1657 schrieb Andreas Gryphius die Tragödie Catharina von Georgien oder Bewehrete Beständigkeit 1 . Bereits der Titel zeigt deutlich das Hauptaugenmerk des Trauerspiels. Zum einen erzählt Andreas Gryphius die wahre Geschichte über die Königin Catharina von Georgien-Gurgistan, die sich 8 Jahre in Gefangenschaft am persischen Hof unter Schah Abas befand. Zum anderen geht es dem Autor um die Darstellung einer Tugend: Beständigkeit. Bereits in der Vorrede zu dem Trauerspiel weist Andreas Gryphius auf die ruhmwürdige Beständigkeit der Protagonistin hin: Catharine […] stellet dir dar in jhrem Leib vnd Leiden ein vor dieser Zeit kaum erhoeretes Beyspiel vnaußsprechlicher Bestaendigkeit 2 . Bereits durch diese Laudatio lenkt Gryphius den Blick des Lesers in die von ihm gewünschte Richtung und sensibilisiert ihn für eine Protagonistin deren Handeln Gryphius als unwiderrufliches Exempel versteht. Catharina von Georgien ist ein Trauerspiel, das dem Zuschauer vor Augen führt, welche Möglichkeiten sich ihm bieten sich innerhalb seiner Lebenszeit zu verhalten. Der Tenor liegt hierbei vor allem auf der Entgegenhaltung von zeitlichem und ewigem Leben. Die Nachteile des Einen und die Vorzüge des Anderen werden aufgeführt. Das Resultat dieser Entgegenstellung ist contemptus mundi - Weltverachtung. Als Märtyrerin verkörpert Catharina das Konzept der contemptus mundi am reinsten und bestätigt somit den nacheiferungswürdigen Charakter ihrer Lebensführung, wie es durch Gryphius bereits in der Vorrede herausgestellt wird. 3 Bei der Lektüre der Tragödie stellt sich zunächst einmal die Frage woher der Tugendbegriff der Beständigkeit stammt, dessen sich Gryphius hier als Paradigma bedient. Dieser Frage soll in dem Kapitel ‚Die Beständigkeit im Rahmen der Stoa’ nachgegangen werden. Im Anschluss daran soll das Trauerspiel an sich näher betrachtet werden. Hierbei wird zunächst die Rolle erörtert, die die Beständigkeit in der Catharina spielt. Im sich anschließenden Kapitel gilt es das Problem der Inszenierung einer solchen Tugendhaltung zu betrachten. Eine einwandfreie, vorbildliche Haltung ist primär auf eine geistige Überzeugung zurückzuführen und dadurch schwer darstellbar. [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Beständigkeit im Rahmen der Stoa
3. Das Trauerspiel Catharina von Georgien oder Bewehrete Beständigkeit
3.1 Die Rolle der Beständigkeit im Trauerspiel
3.2 Die Darstellung der Beständigkeit
3.2.1 Die Reyen
3.2.2 Catharinas Beständigkeit
4. Schlußbeurteilung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die zentrale Bedeutung der Tugend der Beständigkeit in Andreas Gryphius' Trauerspiel "Catharina von Georgien oder bewehrete Beständigkeit" und analysiert, wie dieses Leitmotiv innerhalb des Konflikts zwischen zeitlicher Vergänglichkeit und Ewigkeit inszeniert wird.
- Die stoische Tugendlehre und ihre Integration in den barocken christlichen Kontext.
- Der Gegensatz von Zeit und Ewigkeit als Grundlage des dramatischen Konflikts.
- Die Funktion der Reyen zur Vermittlung des Charakters der Beständigkeit.
- Die Charakterisierung der Protagonistin Catharina als Märtyrerin.
- Die dramaturgische Lösung der Schwierigkeit, eine innere Geisteshaltung szenisch darzustellen.
Auszug aus dem Buch
3.2.1 Die Reyen
Der Reyen ist ein Chor der im Drama des Barocks den Aktschluss bildet. Gryphius benutzt den Reyen für den Abschluss der Akte eins bis vier. Am Ende des fünften Aktes tritt kein Chor auf. Der Reyen hat im Allgemeinen für den Fortgang und die Entfaltung der Handlung nur geringe Bedeutung. Ebenso bei Gryphius.
Im Folgenden sollen die vier auftretenden Reyen bezüglich ihrer Äußerungen über die Beständigkeit geprüft werden.
Am Ende des ersten Aktes tritt der Reyen der gefangenen Jungfrauen auf, der die Wesenszüge eines beständigen Geistes beschreibt. Für einen solchen ist das Gottvertrauen existenziell. Durch seinen Glauben hat der Beständige sein Reich in sich I/ 869 und verliert aus diesem Grund nichts wenn die Welt/ Gleich vber Hauffen faelt. I/ 867 f. Darüber hinaus wird durch diß was Menschen schrecket;/ Sein vnverzagter Mutt entdecket. I/ 873 f.
„Die Beständigkeit eröffnet also jenseits der Greuel- und Schreckenbilder der Vergänglichkeit einen geistigen Bezirk, der nicht der Vernichtung und dem Verfall preisgegeben ist.“15
Der zweite Akt schließt mit dem Reyen der erwürgten Fürsten. Dieser beklagt die Zeit als Vanitas. Gott wird als Richter der Welt aufgerufen, der als Rächer in das irdische Geschehen eingreifen soll. Der Blick wird von der Zeit auf die Ewigkeit gerichtet. Als einziger der vier Reyen spricht dieser das Thema Beständigkeit nur implizit durch den Zeit- Ewigkeitsgegensatz an.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in das Trauerspiel und Darlegung der Fragestellung zur Rolle der Beständigkeit als zentrales Tugendparadigma.
2. Die Beständigkeit im Rahmen der Stoa: Erläuterung der stoischen Grundprinzipien und deren Transformation im Barockzeitalter unter Einbeziehung der Vanitas-Idee.
3. Das Trauerspiel Catharina von Georgien oder Bewehrete Beständigkeit: Analyse der grundlegenden Spannungsfelder des Werkes und der konzeptionellen Verankerung der Beständigkeit.
3.1 Die Rolle der Beständigkeit im Trauerspiel: Untersuchung des Zeit-Ewigkeits-Gegensatzes und der Bedeutung der Tugend als Bindeglied.
3.2 Die Darstellung der Beständigkeit: Diskussion der dramaturgischen Herausforderungen bei der Inszenierung einer inneren Seelenhaltung.
3.2.1 Die Reyen: Analyse der Chöre als Medium zur Artikulation der Beständigkeit ohne direkte szenische Umsetzung.
3.2.2 Catharinas Beständigkeit: Betrachtung der Protagonistin als Märtyrerin und ihrer Bewährung in der Auseinandersetzung mit Schah Abas.
4. Schlußbeurteilung: Zusammenfassung der Ergebnisse hinsichtlich der Integration der Stoa in das christliche Trauerspiel und der Funktion der Beständigkeit für das Seelenheil.
Schlüsselwörter
Beständigkeit, Andreas Gryphius, Catharina von Georgien, Stoa, Constantia, Barock, Märtyrertragödie, Zeit, Ewigkeit, Vanitas, Tugend, Seelenhaltung, Christentum, Märtyrerin, Weltverachtung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Funktion und Darstellung der "Beständigkeit" als zentrales Leitmotiv in Andreas Gryphius' Trauerspiel.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind das stoische Konzept der Constantia, der christliche Glaube im Barock, der Gegensatz zwischen zeitlicher Vergänglichkeit und Ewigkeit sowie die Märtyrerthematik.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Gryphius die Beständigkeit als Tugend definiert, dramaturgisch umsetzt und zur Qualifikation für die Ewigkeit nutzt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse des Primärtextes unter Einbeziehung zeitgenössischer philosophischer und theologischer Kontexte (Stoa, Barocktheorie) angewandt.
Was wird im Hauptteil schwerpunktmäßig behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der theoretischen Einbettung in die Stoa, der Funktion der Reyen als Deutungshorizont und der psychologischen sowie religiösen Standhaftigkeit der Protagonistin.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Beständigkeit, Constantia, Vanitas, Märtyrertragödie, Zeit, Ewigkeit und Weltverachtung.
Welche Rolle spielt die Figur des Schah Abas für die Beständigkeit?
Schah Abas fungiert als notwendiges Instrument der Versuchung, durch dessen Forderungen Catharinas Standhaftigkeit erst in den Konflikt und damit zur Bewährung gebracht wird.
Warum nutzt Gryphius die Reyen?
Gryphius nutzt die Reyen, um den Charakter der Beständigkeit abstrakt zu bestimmen, da es dramaturgisch schwierig ist, eine rein innerliche Seelenhaltung unmittelbar auf der Bühne zu zeigen.
Inwieweit ist Catharina ein Vorbild?
Catharina dient durch ihr Handeln als Exempel, das dem Zuschauer verdeutlicht, wie man durch den Glauben die irdische Vergänglichkeit überwindet und die ewige Freiheit erlangt.
- Citation du texte
- Kristina Horn (Auteur), 2005, Beständigkeit als Leitmotiv - Andreas Gryphius Trauerspiel: Catharina von Georgien oder bewehrete Beständigkeit, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/66226