Johann Jacob Bachofen und das "Mutterrecht": Gegenstand, Aufbau, Wirkung


Essay, 2003
5 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Die Theorie, der ganze Erdkreis sei vor dem Patriarchat als Matriarchat organisiert gewesen, also als eine Gesellschaft, in der sich nicht nur die Erbfolge über die mütterliche Linie vollzieht, sondern die Frauen auch die Hauptämter bekleiden, verteidigt Johann Jacob Bachofen in seinem Werk „Mutterrecht“, publiziert im Jahre 1861.

Bachofens Thesen fußten auf der Annahme, dass sich in Mythen die Lebensverhältnisse des Altertums manifestierten und daher forderte er, die strikte Trennlinie zwischen mythologischen Erzählungen und Tatsachenberichten als historische Quellen aufzuheben. Grundlage seiner im „Mutterrecht“ dargelegten Thesen waren Mythen und Symbole, aufgrund derer er eine Kontruktion der Weltgeschichte von ihren Anfängen bis zur Römischen Antike entwarf. In seinem Hauptberuf, Privatdozent für Römisches Recht, war er bereits aufgefallen, da er sich, entgegen dem allgemeinen Usus, allein für das Recht, wie es tatsächlich in der Antike praktiziert wurde, interessierte, und nicht für die im 19. Jahrhundert noch angewendeten Ausläufer. Das „Mutterrecht“ stellte für ihn den endgültigen Bruch mit seinen Kollegen und den von der Wissenschaft allgemein anerkannten Methoden dar.

Um seine Idee, unsere Vorfahren hätten eine Zeit gekannt, in der die Welt von Frauen bestimmt wurde, zu untermauern, verweist er auf Lafitau: Der Jesuit berichtet von den Irokesen als matrilinear aufgebautem Indianerstamm und vermutet, dass diese die Nachkommen des antiken Volkes der Lykier seien. Von den Lykiern wird wiederum durch Herodot überliefert, dass sie ihre Namen und ihren gesellschaftlichen Stand in der mütterlichen Linie vererbten. Bachofen schloss aber aus seiner Interpretation der Mythologie, dass solch eine weiblich geprägte Gesellschaftsform nicht nur in vereinzelten Stämmen als Herrschaftsform auftauchte, sondern im gesamten abendländischen Raum, wenn nicht auf der ganzen Erde, Vorgängerin des Patriarchats war.

Eine wesentliche Eigenschaft des Geschichtsbild Bachofens ist, dass Geschichte als in Stadien fortschreitend verstanden wird. Die erste Phase der Entwicklung der Menschheit bezeichnet er als „Hetärismus“, eine Periode ursprünglicher Promiskuität: Das Zusammenleben wird allein durch körperliche Gewaltausübung bestimmt. Tonangebend war die Manneskraft – hinsichtlich jeder Bedeutung des Wortes – derer sich die Frau, weil sie körperlich unterlegen war, beugen musste. Ihre Überlegenheit war nach Bachofens Auffassung spiritueller Art, sie war religiös berufen. Weil sie aber die Verletzung ihrer Rechte, also vor allem die ständige sexuelle Demütigung, ab einem bestimmten Punkt nicht weiter dulden konnte, griff sie zur Waffengewalt, um sich endlich von der männlichen Unterdrückung zu befreien. Was folgte, war eine Phase des Amazonentums, die den Übergang zum Matriarchat markierte. Mit Hilfe ihrer Spiritualität gelingt es der Frau, den Mann von ihren religiös geprägten Werten zu überzeugen. Sie führt die Menschheit in das nächste Stadium. Eine neue Ära bricht an, in der die Frau als Bildhaftigkeit des göttlichen Gesetze herrscht. Sie leitet nicht nur das Leben innerhalb der Familie, sie spielt auch in der Öffentlichkeit und in der Ausübung der Religion eine zentrale Rolle. Gewaltlosigkeit, Barmherzigkeit und Liebe prägen diese von Frauen gestaltete Gesellschaft. Als konkrete Ergebnisse nennt Bachofen die Einführung des Ackerbaus und – der Ehe. Die Monogamie habe also keinen natürlichen Ursprung, sondern sei sozusagen eine Erfindung der Frau, um die gewalttätigen sexuellen Ausschweifungen der Männer im Zaum zu halten.

Dann, die Ursachen sind schwer rekonstruierbar, begibt es sich, dass die Frauen ihre Macht überreizen. Die Männer rebellieren und der einzige Weg, sie unter Kontrolle zu halten, ist die Waffengewalt. Es erscheint wieder eine Phase des Amazonentums. Die Frauen ziehen kriegerisch umher, ein Ausdruck des Verfalls des Matriarchats. Wir befinden uns wieder in einer Übergangsphase zur nächst höheren Gesellschaftsstufe: dem Patriarchat.

[...]

Ende der Leseprobe aus 5 Seiten

Details

Titel
Johann Jacob Bachofen und das "Mutterrecht": Gegenstand, Aufbau, Wirkung
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Geschichtswissenschaften)
Veranstaltung
Matriarchatstheorien in der Altertumswissenschaft
Note
1,3
Autor
Jahr
2003
Seiten
5
Katalognummer
V66675
ISBN (eBook)
9783638599139
ISBN (Buch)
9783656559122
Dateigröße
375 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Bachofens Thesen fußten auf der Annahme, dass sich in Mythen die Lebensverhältnisse des Altertums manifestierten und daher forderte er, die strikte Trennlinie zwischen mythologischen Erzählungen und Tatsachenberichten als historische Quellen aufzuheben. Grundlage seiner im 'Mutterrecht' dargelegten Thesen waren Mythen und Symbole, aufgrund derer er eine Kontruktion der Weltgeschichte von ihren Anfängen bis zur Römischen Antike entwarf.
Schlagworte
Johann, Jacob, Bachofen, Mutterrecht, Matriarchatstheorien, Altertumswissenschaft, Alte Geschichte, Mythologie, Gender Studies
Arbeit zitieren
Monika Braun (Autor), 2003, Johann Jacob Bachofen und das "Mutterrecht": Gegenstand, Aufbau, Wirkung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/66675

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