„Habgier ist die Wurzel allen Übels.“ Unter diese Motto stellt der Pardoner seine tale und führt mit seiner Geschichte über die drei riotoures auch gleich ein Exemplum dafür vor. Obwohl als bekannte Volkssage weit verbreitet, ist diese Geschichte in Chaucers Version auch einzigartig, und verdient damit unsere Aufmerksamkeit. Ich möchte mich in dieser Arbeit mit dem Stoff eben dieser Geschichte und ihren Quellen auseinandersetzen, untersuchen, was Chaucers Version so einzigartig macht, und seinem Experiment mit der Gattung der Predigt, von dem die Pardoner’s Tale einen Teil darstellt, nachspüren.
Inhaltsverzeichnis
I Einleitung
II Strukturelle Analyse
III Stoff und Quellen
IV Chaucers Bearbeitung
IV.1 Tod dem Tod – Die Queste der drei Gefährten
IV.2 Der alte Mann
V Erzählung vs. Predigt
V.1 Elemente der Predigt
V.2 Predigende Erzählung – Erzählende Predigt
VI Schlussbemerkung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Stoff und die Quellen von Geoffrey Chaucers „Pardoner’s Tale“ mit dem Ziel, die Einzigartigkeit dieser Version sowie das experimentelle Spiel des Autors mit der Gattung der mittelalterlichen Predigt zu analysieren.
- Strukturelle Analyse der „Pardoner’s Tale“
- Vergleichende Untersuchung der Quellen und Stoffgeschichte
- Analyse der spezifischen Bearbeitungen durch Chaucer
- Untersuchung der Gattungsmischung aus Predigt und Erzählung
- Interpretation der Rollen des „Pardoners“ und des „alten Mannes“
Auszug aus dem Buch
IV.1 Tod dem Tod – Die Queste der drei Gefährten
Nach der Einleitung der Pardoner’s Tale, in der die jungen Leute und all ihre Laster lebhaft geschildert werden, und den darauf folgenden langen Abhandlungen über die Sünden der Trunkenheit, Maßlosigkeit, des Glücksspiels und des Schwörens, werden uns die drei Gefährten mit diesen Worten vorgestellt: Thise riotoures thre of whiche I telle, Longe erst er prime rong of any belle, Were set hem in a taverne for to drynke, […] (C 661-663).
Während der fromme Mann sich also zum morgendlichen Gebet aufmacht, sitzen diese drei Trunkenbolde bereits in der Taverne und haben auch vermutlich schon einiges getrunken, als draußen der Sarg eines Mannes vorbeigetragen wird. Sofort verlangen die drei Auskunft über den Verstorbenen und erhalten diese von einem Jungen.
Der Junge nennt den Tod als Mörder des früheren Gefährten der drei und versucht diese metaphysische Macht bildlich zu beschreiben. Er benutzt dafür Bilder aus dem menschlichen Erfahrungsbereich, nennt den Tod einen Dieb oder weist ihm den Speer als Mordwaffe zu. Dies sind freilich nur Metaphern, die auf anderes verweisen; es ist ein Versuch, etwas Unbegreifliches greifbar zu machen. Die drei Trunkenbolde sind jedoch nicht in der Lage, diese Metaphern als solche zu entschlüsseln. Sie fassen diese Bilder wörtlich auf und verstehen den Tod damit als tatsächliche, menschliche Gestalt.
Zusammenfassung der Kapitel
I Einleitung: Einführung in das Motto „Habgier ist die Wurzel allen Übels“ und Darlegung der Zielsetzung, Chaucers Version der Geschichte und sein Experiment mit der Gattung der Predigt zu untersuchen.
II Strukturelle Analyse: Darstellung des Aufbaus der „Pardoner’s Tale“, beginnend mit der Einleitung über Laster bis hin zur eigentlichen Erzählung in fünf Teilen.
III Stoff und Quellen: Analyse der weitreichenden Volkssage der drei Übeltäter, Rückverfolgung bis zum „Vedabbha Jataka“ und Einordnung in verschiedene Erzähltypen nach Hamel und Merrill.
IV Chaucers Bearbeitung: Untersuchung der spezifischen Neuerungen Chaucers, insbesondere der Motivation der drei Trunkenbolde und der Charakterisierung des „alten Mannes“.
IV.1 Tod dem Tod – Die Queste der drei Gefährten: Analyse, wie die Protagonisten metaphysische Beschreibungen des Todes missverstehen und in eine wörtliche Suche nach dem „Tod“ übersetzen.
IV.2 Der alte Mann: Deutung der Figur des alten Mannes als aktivem Sucher, der den Tod herbeisehnt, sowie dessen Anrufung der heidnischen Mutter Erde als Kontrast zum christlichen Kontext.
V Erzählung vs. Predigt: Reflexion über die professionelle Rolle des „Pardoners“ als Prediger und die Anwendung typisch mittelalterlicher Predigtelemente innerhalb seiner Erzählung.
V.1 Elemente der Predigt: Aufzählung der rhetorischen Strategien, wie das Einbeziehen von Autoritäten (Bibel, Seneca, Hieronimus), um die moralische Absicht der Predigt zu untermauern.
V.2 Predigende Erzählung – Erzählende Predigt: Vergleich der „Pardoner’s Tale“ mit anderen Canterbury Tales wie der „Parson’s Tale“, „Tale of Melibee“ und „Nun’s Priest’s Tale“ zur Verdeutlichung von Chaucers Experimenten mit Gattungsgrenzen.
VI Schlussbemerkung: Resümee über die Vielschichtigkeit Chaucers und die Erkenntnis, dass die Beschäftigung mit dem Werk auch nach Abschluss der Arbeit fortbestehen sollte.
Schlüsselwörter
Geoffrey Chaucer, Pardoner's Tale, Canterbury Tales, Habgier, Radix malorum est Cupiditas, mittelalterliche Predigt, Stoffgeschichte, Volkssage, Quellenanalyse, Exemplum, Gattungsexperiment, Tod, alter Mann, Erzählstruktur, Moral.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert Geoffrey Chaucers „Pardoner’s Tale“ hinsichtlich ihrer Quellen, ihrer stofflichen Herkunft sowie Chaucers Umgang mit der Gattung der mittelalterlichen Predigt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind das Motiv der Habgier, die Vermischung von Erzählung und Predigt (Gattungsexperimente) und die spezifische Ausgestaltung der Protagonisten bei Chaucer.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es zu untersuchen, was Chaucers Version der Geschichte über die drei Übeltäter einzigartig macht und wie der Autor die Gattung der Predigt innerhalb seines Werkes experimentell einsetzt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine strukturale Analyse und eine vergleichende Quellenstudie (Analogieanalyse), um die Unterschiede zwischen Chaucers Text und verschiedenen internationalen Versionen der Volkssage aufzuzeigen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der Struktur der „Pardoner’s Tale“, der Herleitung der Quellen, den Charakteristika des „alten Mannes“ sowie dem Vergleich zu anderen „Canterbury Tales“.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie „Pardoner's Tale“, „Habgier“, „Gattungsexperiment“, „Quellenanalyse“ und „mittelalterliche Predigt“ definiert.
Warum interpretieren die Trunkenbolde den Tod als menschliche Gestalt?
Sie sind intellektuell nicht in der Lage, die metaphysischen Metaphern des Jungen zu entschlüsseln und fassen seine Beschreibungen daher wörtlich auf.
Welche Bedeutung kommt dem „alten Mann“ in der Erzählung zu?
Der alte Mann fungiert als geheimnisvolle Figur, die den Tod herbeisehnt, sich an die Mutter Erde wendet und als Spiegelbild des inneren Zustands des Pardoners gelesen werden kann.
Wie unterscheidet sich die „Pardoner’s Tale“ von der „Parson’s Tale“?
Während die „Pardoner’s Tale“ ein Experiment zwischen Erzählung und Predigt darstellt, ist die „Parson’s Tale“ eine reinere, prosaische Abhandlung über die Buße.
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- Ann-Kathrin Deininger (Author), 2006, Radix malorum est cupiditas - Zu Chaucers "Pardoner's Tale" - Quellen und Hintergründe, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/66560