Seit den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts erlebten die ökonomischen Modelle vor allem in den Vereinigten Staaten einen enormen Aufschwung. Bis zu diesem Zeitpunkt beschränkte sich das Interesse der Forschung meist auf Meinungen, Werte und die politischen Kulturen. Die Modelle rationaler Wahlhandlung propagierten nun die Erforschung der Politik anhand von bereits bekannten, wirtschaftswissenschaftlichen Erkenntnissen. Im Laufe der Zeit behandelte die „Neue Politische Ökonomie“ oder auch „Public Choice“, wie die ökonomischen Modelle rationaler Wahlhandlung auch genannt werden, ein breites Spektrum an Forschungsfeldern. Neben den Hauptthemenfeldern wie dem Wählerverhalten, der Parteipolitik, den Regierungskoalitionen und der politischen Administration beschäftigte sich die Neue Politische Ökonomie mit nunmehr allen Themenbereichen der Politik. 1 Die Neue Politische Ökonomie nutzte die einst in der Wirtschaftswissenschaft entwickelte Theorie zur Erforschung und Beschreibung der Politik und der Handlungen der Akteure.2 Bis zum heutigen Zeitpunkt hat sich die einst starre ökonomische Herangehensweise etwas abgeschwächt. Das geänderte Paradigma der „eingeschränkten Rationalität“ bietet laut Dietmar Braun ein realistischeres Bild menschlichen Entscheidens und Handelns als die strikt auf Marktanalogie fußenden traditionellen ökonomischen Theorien.3
In dieser Hausarbeit soll zunächst die ökonomische Theorie vorgestellt werden. Dabei werde ich explizit auf Anthony Downs eingehen, der dieses Modell der rationalen Wahlhandlung entscheidend geprägt hat. Des Weiteren werde ich mich der Fragestellung widmen, inwieweit die Verwirklichung des Allgemeinwohls sowie kollektives Handeln durch die auf Individualwohl basierenden ökonomischen Theorien erklärt werden können.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Einführung in die Theorien rationalen Handelns
2.1 Grundlagen
2.2 Joseph Schumpeters Kritik an der klassischen Demokratie
2.3 Anthony Downs Modell des rationalen Wählers
2.3.1 Die Weiterentwicklung des Modells von Schumpeter
2.3.2 Das Paradox des Wählens
2.3.3 Charakterisierung des rationalen Wählers
3 Das Problem des kollektiven Handelns
3.1 Grundlagen der Fragestellung
3.2 Kollektive Dilemmata
3.3 Downs Erklärungsansatz für die Existenz des Gemeinwohls
3.4 TIT- FOR- TAT als Lösung der kollektiven Dilemmata
4 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Anwendbarkeit ökonomischer Modelle, insbesondere der Rational Choice Theorien, auf die Phänomene des kollektiven Handelns und die Verwirklichung des Allgemeinwohls. Zentral ist dabei die Frage, inwieweit das auf Individualwohl basierende Handeln egoistischer Akteure die Entstehung gemeinwohlorientierter Ergebnisse oder kooperativer Lösungen erklären kann.
- Grundlagen der Rational Choice Theorien und deren Menschenbild
- Kritik an der klassischen Demokratielehre durch Joseph Schumpeter
- Analyse des Modells des rationalen Wählers nach Anthony Downs
- Das Paradox des Wählens und das Trittbrettfahrerproblem
- Lösungsansätze für kollektive Dilemmata (u.a. TIT-FOR-TAT)
Auszug aus dem Buch
3.2 Kollektive Dilemmata
Neben dem oben beschriebenen Trittbrettfahrerproblem existieren weitere kollektive Dilemmata. Das Gefangenendilemma zum Beispiel beschreibt das Verhalten zweier gestellten Verdächtigen. Beide täten gut daran nicht zu gestehen. Jedoch entscheidet sich jeder gegen diese Alternative. Jeder der beiden muss von einem egoistischen Verhalten des Anderen ausgehen und wird sich entscheiden zu gestehen. Wenn beide von einem uneigennützigen Verhalten des Anderen ausgehen könnten, wie dies nach einem Beispiel von Braun bei Mafia Angehörigen mit einem Ehrenkodex der Fall wäre, würden beide auch nicht gestehen.
Ein weiteres Beispiel für ein kollektives Dilemma bildet die von Garrett Hardin formulierte „Tragedy of the Commons“. Grundlage dieses Problems, welches sich mit „Tragödie der Allmende“ übersetzten lässt, bildet die Tatsache, dass im Mittelalter jeder Bauer ein Interesse daran hatte sein Vieh auf die Allmende zu treiben, weil er dort für das Futter nicht zahlen musste. Die Allmende konnte von allen Gemeindemitgliedern genutzt werden. Dieser vermeintliche Vorteil ist zugleich aber auch der Untergang der Allmende. Da jeder Bauer aus kurzfristigen Kosten- Nutzen- Überlegungen versucht so oft wie möglich sein Vieh auf der Allmende grasen zu lassen, wird diese mit der Zeit unbrauchbar. Aus Sicht der ökonomischen Theorie handelt keiner der Bauern in diesem Beispiel nach irrationalen Gesichtspunkten. Zwar muss jedem klar sein, dass diese Überweidung im Endeffekt zur Vernichtung der Allmende führt, jedoch handeln alle Bauern aus gemäß der ökonomischen Theorien. Das öffentliche Gut, an dessen Bereitstellung und Erhaltung jeder ein Interesse hat und das vor Raubbau geschützt werden sollte, geht also verloren.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die Bedeutung ökonomischer Modelle in der Politikwissenschaft ein und definiert die Fragestellung bezüglich der Erklärbarkeit von kollektivem Handeln und Allgemeinwohl.
2 Einführung in die Theorien rationalen Handelns: Hier werden die methodologischen Grundlagen des methodologischen Individualismus sowie die Kritiken von Schumpeter und die Ansätze von Downs erläutert.
3 Das Problem des kollektiven Handelns: Dieses Kapitel analysiert das pessimistische Menschenbild und daraus resultierende Probleme wie das Trittbrettfahrerphänomen, Dilemmata und Lösungsstrategien wie TIT-FOR-TAT.
4 Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass Rational Choice Modelle zwar zur Analyse beitragen, aber Schwierigkeiten haben, altruistisches Verhalten oder die Genese des Gemeinwohls ohne Rückgriff auf Zwang oder Nebenprodukte vollumfänglich zu erklären.
Schlüsselwörter
Rational Choice, Politikwissenschaft, Kollektives Handeln, Allgemeinwohl, Anthony Downs, Joseph Schumpeter, Homo oeconomicus, Trittbrettfahrerproblem, Gefangenendilemma, Tragödie der Allmende, Nutzenmaximierung, Demokratie, Spieltheorie, TIT-FOR-TAT, Politische Ökonomie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie ökonomische Theorien – insbesondere Rational Choice – politische Prozesse und das Handeln der Bürger in Bezug auf das Gemeinwohl interpretieren.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Schwerpunkte liegen auf dem rationalen Wählerverhalten, der Kritik am klassischen Demokratieverständnis sowie der Problematik kollektiven Handelns in gesellschaftlichen Strukturen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Es soll geklärt werden, inwieweit die Verwirklichung des Allgemeinwohls sowie kollektives Handeln durch ökonomische Theorien, die auf dem Eigennutz von Individuen basieren, erklärt werden können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine theoretische Analyse auf Basis des methodologischen Individualismus und der ökonomischen Marktanalogie zur Beschreibung politischer Vorgänge verwendet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit Schumpeters Elitentheorie, Downs' Modell des rationalen Wählers sowie verschiedenen kollektiven Dilemmata und deren möglichen theoretischen Lösungen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Rational Choice, Nutzenmaximierung, kollektives Handeln, Allgemeinwohl und die Spieltheorie.
Was besagt das Median-Wähler-Theorem laut Downs?
Es beschreibt das Bestreben politischer Akteure, sich in einer homogenen Gesellschaft in der politischen Mitte zu positionieren, um die größtmögliche Anzahl an Wählerstimmen zu gewinnen.
Warum wird das Handeln der Bauern im Beispiel der Tragödie der Allmende als rational eingestuft?
Aus Sicht der ökonomischen Theorie handelt der Bauer rational, da er versucht, seinen unmittelbaren persönlichen Nutzen kurzfristig zu maximieren, auch wenn dies langfristig zur Zerstörung der Ressource führt.
- Quote paper
- Daniel Kipper (Author), 2006, Kollektives Handeln und Allgemeinwohl als Probleme der Rational Choice Theorien, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/66799