„Die Volksparteien sind zu mittelgroßen Parteien geworden“. Dieses Fazit ziehen Dieter Roth und Andreas Wüst aus der Bundestagswahl im Jahre 2005. Und es stimmt: Für alle Parteien, die der Volksmund in der Bundesrepublik gemeinhin als Volksparteien bezeichnet, nämlich der CDU, der CSU und der SPD stellt das Ergebnis eines ihrer jeweils schlechtesten in der Geschichte der Bundesrepublik dar. Von allen Wahlberechtigten entschieden sich nur noch gut die Hälfte für Union und SPD (53,1%); so gering war die Zustimmung für die Volksparteien in Deutschland bis auf 1949 noch nie. Karl- Rudolf Korte sieht in dieser Entwicklung gar eine „Erosion der Volksparteiendemokratie“. Dies impliziert meiner Meinung nach einen Bedeutungsverlust der Volksparteien bei Bundestagswahlen. Der Titel dieser Arbeit gibt auch die Struktur derselben wider, so dass der Hauptteil dieser Arbeit sich in verschieden Bereiche aufspalten lässt.
Dabei steht zunächst der Begriff der Volkspartei im Zentrum der Analyse. Dabei soll zunächst auf den Begriff der Volkspartei, dessen Einführung in die Wissenschaft sowie auf Weiterentwicklungen in der Folgezeit eingegangen werden. Eine Arbeitsdefinition des Terminus wird die Grundlage meiner Bemühungen bilden, den Bedeutungsverlust der Volksparteien bei Bundestagswahlen in Deutschland zu quantifizieren.
Demnach stellt es ein Ziel dieser Arbeit dar zu illustrieren, wie jener Bedeutungsverlust der Volksparteien bei Wahlen gemessen werden kann. Dabei ist zu konstatieren, dass der Bedeutungsverlust der Volksparteien innerhalb dieser Arbeit auf Bundestagswahlen in Deutschland beschränkt bleibt, da die Wahlen zum höchsten Legislativorgan in parlamentarischen Regierungssystemen, zu welchen die Bundesrepublik Deutschland zu rechnen ist, als die politisch Bedeutsamsten gelten.
Im Weiteren sollen Gründe aufgezeigt werden, warum es zu dem postulierten Bedeutungsverlust der Volksparteien gekommen ist. Dabei stellen die Ergebnisse der Wahlen zum Deutschen Bundestag die Grundlage des empirischen Teils vorliegender Arbeit dar. Zuvor sollen jedoch die verschiedenen Schulen der empirischen Wahlforschung vorgestellt werden, die den notwendigen konzeptionellen Unterbau für die jeweilige Analyse bilden. Demzufolge werde ich die differenten Erklärungsansätze auf das Wahlverhalten in Deutschland übertragen, so dass ich abschließend in der Lage sein werde, den Bedeutungsverlust der Volksparteien bei Bundestagswahlen vollständig erklären zu können.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung und Aufgabenstellung
II. Hauptteil
1. Der Begriff der Volkspartei
A. Etymologische Wurzel
B. Stadien der Parteientwicklung
C. Generierung des Begriffs der Volkspartei bei Kirchheimer
D. Weiterentwicklung des Begriffs der Volkspartei
2. Messung von Bedeutungsverlust
A. Ansätze zum Messen von Bedeutungsverlust der Volksparteien
B. Bedeutungsverlust der Volksparteien gemessen in einer Abnahme des Wahlerfolgs
a. Verringerung des Zweitstimmenergebnisses der Volksparteien
b. Niedergang des Wertes der absoluten Zustimmung
3. Erklärungsmodelle für den Bedeutungsverlust der Volksparteien bei Bundestagswahlen
A. Der sozialstrukturelle Ansatz
a. Konzeptionelle Grundlagen
i. Mikrosoziologischer Ansatz
ii. Makrosoziologischer Ansatz
b. Aussagekraft des sozialstrukturellen Ansatzes für den Bedeutungsverlust der Volksparteien bei Bundestagswahlen
i. Die Union und die Katholiken
ii. Die SPD und die Arbeiter
c. Fazit
B. Der sozialpsychologische Ansatz
a. Konzeptionelle Grundlagen
b. Aussagekraft des sozialpsychologischen Ansatzes für den Bedeutungsverlust der Volksparteien bei Bundestagswahlen
i. Parteiidentifikation in Deutschland
ii. Die kurzfristigen Variablen der Kandidaten- und Sachthemenorientierung
c. Fazit
C. Der „Rational- choice“- Ansatz
a. Konzeptionelle Grundlagen
b. Aussagekraft des „Rational- choice“- Ansatzes für den Bedeutungsverlust der Volksparteien bei Bundestagswahlen
c. Fazit
III. Zusammenfassung und Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit analysiert das Phänomen des Bedeutungsverlusts der Volksparteien (CDU/CSU und SPD) bei Bundestagswahlen in Deutschland. Das Ziel ist es, diesen Bedeutungsverlust quantitativ zu erfassen und die zugrunde liegenden Ursachen mithilfe verschiedener politikwissenschaftlicher Erklärungsmodelle zu identifizieren.
- Begriffsbestimmung und historische Entwicklung der Volkspartei
- Quantifizierung des Bedeutungsverlusts durch absolute Zustimmungswerte
- Anwendung des sozialstrukturellen Ansatzes (Konfession, Klassen)
- Anwendung des sozialpsychologischen Ansatzes (Parteiidentifikation)
- Anwendung des Rational-choice-Ansatzes (Nutzenkalkül, Issue-Voting)
Auszug aus dem Buch
Der Begriff der Volkspartei
Es ist schwer, wenn nicht gar unmöglich, eine einheitliche Definition des Begriffs der Volkspartei in der Literatur zu finden. Der Terminus wird sowohl als entwicklungstypologisches Konzept in den Sozialwissenschaften, als auch von den Parteien selbst zur Selbstcharakterisierung „als politischer Kampfbegriff“ benutzt. Das macht es mitunter schwer begrifflich abzugrenzen, um was es sich bei einer Volkspartei wissenschaftlich eigentlich handelt. Ich möchte versuchen dies zu klären, indem ich zunächst untersuche, wann der Begriff Einzug in die wissenschaftliche Diskussion hatte. Der Begriff der Volkspartei in der Politikwissenschaft ist aufs engste mit dem Namen Otto Kirchheimer verbunden. In seinem im Jahre 1965 erschienenen Buch „Wandel des westeuropäischen Parteiensystems“ führte er den Terminus der Volkspartei als Parteitypus in die Wissenschaft ein. Er entwarf damit ein entwicklungstypologisches Konzept, das als „wichtigste Quelle der sozialwissenschaftlichen Volksparteiendebatte“ anzusehen ist.
Da Kirchheimer den Begriff der Volkspartei im Rahmen einer Entwicklungstypologie verwendet, erscheint es mir im Hinblick auf den Gesamtzusammenhang notwendig, einen Blick auf die Stadien der Parteienentwicklung bis zur Einführung des Begriffs in die wissenschaftliche Debatte zu werfen.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung und Aufgabenstellung: Einführung in die Thematik des Bedeutungsverlusts der Volksparteien und Darlegung der Zielsetzung sowie der Forschungsfrage der Arbeit.
II. Hauptteil: Detaillierte Analyse des Begriffs der Volkspartei, der Messmethoden für den Bedeutungsverlust sowie der drei zentralen Erklärungsmodelle (sozialstrukturell, sozialpsychologisch, Rational-choice).
III. Zusammenfassung und Fazit: Resümee der zentralen Ergebnisse und Bestätigung der These des Bedeutungsverlusts der Volksparteien auf Basis der untersuchten Ansätze.
Schlüsselwörter
Volksparteien, Bundestagswahlen, Bedeutungsverlust, Parteiidentifikation, sozialstruktureller Ansatz, Rational-choice, Wahlverhalten, absolute Zustimmung, Wahlerfolg, Stimmenmaximierung, Nichtwähler, Stimmensplitting, Parteibindung, Politische Soziologie, Wahlforschung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der wissenschaftlichen Analyse des Bedeutungsverlusts der beiden großen Volksparteien in Deutschland, der Union (CDU/CSU) und der SPD, im Kontext der Bundestagswahlen.
Welche Themenfelder stehen im Mittelpunkt?
Zentrale Themenfelder sind die historische Entwicklung des Volksparteienbegriffs, die empirische Messung von Wahlerfolgen sowie die Erklärungsmodelle zur Wählerentscheidung.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage konzentriert sich darauf, wie der Bedeutungsverlust der Volksparteien bei Bundestagswahlen gemessen werden kann und welche Faktoren für das sinkende Wahlniveau verantwortlich sind.
Welche wissenschaftlichen Methoden finden Anwendung?
Es werden quantitativ-empirische Daten ausgewertet, um Trends zu belegen, und diese mit den theoretischen Ansätzen der Wahlforschung (sozialstrukturell, sozialpsychologisch, Rational-choice) verknüpft.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Begriffsklärung, die methodische Erfassung von Bedeutungsverlust (unter Berücksichtigung von Nichtwählern) sowie die systematische Diskussion der drei großen Erklärungsmodelle für das Wahlverhalten.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist durch Begriffe wie Parteiidentifikation, absolute Zustimmung, Dealignment, Cleavage-Theorie und Stimmenmaximierung geprägt.
Warum spielt die Wahlbeteiligung eine so zentrale Rolle in dieser Analyse?
Die Wahlbeteiligung ist entscheidend, um den Wert der absoluten Zustimmung zu berechnen. Da der reine Zweitstimmenanteil den Einfluss von Nichtwählern ausblendet, bietet erst die Einbeziehung der Wahlbeteiligung ein präzises Bild des tatsächlichen Bedeutungsverlusts.
Warum wird zwischen Ost- und Westdeutschland differenziert?
Aufgrund der unterschiedlichen politischen Sozialisation und der fehlenden demokratischen Traditionen in den neuen Bundesländern zeigen sich signifikante Unterschiede im Wahlverhalten, weshalb eine getrennte Betrachtung für die Analyse notwendig ist.
Was ist das zentrale Merkmal des „Rational-choice“-Ansatzes im Kontext dieser Arbeit?
Dieser Ansatz erklärt den Bedeutungsverlust vor allem über das Verhalten rationaler Wähler, die bei Performanzdefiziten der Regierungsparteien durch Nichtwahl oder Protestwahl ein Umdenken bei den Volksparteien erzwingen wollen.
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- Diplom Volkswirt; M.A. Jan Henkel (Author), 2006, Bedeutungsverlust der Volksparteien bei Bundestagswahlen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/66301