Sozialarbeit mit männlichen, gewaltbereiten Fußballfans

Aspekte der Sozialisation/Ausbildung, des Trinkverhaltens und des Auftretens der Polizei als Erklärungsansätze für Gewalt im Rahmen eines Fußballspiels


Diplomarbeit, 2006

115 Seiten, Note: gut


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1. Einleitung

2.Begriffsklärungen und Theoretische Grundlagen
2.1. Subkultur
2.2 Gewalt
2.2.1 Definition physische Gewalt
2.2.2 Definition strukturelle Gewalt
2.3 Ausdifferenzierung der Fußballfanszene
2.4 Hooligan/Hooliganismus
2.4.1 Ursprung des Wortes
2.4.2 Geschichte des Hooliganismus
2.4.3 Definition Hooligan/Hooliganismus
2.4.4 Gewalt im Zusammenhang mit Hooliganismus

3. Ursachen für Hooliganismus
3.1 Die Frage nach dem Warum
3.2 Die Rolle der Medien
3.3 Die Polizei als Aggressor

4. Spezifische Merkmale und Verhaltensweisen der Hooligansubkultur
4.1 Identifikation mit dem Verein
4.2 Äußerliche Erscheinung
4.3 Ehrenkodex
4.4 Solidarität und Anerkennung
4.5 Konsum von Alkohol und Drogen

5. Rechtliche Grundlagen zu diesem Thema
5.1 Deutschland
5.1.1 Nationales Konzept Sport und Sicherheit
5.1.2 Richtlinien des Deutschen Fußballbundes
5.1.2.1 Stadionverbote
5.1.2.2 Ordnungsdienst
5.1.3 Gewalttäter Sport Datei
5.2 Österreich
5.2.1 Stadionverbote
5.2.2 Sicherheitspolizeigesetz

6. Sozialarbeit mit Fußballfans und Hooligans in Deutschland
6.1 Fanprojekte
6.1.1 Geschichte der Fanprojekte
6.1.2 Was sind Fanprojekte
6.1.3 Ziele der Fanprojekte
6.1.4 Arbeitsweise von Fanprojekten
6.1.4.1 Freizeitpädagogische Arbeit
6.1.4.2 Aufsuchende Arbeit
6.1.5 Personelle Ausstattung von Fanprojekten
6.1.6 Fanprojekt Berlin

7. Sozialarbeit mit Fußballfans und Hooligans in Österreich
7.1 Geschichte von Streetwork Wien
7.1.1 Zielgruppe
7.1.2 Streetwork als Methode
7.2 Vereine
7.2.1 Fankoordinator

8. Vergleich Österreich/Deutschland

9. Empirischer Teil
9.1 Hintergründe, Hypothesen und empirische Herangehensweisen
9.1.1 Hypothesen
9.1.2 empirische Herangehensweisen
9.1.2.1 Auswahl der InterviewpartnerInnen
9.1.2.2 Interviewleitfaden
9.2 Forschungsergebnisse
9.2.1 Sozialisation/Ausbildung
9.2.2 Trinkverhalten
9.2.3 politische Orientierung von gewaltbereiten Fußballfans
9.2.4 Auftreten der Polizei im Rahmen eines Fußballspiels

10. Resümee

11. Schlussbemerkung

12 Abstract
12.1 Deutsch
12.2 English

13. Literaturverzeichnis

14. Abbildungsverzeichnis

15. Anhang
15.1 Interviewleitfaden gewaltbereite Fußballfans
15.2 Interviewleitfaden Mella Synek
15.3 Transkript Mella Synek
15.3 Transkript Stefan
15.4 Transkript Michael

Curriculum Vitae

Erklärung

Vorwort

Fußball ist seit meiner frühesten Kindheit ein wichtiger Aspekt meines Lebens. Das Spiel, die Atmosphäre und die Intensität bzw. Emotionalität, mit welcher Fans ein Spiel betrachten, waren für mich schon immer faszinierend.

Anfangs war ich ein Fan des First Vienna Football Club. Bis zu meinem 14. Lebensjahr ging ich auf so ziemlich alle Heimspiele und stand auch im Fansektor. Aufgrund meines Freundeskreises wechselte ich die Fronten und wurde Fan des damaligen Wiener Sportclub. Im Zuge dessen kam ich in Kontakt mit Fans der FreundInnen der Friedhofstribüne, welche für einen absolut gewaltfreien Support ihrer Mannschaft stehen. Im Laufe der Jahre engagierte ich mich immer mehr in diesem Fanclub.

Als einer der Vertreter der Friedhofstribüne fuhr ich zu diversen B.A.F.F (Bündnis Aktiver Fußballfans) Treffen nach Deutschland. Durch zahlreiche Gespräche mit B.A.F.F-Mitgliedern, verschiedenster deutscher Vereine, die auch in diversen Fanprojekten arbeiten, erfuhr ich mehr über Ausschreitungen und Hooliganismus im Rahmen von Fußballspielen.

Da ich als Mitglied der FreundInnen der Friedhofstribüne nie in Kontakt mit Hooligans kam, sondern sie nur aus Erzählungen von früheren Spielzeiten kannte, war diese Art von Fußballfan für mich komplettes Neuland. Im Laufe der Jahre intensivierte ich meine Nachforschungen zu diesem Thema. Während meiner Ausbildung an der Fachhochschule für Sozialarbeit interessierte ich mich immer mehr für diese Subkultur und versuchte zu eruieren, ob es wie in Deutschland sozialarbeiterische Projekte gibt, die mit Hooligans arbeiten, da sich vielleicht im Zuge dessen, nach oder vielleicht noch während meiner Ausbildung, ein sozialarbeiterisches Betätigungsfeld für mich ergeben könnte.

Im Rahmen meiner jetzigen Tätigkeit bei Streetwork Wien arbeite ich mit gewaltbereiten und/oder politisch extremen Jugendlichen, welche unter anderem auch am Fußballplatz anzutreffen sind. Aufgrund meiner Arbeit und privaten Nachforschungen zum Thema Sozialarbeit mit Hooligans in Österreich, interessierte es mich immer mehr, warum es keine explizite Sozialarbeit mit Fußballfans und Hooligans mehr gibt. Diese beiden Gründe sind ausschlaggebend, warum ich mich in meiner Diplomarbeit einerseits mit der Subkultur der Hooligans bzw. deren Gründe für Gewaltanwendung und andererseits mit Sozialarbeit mit gewaltbereiten Fußballfans auseinander setzen möchte.

Abschließend möchte ich mich bei meiner Familie bedanken, ohne die ich diese Ausblidung nicht absolvieren hätte können. Bettina Anwander, ohnen deren Initiative ich nicht diese Ausbildung begonnen hätte. Besonderer Dank gilt dem gesamten Team von Back on Stage 16/17, dem Team von Streetwork Wien für die Unterstützung, die sie mir während meiner Ausbildung gegeben haben, meiner Diplomarbeitsbetreuerin Judith Haberhauer-Stidl für die freundliche und zum Schluß intensive Betreuung und meinem „Schulfreund“ Christoph Kainz für die verschiedenen Sichtweisen des Lebens, welche er mir in den letzten vier Jahren mehr oder weniger intensiv gezeigt hat.

1. Einleitung

Diese Arbeit behandelt das Thema Sozialarbeit mit gewaltbereiten Fußballfans, also den Einsatz von sozialarbeiterischen Methoden im Rahmen von Projekten mit dieser Zielgruppe.

Gewalt in Rahmen von Fußballspielen hat eine lange Tradition. In Österreich ist diese Thematik entweder von den Medien oder von Vereinsseite großteils ignoriert worden. Nach dem Zuschlag für die Europameisterschaft in Österreich und der Schweiz 2008 ist dieses Thema immer häufiger hauptsächlich medial aufgegriffen worden und es kam zu häufigeren Ausschreitungen im Rahmen von Fußballspielen.

Sozialarbeit mit gewaltbereiten Fußballfans bzw. Hooligans hat in Deutschland im Gegensatz zu Österreich eine lange Tradition, da frühzeitig erkannt wurde und vor allem nicht ignoriert wurde, dass es Personen gibt, welche Gewalt im Rahmen eines Fußballspiels ausüben.

Die Art und Weise, in der mit gewaltbereiten Fußballfans sozialarbeiterisch gearbeitet wird bzw. in Österreich wurde, unterscheidet sich jedoch in einigen Punkten.

In Kapitel 2 meiner Arbeit, Begriffsklärungen und theoretische Grundlagen, beschreibe ich am Anfang den soziologischen Begriff der Subkultur und die Theorie der Subkultur der Gewalt. Darauf folgend erkläre ich allgemein den Begriff der Gewalt, da dieser für das allgemeine Verständnis von gewaltbereiten Fußballfans von Bedeutung ist. In weiterer Folge werde ich die unteschiedlichen Fantypen näher definieren. In diesem Unterpunkt geht es darum zu definieren, was Fans sind und auch die gängige Unterscheidung der verschiedenen „Arten“ von Fans soll deutlich gemacht werden. In einem weiteren Unterpunkt definiere ich den Begriff Hooligan/Hooliganismus und beschreibe den geschichtlichen Ursprung von Hooliganismus. Zum Schluss dieses Kapitels erkläre ich den Zusammenhang zwischen Gewalt und Hooliganismus.

In Kapitel 3 meiner Arbeit erläutere ich verschiedene Ursachen für Hooliganismus. Einerseits gehe ich der Frage nach, warum Hooligans Gewalt im Rahmen von Fußballspielen ausüben, andererseits werde ich die Rolle der Medien und der Polizei in Zusammenhang mit Hooliganismus erklären.

In Kapitel 4 gehe ich auf die Verhaltensweise und Merkmale der Hooligansubkultur ein und beschreibe wesentliche Punkte, welche für Hooligans von Bedeutung sind. Ich beschreibe das Verhältnis zum eigenen Verein, die Wichtigkeit des aüßerlichen Erscheinungsbildes und die selbstgemachten Regeln, welche während einer Auseinandersetzung zwischen Hooligans gelten sollten.

In Kapitel 5 gebe ich einen Überblick über rechtliche Grundlagen aus Deutschland, welche für dieses Thema von Relevanz sind, da in Deutschland schon frühzeitig Sicherheitsmaßnahmen gegenüber Hooligans definiert wurden.

In Kapitel 6 zeige ich relevante rechtliche Grundlagen aus Österreich, die einerseits im Zuge des Zuschlages für die Europameisterschaft 2008 von Regierungsseite neu geschaffen wurden und andererseits seitens der Bundesliga schon seit Längerem vorhanden sind.

In Kapitel 7 gehe ich näher auf die sozialarbeiterische Arbeit mit gewaltbereiten Fußballfans in Deutschland ein. Ich beschreibe, wie aus einer Idee von Studenten Fanprojekte entstanden sind und deren heutige Arbeitsweise. Des weiteren stelle ich das Fanprojekt Berlin und einen Teil seiner Arbeit näher vor.

In Kapitel 8 erkläre ich wie aus Initiative von Studenten sozialarbeiterische Arbeit mit gewaltbereiten Fußballfans in Wien entstanden ist. Im Zuge dessen beschreibe ich die sozialarbeiterische Methode, derer sie sich bei dieser Arbeit bedient haben. Des weiteren erkläre ich, was man heute unter Fanbetreuung in Fußballvereinen versteht und wer sie ausführt. Zum Abschluss dieses Kapitels.

In Kapitel 9 vergleiche ich die unterschiedliche gesellschaftliche Positionierung der sozialarbeiterischen Arbeit mit gewaltbereiten Fußballfans und versuche einen Vergleich zwischen den Arbeitsansätzen der jetzigen Arbeit in Deutschland und der damaligen Arbeit in Österreich zu machen.

In Kapitel 10, meinem empirischen Teil, versuche ich mittels Leitfadeninterviews von zwei gewaltbereiten Fußballfans und einer Sozialarbeiterin, die in den Jahren 1996 bis 1999 mit gewaltbereiten Fußballfansgearbeitet hat, zu erforschen, ob die Sozialisation/Ausbildung, das Trinkverhalten bzw. Alkohol, die politische Orientierung und das Auftreten der Polizei ein Mitgrund sind für die Ausübung vonGewalt im Rahmen von Fußballspielen.

2.Begriffsklärungen und Theoretische Grundlagen

2.1. Subkultur

Die Soziologie bezeichnet allgemein eine bestimmte Untergruppe einer Kultur als Subkultur. Deren Werte und Normen werden von der Gruppe getragen und geteilt. Traditionell eng verbundene Berufsgruppen, wie z. B. Anwälte und Ärzte, werden aus soziologischer Sicht als typische Beispiele für Subkulturen angesehen. Soziale Klassen können natürlich auch Subkulturen bilden. Diese entwickeln und kultivieren eigene Verhaltensweisen, Werte und Normen und differenzieren sich anhand derer von der restlichen Kultur. Im Alltagsgebrauch wird der Begriff Subkultur mit Gegenkultur gleichgesetzt, da sie sich als genauer Gegensatz zu den herrschenden Werten betrachtet.[1]

Theorie der Subkultur der Gewalt von Wolfgang/Ferracuti (1967)

Diese Theorie wurde ursprünglich entworfen, um die hohe Gewaltkriminalitätsrate in bestimmten sozialen Gruppen, vorwiegend im Großstadtmilieu, zu erklären. In dieser Theorie wird Gewalt auf ein Werte- und Normensystem, das den Gewalteinsatz gegen Individuen reguliert und legitimiert, zurückgeführt, und geht davon aus:

„dass physischer Aggression im Normgefüge, ein hoher Stellenwert zukommt, d.h. dass die Sozialisationsprozesse, interpersonelle Beziehungen und den Lebensstil der Individuen durchdringt und sich in ihrer Persönlichkeitsstruktur niederschlägt.“[2]

In Subkulturen der Gewalt ist Gewalttätigkeit eine Verhaltenserwartung, die in bestimmten Situationen erfüllt werden muss, damit der Einzelne von den übrigen Mitgliedern der Subkultur akzeptiert wird.[3]

2.2 Gewalt

Das Wort Gewalt leitet sich aus dem althochdeutschen Verb walten bzw. waltan ab, was soviel bedeutet wie stark sein, etwas beherrschen, und bezeichnet von seiner etymologischen Wurzel her das verfügenkönnen, über innerweltliches Sein. Der Begriff drückt rein die Fähigkeit der Durchführung einer Handlung aus, ohne diese zu werten oder nach ihrer Rechtmäßigkeit zu beurteilen.[4]

Von großer Bedeutung bei dem Versuch der Definition von Gewalt ist die Begrifflichkeit von „ Macht “.[5] Klaus A. spricht von Gewalt als einer:

„Manifestation von Macht und Herrschaft mit dem Ziel und der Folge, Menschen zu schädigen. Bei der Anwendung von Gewalt muss immer davon ausgegangen werden, dass es zu einer Verschiebung von Machtverhältnissen zwischen mindestens zwei Personen zu Ungunsten (!) einer Person kommt.“[6]

Ich möchte mich in meiner Arbeit auf zwei Arten der Gewalt konzentrieren und sie auch definieren, da diese für die Hooligansubkultur am relevantesten sind. Dies sind:

1) physische Gewalt
2) strukturelle Gewalt

2.2.1 Definition physische Gewalt

Physische Gewalt ist eine schädigende, gewaltsame Handlung gegen den Körper eines Anderen, welche nicht zufällig passiert. Es steht eine Intention dahinter. Die Ausübung dieser Form der Gewalt kann zu einer schweren wie auch leichten Schädigung des Körpers führen, aber auch zum Tode. Somit werden die Rechte als auch das Wohl einer Person beeinträchtigt.[7]

2.2.2 Definition strukturelle Gewalt

Strukturelle Gewalt hindert einen Menschen bei der Entfaltung seiner Möglichkeiten und seiner Anlage.[8] Der norwegische Friedensforscher Johann Galtung definiert diesen Begriff wie folgt:

„Strukturelle Gewalt ist die vermeidbare Beeinträchtigung grundlegender menschlicher Bedürfnisse, allgemeiner ausgedrückt, des Lebens, die den realen Grad der Bedürfnisbefriedigung unter das herabsetzt, was potentiell möglich ist.“[9]

2.3 Ausdifferenzierung der Fußballfanszene

Man kann Fußballfans nicht als einheitliche Gruppe bzw. als homogene Gruppe ansehen. Es gibt sehr wohl einen großen Unterschied unter Fußballfans. Diesen Unterschied kann man im Alltag daran erkennen, in welchem Teil des Stadions sich ein Besucher aufhält.

Ob man sich in die Kurve eines Stadions stellt oder sich auf die Haupttribüne setzt, hat sicherlich auch finanzielle Gründe, aber hauptsächlich kann man davon ausgehen, dass der Hauptbeweggrund der Platzwahl eines Fußballfans davon abhängt, auf welche Art und Weise er das Fußballspiel betrachten möchte. Wenn man etwas zur Stimmung im Stadion beitragen will, oder in deren unmittelbarer Nähe sein will dann stellt man sich in die Fankurve. Mit Sicherheit hat man aus dieser Position nicht die beste Sicht, was aufgrund des dort vorhandenen Platzes und der daraus resultierenden Sicht aufs Spielfeld verständlich ist. Diesen Fans geht es vielmehr darum, ihre Mannschaft auf die beste Art und Weise lautstark zu unterstützen. Fans, die sich auf die Haupttribüne setzen, geht es vor allem darum eine gute Sicht auf das Spielfeld zu haben und ein schönes Fußballspiel zu erleben. Ihnen genügt es im Regelfall die Stimmung aus einer weiteren Entfernung wahrzunehmen.[10]

Eine für die Wissenschaft immer noch gültige Unterscheidung von Fußballfans führte Wilhelm Heitmeyer 1988 durch. Er macht drei Unterschiede:

1) Konsumorientierte Fans
2) Fußballzentrierte Fans
3) Gewaltbereite Fans

Der Konsumorientierte Fan

Dieser sieht sich ein Fußballspiel von der Tribüne aus an. Er steht nicht in der Fankurve. Der Besuch eines Spieles findet entweder alleine oder in wechselnden Kleingruppen statt. Fußball ist nur eines seiner vielen Hobbies. Der größte Teil seines sozialen Umfeldes bzw. Lebens steht in keinem Zusammenhang mit dem Fußball. Ein wesentlicher Punkt für den Besuch eines Fußballspiels ist die Leistung der Mannschaft. Spielt die Mannschaft erfolgreich, dann besucht der konsumorientierte Fußballfan regelmäßig das Stadion. Ist jedoch die Leistung der Mannschaft nicht entsprechend, so bleibt er dem Stadion fern und schaut sich das Spiel nicht vor Ort an.[11]

Der Fußballzentrierte Fan

Die Leistung der Mannschaft spielt auch für diesen Fußballfan eine tragende Rolle. Jedoch ist er im Gegensatz zum Konsumorientierten Fußballfan auch bereit im Falle einer schwächeren Leistung bzw. eines Abstieges in eine niedrigere Spielklasse dazu bereit sein Team zu unterstützen. Er bleibt ihm treu. Das Fußballumfeld hat für ihn eine sehr starke Anerkennungsrelevanz. Der Fußballzentrierte Fan besucht Fußballspiele nicht alleine. Er ist meistens sogar Mitglied in einem Fanclub. Im Stadion ist er in der Fankurve anzutreffen.[12]

Der Gewaltbereite Fan

Die sportliche Bedeutung ist für ihn ambivalent. Für ihn wird das Fußballspiel mit seinem gesamten „Drumherum“ als Spektakel angesehen. Das Spiel an sich ist für ihn austauschbar, da eher der Kontakt zu anderen Fans bzw. das Suchen von gewalttätigen Situationen im Vordergrund steht. Das Umfeld hat auch für ihn eine hohe Anerkennungsrelevanz. Meistens ist er nicht in einem Fanclub organisiert. Sein Aufenthaltsort im Stadion ist meisten dort, „wo etwas los ist“.[13]

Im heutigen Sprachgebrauch werden gewaltbereite Fußballfans als Hooligans bezeichnet.

2.4 Hooligan/Hooliganismus

2.4.1 Ursprung des Wortes

Eine genaue Herkunft des Begriffes ist heutzutage nicht bekannt. Eine mögliche Herkunft des Begriffes könnte sich auf den Iren Patrick Hooligan beziehen, welcher im Jahre 1898 in einem Bericht der Londoner Polizei als Anführer einer randalierenden Jugendbande erwähnt wurde. Somit lautet eine Theorie, dass der Begriff aus dem Londoner Polizeijargon stammt.[14]

Es gibt auch andere Begriffserklärungen, welche davon ausgehen, dass der Begriff etymologisch nicht von der britischen Insel kommt, sondern vielmehr aus dem slawischen Sprachgebrauch stammt. Ungefähr seit 1900 wurde der Begriff auch parallel in Russland benutzt. Für welche Variante man sich nun entscheidet, fest steht, dass ab etwa 1900 „Hooligan“ benutzt wurde, um Straßenkriminelle zu beschreiben und auch Männer, die durch rowdyhaftes Verhalten und enormen Alkoholkonsum auffielen.[15]

2.4.2 Geschichte des Hooliganismus

Seitdem es sportliche Großveranstaltungen gibt, ist auch bekannt, dass es Zuschauerausschreitungen gibt. Bereits aus der Antike sind Zuschauerausschreitungen bekannt. Zu dieser Zeit gab es bereits so genannte Peitschenträger, welche für Recht und Ordnung sorgten.[16]

Die ersten Fußballregeln wurden 1848 in Cambridge aufgestellt. Danach entstanden die ersten Fußballvereine bzw. die ersten Fußballfanclubs. In dieser Zeit gab es auch die ersten Ausschreitungen in Zusammenhang mit Fußball, da Fußball als Kampf zwischen zwei rivalisierenden Gemeinden zelebriert wurde und die Zuschauer auf den Rängen Konflikte und Gebietsansprüche austragen wollten. Territoriale Nachbarschaftsduelle, so genannte Derbys, waren immer bekannt für Zuschauerausschreitungen.[17] Christoph Bausenwein beschreibt dieses Phänomen wie folgt:

„Im Derby kämpfen die Spieler nicht nur für sich selbst, sondern im Namen einer Gruppe. Wenn die Spieler als Repräsentanten einer Gemeinschaft und als Vertreter von deren Idealen antreten, dann, so weiß die Konfliktsoziologie, sind die Auseinandersetzungen unerbittlicher als die, bei denen die Spieler nur ihre persönliche Kampfmotivation mitbringen.“[18]

Im Gegensatz zum heutigen Hooliganismus waren die damaligen Aggressionen weniger gegen die gegnerischen Vereinsanhänger gerichtet, vielmehr hatten sie mit den konkreten Umständen des Spiels zu tun, zum Beispiel wenn die Zuschauer unzufrieden mit der Schiedsrichterleistung waren oder wegen des überfüllten Stadions.

So richtete sich die Gewalt eher gegen den Schiedsrichter, Spieler oder gegen andere Fangruppen. Die hohe Gewaltbereitschaft gegenüber den Spielern und Schiedsrichtern hängt wohl damit zusammen, dass zu dieser Zeit wenige Fans ihre Mannschaft zu Auswärtsspielen begleiteten.

Die Hauptgründe dafür waren eine geringe Mobilität, sowie geringe finanzielle Möglichkeiten.[19] Die uns heute bekannten Ausschreitungen im Zuge von Fußballspielen, die seit 1966 mit dem Begriff Hooliganismus beschrieben werden, entwickelten sich erst ab der Mitte des 20. Jahrhunderts. Bei diesem Prozess spielten die Medien eine nicht unwesentliche Rolle.

So wurde zum ersten Mal 1960 ein so genannter Platzsturm von Fußballfans im Fernsehen gezeigt. Im großen Stil wurde 1963 zum ersten Mal die „Schlacht“ zwischen Fans des katholischen FC Everton und der protestantischen Glasgow Rangers in den Medien gezeigt.[20] Bis zum heutigen Tage verbindet die Öffentlichkeit drei historische Ereignisse mit Hooliganismus:

Das erste Spiel war das Endspiel um den Europapokal der Landesmeister zwischen Juventus Turin und dem FC Liverpool im Brüsseler Heysel-Stadion. Während dieses Spieles starben 39 Menschen und 379 Personen wurden zum Teil schwer verletzt, als Panik ausbrach, nachdem Fans des FC Liverpool Feuerwerkskörper in den überfüllten Fansektor der italienischen Fans warfen.

Das zweite Spiel war das FA-Cup-Semifinale zwischen Nottingham Forrest und dem FC Liverpool in Sheffield am 15. April 1989. Viele Fans wollten gleichzeitig in das bereits gefüllte Stadion hinein. Im Zuge dessen entstand ein Gedränge bei dem sich die Menschen gegenseitig zerquetschten und es starben dabei 96 Fans. Im Zuge der Untersuchungen dieses Vorfalls sah der Richter die Hauptursache für diese Tragödie in den nicht vorhandenen Sitzplätzen im Stadion. Seit diesem Vorfall fand in England eine Umrüstung der Stadien von Stehplätzen auf Sitzplätze statt.

Der dritte Vorfall ereignete sich im Zuge des Fußballweltmeisterschaftsspiel Deutschland gegen Jugoslawien ins Lens 1998. Deutsche Hooligans streckten den französischen Gendarmen Daniel Nivel nieder und traten ihn am Boden liegend. Durch diesen Übergriff erlitt Nivel solche schweren Verletzungen, dass er mehrere Tage im Koma lag und bis heute bleibende Schäden davontrug.[21]

2.4.3 Definition Hooligan/Hooliganismus

Erst seit den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts wurde in Deutschland und ca. 15 bis 20 Jahre zuvor in England der Begriff Hooligan in Zusammenhang mit gewalttätigen Fußballfans verwendet. Ab diesem Zeitpunkt löste er damit Begriffe wie „Fußballrocker“ und „Fußballrowdy“ ab.[22]

Felix-Ingo Meyer definiert nun Hooligans als

Personen, die im Umfeld von Fußballspielen und Ereignissen durch gewalttätige Aktionen gegen Personen und Sachen auffallen.“[23]

Der Begriff Hooliganismus wird heutzutage fast ausschließlich im Zusammenhang mit Fußball verwendet. Klaus Farin definiert den Begriff in seinem Buch „generation-kick.de Jugendsubkulturen heute“ den Begriff wie folgt:

„Hooliganismus ist eine männliche Form zivilen Ungehorsams, eine nichtpolitische Rebellion gegen die sinnlose Autorität des Alltags, ein Versuch, die von montags bis freitags aufgezwungene Rolle abzustoßen, aus dem langweiligen, abstumpfenden Spießerdasein auszubrechen, wenigstens für ein paar Stunden.“[24]

Felix Ingo Meier geht sogar noch einen Schritt weiter und bezieht bei der Definition des Hooliganismus die Subkulturkomponente mit ein. Er sagt:

„Hooliganismus wird als eine gewalttätige Subkultur verstanden, deren innersubkulturell physisch gewalttätiger Aktionismus auf keiner ideologischen oder theoretischen Grundlage basiert.“[25]

Anhand dieser beiden Definitionen ist zu erkennen, dass sowohl Klaus Farin als auch Felix Ingo Meier versuchen, die Subkultur von dem Vorurteil zu lösen, politischen oder gar rechtsradikalen Interessen zu unterliegen.

2.4.4 Gewalt im Zusammenhang mit Hooliganismus

Ein wichtiger Aspekt bei der Beschreibung der Hooligansubkultur ist der Gewaltaspekt. Gewalt spielt bei den Hooligans eine zentrale Rolle, sie ist Machtinstrument, mit dem sie spielen, aber sie ist auch ein Aspekt, der den Jugendlichen und jungen Männern physisch, psychisch und strukturell widerfährt. Bill Buford erklärt eben dieses wie folgt:

„Augenscheinlich war die Gewalttätigkeit eine Art Protest. So gäbe es Sinn. Fußballspiele dienten als Ventil für heftige Frustrationen. So viele junge Leute waren Arbeitslos geworden, oder hatten überhaupt noch nie Arbeit gefunden (!) . Folglich war die Gewalt eine Art Rebellion, Klassenrebellion, irgend so was.“[26]

3. Ursachen für Hooliganismus

3.1 Die Frage nach dem Warum

Diese Frage sollte man nicht außenstehenden Experten stellen, sondern echte Hooligans beantworten lassen, da diese es am besten erklären können. Während des Bremer Fankongresses 1988 bot sich die Möglichkeit einen echten Hooligan nach seinen Motiven zu fragen. Er antwortete kurz und prägnant:[27]

„Weil es Spaß macht.“[28]

Bill Buford beantwortet diese Frage in dem er sich auf andere Jugendsubkulturen und deren Ambitionen bezieht:

„Warum machen junge Männer jeden Samstag Randale? Sie machen das aus dem selben Grund, aus dem frühere Generationen sich betranken, Hasch rauchten, Drogen nahmen, sich wüst und rebellisch (!) aufführten. Gewalttätigkeiten bereiten ihnen einen antisozialen Kitzel, sie ist für sie ein bewusstseinsveränderndes Erlebnis, eine von Adrenalin bewirkte Euphorie, die vielleicht um so stärker ist, weil der Körper selbst sie hervorbringt, mit vielen meiner Überzeugung nach suchtbildenden Eigenschaften, wie sie auch für synthetisch hergestellte Drogen charakteristisch sind.“[29]

Indem Buford andere Jugendsubkulturen in diese Begründung einbindet, gibt er sich selbst eine Rechtverfertigung für Gewalttätigkeiten.

3.2 Die Rolle der Medien

Die Art und Weise der Vor- und Nachberichterstattung von Fußballspielen in den Medien hat einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf die Gewaltneigung von Zuschauern und Fans. Die Zuschauer werden durch die häufig unangemessene Dramatisierung der Fußballspiele sowie durch eine gewaltverherrlichende oder verharmlosende Sprache emotional aufgeladen. Einige Fans werden auch in ihren Gewaltneigungen gestärkt. Aufgrund der Tatsache, dass Fußballspiele ihrer Normalität enthoben werden, indem sie medial verkaufsfördernd als Spiele fürs Überleben hochstilisiert werden, ist nicht auszuschließen, dass der Boden für gewalttätige Auseinandersetzungen zusätzlich bereitet wird. Die Fanszene wird massenmedial auf drei negativ besetzte Verhaltensmuster reduziert.

In den Medien sind Fans nur dann eine eigene Meldung wert, wenn sie als Trunkenbolde, schwere Gewalttäter oder durch ausländerfeindliche Meldungen auffallen. Dies hat zur Folge, dass aufgrund der Verengung des Blickfeldes auf negativ besetzte Ereignisse Fans kriminalisiert werden und dass immer mehr Fans an diesen Gewalterlebnissen partizipieren wollen.[30] Diese negative Berichterstattung kann zu einem Pygmalion Effekt führen. Dies bedeutet, dass Fußballfans, welche andauernd von sich in den Massenmedien lesen sie seien gewalttätig oder kriminell, es auch irgendwann werden.[31]

3.3 Die Polizei als Aggressor

Strafverfolgung und Gefahrenabwehr sind die klar definierten Aufgaben der Polizei. Dies sind ihre Pflichent und ihr gesellschaftlicher Auftrag. Seit den Ausschreitungen von Brüssel 1985 versteht die Polizei unter anderem Folgendes darunter in Fußballstadien:[32]

- An Treffpunkten der Fans eine deutliche Präsenz
- Die Fangruppen müssen vom und zum Stadion begleitet werden
- Fanbusse müssen Durchsucht werden
- zivile wie auch uniformierte Polizisten begleiten die Fans bei Auswärtsfahrten
- Videoüberwachung im Fanblock
- Stadionverbote werden ausgesprochen
- Der Einsatz von Gummiknüppeln und Reizgas, sowie das Bereitstellen von Wasserwerfern
- Anlegen so genannter Fandateien[33]

Diese übermäßig stark repressiven Maßnahmen standen sehr schnell in der Kritik. Gunter A. Pilz findet, dass durch den vermehrten Einsatz und das Eingreifen der Polizei bei Auseinandersetzungen zwischen Fans die Selbstregulierungsmechanismen der Fans verloren gehen. Es entwickeln sich brutalere Auseinandersetzungen beim Kampf Mann gegen Mann und der Einsatz von Distanzwaffen geht verloren.[34]

In dieser Abbildung sind die deutlichen Unterschiede zu erkennen, wenn die Selbstregulierungsmechanismen verloren gehen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Wandlung der Gewaltformen, Objekte und Folgen im Kontext zunehmender Disziplinierung der Zuschauer/Fans[35]

Weiterst stellt Gunter A. Pilz fest, dass die verstärkte Kontrolle der Fans durch die Polizei zu einer Solidarisierung und Verfestigung von so genannten unorganisierten harten Fans führt. Dies führt zu einer zusätzlichen Gefahr der Eskalation der Gewalt.[36]

Für Pilz erhöht auch schon die Anwesenheit der Exekutive in einem sozialen Raum, welcher von aggressiven Reizen gekennzeichnet ist, die Neigung zu gewalttätigen Handlungen.[37]

4. Spezifische Merkmale und Verhaltensweisen der Hooligansubkultur

4.1 Identifikation mit dem Verein

Hooligans haben keine Bindung zum Verein oder gehen auch gar nicht ins Stadion, sondern nur noch dorthin, wo sie Randale erwarten. Dies ist eine gängige These. Viele der Hooligans gingen jedoch früher als so genannte Kuttefans in die Fußballstadien. Ihre ersten Berührungen mit dem Fußball hatten sie in jungen Jahren, als sie sich mit ihren Vätern Fußballspiele ansahen.[38] Die These, dass Hooligans nicht zu den Spielen ihres Vereins gehen, entstand, als sich die Hooligans von den Kuttenfans abspalteten. Sie änderten ihre Kleidung und vor allem ihr Verhalten im Stadion. Die Hooligans wurden nüchterner und folgten ihrem Verein nicht mehr blindlings. Dies bedeutet allerdings nicht, dass Hooligans sich nicht mit dem Verein identifizieren.[39]

Bill Buford beschreibt die Bindung zum Verein wie folgt.

„Die Menschenmenge selbst war sehenswert. Das Fleisch, das entblößt wurde, war das normale: englische Nieselwetterhaut wie vom Fließband, daher hellrosa und sonnenempfindlich. Nur eines war nicht normal: alle waren tätowiert. Und nicht an einer Stelle, sondern an vielen. [...]Bei manchen war der Rücken tätowiert, in voller Länge von oben bis unten. Dies waren keine gewöhnlichen Tätowierungen; es waren Wandgemälde auf Fleisch. Ein Bursch war eine einzige Werbefläche für den Fußballclub Manchester United. [...]Ringsum sah ich meterweise Haut, die mit diesen totemartigen Gelöbnissen der Vereinstreue (!) befleckt waren[40]

Allerdings zeigen neuere Untersuchungen, dass es durch die nicht mehr lückenlose Identifikation der Hooligans mit dem Fußball auch zu Querverbindungen zu anderen Szenen kommt. Verdeutlichen soll dies folgende Tabelle.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Querverbindung der Hooligans zu anderen Szenen[41]

4.2 Äußerliche Erscheinung

Nobel und unauffällig zu erscheinen, dass sind die wichtigsten Kriterien für einen Hooligan von heute. Hooligans möchten sich nicht nur vom Image des ungepflegten Fußballrowdys lösen, sondern einen so genannten, nicht der sozialen Unterschicht angehörigen Stil repräsentieren. Man kann daraus schließen, dass Hooligans sehr markenbewusst sind. So tragen Hooligans Marken wie Lonsdale, Nike, Lacoste, New Balance, Fred Perry und Hugo Boss.[42] Die Frage, warum Hooligans ein solches Outfit gewählt haben, erklärt sich Beate Matthesius wie folgt. Hooligans drehten zu ihrer eigenen Belustigung das gängige öffentliche Bild, welches die Gesellschaft von gewalttätigen Jugendlichen hatte. Es waren nun die teuer gekleideten Jugendlichen, welche sich als Randalierer entpuppten. Der Vorteil für die Hooligans war, dass sie sich einerseits von den Kuttenfans unterscheiden und außerdem ein unauffälligeres Erscheinungsbild hatten.[43]

Von der Hooliganszene wird die Entwicklung zu teuren und noblen Outfits auch kritisch betrachtet. Ina Weigelt hat zwei Punkte näher beschrieben:

1) Jüngere Hooligans definieren ihr Hooligandasein nicht mehr über ihre Fights, sondern vielmehr über ihr Outfit. Sie gehen davon aus, dass durch teuere Kleidung automatisch eine Zugehörigkeit und Akzeptanz innerhalb der Szene vorhanden ist. Dies führt zu massiven Problemen mit älteren Hooligans.

2) Aufgrund der teueren Kleidung scheuen sich vor allem jüngere Hooligans vor Auseinandersetzungen, da sie die Angst habe, dass ihre Kleidung zerstört werden könnte. Dies führt wiederum auch zu Konflikten innerhalb einer Hooligangruppe zwischen Älteren und Jüngeren.[44]

4.3 Ehrenkodex

Da es bei Auseinandersetzungen keine lebensbedrohlichen Verletzungen geben sollte, bildete sich innerhalb der Hooligans ein Wertesystem für den Kampf heraus.[45] Ralph Bohnensack hat als Ergebnis seiner Untersuchung die wesentlichen Punkte des Ehrenkodexes zusammengestellt.

1) Der Kampf sollte wie das Fußballspiel auf einer Wiese stattfinden. Unabhängig von äußeren Eingriffen, vor allem solcher seitens der Polizei.
2) Der Einsatz von Waffen ist nicht erlaubt. Gekämpft wird ausschließlich mit den Fäusten
3) Eine zahlenmäßige Überlegenheit des Gegners ist aus der Sicht eines respektablen Kampfes in Kauf zu nehmen.
4) Hilflose bzw. am Boden liegende Gegner werden nicht mehr attackiert. Ein Nachtreten ist verboten
5) Da es zu Verletzungen kommen kann, ist auch dem Gegner Hilfe zu leisten, auch wenn dies bedeutet die Rettung zu holen
6) Wenn diese Regeln nicht eingehalten werden, dann sollten Personen aus derselben Gruppe dazwischen gehen.[46]

Felix Ingo Meyer hat dieser Liste des Ehrenkodexes noch einige Punkte hinzugefügt.

1) Gegenseitige Anzeigen werden abgelehnt und auch die Zusammenarbeit mit der Polizei
2) Fotos von Auseinandersetzungen werden nur zur Erinnerung gemacht und nicht zur Identifikation von Hooligans bei Androhung einer Strafe
3) Unbeteiligte sollten nicht angegriffen werden, es kann aber dazu kommen, dass sie in einen Kampf verwickelt werden, wenn sie sich am Ort des Kampfes aufhalten
4) Der Einsatz von Waffen ist nur dann erlaubt, wenn die gegnerische Hooligangruppe auch mit Waffen antritt[47]

Ein Hooligan namens „Spion“ beschreibt seine Erfahrungen mit dem Ehrenkodex wie folgt.

„Und da kommen um die Ecke vielleicht sechzig, siebzig Leute rauf, und mit Alkohol war ich langsamer, da hatten sie Recht. Ich konnte mich gar nicht so recht umsehen. Da haben sie mir erstmal`n paar Tritte gegeben, aber die waren fair. Die haben getreten und mich liegengelassen, dann war gut (!) .“[48]

Aufgrund der Tatsache, dass sich gerade jüngere Hooligans vor den älteren Hooligans profilieren wollen, ist der Einsatz von Waffen bzw. der Waffenbesitz mittlerweile keine Seltenheit mehr. Dadurch ist auch die Einhaltung dieses Ehrenkodexes sehr fraglich.[49] Klaus Farin schreibt über die jungen Hooligans Folgendes.

„Da es ihnen zudem oft noch an Körperkraft und Erfahrung mangelt, gleichen sie das durch Waffen aus, die ihnen ein trügerisches Gefühl von Sicherheit geben, die Angst zurückdrängen soll. Der über die Jahre ritualisierte Ehrenkodex der Älteren, nach dem alles andere als ein unbewaffneter Kampf Mann gegen Mann im Allgemeinen verpönt ist, ist ihnen fremd.“[50]

So entstand ein weiterer Konflikt zwischen jüngeren und älteren Hooligans. Von den Älteren wurde oft das gefährliche und brutale Vorgehen der Jüngeren kritisiert. Für die jüngeren Hooligans ist der Besitz von Waffen absolut notwendig und sie entfernen sich immer mehr vom ursprünglichen Ehrenkodex.[51]

4.4 Solidarität und Anerkennung

Gunter A. Pilz hat in seinem Bericht der wissenschaftlichen Begleitung des Fan-Projektes Hannover vier Funktionen und Bedeutungen der Gruppenzugehörigkeit herauskristallisiert. Für Pilz zählen die Funktionen und Bedeutungen, welche gewaltaffine Jugendkulturen und Freizeitcliquen auf Jugendliche haben.

1) „Solidaritätsangebote und Leistungen (unbedingter Zusammenhalt; Zueinanderstehen in allen Situationen, Konformitätsdruck)
2) Kommunikationsangebote und Leistungen (sozial integrative Funktion, Kompensation für die unterschiedlichsten Bedürfnisse und Wünsche, die in anderen Bereichen, etwa der Familie, nicht abgedeckt werden)
3) Schutzfunktionen (Akzeptanz, Geborgenheit, Loyalität und Sicherheit, Stärke und Kraft der Gruppe als Solidargemeinschaft wird als Garant für eigene Sicherheit angesehen)
4) Abgrenzungsfunktion (Abgrenzung dient der Identitätsbildung, durch Abgrenzung nach außen stabilisiert sich die Gruppe im Inneren)“[52]

Bei Hooligans spielt Solidarität und Anerkennung eine zentrale Rolle. Anerkennung ist die Grundlage der Solidarität in der Gruppe.[53] Bohnensack hat analysiert, wie die Gruppenmitglieder zu dieser Anerkennung kommen.

„Die Solidarität ist aber auch nicht in Gemeinsamkeiten normativer Orientierungen begründet, die auf Grundlage einer Reziprozität der Perspektiven kommunikativ entfaltet werden. Die normativen Muster, wie Freundschaftsbereitschaft und Kameradschaft, und die wechselseitige Anerkennung, in der sie fundiert sind, werden nicht auf dem Weg des miteinander Quatschens, der Kommunikation und des Meinungsaustausches erreicht. Kommunikation ist lediglich das Medium, um die auf anderem Wege auf dem des Sich-Klatschens und Seinen-Mann-Stehens, bereits konstituierte Solidarität und Anerkennung zum Ausdruck zu bringen.“[54]

Bohnensack sagt, dass folglich erst nach gemeinsamen Aktionen ein Zusammen-gehörigkeitsgefühl entstehen kann und, dass es nicht die Vorrausetzung für den Aktionismus der Hooligans sei.[55]

[...]


[1] Vgl. Wikipedia die freie Enzyklopädie, URL: http://de.wikipedia.org/wiki/Subkultur,September 2006,

[2] Lamnek S., Theorie abweichenden Verhaltens, München³ 1988, 182, zit in: Gemünden J., Gewalt gegen Männer in heterosexuellen Intimpartnerschaften, Tectum Verlag 1996, 68

[3] Vgl. Gemünden J., Gewalt gegen Männer in Intimpartnerschaften, Tectum Verlag 1996, 68

[4] Vgl. Wikipedia die freie Enzyklopädie URL:http://de.wikipedia.org/wiki/Gewalt, September 2006

[5] Vgl. Raab-Steiner E., ausgewählte Schwerpunkte der Psychologie, Fh Campus Wien Fh Studiengang Sozialarbeit (im städtischen Raum), Wien, SS 2006,6,57

[6] Klaus A., Entwicklungspsychologie und pädagogische Psychologie. Arbeitsblätter zur Ausbildung und Weiterbildung von Pädagogen, Pädagogische Hochschule, Heidelberg,1997,52,57, zit. In: Raab-Steiner E., ausgewählte Schwerpunkte der Psychologie, Fh Campus Wien Fh Studiengang Sozialarbeit (im städtischen Raum), Wien, SS 2006,6.

[7] Vgl., Brandenbugischer Bildungsserver, URL:http://www.bildung-brandenburg.de/index.php?id=1498, August 2006

[8] Vgl., Wikipedia die freie Enzyklopädie, URL :http://de.wikipedia.org/wiki/Strukturelle_Gewalt, August 2006

[9] Johann G., Gewalt, zit. In: Frieden und Friedensforschung, Frankfurt 1971.August 2006, auf Wikipedia die freie Enzyklopädie auf URL: http://de.wikipedia.org/wiki/Strukturelle_Gewalt#Der_Ansatz_von_Galtung

[10] Vgl. Pelzer J., Diplomarbeit, Neue Formen der sozialen Kontrolle Bei Fußballfans, Universität Bremen 2004,7.

[11] Vgl. Heitmeyer W, Peter J., Jugendliche Fußballfans, Juventa Verlag Gmbh., München² 1992, 32-33.

[12] Vgl. Heitmeyer W, Peter J., Jugendliche Fußballfans, Juventa Verlag Gmbh., München² 1992, 32-33.

[13] Vgl. Heitmeyer W, Peter J., Jugendliche Fußballfans, Juventa Verlag Gmbh., München² 1992, 32-33,180

[14] Vgl. Wikipedia die freie Enzyklopädie, URL: http://de.wikipedia.org/wiki/Hooliganismus, September 2006

[15] Vgl. Meier I., Hooliganismus in Deutschland. Analyse der Genese des Hooliganismus in Deutschland. Verlag für Wissenschaft und Forschung, Berlin¹ 2001, 9.

[16] Vgl. Weigelt I., Die Subkultur der Hooligans, Merkmale, Probleme, Präventionsansätze, Tectum Verlag, Marburg 2004, 23.

[17] Vgl. Weigelt I., Die Subkultur der Hooligans, Merkmale, Probleme, Präventionsansätze, Tectum Verlag, Marburg 2004, 24.

[18] Bausenwein C.,Geheimnis Fußball, Auf den Spuren eines Phänomens, Verlag die Werkstatt, Göttingen¹ 1995,273.

[19] Vgl.Bausenwein C.,Geheimis Fußball, Auf den Spuren eines Phänomens, Verlag die Werkstatt, Göttingen¹,1995,318.

[20] Vgl. Weigelt I., Die Subkultur der Hooligans, Merkmale, Probleme, Präventionsansätze, Tectum Verlag, Marburg 2004, 25,275

[21] Vgl. Weigelt I., Die Subkultur der Hooligans, Merkmale, Probleme, Präventionsansätze, Tectum Verlag, Marburg 2004, 26-27,275

[22] Vgl. Weigelt I., Die Subkultur der Hooligans, Merkmale, Probleme, Präventionsansätze, Tectum Verlag, Marburg 2004, 14,275

[23] Meier I., Hooliganismus in Deutschland. Analyse der Genese des Hooliganismus in Deutschland. Verlag für Wissenschaft und Forschung, Berlin¹ 2001, 9,102

[24] Farin K., generation-kick.de Jugendsubkulturen heute, Verlag C.H: Beck, München², 2001,191.

[25] Meier I., Hooliganismus in Deutschland. Analyse der Genese des Hooliganismus in Deutschland. Verlag für Wissenschaft und Forschung, Berlin¹ 2001, 12,102

[26] Buford B., Geil auf Gewalt, unter Hooligans, Carl Hanser Verlag, München, 1992,192,359

[27] Vgl. Gehrmann T, Schneider T., Fußballrandale, Hooligans in Deutschland, Klartext Verlag, Essen³,1998,11.

[28] Gehrmann T., Schneider T., Fußballrandale, Hooligans in Deutschland, Klartext Verlag, Essen³,1998,11,256, Zit. Nach: Hooligan beim Bremer Fankongress 1988

[29] Buford B., Geil auf Gewalt, unter Hooligans, Carl Hanser Verlag, München, 1992,246,359

[30] Vgl. Fanverhalten, Massenmedien und Gewalt im Sport. Hrsg. v. Bundesinstitut für Sportwissenschaften. Band 60, Verlag Karl Hoffmann,Schorndorf¹1988,25-26.

[31] Vgl. Pelzer J., Diplomarbeit, Neue Formen der sozialen Kontrolle Bei Fußballfans, Universität Bremen 2004,15-16.

[32] Vgl. Weigelt I., Die Subkultur der Hooligans, Merkmale, Probleme, Präventionsansätze, Tectum Verlag, Marburg 2004, 59,275

[33] Vgl. Pilz G., in: Klein M., Sport und soziale Probleme, Reinbek, Rowohlt Verlag, Berlin 1989,158.

[34] Vgl. Pilz G., in: Klein M.,Sport und soziale Probleme, Reinbek, Rowohlt Verlag, Berlin 1989,159.

[35] Vgl. Fanverhalten, Massenmedien und Gewalt im Sport. Hrsg .v. Bundesinstitut für Sportwissenschaften. Band 60, Verlag Karl Hoffmann,Schorndorf¹1988,29.

[36] Vgl. Pilz G., in: Klein M., Sport und soziale Probleme, Reinbek, Rowohlt Verlag, Berlin 1989,162.

[37] Vgl. Pilz G.,in: Klein M., Sport und soziale Probleme, Reinbek, Rowohlt Verlag, Berlin 1989,163.

[38] Vgl. Weigelt I., Die Subkultur der Hooligans, Merkmale, Probleme, Präventionsansätze, Tectum Verlag, Marburg 2004, 25.

[39] Gehrmann J,Schneider T., Fußballrandale, Hooligans in Deutschland, Klartext Verlag, Essen³,1998,100.

[40] Buford B., Geil auf Gewalt, unter Hooligans, Carl Hanser Verlag, München, 1992,192f.

[41] Vgl. Weigelt I., Die Subkultur der Hooligans, Merkmale, Probleme, Präventionsansätze, Tectum Verlag, Marburg 2004, 70.

[42] Vgl. Weigelt I., Die Subkultur der Hooligans, Merkmale, Probleme, Präventionsansätze, Tectum Verlag, Marburg 2004, 71-72.

[43] Vgl. Matthesius B.,Anti-Sozial-Front. Vom Fußballfan zum Hooligan, Leske und Budrich Verlag,Opladen 1992, 219 in:Weigelt I., Die Subkultur der Hooligans, Merkmale, Probleme, Präventionsansätze, Tectum Verlag, Marburg 2004, 72.

[44] Vgl. Weigelt I., Die Subkultur der Hooligans, Merkmale, Probleme, Präventionsansätze, Tectum Verlag, Marburg 2004, 72.

[45] Vgl. Meier I., Hooliganismus in Deutschland. Analyse der Genese des Hooliganismus in Deutschland. Verlag für Wissenschaft und Forschung, Berlin¹ 2001, 63.

[46] Vgl. Bohnensack R., Die Suche nach Gemeinsamkeit und die Gewalt der Gruppe. Hooligans, Musikgruppen und andere Jugendcliquen, Leske und Budrich Verlag, Opladen 1995,79,in:Weigelt I., Die Subkultur der Hooligans, Merkmale, Probleme, Präventionsansätze, Tectum Verlag, Marburg 2004, 75,275

[47] Vgl. Meier I., Hooliganismus in Deutschland. Analyse der Genese des Hooliganismus in Deutschland. Verlag für Wissenschaft und Forschung, Berlin¹ 2001, 63.

[48] Hooligan Spion., Zit. In: Farin K., Die Dritte Halbzeit, Hooligans in Berlin-Ost, Verlag Thomas Tilsner, Bad Tölz¹ 1998,118.

[49] Vgl. Weigelt I., Die Subkultur der Hooligans, Merkmale, Probleme, Präventionsansätze, Tectum Verlag, Marburg 2004, 75.

[50] Farin K., generation-kick.de Jugendsubkulturen heute, Verlag C.H: Beck, München ², 2001,188.

[51] Vgl. Weigelt I., Die Subkultur der Hooligans, Merkmale, Probleme, Präventionsansätze, Tectum Verlag, Marburg 2004, 76

[52] Pilz G.,Aufsuchende, „akzeptierende“ Jugend (sozial)arbeit mit gewaltfaszinierten, gewaltbereiten und „rechten“ Jugendlichen, 1994, auf:URL: http://www.hooligans.de/info_ueber/Uber_Hooligans/Wissenschaftliche_Texte/Praktische_Arbeit/praktische_arbeit.html7890,September 2006

[53] Vgl. Weigelt I., Die Subkultur der Hooligans, Merkmale, Probleme, Präventionsansätze, Tectum Verlag, Marburg 2004, 92.

[54] Bohnensack R., Die Suche nach Gemeinsamkeit und die Gewalt der Gruppe. Hooligans, Musikgruppen und andere Jugendcliquen, Leske und Budrich Verlag, Opladen 1995,88,,in:Weigelt I., Die Subkultur der Hooligans, Merkmale, Probleme, Präventionsansätze, Tectum Verlag, Marburg 2004, 92.

[55] Vgl. Bohnensack R., Die Suche nach Gemeinsamkeit und die Gewalt der Gruppe. Hooligans, Musikgruppen und andere Jugendcliquen, Leske und Budrich Verlag, Opladen 1995,88,in:Weigelt I., Die Subkultur der Hooligans, Merkmale, Probleme, Präventionsansätze, Tectum Verlag, Marburg 2004, 92.

Ende der Leseprobe aus 115 Seiten

Details

Titel
Sozialarbeit mit männlichen, gewaltbereiten Fußballfans
Untertitel
Aspekte der Sozialisation/Ausbildung, des Trinkverhaltens und des Auftretens der Polizei als Erklärungsansätze für Gewalt im Rahmen eines Fußballspiels
Hochschule
Berufsbegleitende Fachhochschule für Sozialarbeit und Sozialmanagement in Wien
Note
gut
Autor
Jahr
2006
Seiten
115
Katalognummer
V66683
ISBN (eBook)
9783638591720
ISBN (Buch)
9783638939225
Dateigröße
2126 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sozialarbeit, Fußballfans
Arbeit zitieren
Mag(FH) Christian Dworzak (Autor), 2006, Sozialarbeit mit männlichen, gewaltbereiten Fußballfans, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/66683

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