Eine Rekonstruktion des 'Neger'-Bildes während der deutschen Kolonialzeit (1884-1918)


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006
36 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
a) Zur Zugangsmethode
b) Zum Forschungsstand

2. Geschichtliche Grundlagen: Der deutsche Kolonialismus

3. Die Grundlagen der Diskriminierung

4. Sprache als Herrschaftsmittel – Bezeichnungen des Negers

5. Die Rassenforschung – Zuschreibungen des Negers
a) Joseph Arthur Comte de Gobineau
b) Geistige Merkmale
c) Körperliche Merkmale
d) Zivilisation und Kultur
e) Textverlaufsanalyse: De Gobineaus Theoriebekräftigung und seine Abgrenzungsbereiche

6. Wandlungen und Veränderungen während und durch die deutsche Kolonialzeit

7. Exkurs: Die Negerin

8. Schlussbetrachtung

9. Literaturverzeichnis

10. Anhang

1. Einleitung

„(...) Die Sprache [interpretiert] die Wirklichkeit in eigentümlicher Weise und prägt – in einem umstrittenen Ausmaß – die intellektuelle Wirklichkeitserfahrung. Schließlich ist die Sprache auch noch Träger der gesellschaftlichen Normen und sagt über die Gefühle und Wertvorstellungen, die an die Wörter gebunden sind, welche Wörter etwas Gutes oder Böses, Schönes oder Hässliches, Angenehmes oder Unangenehmes bezeichnen, und wie man sich dem Bezeichneten gegenüber verhält. Der Mensch lernt also nicht nur die begrifflichen Bedeutungen eines Wortes, sondern zugleich, wie das Bezeichnete zu beurteilen ist.“[1]

In der heutigen Gegenwart existieren noch immer Vorurteile, Stereotype und Wertbilder von 'Negern', (oder als Intensivum: von 'Niggern') – obgleich der Begriff an sich veraltet ist. Woher stammen diese Klischees? Und warum verbinden wir – unfreiwillig oder freiwillig – diskriminierende und beleidigende Begriffe mit dunkelhäutigen Menschen?

Um diesen Fragen nachzugehen, beschäftigte sich die Autorin mit der deutschen Kolonialzeit (1884-1918) – jenen 40 Jahren deutscher Geschichte, als der Kontakt zwischen Afrikanern und Deutschen intensiver und eindringlicher war, als er in den Jahrhunderten davor und auch in den Jahrzehnten danach je möglich war.

Das Thema dieser Hausarbeit soll somit eine Rekonstruktion des 'Neger'-Bildes während der deutschen Kolonialzeit darstellen. Diese Aufgabe basiert auf der These, dass die Bezeichnungen und Zuschreibungen dunkelhäutiger Menschen – welche ja bereits vor dieser Zeit in mannigfaltiger Form existierten, sich durch den vermehrten Kontakt zwischen Deutschen und Afrikanern und die Beschäftigung der Deutschen mit den Afrikanern in den unterschiedlichsten Formen zum einen festigten, zum anderen veränderten. So wurden verschiedene Zuschreibungen, Klischees und Vorurteile, welche über die Jahrhunderte entstanden, durch die in dieser Zeit neu entstehende Rassenkunde erneut aufgerufen oder 'wissenschaftlich' belegt. Andere Begriffe und Wertbilder entstanden erst durch den direkten Kontakt zwischen Schwarzen und Weißen und hielten sich bis in die heutige Gegenwart.

a) Zur Zugangsmethode

Diese Rekonstruktion speist sich daher aus folgenden Quellen: Zum einen wird sozialhistorisch untersucht, durch welche Quellen, geschichtliche Ereignisse und Einstellungen die Zu- und Beschreibungen des Negers entstanden sind. Die Adjektive und Synonyme werden dann onomasiologisch und semantisch analysiert. Die Onomasiologie fragt von den Dingen her nach den Bezeichnungen und Namen: Man geht somit von Begriffen, Konzepten und Sachverhalten in einem bestimmten Bereich der Wirklichkeit aus und sucht die entsprechenden Bezeichnungen. Die Semantik, die Lehre vom Zeichen, dagegen arbeitet eigentlich genau umgekehrt: sie untersucht anhand der Zeichen deren Bedeutungen.[2] Also wird überlegt, wie der Neger[3] noch bezeichnet wurde und inwiefern diese Bezeichnungen etwas über den Neger aussagen. Dann werden die verschiedenen Zuschreibungen, die während der deutschen Kolonialzeit verwendet wurde, hinsichtlich ihres Ursprungs, Bestands und Wandels untersucht. Der Fokus liegt somit auf den verschiedenen Zuschreibungen – allein schon, weil diese um einiges vielfältiger und wandlungsfähiger sind als die einzelnen Bezeichnungen.

Es liegt auf der Hand, Quellen für diese Untersuchung in der Rassenkunde zu suchen. Ein Autor – Joseph Arthur Comte de Gobineau – wird dabei besonders intensiv betrachtet, da er die Zivilisations- und Kulturunfähigkeit der 'Neger' besonders hervorhob und sich somit von anderen Rassenkundlern unterschied. Außerdem werden die Entwicklung seiner Rassentheorie und seine Einordnung des 'Negers' in eine Rassenhierarchie anhand einer Textverlaufsanalyse nach dem Modell von Peter von Polenz untersucht.[4]

Schließlich folgt noch ein Exkurs über die Zuschreibungen der 'Negerin', entwickelt anhand von Quellen der Bildenden Kunst. Diese nichtlinguistische Untersuchung soll die zuvor entwickelten Ergebnisse aus einem anderen Sichtwinkel bestätigen.

Zur besseren Unterscheidung und nach Vorschlag meiner Dozentin, wird der 'Neger' linguistisch nach Wort, 'Begriff', <Bedeutung> und Sache im Fließtext (außer bei Kapitel 5.e)) unterschiedlich hervorgehoben. Zur Verdeutlichung wird hier Freges Beispiel mit dem in dieser Arbeit verwendeten Schema aufgeführt: Die Wörter Abendstern und Morgenstern bezeichnen die Begriffe ‚Abendstern’ und ‚Morgenstern’, wobei sich die Intensionen von ‚Abendstern’ als <hellster untergehender Stern> und ‚Morgenstern’ als <hellster aufgehender Stern unterscheiden, sie jedoch die gleiche Sache bezeichnen: ‚Abendstern’ und ‚Morgenstern’ bezeichnen beide die Venus.[5] Diese Differenzierungen bieten jedoch auch Grenzfälle, bei denen die Trennungen nicht eindeutig zu ziehen sind.

b) Zum Forschungsstand

Die Arbeit mit der Onomasiologie und Semantik der Linguistik ist, aufgrund ihrer Anwendbarkeit und Nützlichkeit, in den verschiedensten Werken behandelt. Hier sei nur auf Peter von Polenz ´ „Deutsche Satzsemantik“ und George Lakoff und Mark Johnsons unterschiedliche Publikationen, z. B. „Metaphors we live by“ verwiesen.

Explizit für diese Thematik wichtige Werke sind zum einen das von Marie Lorbeer und Beate Wild herausgegebene Buch „Menschenfresser – Negerküsse“ und das Nachschlagewerk von Susan Arndt und Antje Hornscheidt „Afrika und die deutsche Sprache“. Es wurde jedoch keine Abhandlung gefunden, die sich direkt mit dem 'Negerbild' während der deutschen Kolonialzeit beschäftigt – als hilfreich, wenngleich es nur einen sozialhistorischen Teilaspekt behandelt, hat sich jedoch Anne Dreesbachs Dissertation „Gezähmte Wilde“ erwiesen.

Es wurden daher viele Thesen und Ergebnisse der Linguistik – in der hoffentlich korrekten Weise - erst auf die in dieser Arbeit thematisierten Probleme übertragen – so z. B. die Analyse von Chamberlains Sprach- und Rassenbegriff durch Anja Lobenstein-Reichmann.

2. Geschichtliche Grundlagen: Der deutsche Kolonialismus

Der deutsche Kolonialismus ist auf die Zeit von 1884-1918 begrenzt. Bei der Berliner Kongokonferenz von 1884/85 wurden allgemeine Regeln für den Erwerb von Kolonien unter den europäischen Großmächten festgelegt. So mussten z. B. von diesem Zeitpunkt an andere Kolonialmächte von eventueller Landnahme informiert und ihnen freier Handel gewährt werden. Die Besitzungen des Bremer Kaufmanns Adolf Lüderitz wurden 1884 unter der Bezeichnung „Deutsch-Südwestafrika“ unter den Schutz des Reiches gestellt. Bis zum Februar 1885 folgten Togo, Kamerun und Deutsch-Ostafrika, sowie im Pazifik Kaiser-Wilhelm-Land und das Bismarck-Archipel. Die afrikanischen Kolonien wurden während der Konferenz durchwegs als 'Schutzgebiete' bezeichnet und mit dem Schutz der Neger gegen die Versklavung (durch arabische oder französische Sklavenhändler) sowie ihrer 'Verfleißigung' begründet. Es waren damit 'Haussklaven' (rechtlose Diener), aber keine Plantagensklaven erlaubt. Die übrige Bevölkerung sollte durch Steuern und Strafmaßnahmen zu 'Fleiß' erzogen werden. Jeder Widerstand wurde als ein Beweis der angeborenen 'Faulheit' und damit der Notwendigkeit weiterer Gewalt gewertet.

Im Verlaufe des 1. Weltkriegs gingen die meisten Kolonien bereits im ersten Jahr verloren, nur in Ostafrika konnten sich die Schutztruppen bis zum Kriegsende halten. Nach dem Abschluss des Versailler Vertrags musste Deutschland alle Kolonien aufgeben.

3. Die Grundlagen der Diskriminierung

Das Bild des Afrikaners in der Welt änderte sich im Laufe der Geschichte mehrmals und erfuhr immer wieder neue, positive wie negative, Zuschreibungen. Viele der noch heute mit dem Begriff des Afrikaners verbundenen Stereotype entstammen vergangenen Jahrhunderten und anderen Zeiten. Um zu untersuchen, wie das Bild des Afrikaners während der deutschen Kolonialzeit entstand, aussah und sich wandelte, müssen folgende Überlegungen vorangestellt werden:

Im alten Ägypten stand die schwarze Hautfarbe der Afrikaner für <Schönheit und Fruchtbarkeit>. Nach ca. 2200 v. Chr., als Spannungen zwischen den Nubiern und Ägyptern zu kriegerischen Auseinandersetzungen führten, wurden ‚Schwarze’ als geschlagene Feinde, Diener und Tänzer auf Reliefplastiken dargestellt. Dieses Bild als ‚Sklave, Diener und Unterhalter’ durchzog die gesamte Antike. Die Römer, durch die Eroberung weiter Teile Nordafrikas in den Besitz schwarzer Sklaven gelangt, eigneten sich ihnen gegenüber eine geradezu verachtende Haltung an: Die Sklaven besaßen keinerlei Recht vor dem Gesetz und wurden in zivil- und kriminalrechtlichen Fällen als Gegenstand und Eigentum ihres Herren angesehen. Die Araber beriefen sich auf den Noachiden-Mythos des Alten Testaments, nach dem einer der Söhne Noahs sich schuldig macht, indem er das nackte Geschlecht des betrunkenen Vaters ansieht, während sich alle anderen Söhne keusch abwenden. Er wurde dann zum ‚Knecht aller Knechte’ verflucht. Im 7. Jahrhundert n. Chr. interpretierten die Araber diesen Mythos dahingehend, dass alle Nachkommen dieses Sohnes aufgrund ihrer Schuldigkeit schwarz seien.

Die frühe christliche Kirche sieht Afrika als eine Wüste voller Untiere und menschlicher Missgestalten. Durch Unkenntnis und den neuen Glauben entsteht ein Negativbild des ‚schwarzen Mannes’, wobei ‚schwarz’ für den <Teufel> steht und unabhängig von der Herkunft Araber, Berber und Mauren/Mohren bezeichnete. Die Abgrenzung manifestierte sich hier also nicht durch Hautfarbe oder Herkunft, sondern durch den Glauben.

Die Äthiopier waren jedoch von diesem Bild ausgeschlossen. Ihre Kirche galt als die ursprünglichste, ihr Land dem Paradies am nächsten. Während der Kreuzzüge halfen die äthiopischen Könige oft den Kreuzfahrern, weswegen zahlreiche Heiligenlegenden entstanden, deren Helden schwarze Äthiopier waren. Auch die höfische Literatur nahm das Motiv des ‚edlen Heiden’ auf, wie z. B. bei Feirefis, dem schwarz-weißen Halbbruder Parsifals.[6] Um 1000 begann die Verehrung der Heiligen Drei Könige, welche in der Bibel nur als ‚Weise’ oder ‚Magier’ bezeichnet und ab dem 10. Jahrhundert in Abbildungen Königskronen statt phrygischer Mützen erhielten. Als 1164 die Gebeine der Könige in den Kölner Dom überführt wurden, wurde einer der drei – Kaspar – schwarz dargestellt. Die sakrale Verehrung der Drei wurde im Laufe der Zeit dann immer mehr in den profanen Raum übertragen – vom Kirchenaltar zur Bretterbühne. Dementsprechend änderte sich ihr Inhalt von ehrfürchtigen <gabenbringenden> Heiligen hin zu den <gabenheischenden> Dreikönigssängern. Kaspar erhielt dabei eine humoristische Rolle, wovon heute noch das im Marionettentheater bekannte ‚lustige Kasperle’ zeugt.

Knecht Ruprecht, der ‚schwarze Knecht’ des Heiligen Nikolaus, beruft sich dagegen auf die Teufelsgestalten des Volksspiele, welche die ungehorsamen Kinder strafen.

Mit den Ende des 15. Jahrhunderts beginnenden Entdeckungsreisen und der Entdeckung Amerikas 1492 fanden die ersten Sklaventransporte von Afrika über Europa nach Amerika statt. Doch auch in Europa nahm die Zahl der afrikanischen Sklaven zu: Sie wurden als ‚Mohrenpagen’ an Königs- und Fürstenhöfen, vom Adel und Bürgerfamilien gehalten. In ihrer dienenden Rolle wurden sie von diesem Zeitpunkt an auch in der europäischen Kunst dargestellt: So wurde z. B. der Schokoladengenuss durch einen schwarzen Diener, der seiner Herrin eine Tasse Kakao reicht, vermarktet.

Die Europäer rechtfertigten die Versklavung der Afrikaner und Indianer – genauso wie die Araber – durch Aberkennung ihrer Menschenwürde.[7] Während auf der einen Seite negative Reiseberichte kursierten, die Gerüchte von Kannibalismus und anderen grausamen Eigenschaften verbreiteten, entwickelte sich auf der anderen Seite eine humanistische Gegenfront, welche die ‚Wilden’ als <ursprüngliche und unschuldige Kreaturen> beschrieben und verherrlichten. So entstand das Bild des ‚edlen Wilden’, welches jedoch vor allem auf Indianer projiziert wurde.[8]

Im 18. Jahrhundert war es innerhalb wohlhabender europäischer Familien üblich, Afrikaner als Domestiken zu besitzen: Sie waren Portiers, Boten und Diener. Die Mohren waren in der Gesellschaft so präsent, dass sie auch in der deutschen Literatur zu einem Thema wurden, wobei die meisten der aufgeführten Dramen Liebesbeziehungen zwischen Afrikanern und Europäern behandelten. Bespiele dafür sind die Werke „Die Mohrin zu Hamburg“ von Ernst Lorenz Michael Rathlef (1775), „Die Negersklaven“ (1779) von Carl Franz Guolfinger Ritter von Steinsberg, das Schauspiel „Die Mätresse“ von Karl Gotthelf Lessing (1780) und August von Kotzebues „Die Negersklaven“ (1796).[9]

Die Handlungsbeziehungen der im 18. und 19. Jahrhunderte ins afrikanische Landesinnere vordringenden Händler mit den Einheimischen waren zuerst durchaus gleichwertig – dann löste jedoch die Kolonisierung der Buren und Engländer und ihr Interesse am Gold- und Diamantenhandel die Kaffern- und Burenkriege aus. Nach der Unabhängigkeitserklärung Amerikas und Harriett Beecher-Stowes Roman „Onkel Toms Hütte“ änderte sich das Bild der Afro-Amerikaner. In dem Roman wird zwar Kritik an der Institution der Sklaverei geübt, aber die ‚Schwarzen’ werden sehr stark mit einer <kindlichen Mentalität und unermesslicher Güte> ausgestattet.[10]

Die zu diesem Zeitpunkt in Europa entstehenden Rassentheorien entwerfen nun Körperbau und Hautfarbe als diskriminierendes Kriterium; außerdem wird dem Afrikaner die Fähigkeit zur Zivilisation aus eigener Kraft abgesprochen. Das Lied „Zehn kleine Negerlein“ (1898) spiegelt trotz seines harmlosen Charakters das eurozentrische Weltbild wieder: Die ‚Negerlein’ sind zu <dumm> zum Überleben.

1918 kamen mit der französischen Armee auch dunkelhäutige Soldaten in die besetzten Gebiete im Rheinland. Die Angst der Bevölkerung vor einer Vereinigung deutscher Frauen mit den französischen Soldaten ist bis in die heutige Zeit durch die Redewendung ‚keine Fisimatenten zu machen’ (etwa: keinen Unsinn anzustellen) erhalten geblieben. Die Soldaten riefen den vorübergehenden Mädchen die Worte ‚ Visite ma tente ’ (Besuche mein Zelt) zu, woraufhin die Eltern ihre Kinder vor dem Ausgehen warnten, keine ‚Fisimatenten’ zu machen. Die dann doch entstandenen Kinder aus diesen Verbindungen wurden in den darauf folgenden Jahren abwertend als ‚Rheinlandbastarde’ bezeichnet.

Mit aus diesem Grund entstand die ethnozentrische Zuschreibung der <Triebhaftigkeit> von ‚Negern’. In Zeiten zwanghafter Sexualrepression wurden 'exotische' Menschen als sexuell aufgeladen angesehen. Schon in den Kolonien kam es zunehmend zu Vergewaltigungen durch die Besatzungstruppen, was damals damit erklärt wurde, dass der Großteil der Kolonialisten männlich war und es somit an ‚weißen’ Frauen mangelte.

In den deutschen Kinos wurden Kolonialfilme gezeigt, in welchen dunkelhäutige Darsteller als <dumme Diener>, die auf den Schutz und Rat ihrer weißen deutschen Herren angewiesen waren, gezeigt. Auch in der Werbeindustrie der Zwischenkriegszeit wurde das Stereotyp des 'Negers' für vielfältige Produkte, vor allem aus dem Bereich der Tabak- und Kolonialwaren, verwendet. Der 'Negerkuss' oder 'Mohrenkopf' - heute durch den politisch korrekten Begriff 'Schokokuss' ersetzt - oder die Schokoladenmarke 'Sarotti Mohr' sind nur einige Beispiele.

Während des Expressionismus entwickelten die Künstler der „Brücke“ ein positives Interesse an der ursprünglichen und kreativen Volkskunst. Es entstand der expressionistische Roman „Der Neger“, dessen Held, ein Jazzdrummer, Rauschgifthändler und Gentleman, am Ende die Hure mit dem Namen Europa ermordet.

Der eurozentrische Blick auf den ‚Neger’ beinhaltet somit unter anderem folgende Elemente:

a) Inferioriät: die ‚Neger’ seien den ‚Weißen’ unterlegen.
b) Superiorität: die ‚Neger’ seien den ‚Weißen’ auf bestimmten Gebieten überlegen (z.B. Musikalität, Rhythmus).
c) Viktimisierung: die Darstellung als Opfer oder schwacher Mensch.
d) Infantilisierung: das ‚Zum-Kind-Machen’.
e) Triebhaftigkeit/Naturhaftigkeit: vor allem die übertriebene Darstellung von Sexualität.
f) Kulturlosigkeit: Der Beitrag Afrikas zur Zivilisation wird geleugnet.

4. Sprache als Herrschaftsmittel - Bezeichnungen des Negers

‚Neger’ stellt einen abwertend verwendeten, von rassistischen Vorurteilen geprägten Begriff zur Bezeichnung von Menschen mit dunkler Hautfarbe dar. Er wurde während des Kolonialismus des 17. Jahrhunderts aus dem französischen négre und dem spanischen und portugisischen negro (lat. niger: ‚schwarz’) entlehnt. Die früheste schriftsprachlich gesicherte Aufzeichnung stammt aus dem Jahr 1699, in Deutschland taucht dieser Begriff erstmals zu Beginn des 17. Jahrhunderts auf und erlangte mit dem Aufkommen des europäischen Imperialismus und der Beschäftigung mit dem neuen Wissensfeld der Rassenkunde des 19. Jahrhunderts eine starke Verbreitung in der Gelehrten- und Alltagssprache.[11] Nach dem Ende des Kolonialismus in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist seine Verwendung stark zurückgegangen und beschränkt sich heute im Wesentlichen auf die Vulgär- und Umgangssprache.

Die Rassentheoretiker des 19. Jahrhunderts teilten Afrika in einen „Weißen Norden“ und „Schwarzafrika“ südlich der Sahara ein. Dem Norden wurde aus hegemonialer Perspektive ein bestimmtes Maß an Kultur und Geschichte zugebilligt, Schwarzafrika dagegen nicht. Diese Vorstellung wurde sprachlich durch die unterschiedliche Verwendung der Begriffe ‚Mohr’ und ‚Neger’ ausgedrückt: Als ‚Mohr’ (von lat. Maurus: ‚Mauren’) wurden vor der Kolonialzeit und bis ins 18. Jahrhundert hinein dunkelhäutige Menschen bezeichnet, wobei sich jedoch in erster Linie auf die Herkunft der betreffenden Person, nicht deren Hautfarbe, bezogen wurde. Nun wurden die Nordafrikaner als ‚Mohren’, die <Schwarzafrikaner> als ‚Neger’ bezeichnet und somit durch die unterschiedliche Benennung nach Herkunft oder eben Hautfarbe eine Hierarchisierung geschaffen.[12]

Es entstand ein zunehmend herablassender Blick auf dunkelhäutige Menschen, der vor allem von Immanuel Kant, z. B. in seinen Vorlesungen, gefördert wurde. Den vermeintlich gegebenen, statischen und objektiven ‚Rassenmerkmalen’ wurden bestimmte soziale, kulturelle und religiöse Eigenschaften und Verhaltensmuster zugeschrieben. Diese Unterschiede wurden dann verallgemeinert, verabsolutiert und gewertet.

„Ausgehend von einer konstruierten Normsetzung des ‚Eigenen’ wurde das ‚Andere’ erfunden und homogenisiert. Psychologisch und praktisch dient dieser Konstruktionskomplex Weißen dazu, unterschiedliche Macht- und Lebenschancen von Weißen und Schwarzen sowie weiße Aggressionen und Privilegien zu legitimieren.“[13]

„Im Kontext des Kolonialismus war Sprache ein wichtiges Medium zur Herstellung und Vermittlung des Legitimationsmythos, Afrika sei das homogene und unterlegene ‚Andere’ und bedürfe daher der ‚Zivilisierung’ durch Europa.“[14]

[...]


[1] Dieckmann: Sprache in der Politik. S. 30-31.

[2] Vgl. Linke/Nussbaumer/Portmann: Studienbuch Linguistik. S. 132-133.

[3] Es wird in dieser Hausarbeit nur auf die männliche Person in Einzahl und Mehrzahl eingegangen, die Negerin wird im Exkurs gesondert behandelt.

[4] Die Autorin dieser Arbeit hat es sich zur Aufgabe gemacht, in jeder linguistischen Hausarbeit eine Methode der Linguistik direkt anzuwenden. Da diese Analyse das Thema nur indirekt betrifft, kann sie auch als 'Exkurs' angesehen werden.

[5] Vgl. Frege: Funktion und Begriff. S. 32-54.

[6] Vgl. Röschentahler: Mohren. S. 58, 60.

[7] Valliadolid

[8] Vgl. ebd. S. 62-63.

[9] Vgl. Dreesbach: Gezähmte Wilde. S. 23-24.

[10] Vgl. Röschentahler: Mohren. S. 63.

[11] Vgl. Arndt/ Hochscheidt: Afrika und die deutsche Sprache. S. 185.

[12] Vgl. ebd. S. 185-186.

[13] Ebd. S. 11-12.

[14] Ebd. S. 18.

Ende der Leseprobe aus 36 Seiten

Details

Titel
Eine Rekonstruktion des 'Neger'-Bildes während der deutschen Kolonialzeit (1884-1918)
Hochschule
Universität Trier
Veranstaltung
Hauptseminar Sprachgeschichte im 20. Jahrhundert
Note
1,7
Autor
Jahr
2006
Seiten
36
Katalognummer
V66723
ISBN (eBook)
9783638599436
ISBN (Buch)
9783638711227
Dateigröße
1120 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Linguistische, sprachgeschichtliche Arbeit zur Verwendung und Bedeutung des Wortes 'Neger' während der deutschen Kolonialzeit. Gute, solide und ausführliche Arbeit, an der nicht viel bemängelt wurde. Bei den theoretischen Erklärungen am Anfang hätte ich mich nicht auf Frege stützen sollen.
Schlagworte
Eine, Rekonstruktion, Neger, Kolonialzeit, Hauptseminar, Sprachgeschichte, Jahrhundert
Arbeit zitieren
Franziska Irsigler (Autor), 2006, Eine Rekonstruktion des 'Neger'-Bildes während der deutschen Kolonialzeit (1884-1918), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/66723

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