Der Dokumentarfilm - Transformation einer Fernsehgattung und ihrer Gattungsgrenzen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2002

29 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Was ist ein Dokumentarfilm und welche Erwartungen hat der Zuschauer an dieses Genre?

3. Die Transformation von Dokumentarfilmen, unter besonderer Berücksichtigung visueller Gestaltungsmittel

4. Die besondere Problematik der Augenzeugenberichte

5. Die Voraussetzungen und Gründe für die Einführung neuer Sendeformate

6. Fazit

7. Summary

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Im Rahmen des Seminars „Neue Sendeformate im Fernsehen“ habe ich mich dazu entschlossen eine theoretische Arbeit zu schreiben und nicht auf die Formen der Berichterstattung vom „Krieg gegen den Terror“[1] einzugehen, wie wir es im ersten Teil des Seminars als Folge des 11. Septembers 2001 getan haben.

Ich werde mich mit dem Dokumentarfilm im Fernsehen beschäftigen und anhand dieses Genres zeigen, welchen Transformationen Fernsehgattungen unterliegen und wie die Grenzen zwischen einzelnen Sendeformaten immer mehr verschwimmen und so neue Formen entstehen. Die Mischformate, mit denen ich mich in diesem Zusammenhang beschäftigen werde, sind das Doku-Drama und die Doku-Soap. Allerdings werde ich auf keine Doku-Soap direkt eingehen, sondern die Merkmale dieses Sendeformats werden mir dazu dienen, um die Veränderungen bei Dokumentarfilmen deutlich zu machen. Ich möchte gerne zeigen, dass Dokumentarfilme, die in der Fernsehzeitung auch als solche ausgeschildert sind und damit auch gewisse Erwartungen beim Zuschauer auslösen, erhebliche Merkmale von Unterhaltung und auch von Soaps enthalten. Wenn ich also von Doku-Soaps sprechen werde, meine ich immer ein Sendeformat, das am Ende der Entwicklung von Dokumentarfilmen stehen könnte. Einige Filme, auf die ich im Rahmen meiner Arbeit eingehen werden, befinden sich im Prozess dieser Entwicklung. Sie weisen gewisse Merkmale von Doku-Soaps auf, besonders in der visuellen Gestaltung, sind aber keine Doku-Soaps.

Der Dokumentarfilm „Shoah“ (1985) von Claude Lanzmann und verschiedene Dokumentationen von Guido Knopp, z.B. „100 Jahre“ (1999) und „Der Jahrhundertkrieg“ (2002) sind die Beispiele, mit denen ich meine Überlegungen untermauern werde.

Im ersten Teil meiner Arbeit werden die theoretischen Aspekte des Dokumentarfilms im Vordergrund stehen. Die Fragen, die es in diesem Zusammenhang zu beantworten gilt, werden sein: Was ist eigentlich ein Dokumentarfilm und welche Erwartungen hat der Fernsehzuschauer an diese Gattung? Auf die Geschichte des Genres und die verschiedensten Forschungsansätze kann ich in dieser Arbeit nicht oder nur sehr kurz eingehen, da dies sonst den Rahmen sprengen würde, ist dieser Bereich des Themas doch Inhalt genug für eine eigenständige Arbeit.

Im zweiten Teil meiner Arbeit beschäftige ich mich mit den neuen Formen von Dokumentationen. In diesem Abschnitt werde ich auch die verschiedenen Filmbeispiele miteinander vergleichen. Dabei interessieren mich besonders die filmischen Gestaltungsmittel, die verwendet werden. Darüber hinaus wird es interessant sein herauszufinden, welche Wirkungen diese stilistischen Mittel haben und was die „Fernsehmacher“ damit bezwecken. An diesem Punkt kommt die Frage auf, warum in der heutigen Medienlandschaft solche neuen Mischformate überhaupt entstehen und wo die Gründe dafür liegen. Die Antwort auf diese Frage zu geben, wird das Ziel dieser Arbeit sein. Ich werde mich damit im vierten Teil beschäftigen.

Während des Seminars und auch bei der Beschäftigung mit diesem Thema in Vorbereitung meiner Arbeit bin ich auf die besondere Problematik der Augenzeugenberichte gestoßen. Da dieses filmische Mittel meiner Meinung nach eine wichtige Rolle in der Beurteilung von Dokumentarfilmen und Doku-Dramen sowie Doku-Soaps spielt, werde ich mich im dritten Teil noch einmal ausführlich damit beschäftigen.

Die Literaturlage zum Thema Dokumentarfilm war sehr gut, aber Bücher zum Thema Doku-Soaps usw. zu finden, war sehr schwer. Im Internet habe ich dann ein einige Definitionen und Merkmale gefunden, die jedoch alle für mich wichtigen Informationen enthielten. Die Bücher, welche ich hauptsächlich benutzt habe, waren „Die Wirklichkeit des Films“ von Eva Hohenberger. Dieses Buch hat mir einen guten Überblick über die Theorie des Dokumentarfilms und seine Merkmale gegeben. Ein anderes war „Non Fiction: über Dokumentarfilme“, in diesem habe ich eine Menge Informationen über den Film „Shoah“ gefunden. Ein drittes sehr interessantes Buch war „Infotainment“ von Andreas Wittwen, das sich sehr ausführlich mit visuellen Gestaltungsmittel beschäftigt.

Bei den Filmbeispielen beziehe ich mich, was „Shoah“ betrifft auf den Ausschnitt und die Notizen aus dem Seminar, bei Guido Knopp auf einen Ausschnitt des „100 Jahre“ – Marathons auf Phoenix vom 1. April 2002 und auf den 4. Teil der Dokumentation „Der Jahrhundertkrieg“ vom 6. April 2002 auf Phoenix. Dieser Teil beschäftigt sich mit der „Luftschlacht um England“.

2. Was ist ein Dokumentarfilm und welche Erwartungen hat der Zuschauer an dieses Genre?

Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, habe ich mich zunächst selbst gefragt, was für mich ein Dokumentarfilm ist und was ich von einem solchen erwarte. In erster Linie möchte ich, wenn ich einen Dokumentarfilm sehe, etwas über ein wichtiges Ereignis oder ein interessantes Phänomen erfahren. Da man persönlich bei solchen Ereignissen selten vor Ort ist, möchte ich aus zeitlicher Distanz über die Hintergründe unterrichtet werden. Ich möchte danach besser informiert sein und etwas gelernt haben. Alles in allem soll mir der Dokumentarfilm etwas erklären.

Ich erwarte einen ruhigen Film ohne viel Aktion, der mir erlaubt, dem Geschehen in Ruhe folgen und das Gesehene verarbeiten zu können. Aufgrund der Hintergrundinformationen hoffe ich, dass ich mir danach ein eigenes Bild von dem Ereignis machen kann.

Bei Eva Hohenberger habe ich u.a. folgende Definition von einem Dokumentarfilm gefunden. Sie stammt von Roth:

„Als Dokumentarfilm anerkannt wird in der Regel ein Film, der Ereignisse abbildet, die auch ohne die Anwesenheit der Kamera stattgefunden hätten, in dem reale Personen in ihrem Alltag auftreten – ein Film also, der sich an das Gefundene hält.“[2]

Ein Dokumentarfilm zeigt also die Wirklichkeit, zumindest ist das sein Anspruch. Darin bildet er den Gegenpol zum fiktionalen Film, der immer nur eine konstruierte Realität zeigt, eben eine fiktive Welt.

„Der Dokumentarfilm ist ein Film, der im Unterschied zum Spielfilm Ausschnitte aus der Wirklichkeit zeigt.“[3]

Allerdings bildet die Wirklichkeit ein unerschöpfliches Reservoir an Ereignissen und nicht jedes kann Inhalt eines Dokumentarfilms werden. Filmemacher selektieren also und wählen die Begebenheiten aus, die ihrer Meinung nach wichtig genug sind, darüber einen Film zu drehen. Ich werde demzufolge nie über jedes Ereignis Hintergrundinformationen erhalten. Der Dokumentarfilmer, der hier stellvertretend für eine ganze Produktionskette genannt wird, entscheidet also darüber, was ich im Fernsehen erfahre und was nicht. Ich werde also immer eine Medienrealität, nie die Wirklichkeit wiederfinden. Verstärkt findet man das Phänomen der Selektion im Nachrichtenalltag, aber meiner Meinung nach sind diese beiden durchaus miteinander vergleichbar. Eine entscheidende Wirkung, die diese Auswahlverfahren haben, beschreibt Eva Hohenberger folgendermaßen:

„Das Verhältnis von Realem und Abbild verkehrt sich also: War einst das Reale Garant dafür, dass es ein Bild geben konnte, so bestätigt heute das Bild, dass das Reale überhaupt noch existiert. Wo keine Kamera steht, ereignet sich auch nichts mehr.“[4]

Die Echtheit des Gezeigten, seine Authentizität, ist für den Zuschauer eines Dokumentarfilms entscheidend. Schon in seinem Produktionsprozess ist der Film schon für viele Garant für authentische Abbildung der Wirklichkeit. Dieses Vertrauen konnte man schon beobachten als sich die Fotografie entwickelte. Dadurch das Fotos in einem mechanischen Prozess, in dem der Mensch keine Rolle spielt außer den Auslöser zu drücken, entstanden und auch immer noch entstehen, waren und sind sie mehr den je Abbilder der Wirklichkeit. Ganz anders als in der Malerei, bei der die Welt erst im Kopf des Künstlers wahrgenommen und dann von dort auf das Papier gebracht wurde, also noch einen Umweg nehmen musste, wird der Wirklichkeitsausschnitt des Kameraauges sofort schwarz auf weiß niedergelegt.

„Es ist also das Wissen um die jeweilige Produktionsweise, das die Bilder verschieden wahrnehmen lässt [...]. Mag daher eine Fotografie noch so unscharf sein, so glaubt der Betrachter doch, die vermeintlich in ihm gefangene ¢Aura¢ des Realen zu spüren.“[5]

Für den Dokumentarfilm gilt dies natürlich in besonderem Maß, da er als Steigerung dessen sogar bewegte Bilder liefern kann.

„Der Film liefert auf Seiten der Bildproduktion fotografische Abbildqualität und auf Seiten der Bilderprojektion Bewegung.“[6]

Doch genau dieser Wunsch des Zuschauers nach Wirklichkeit und Authentizität wird von den Fernsehmachern gerne ausgenutzt, ebenso das grenzenlose Vertrauen in die Realitätstreue von Bildern. Dabei vergisst der Zuschauer, was eigentlich seine Pflicht beim Sehen von Dokumentarfilmen ist:

„Was der Zuschauer im fiktionalen Film trotz allem weiß, dass er ¢nur¢ einen Film sieht, muss er im Dokumentarischen zurückstellen. [...] Der Zuschauer eines Dokumentarfilms befindet sich in einem Drahtseilakt zwischen dem vorbehaltlosen Glauben an die Realität des Dargestellten und der durch den Diskurs über das Dokumentarische und seine Institutionalisierung im nicht-kommerziellen Bereich verordneten Realitätsprüfung.“[7]

[...]


[1] Bezeichnung für die Maßnahmen in Folge des Terroranschlags vom 11. September, welche Politiker und Medien benutzt haben (in Deutschland z.B. der Fernsehsender RTL)

[2] Eva Hohenberger (1988): Die Wirklichkeit des Film, S. 22

[3] Definition aus dem „Grossen Lexikon in Farbe“ 1993, Bd.1, S. 201

[4] Eva Hohenberger (1988) Die Wirklichkeit des Films, S. 33

[5] ebenda S. 18

[6] ebenda S. 46

[7] Eva Hohenberger (1988) Die Wirklichkeit des Films, S. 57

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Der Dokumentarfilm - Transformation einer Fernsehgattung und ihrer Gattungsgrenzen
Hochschule
Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder)  (Kulturwissenschaften)
Veranstaltung
Hauptseminar (Wissen - Kommunikation - Gesellschaft): Neue Sendeformate im Fernsehen
Note
2,0
Autor
Jahr
2002
Seiten
29
Katalognummer
V6674
ISBN (eBook)
9783638141970
Dateigröße
594 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Dokumentarfilm, Transformation, Fernsehgattung, Gattungsgrenzen, Hauptseminar, Kommunikation, Gesellschaft), Neue, Sendeformate, Fernsehen
Arbeit zitieren
Claudia Ebert (Autor), 2002, Der Dokumentarfilm - Transformation einer Fernsehgattung und ihrer Gattungsgrenzen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/6674

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Der Dokumentarfilm - Transformation einer Fernsehgattung und ihrer Gattungsgrenzen



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden