Eine Herausforderung für jede Gesellschaft ist es, die Versorgung der nicht mehr arbeitenden Bevölkerung sicher zu stellen und die mit der Versorgung entstehenden Lasten gerecht auf den arbeitenden Teil umzulegen.
Dies sind im Ablauf der Zeit stets neu zu lösende Aufgaben und es ist die Pflicht jeder Politik, den Generationswechsel wirtschaftlich zu gestalten.
Der Wunsch nach Versorgung und Sicherheit ist ein Grundbedürfnis des Menschen. Kein Mensch jedoch kann dieses Bedürfnis völlig aus eigener Kraft befriedigen. Wenn er nicht mehr in der Lage ist, sich selbst zu versorgen, braucht er Hilfe von außen. Von welcher Seite diese Hilfe kommt, sei es vom Familienverband oder von anderer Seite, ist eine Frage des Systems. Gibt es keine staatliche Vorsorge, kann nur die Familie bzw. die Gruppe, in welcher der Mensch lebt, diese Aufgabe übernehmen.
Der Familienverband sorgte lange Zeit aus wirtschaftlichen, moralischen und religiösen Gründen für die Sicherheit und die Deckung des Bedarfs im Alter. Er kann somit „als Urform aller wirtschaftlichen Organisation angesehen werden, die sich um die Deckung des Bedarfs ihrer Angehörigen kümmerte“.1
Hieraus ergibt sich eine Vielzahl von Fragestellungen:
Wie ist die Absicherung im Familienverband zu verschiedenen Zeitpunkten in der Geschichte ausgestaltet? Welche Rolle spielt in einer vorindustriellen Gesellschaft der Staat bei der Altersvorsorge? Nach wie vor ist bei einigen Völkern der Erde der Familienverband die einzige Absicherung. Wodurch kam es in den heutigen Industriestaaten zu dem Wechsel und in welcher Form wirkte die Phase der Industrialisierung mit ihrer tief greifenden Umstrukturierung der be- stehenden Systeme auf die herkömmliche Absicherung durch den Familienverband ein?
In der heutigen Zeit ist in den industrialisierten Ländern die Absicherung für verschiedenste Risiken des Lebens besonders ausgeprägt. Dies gilt vor allem für die so genannten Sozialstaaten. [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Absicherung im Familienverband: Problemstellung und Gang der Untersuchung
2. Absicherung im Wirtschaftssystem der Wildbeuter
3. Altersversorgung in der Antike
3.1 Griechenland
3.2 Römisches Reich
4. Alterssicherung im Mittelalter
4.1 Altersicherung auf dem Land
4.2 Das Altern in der Stadt
5. Moderne Sicherheitspolitik als Folge der Industrialisierung
5.1 Alterssicherung während der Industrialisierungsphase
5.1.1 Der bürgerliche Haushalt
5.1.2 Der neue 4. Stand
5.1.3 Einführung der Phase des Ruhestands
5.1.4 Der Weg zur gesetzlichen Rentenversicherung
5.2 Absicherungsfunktion der Familie in der heutigen Zeit
6. Abschließende Diskussion
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die historische Entwicklung und den Wandel der privaten Altersvorsorge innerhalb des Familienverbands, ausgehend von vorindustriellen Gesellschaften bis hin zur modernen staatlichen Rentenpolitik, um die heutige Bedeutung familiärer Sicherungssysteme zu bewerten.
- Historische Analyse der Alterssicherung vom Wildbeutersystem bis zur Antike und zum Mittelalter.
- Untersuchung des Wandels der Familienformen und ihrer Vorsorgefunktion durch die Industrialisierung.
- Vergleich der Absicherungsmechanismen auf dem Land und in der Stadt.
- Diskussion über die Rolle staatlicher Rentensysteme im Kontrast zur familiären Fürsorge.
- Aktuelle Relevanz der Familie als ergänzender Faktor in der modernen Alterssicherung.
Auszug aus dem Buch
3. Altersversorgung in der Antike
Durch den Beginn der Geschichtsschreibung im antiken Griechenland und im Römischen Reich ist es der Nachwelt möglich, sich ein besseres Bild über den damaligen Zustand zu machen. Allerdings geben literarische Werke hauptsächlich Auskunft über die Oberschicht der Bevölkerung. Eine Differenzierung zwischen den einzelnen Gesellschaftsschichten ist daher kaum möglich. Hinzu kommt, dass die meisten Werke des antiken Griechenlands sich auf das klassische Athen beziehen. Zudem wiesen beide Reiche bedingt durch ihre Größe auch regionale Unterschiede auf.
Den Begriff der „Familie“ im heutigen Verständnis gab es im antiken Griechenland nicht. Vielmehr stand an dessen Stelle der „οιχος“ (oikos, Hausgemeinschaft). Der Begriff „οιχος“ variierte in seiner Bedeutung im Laufe der Zeit. Durch die Lehre des Aristoteles (384-322 v. Chr.) und einem so verursachten denkerischen Umbruch fand er zu der Bedeutung des Wohnraums bzw. der in diesem lebenden Gruppe. So setzte sich für Aristoteles der Staat auch nicht aus einzelnen Menschen zusammen, sondern aus der Gemeinschaft der einzelnen Haushalte, der „οιχος“.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Absicherung im Familienverband: Problemstellung und Gang der Untersuchung: Einführung in das Grundbedürfnis der Altersvorsorge und die zentrale Rolle des Familienverbands in der Geschichte.
2. Absicherung im Wirtschaftssystem der Wildbeuter: Darstellung, wie Gruppengröße und Mobilität bei Jägern und Sammlern die Lebensbedingungen und Versorgung der Alten beeinflussten.
3. Altersversorgung in der Antike: Analyse der Hausgemeinschaft als zentrales Sicherungselement in Griechenland und Rom unter Berücksichtigung fehlender staatlicher Vorsorge.
4. Alterssicherung im Mittelalter: Untersuchung der bäuerlichen und städtisch-handwerklichen Haushalte sowie des Ausgedinges als Mittel zur Altersabsicherung.
5. Moderne Sicherheitspolitik als Folge der Industrialisierung: Beschreibung des gesellschaftlichen Umbruchs, der zur Entstehung staatlicher Rentensysteme und der Phase des Ruhestands führte.
6. Abschließende Diskussion: Resümee über die historische Entwicklung und Reflexion darüber, ob und wie die Familie zur Lösung heutiger Finanzierungsprobleme in der Alterssicherung beitragen kann.
Schlüsselwörter
Altersvorsorge, Familienverband, Industrialisierung, Rentenversicherung, Sozialstaat, Haushalt, Geschichte, Alterssicherung, Demographischer Wandel, Sozialgeschichte, Ausgedinge, Lebensstandard, Generationswechsel, Fürsorge.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die historische Rolle des Familienverbands als Träger der Altersvorsorge und dessen Transformation vom Altertum bis zum modernen Sozialstaat.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themen umfassen Wirtschaftsgeschichte, die Entwicklung von Haushaltsformen, die Auswirkungen der Industrialisierung auf soziale Sicherung und die heutige Relevanz privater familiärer Vorsorge.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, den Wandel der Alterssicherung zu dokumentieren und zu klären, ob die Familie angesichts heutiger demographischer Herausforderungen wieder eine verstärkte Rolle übernehmen könnte.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Es handelt sich um eine historisch-systematische Untersuchung unter Rückgriff auf fachwissenschaftliche Literatur und sozialgeschichtliche Daten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in verschiedene Epochen: vom Leben der Wildbeuter, über die Antike und das Mittelalter bis hin zur Entstehung der modernen Rentenversicherung im 19. Jahrhundert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen Altersvorsorge, Familienverband, Industrialisierung, Rentenversicherung und demographischer Wandel.
Wie unterschied sich die Absicherung in der Stadt von der auf dem Land im Mittelalter?
Während auf dem Land die Großfamilie und der bäuerliche Hof dominierten, war die städtische Absicherung durch die Marktabhängigkeit des Handwerks und die sichernde Funktion der Zünfte geprägt.
Welche Rolle spielte die Industrialisierung für den Ruhestand?
Die Industrialisierung führte erst zur Definition eines geregelten Rentenalters, da Arbeit zuvor bis zur körperlichen Erschöpfung die Norm war.
Warum wird im Dokument oft von "Haushalt" statt "Familie" gesprochen?
Der Autor wählt diesen Begriff, um auch nicht-verwandte Personen, wie Sklaven in der Antike oder Knechte im Mittelalter, in die Untersuchung der häuslichen Versorgungsgemeinschaft einzubeziehen.
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- Christoph Wolf (Author), 2006, Kulturelle Spezifika privater Vorsorge im Familienverband im internationalen Vergleich, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/66838