Natürlicher grammatischer Wandel der temporalen Paradigmen - Schwund der alten markierten Futurparadigmen und die Neubildung des Futurs im modernen Russischen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006
19 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einführung

1. Natürlicher grammatischer Sprachwandel
1.2. Markiertheit und ihr Abbau
1.3. Prinzip des natürlichen grammatischen Wandels

2. Futur im Wandel der Sprachgeschichte
2.1. Futur im Altrussischen (11. – 14. Jahrhundert)
2.1.1. Einfaches Futur
2.1.2. Futur I
2.1.3. Futur II
2.2. Futur im Mittelrussischen (15. – 17. Jahrhundert)
2.2.1. Einfaches Futur
2.2.2. Futur I
2.2.3. Futur II
2.3. Futur im modernen Russischen
2.3.1. Perfektives Futur
2.3.2. Imperfektives Futur

3. Abbau der Markiertheit bei den Futurparadigmen
3.1. Schwund von Futur II
3.2. Herausbildung des imperfektiven Futurs
3.3. Schwund von Futur I

Fazit

Literaturverzeichnis

Einführung

Jede Sprache basiert auf der Existenz eines ihr entsprechenden Sprachsystems, das sich die Sprecher im Prozess des Spracherwerbs angeeignet haben. Aber die Sprache ist nichts statisches, sie unterliegt einem ständigen Wandel, der überwiegend grammatisch initiiert ist.

Gegenstand der vorliegenden Seminararbeit ist der natürliche grammatische Sprachwandel und der damit verbundene Abbau von markierten grammatischen Einheiten, der der Entlastung der Sprachkapazität dient. Die im Rahmen des Hauptseminars „Einführung in die natürliche Grammatik“ durchgeführte Hausarbeit richtet den Fokus auf den grammatischen Wandel der russischen Futurparadigmen und zeichnet den Entwicklungsverlauf vom 11. Jahrhundert bis in die russische Gegenwartsprache nach. Als Erklärungsansatz für den Weg der russischen Futurparadigmen bis in die heutige Form wird das Konzept des natürlichen grammatischen Wandels herangezogen. Diese Entwicklung soll anhand konkreter Beispiele nachvollzogen und dargestellt werden.

Die Arbeit ist in vier Teile gegliedert. Nach einer kurzen Einführung in das Phänomen des natürlichen Sprachwandels geht es im ersten Kapitel darum, den theoretischen Rahmen für die vorliegende Untersuchung vorzustellen. Dabei werden die Begriffe Markiertheitstheorie und das dem grammatischen Sprachwandel zugrunde liegende Prinzip des natürlichen grammatischen Wandels definiert.

Um die historische Entwicklung des Futurs nachzuvollziehen, soll im Kapitel zwei zunächst die Entwicklung des russischen Futurs im Verlauf der Sprachgeschichte nachvollzogen werden.

Im darauf folgenden dritten Kapitel wird der Schwund der alten markierten Futurparadigmen sowie die Neubildung der neuen Formen des perfektiven und imperfektiven Futurs anhand konkreter Beispiele dargestellt. Dabei soll der grammatische Wandel anhand des Prinzips des natürlichen grammatischen Wandels erklärt werden. Im letzten Teil der Arbeit werden die Ergebnisse zusammen gefasst.

Das Gebiet der natürlichen Sprachwandels ist noch weitgehend unerforscht. Die vorliegende Arbeit bietet daher nur einen kleinen Einblick in die Entwicklungsgeschichte des russischen Futurs und einen Erklärungsansatz für diesen Verlauf, ohne allerdings Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben.

1. Natürlicher grammatischer Sprachwandel

Das Sprachsystem einer jeden Sprache besteht aus der Gesamtheit von Einheiten und Regeln, aufgrund derer sich zu einer bestimmten Zeit in einer Sprache die gegenseitige Zuordnung von Bedeutungsstrukturen und Lautstrukturen vollzieht. Dabei gilt jede Veränderung des Sprachsystems, ob lexikalisch, morphologisch, phonologisch oder syntaktisch, als Sprachwandel.

Der Sprachwandel ist ein universelles Phänomen und kann wie folgt definiert werden: „Veränderungen in Sprachen in der Zeit werden als S. bezeichnet. Jede natürl. Spr. ist dem Prozess des S. unterworfen; lediglich sog. ‚tote Sprachen’, die v.a. schriftl. tradiert werden, aber niemals S1 sind, sind gegen S. (relativ) resistent“[1].

Dabei ist mit Sprachwandel jede Veränderung des Sprachsystems gemeint, gleich, ob durch Wegfallen alter oder Ersetzung dieser durch neue Regeln bzw. Spracheinheiten[2].

Nach Wolfgang Wurzel wird der überwiegend Sprachwandel nicht normativ phonologisch, morphologisch und syntaktisch, demnach also grammatisch, initiiert somit durch sprachsystem-interne Faktoren. Vorangetrieben wird der natürliche grammatische Wandel durch den Sprecher, der im Sinne der Sprachkapazität unbewusst handelt und alles tut um das Sprachsystem zu vereinfachen. Zu diesem Zweck entscheidet sich der Sprecher, ohne das bewusst zu steuern, für die einfacheren und eindeutigeren grammatischen Konstruktionen und schafft so eine Veränderung des Sprachsystems.[3]

Ausgangspunkt für eine sprachliche Veränderung kann sowohl innersprachliche als auch außersprachliche Gründe sein. So beruht jeder Sprachwandel sowohl auf grammatisch-innersprachlichen als auch auf sozial-außersprachlichen Bedingungen. Soziale und technische Errungenschaften, wie beispielsweise die Industrialisierung, die eine teilweise dramatische Umstrukturierung der Gesellschaft mit sich bringen, können sich als außersprachliche Faktoren für den Sprachwandel erweisen.[4] Damit ist der Sprachwandel zum gleichen Teil von grammatischen als auch von sozialen Bedingungen abhängig. Beide Arten von Einflussfaktoren können zwar eine unterschiedliche Rolle für den Sprachwandel spielen, verlieren aber dennoch nichts an ihrer Relevanz[5].

Sprachwandel ist somit eine Ersetzung und Umstrukturierung der Spracheinheiten. Dieser Prozess wird unbewusst durch den im Sinne der Sprachkapazität ökonomisch handelnden Sprecher in Richtung der Vereinfachung des Sprachsystems initiiert.

1.2. Markiertheit und ihr Abbau

Die Markiertheitstheorie ist ein von der Prager Schule, hauptsächlich vertreten durch R. Jakobson und N.S. Trubetzkoy, in den 1930ern entwickelter Ansatz zur Bewertung von grammatischen Einheiten eines Sprachsystems im Hinblick auf die Parameter „markiert“ bzw. „unmarkiert“.[6] Es wird davon ausgegangen, dass es in der Sprache natürliche Einheiten gibt, die markiert sind und solche die nicht markiert sind. Als wichtiger Teil der menschlichen Sprachfähigkeit gehört die Markiertheit zur sprachlichen Ausstattung eines jedes Sprechers.

Wichtig ist hierbei die Unterscheidung zwischen Markiertheit und Merkmalhaftigkeit. Die Merkmalhaftigkeit beschränkt sich auf das Vorhandensein oder Fehlen bestimmter Merkmale, die in einer vergleichbaren anderen grammatischen Einheit nicht vorkommen. Dagegen ist die Markiertheit „...vielmehr eine objektive, unabhängig von ihrer Untersuchung existierende Eigenschaft der grammatischen Einheiten, die unmittelbar aus der Beschaffenheit der menschlichen Sprachkapazität resultiert und die Struktur der einzelsprachlichen Systeme in ganz entscheidendem Maße prägt.“[7]

Die Markiertheit einer grammatischen Erscheinung bedeutet auch gleichzeitig eine Belastung der Sprachkapazität eines Sprachträgers, wobei die stärker markierten Einheiten die Sprachkapazität deutlich mehr belasten als die schwächer markierten[8].

Die Markiertheitstheorie beschreibt das Verhältnis der markierten grammatischen Einheiten des Sprachsystems, aber sie erklärt dieses nicht. Der grammatisch initiierte Sprachwandel verläuft nach generellen Entwicklungstendenzen - den Markiertheitsprinzipien. Die Markiertheitsprinzipien (phonologische, morphologische, syntaktische) legen fest, hinsichtlich welchen Parameters und in welchem Grad die sprachlichen Erscheinungen markiert sind[9]. Die grundlegende Annahme des Markiertheitskonzepts zum Sprachwandel ist als Prinzip des natürlichen grammatischen Wandels formuliert und bildet das Kernstück des Konzeptes des natürlichen grammatischen Wandels.

1.3. Prinzip des natürlichen grammatischen Wandels

Das Prinzip des natürlichen grammatischen Wandels wurde von Bailey in den 1970ern formuliert und besagt, dass der natürliche grammatische Wandel mit der grundsätzlichen Tendenz zum Austausch stärker markierter Spracheinheiten aller drei Komponenten des Sprachsystems (Phonologie, Morphologie, Syntax) gegen die schwächer markierten Gegenstücke[10]. Dabei verläuft der Sprachwandel „... in Richtung der Ersetzung von hinsichtlich eines Markiertheitsparameters Mi stärker markierten grammatischen Einheit durch hinsichtlich Mi schwächer markierte grammatische Erscheinungen.“[11]

[...]


[1] Glück 2000 : 675.

[2] Wurzel 1994 : 7-8.

[3] Wurzel 1994 : 26.

[4] Wurzel 1994 : 9.

[5] Wurzel 1994 : 11.

[6] Thümmel 2000 : 426.

[7] Wurzel 1994 : 36.

[8] Klimonow 2000 : 277.

[9] Wurzel 1994 : 27.

[10] Wurzel 1994 : 26.

[11] Wurzel 1994 : 28.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Natürlicher grammatischer Wandel der temporalen Paradigmen - Schwund der alten markierten Futurparadigmen und die Neubildung des Futurs im modernen Russischen
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Slawistik)
Veranstaltung
Einführung in die natürliche Grammatik
Note
1,7
Autor
Jahr
2006
Seiten
19
Katalognummer
V66243
ISBN (eBook)
9783638589161
ISBN (Buch)
9783656204572
Dateigröße
528 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Natürlicher, Wandel, Paradigmen, Schwund, Futurparadigmen, Neubildung, Futurs, Russischen, Einführung, Grammatik
Arbeit zitieren
Natalie Schnar (Autor), 2006, Natürlicher grammatischer Wandel der temporalen Paradigmen - Schwund der alten markierten Futurparadigmen und die Neubildung des Futurs im modernen Russischen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/66243

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