Verantwortung und Wahrheit sind sicherlich zwei ebenso zentrale wie kontroverse Begriffe in heutigen philosophischen Debatten. Das sie zumeist unabhängig voneinander diskutiert werden, liegt unter anderem an der Ausdifferenzierung des geisteswissenschaftlichen Fachbetriebs, wo vorwiegend in der theoretischen Philosophie Probleme mit dem Wahrheitsbegriff verortet werden, während die praktische Philosophie die Aufgabe übernommen hat, tragfähige Konzepte von Verantwortung zu entwickeln. Die vorliegende Arbeit hat das Ziel, ein erstes Verständnis beider Begriffe gerade durch einen Verweisungszusammenhang zu entwickeln.
Einen Grund für diese analytische Perspektive bieten die aktuellen Kontroversen um die richtige Auffassung von Verantwortung bzw. Wahrheit selbst. Während einerseits die Diskussion angloamerikanischer Prägung über Verantwortung im Kern um die Implikationen der deterministischen Herausforderung bezüglich der Willensfreiheit kreist, bleibt das Erklärungspotential von Personen als Trägern von Verantwortung eher unbeachtet. Durch stärkere Fokussierung dieses Potentials lassen sich aktuelle Konzeptionen von Handlungskontrolle modifizieren und um Aspekte des Selbstverständnisses von Personen zu erweitern. Letztlich hängt jedes Konzept von Verantwortung davon ab, wie ihre Akteure beschrieben werden. Hier gilt es zu zeigen, das diese nur durch einen Wahrheitsbezug in ihrem Selbstverständnis vollständig und adäquat beschrieben sind.
Andererseits zeigen die aktuellen Debatten um die richtige Konzeption von Wahrheit eine Tendenz zur Relativierung und Reduzierung des Begriffes, welche sich in der analytischen Auseinandersetzung mit Tarski‘s semantischer Rekonstruktion von Wahrheit entwickelt hat. Insbesondere plädieren einige philosophische Pragmatisten und Erneuerer für eine Beilegung der Wahrheitsdiskussion aufgrund fehlender Bedeutsamkeit. Dagegen lässt sich die Bedeutung eines Gebrauchs von Wahrheit skizzieren, welche ihren grundlegenden Ausdruck sowohl in intersubjektiven Argumentationszusammenhängen als auch in der eigenen Selbstbeschreibung findet. Diese Bedeutung ist weder reduzierbar noch trivial, weil sie u.a. dadurch die Grundlage für die Zuschreibung von Verantwortung bildet. Die zentrale These der Arbeit lautet also: „Es gibt kein verantwortliches Handeln von Personen ohne einen elementaren Bezug auf Wahrheit.“ Wie dies nun genau zu verstehen ist, soll hier in einem ersten Überblick skizziert werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Das Konzept Verantwortung und die Bedeutung der Person
3. Zum Verständnis des Begriffes Wahrheit
4. Verantwortung und Wahrheit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit verfolgt das Ziel, einen theoretischen Verweisungszusammenhang zwischen den Begriffen Verantwortung und Wahrheit zu entwickeln, um zu zeigen, dass verantwortliches Handeln ohne einen konstitutiven Bezug auf Wahrheit nicht möglich ist.
- Analyse der philosophischen Konzepte von Verantwortung und Personsein.
- Untersuchung des Wahrheitsbegriffs unter Berücksichtigung von Gebrauchs- und Konsensperspektiven.
- Modifikation bestehender Verantwortungskonzeptionen durch Einbeziehung des Selbstverständnisses von Akteuren.
- Nachweis der konstitutiven Rolle von Wahrheit für die Zuschreibung moralischer Verantwortung.
Auszug aus dem Buch
2. Das Konzept Verantwortung und die Bedeutung der Person
Die Art und Weise, wie Personen handeln, können wir u.a. mit dem Begriff der Verantwortung charakterisieren. In Dieser Begriffsverwendung lassen sich zunächst zwei Sinndimensionen entnehmen. Zum Einen bewerten wir andere Personen und uns selbst mit dieser Charakterisierung, d.h. wir haben normative Erwartungen und Urteile in der Art und Weise, wie jemand eben verantwortlich oder unverantwortlich handelt. Diese evaluierende Sinndimension findet ihren Ausdruck in Peter Strawson‘s Grundlage von Verantwortung als ‚reactive attitudes‘:
„We should think of the many different kinds of relationship we can have with other people - as sharers of a common interest; as members of the same family; as colleagues; as friends; as lovers; as chance parties to an enormous range of transactions and encounters. Then we should think, in each of these connections in turn, and in others, of the kind of importance we attach to these attitudes and intentions towards us, and of the kinds of reactive attitudes and feelings to which ourselves are prone.“
Davon lässt sich in theoretischer Hinsicht eine konstituierende Sinndimension abgrenzen, die den Aspekt des ‚Verantwortlichseins‘ im Sinne einer (möglichen) Eigenschaft von Personen fokussiert. Die Zuschreibung von Verantwortung hat in dieser Perspektive die deskriptive Funktion, Personen mit bestimmten Zuständigkeiten auszustatten und damit zugleich als legitimen Teilnehmer an normativer Bewertung zu konstituieren.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik ein, dass Verantwortung und Wahrheit in der Philosophie meist getrennt diskutiert werden, und stellt die These auf, dass verantwortliches Handeln einen elementaren Wahrheitsbezug erfordert.
2. Das Konzept Verantwortung und die Bedeutung der Person: Dieses Kapitel erörtert die Bedingungen für die Zuschreibung von Verantwortung, darunter Freiheit, Kontrolle und Wissen, und beleuchtet die zentrale Rolle des Selbstverständnisses der handelnden Person.
3. Zum Verständnis des Begriffes Wahrheit: Hier wird der Wahrheitsbegriff anhand seines Gebrauchs untersucht, wobei Korrespondenz-, Kohärenz- und Konsenskriterien diskutiert und in ein vorläufiges Verständnis integriert werden.
4. Verantwortung und Wahrheit: Das Schlusskapitel führt die vorangegangenen Überlegungen zusammen und zeigt auf, dass Wahrheit ein konstitutives Element für die Voraussetzungen von Trägern moralischer Verantwortung darstellt.
Schlüsselwörter
Verantwortung, Wahrheit, Person, Handeln, Freiheitsbedingung, Kontrolle, epistemische Bedingung, Selbstverständnis, moralische Verantwortung, Konsens, Kohärenz, Korrespondenz, Rechtfertigung, Normativität, Kommunikationspraxis
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die philosophische Verknüpfung zwischen den Begriffen Verantwortung und Wahrheit und argumentiert, dass diese zwei zentralen Konzepte in der heutigen Debatte fälschlicherweise oft getrennt behandelt werden.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Felder sind die praktische Philosophie mit Fokus auf Verantwortungszuschreibung sowie die theoretische Philosophie hinsichtlich der Analyse und des Gebrauchs des Wahrheitsbegriffs.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist der Nachweis, dass es kein verantwortliches Handeln von Personen ohne einen elementaren Bezug auf Wahrheit geben kann, da dieser Bezug konstitutiv für die Charakterisierung von Verantwortungsträgern ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Der Autor nutzt eine perspektivische Analyse, die bestehende philosophische Konzeptionen (insbesondere Fischer/Ravizza) aufgreift, modifiziert und durch die Einbeziehung neuer begrifflicher Perspektiven (z.B. von V. Gerhardt oder E. Tugendhat) argumentativ weiterentwickelt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der Bedingungen für verantwortliches Handeln (Freiheit, Kontrolle, Wissen) und eine kritische Auseinandersetzung mit dem Wahrheitsbegriff, um daraus eine Synthese für die Zuschreibung von Verantwortung zu bilden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die wichtigsten Schlagworte sind Verantwortung, Wahrheit, Person, Selbstverständnis und moralische Handlungsfähigkeit.
Was versteht der Autor unter der "epistemischen Bedingung" von Verantwortung?
Die epistemische Bedingung bezeichnet das notwendige Wissen einer handelnden Person über die handlungsrelevanten Faktoren und Umstände, um als verantwortlicher Akteur wahrgenommen werden zu können.
Warum ist die Person laut dem Autor ein "Träger von Verantwortung"?
Personen qualifizieren sich als Träger von Verantwortung durch ihr Bewusstsein über ihre Handlungsfähigkeit, ihr Selbstverständnis innerhalb einer sozialen Gemeinschaft und die Rechtfertigbarkeit ihrer Handlungen vor anderen.
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- Kai Lehmann (Autor), 2006, Über den Zusammenhang von Verantwortung und Wahrheit , Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/66667