Ludwig Tieck hat in "Der gestiefelte Kater", seinem "Kindermärchen in drei Akten" nicht nur eine Menge Rollen entworfen, sondern seine Figuren auch aus ihren Rollen geworfen. Die Analyse des Aus-der-Rolle-Fallens auf der Tieckschen Bühne ist spannend, weil es einerseits Ähnlichkeiten mit dem Aus-seiner-Rolle-Fallen im wirklichen, sozialen Leben und andererseits ganz unterschiedliche Ursachen und Konsequenzen des Aus-der-Rolle-Fallens gibt, die in dieser Arbeit dargestellt werden sollen; wobei ich nicht bloß theoretisch über Begriff, Form und Funktion des Aus-der-Rolle-Fallens sprechen, sondern vor allem seine Praxis im Text "Der gestiefelte Kater" aufzeigen möchte.
Theater auf dem Theater und Spiel im Spiel erzeugen Fiktion und Illusionsstörung zugleich und nebenbei auch jede Menge Komik. Es werden Rollen gezeigt, die sich über ihren Kontext, ihre Konstanz, Maske und Funktion definieren, um diese auch gleich wieder zu vergessen. Daher erzeugt das aus der Rolle Fallen durch Kontextwechsel und unbeständige Charaktere, Auftritt ohne Maske oder mit alter Maske und neuer Aufgabe, sowohl Fiktion als auch Illusionsstörung und Komik. Im gesamten Stück kommen zahlreiche Formen der Illusionsstörung vor – Widersprüche, Tabubrüche, Intertextualität, Kontraste, und Rollenverlust. Sowohl Autor und Schauspieler, als auch Publikum und Kritiker werden zum komischen Gegenstand gemacht. Die Bühne treibt mit sich selber Scherz; bei Tieck – so scheint es – bis zum Exzess.
Inhaltsverzeichnis
1. Ausrollen der Thematik
2. Identität und Negation der Rolle
2.1 Rolle und Kontext
2.2 Rolle und Konstanz
2.3 Rolle und Maske
2.4 Rolle und Aufgabe
3. Konsequenz und Funktion des aus-der-Rolle-Fallens
3.1 Fiktionsbruch oder Fiktionsstörung
3.2 Das aus-der-Rolle-Fallen als Eigenleistung
3.3 Komik
4. Identität und Negation einiger Rollen im Tieckschen Stück
4.1 Der Kater
4.1.1 Rolle und Kontext
4.1.2 Rolle und Konstanz
4.1.3 Rolle und Maske
4.1.4 Rolle und Aufgabe
4.2 Gottlieb
4.2.1 Rolle und Kontext
4.2.2 Rolle und Konstanz
4.2.3 Rolle und Maske
4.2.4 Rolle und Aufgabe:
4.3 Der König
4.3.1 Rolle und Kontext
4.3.2 Rolle und Konstanz
4.3.3 Rolle und Maske:
4.3.4 Rolle und Aufgabe:
4.4 Hanswurst
4.5 Der Besänftiger
4.6 Die Rolle des Dichters
4.7 Die Rolle der Zuschauer
5. Die Rolle der Bühne
5.1 Theater auf dem Theater
5.2 Spiel im Spiel
6. Einrollen des Themas
7. Verwendete Literatur:
7.1 Primärliteratur:
7.2 Sekundärliteratur:
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit analysiert das Phänomen des "Aus-der-Rolle-Fallens" in Ludwig Tiecks "Der gestiefelte Kater", um zu untersuchen, wie durch die bewusste Destabilisierung von Figurenkonstanz, Rollenfunktionen und Fiktionsebenen eine spezifische Form der theatralen Komik und Ironie erzeugt wird.
- Theorie des Rollenbegriffs, der Maske und des Kontextes
- Analyse des "Theaters auf dem Theater" und "Spiels im Spiel"
- Untersuchung der Fiktionsstörung und des Fiktionsbruchs
- Fallstudien ausgewählter Rollen: Kater, Gottlieb, König, Hanswurst
- Reflexion der Rezeptionsbedingungen und der Rolle des Publikums
Auszug aus dem Buch
3.1 Fiktionsbruch oder Fiktionsstörung
„Am Theater wird Schein zum Sein.“4 Die Idee des illusionistischen Theaters ist in gewisser Weise Voraussetzung für das Phänomen des Fiktionsbruchs. Wenn ein Autor es nicht für möglich erachtet, dass Illusion entstehen kann, kann er sie auch nicht zerstören. Bei Tieck wird aber nicht Schein zum Sein, sondern Schein zum Schein und damit als Schein entlarvt. Allerdings handelt es sich weniger um Metalepse (Fiktionsbruch durch Wechsel von einer Spielebene zu einer anderen), als vielmehr um die Illusion misslungener Theaterwirklichkeit.
Nicht die neue Perspektive nach einem Fiktionsbruch wird bei Tieck interessant, sondern der Perspektivenwechsel an sich, der den Leser in Ironie, Parodie und Komik entführt und ihm in der Vorführung einer gescheiterten Aufführung Theater auf dem Theater vorspielt. Das Stück bewegt sich oft an der Grenze zum Fiktionsbruch und droht auseinander zu fallen. Doch bei Tieck kann weniger von einem Bruch oder von fließendem Übergang die Rede sein, als vielmehr von einem ständigen Wechsel zwischen Illusionserzeugung und Illusionsstörung.
Eine Geschichte wird in ihrer Handlung gestört – nicht sofort zerstört – wenn der Fortgang der Handlung verhindert, verlangsamt wird, indem zum Beispiel über die Handlung reflektiert wird. Solange über eine Handlung auf der Bühne laut nachgedacht wird, kann sie nicht – auf der gleichen Bühne – fortgesetzt werden – zumindest nicht sprachlich. Solange die Handlung kommentiert wird, lässt sie sich nur schweigend vorantreiben. Dass mag eine geringe Einschränkung sein, wenn das Stück bereits im Laufen ist, die Charaktere und deren Absichten bereits bekannt sind – nicht aber am Anfang eines Stücks, wie im Prolog.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Ausrollen der Thematik: Einführung in die Analyse von Tiecks Stück unter dem Fokus des Aus-der-Rolle-Fallens als zentralem dramentheoretischen und praktischen Phänomen.
2. Identität und Negation der Rolle: Theoretische Grundlegung des Rollenbegriffs in Bezug auf Kontext, Konstanz, Maskierung und Aufgabenverteilung.
3. Konsequenz und Funktion des aus-der-Rolle-Fallens: Untersuchung der Auswirkungen des Rollenausstiegs auf die Fiktionsbildung, die Illusionsstörung und die Komik.
4. Identität und Negation einiger Rollen im Tieckschen Stück: Detaillierte Fallstudien zu spezifischen Figuren und deren jeweiliger Rollenproblematik innerhalb der fiktiven Aufführung.
5. Die Rolle der Bühne: Analyse der räumlichen Ebenen und des "Theaters auf dem Theater" als Rahmen für die Störung der traditionellen Bühnenillusion.
6. Einrollen des Themas: Fazit zur ästhetischen Wirkung der Selbstthematisierung des Theaters und dem Exzess der spielerischen Destabilisierung.
7. Verwendete Literatur:: Bibliografisches Verzeichnis der für die Arbeit herangezogenen Primär- und Sekundärquellen.
Schlüsselwörter
Ludwig Tieck, Der gestiefelte Kater, Rollenanalyse, Aus-der-Rolle-Fallen, Theater auf dem Theater, Fiktionsbruch, Illusionsstörung, Romantik, Hanswurst, Komik, Satire, Maske, Rezeptionsästhetik, Rollenkonstanz, Dramentheorie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Phänomen, wenn Figuren in Ludwig Tiecks Komödie "Der gestiefelte Kater" ihre zugewiesenen Rollen verlassen, und welche Bedeutung dies für das Stück als Gesamtkonzept hat.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Dramentheorie, die Analyse des Rollenbegriffs (Rolle/Maske/Kontext), das "Theater auf dem Theater" sowie die Wechselwirkungen zwischen Fiktionserzeugung und Illusionszerstörung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie das "Aus-der-Rolle-Fallen" in Tiecks Werk praktisch funktioniert und welche Funktionen – wie Komik oder Ironie – dieses gezielte Vorgehen im Hinblick auf eine "gescheiterte Aufführung" erfüllt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Textanalyse, die theoretische Grundlagen des Rollen- und Theaterbegriffs auf die Praxis des Dramentextes anwendet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert theoretische Aspekte von Rollenidentität und Fiktion sowie detaillierte Untersuchungen der wichtigsten Figuren wie Kater, Gottlieb, König und Hanswurst.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen "Aus-der-Rolle-Fallen", "Theater auf dem Theater", "Fiktionsbruch", "Illusionsstörung", "Tieck" und "Komik".
Warum spielt das fiktive Publikum eine so große Rolle bei der Analyse?
Das fiktive Publikum ist entscheidend, da es die Rollen der Schauspieler noch einmal spiegelt und als Kommentarinstanz fungiert, wodurch die Bühnenfiktion permanent hinterfragt und gestört wird.
Wie unterscheidet sich das "Aus-der-Rolle-Fallen" bei Tieck von dem bei Brecht?
Während Brecht die Verfremdung gezielt nutzt, um das Publikum zur kritischen Reflexion zu bewegen, nutzt Tieck das Aus-der-Rolle-Fallen vor allem, um die Künstlichkeit und das Scheitern der theatralen Aufführung selbst zum Thema zu machen.
Welche Funktion hat die Maske im Kontext der Tieckschen Rollen?
Die Maske dient als sichtbares Symbol der Rollenidentität; das Ablegen oder die Veränderung der Maske markiert für den Leser den Moment des Rollenverlusts oder des Wechsels der Spielebene.
- Citation du texte
- Renate Enderlin (Auteur), 2004, Definition und Negation der Rollen in Ludwig Tiecks "Kindermärchen: Der gestiefelte Kater", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/66205