu vereinfachen. Dieser ist dank der vorherigen Beschreibung einer Performance und der groben Skizze des chronologischen Verlaufs von >Relation Works< schon gegeben.

[...]


[1]Frank Nicolaus: Marina Abramović - Schön, klug und ohne Kompromisse. In: art, Das Kunstmagazin. September 1997. S. 47.

[2]Der Titel >Relation Works< umfasst eigentlich nur die gemeinsamen Arbeiten bis 1980. Da Marina Abramović selbst den Titel auf alle Performances mit Ulay anwendet, benutze ich ihn der Einfachheit halber ebenfalls für die gesamte Schaffensphase des Paares. Vgl.: Thomas McEvilley: Stadien der Energie: Performance-Kunst am Nullpunkt?. In: Marina Abramović (Hrsg.): Artist Body. Milano 1989. S. 17.

[3]Ich verstehe innerhalb der Arbeit unter ‚Körper’ nicht nur den physischen Teil des Menschen, sondern seine Gesamtheit.

[4]RoseLee Goldberg: Hier und jetzt. In: Jo-Anne Birnie Danzker und Chrissie Iles (Hrsg.): Marina Abramović [anläßlich der Ausstellung Marina Abramović im Museum Villa Stuck, München vom 8. Februar bis 8. April 1996]. München 1996. S. 11.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Marina Abramovic und Ulay "Relation Works". Innerhalb des Entwicklungsprozesses der europäischen Performance
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Fakultät für Kunstpädagogik)
Veranstaltung
Hauptseminar: Körper - Raum - Handlung in der Kunst des 20./21. Jahrhunderts
Note
1,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
22
Katalognummer
V66127
ISBN (eBook)
9783638588461
ISBN (Buch)
9783656036081
Dateigröße
1175 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Marina, Abramovic, Ulay, Relation, Works, Innerhalb, Entwicklungsprozesses, Performance, Hauptseminar, Körper, Raum, Handlung, Kunst, Jahrhunderts
Arbeit zitieren
Andreas Taut (Autor), 2003, Marina Abramovic und Ulay "Relation Works". Innerhalb des Entwicklungsprozesses der europäischen Performance, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/66127

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