Das kunstseidene Mädchen - Die Frau im Wandel der Zeit


Hausarbeit, 2003
18 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Rollenbilder von Frauen in den 20er Jahren
2.1. Die Frau in der Ehe, Familie und als Mutter
2.2. Die Frau im Beruf
2.3. Vamp, Girl, Flapper

3. Doris - Das kunstseidene Mädchen
3.1. Charakterisierung von Doris
3.2. Doris - Figuration einer „Neuen Frau“?

4. Schlussbeurteilung

5. Literaturliste

1. Einleitung

Im Zuge der sich anbahnenden Niederlage im ersten Weltkrieg bricht das deutsche Kaiserreich unter Wilhelm II. am 9.11.1918 zusammen.

An diesem Tag beginnt die Zeit der Weimarer Republik, die durch politische Turbulenzen, wirtschaftliche Schwankungen und kulturelle Veränderungen gekennzeichnet ist und bis zur Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 besteht.

Eine Autorin dieser Zeit ist Irmgard Keun[1]. 1931 ist sie gerade 26 Jahre alt und wird durch ihren Roman Gilgi- Eine von uns (1931) und ein Jahr später durch Das kunstseidene Mädchen „innerhalb kürzester Zeit eine bekannte Schriftstellerin“[2]. Beides sind „Romane der inneren Zeitgeschichte der Endphase der Weimarer Republik“[3]. In diesen Werken werden die „unscheinbaren Oberflächenäußerungen und die unbeachteten Regungen, in denen der Grundgehalt der Epoche zum Vorschein kommt“[4], geschildert.

Die vorliegende Arbeit wird sich im Folgenden mit dem Roman Das kunstseidene Mädchen[5] beschäftigen. Hierbei soll das Verhalten und die Lebenseinstellung der Protagonistin Doris untersucht werden. An ihr wird überprüft, ob sie die spezifischen Merkmale des zur Zeit der Weimarer Republik aufkommenden Typs der ‚Neuen Frau’ verkörpert.

Dazu wird zunächst in Kapitel 2 die Frage ‚Wer oder Was ist eine ‚Neue Frau’?’ erläutert. Zur differenzierteren Betrachtung werden in drei Unterkapiteln unterschiedliche Auffassungen und Tendenzen eines weiblichen Rollenverständnisses in den 20er Jahren dargestellt.

Im Anschluss daran soll in Kapitel 3 nach einer Beschreibung von Doris eine Einordnung von ihr in die Kategorien des 2. Kapitels vorgenommen werden, wobei die Frage zu klären ist, ob Doris dem Leitbild der ‚Neuen Frau’ entspricht.

2. Rollenbilder von Frauen in den 20er Jahren

Mit dem Beginn der Weimarer Republik und einem daraus resultierenden allumfassenden Strukturwandel kommt es auch für das weibliche Geschlecht zu tiefgreifenden Veränderungen. Ein entscheidender Schritt zur Gleichberechtigung von Männern und Frauen ist die Wahl zur verfassungsgebenden Nationalversammlung am 19. 1. 1919 - bei der zum ersten Mal in der Deutschen Geschichte beide Geschlechter wählen dürfen. Die kriegsbedingten Veränderungen in Institutionen wie der Ehe und Familie, die sich anbahnende erotische und sexuelle Emanzipation sowie die Entwicklung des Arbeitsmarktes führen zu einer grundlegenden Verschiebung der Geschlechterverhältnisse.[6] Zusätzlich tragen der Einfluss von Amerika und der wirtschaftliche Aufschwung dazu bei, dass das Konzept der ‚Neuen Frau’ entsteht. „Ein neues Frauengeschlecht [… erwächst] nicht; wohl aber eine neue Generation von Frauen“[7], so dass in der Öffentlichkeit der Weimarer Republik kein Zweifel mehr daran besteht, dass sich die Frau der 20er Jahre deutlich von der weiblichen Vorkriegsgeneration unterscheidet. Die ‚Neue Weiblichkeit’ avanciert zum „Inbegriff Weimarer Modernität“[8]. Allerdings ist das ‚neue’ Konzept nicht klar definiert. Daraus resultiert ein breites Spektrum von Auffassungen über das tatsächliche und das wünschenswerte Frauenbild.

2.1. Die Frau in der Ehe, Familie und als Mutter

Die „als traditionell verstandene weibliche Rolle von Ehefrau, Hausfrau und Mutter [verliert] an Geltung und Gültigkeit“[9]. Dabei ist aber nicht außer Acht zu lassen, dass sich der Wandel des Frauenbildes und die damit verbundene Verwerfung ihrer traditionellen Rolle sich sehr langsam und nur an einer Minorität von Frauen vollzieht.

Besonders im Bereich der Erotik und Sexualität bleiben die alten Konventionen weitestgehend bestehen.

Nach den noch immer geltenden gesetzlichen und moralischen Festschreibungen [ist] Sexualität eigentlich nur in der Ehe gestattet.[10]

Durch die bestehende Sexualmoral werden Körperlichkeit und Sexualität klar definiert und den Geschlechtern eine eindeutige Position oktroyiert.

Sie teilt der Frau die Rolle der Hingebenden, der Fügsamen, der Passiven zu, während sie den Mann in der Rolle des sexuell Aktiven, des Fordernden, des Herrschenden sieht.[11]

Diese sexuelle Rollenverteilung wird durch das Konzept der ‚Neuen Frau’ verdrängt. In Ansätzen entsteht eine ‚neue’ Sexualmoral, die mit den alten Konventionen bricht. Sie erlaubt Sex außerhalb einer ehelichen Lebensgemeinschaft, gesteht der Frau eine forderndere Rolle zu als bisher und ist insgesamt unkomplizierter, da sie keine ‚sexuellen Gesetze’ als Maßstab erhebt. Allerdings kann sich eine ‚neue’ Sexualmoral wegen mangelnden Zuspruchs nicht in weitem Maße durchsetzen. Viele Frauen sprechen sich dagegen aus. Diese Ablehnung ist im Zusammenhang mit der traditionellen Position der Frau zu sehen, die in den Köpfen der Menschen noch fest verankert ist. Demnach ist die unverheiratete Frau noch immer sozial gering geachtet, die Ehe für viele Frauen als Versorgungsinstitution unumgänglich und Mutterschaft von der Gesellschaft nur innerhalb der Ehe akzeptiert.[12] Aus diesen noch immer verinnerlichten Konventionen ergibt sich die Folge, dass die „neue“ Sexualmoral eigentlich nur von der ganz jungen Generation praktiziert werden kann, da sich bei ihr das alte Rollenverhalten noch nicht unabwendbar eingeprägt hat.

Den aufgeschlosseneren Frauen und Männern stellt sich aber das Verbot für empfängnisverhütende Mittel als Hindernis in den Weg. Im Zuge dieser Thematik kommt es zu der Diskussion über den Paragraphen 218.[13]

Die Fraktion, die sich für die Abschaffung des Paragraphen ausspricht, führt als Grund die zunehmende Integration der Frau in das soziale, wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben an. Mit dieser zunehmenden Eingliederung entsteht eine größere Freiheit und damit verbunden auch der Drang nach einer stärkeren Selbstbestimmung, die die eigenmächtige Entscheidung einer Frau über die Geburt eines Kindes mit einschließt. Betont wird bei dieser Argumentation, dass eine bewusste Entscheidung gegen ein Kind nichts mit Verantwortungslosigkeit zu tun hat, sondern im Gegenteil viel mehr von einem stärkeren Verantwortungsbewusstsein zeugt.[14]

Für die Verfechter, die für die Abschaffung des Paragraphen plädieren, stellt dessen Eliminierung nur den 1. Schritt auf dem Weg zu einer breiten Aufklärung der Gesellschaft über Empfängnisverhütung und Sexualität im allgemeinen dar.

Trotz neuer Tendenzen im Bereich der Erotik und Sexualität, die natürlich Auswirkungen auf die Rolle der Frau in der Ehe, Familie und als Mutter haben, bleibt die Majorität der Frauen ihrem traditionellen Rollenbild als Ehefrau und Mutter verhaftet, so dass ein neuer Frauentyp im Rahmen der Familie nur bedingt zu beobachten ist.

[...]


[1] Irmgard Keun: geboren am 6.2.1905 in Berlin; gestorben am 5.5. 1982 in Köln.

[2] Rosenstein, Doris: Irmgard Keun. Das Erzählwerk der dreißiger Jahre, Frankfurt am Main 1991, S. 9.

[3] Steinbach, Dietrich: Das neuerliche Interesse an Irmgard Keun. In: Keun, Irmgard: Das kunstseidene Mädchen, Düsseldorf 2003, S. 144.

[4] Ebd.: S. 148.

[5] Keun, Irmgard: Das kunstseidene Mädchen, Düsseldorf 2003.

[6] Vgl. Brandt, Kerstin: „Engel oder Megäre“. Figuration einer „Neuen Frau“ bei Marie Luise Fleißer und Irmgard Keun. In: Reflexive Naivität. Zum Werk Marie Luise Fleißers. Hrsg. von Maria E. Müller und Ulrike Vedder, Berlin 2000, S. 16-34, hier S.27.

[7] Bock, Petra/ Koblitz, Katja (Hrsg.): Neue Frauen zwischen den Zeiten, Berlin 1995, S. 15.

[8] Brandt, Kerstin: a. a. O., S. 17.

[9] Delabar, Walter: Was tun? Romane am Ende der Weimarer Republik, Wiesbaden 1999, S. 100.

[10] Rosenstein, Doris: a. a. O., S. 33.

[11] Rosenstein, Doris: a. a. O., S. 32.

[12] Vgl. Rosenstein Doris: a. a. O., S. 32.

[13] Der Paragraph 218 ist seit der Gründung des Deutschen Reichs 1871 Bestandteil des Reichsgesetztes, enthält das Abtreibungsverbot und stellt Abtreibung unter Zuchthausstrafe.

[14] Vgl. Rosenstein, Doris: a. a. O., S. 47.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Das kunstseidene Mädchen - Die Frau im Wandel der Zeit
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Institut für Deutsche und Niederländische Philologie)
Veranstaltung
Romane der Weimarer Republik
Note
2,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
18
Katalognummer
V66223
ISBN (eBook)
9783638588980
Dateigröße
485 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mädchen, Frau, Wandel, Zeit, Romane, Weimarer, Republik
Arbeit zitieren
Kristina Horn (Autor), 2003, Das kunstseidene Mädchen - Die Frau im Wandel der Zeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/66223

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