Zu: Michael R. Marrus, Die Unerwünschten - The Unwanted. Europäische Flüchtlinge im 20. Jahrhundert


Rezension / Literaturbericht, 2005

10 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Michael R. Marrus, heutzutage Dekan der School of Graduate Studies in Toronto und Mitglied der Kanadischen Royal Historical Society, gilt als ein renommierter Historiker unserer Zeit. Gemeinsam mit Robert Paxton hat er im Jahr 1981 das Buch „Vichy France and the Jews“ veröffentlicht, die erste große Untersuchung über die Verfolgung der Juden in Vichy – Frankreich zwischen 1940 und 1944. Bekannt geworden ist Marrus als Experte auf dem Gebiet der Holocaust-Forschung mit einer mehrbändigen kommentierten Dokumentensammlung, sowie einer Vielzahl viel beachteter Veröffentlichungen.

Das Buch „The Unwanted“, erschienen 1985 bei Oxford Univ. Press, ist die erste umfassende Untersuchung der Flüchtlingsbewegungen des 20. Jahrhunderts in Europa und der politischen Entwicklungen mit denen sie korrespondierten. Vierzehn Jahre nach dem Erscheinen der Erstausgabe wurde dieses Standardwerk über die Geschichte der europäischen Flüchtlinge im Jahr 1999 erstmals auch in deutscher Sprache unter dem Titel „ Die Unerwünschten - Europäische Flüchtlinge im 20. Jahrhundert“ im Verlag Schwarze Risse/Rote Strasse/Libertäre Assoziation herausgegeben. Mit gutem Grund fragen die Verleger in einem redaktionellen Leitartikel am Anfang des Buches, wieso keiner der großen Verlage dieses Buch, das vielleicht wie kein anderes in den Debatten zur Flüchtlingspolitik eine Rolle hätte spielen können, übersetzte und publizierte. Es lässt sich nur mutmaßen, dass die traditionell nationalstaatlich orientierte Themenauswahl der Geschichtswissenschaft der Grund sein könnte, da es sich bei der Flüchtlingsfrage um ein Kapitel der Geschichte handelt, das in der politischen Kultur Deutschlands bestenfalls als Randnotiz auftaucht.

Marrus stellt die in vielerlei Hinsicht vergessenen Flüchtlinge ins Zentrum des historischen Geschehens und behandelt in fünf Kapiteln die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, den Krieg und die Nansen-Ära, die von Faschismus und Nazismus ausgelösten Flüchtlingsbewegungen und die Nachkriegszeit. Die Perspektive ist umfassend gesamteuropäisch und bezieht die Periode vor dem Ersten Weltkrieg genauso ein wie die des Kalten Krieges.

Marrus legt in „die Unerwünschten“ den Schwerpunkt nicht auf berühmte Revolutionäre und Exilanten, sondern stellt die Frage, wie die Massenflüchtlinge die europäischen Staaten, die internationale Gemeinschaft und die zwischenstaatlichen Beziehungen geprägt haben. Auf einer politischen Landkarte Europas zeichnet er die Bewegungen der Flüchtlingsströme nach, macht dabei keinen Unterschied zwischen grenzüberschreitenden und regionalen Vertreibungen und unterwirft sich keiner allgemeingültigen Definitionen für Flüchtlinge. Einzig Ausmaß und Dauer einer Vertreibung sowie ihre Tragweite, sowohl unter menschlichen Gesichtspunkten als auch im Hinblick auf die zwischenstaatlichen Beziehungen sind seine Kriterien für eine Aufnahme in diesen Atlas der europäischen Vertriebenen.

Dem Autor des Buches gelingt es schon in seiner Einleitung, den Leser für das behandelte Thema zu gewinnen, indem er in aller Kürze einen weiten Verweisungszusammenhang knüpft, der bis ins späte Mittelalter reicht. Er schildert die Entstehung und Entwicklung des Flüchtlings- und Vertriebenenbegriffs und vermittelt auf diesem Wege en passant manches Wissenswerte über die Machtverhältnisse in Europa seit dem 16. Jahrhundert.

Marrus legt dar, dass lange bevor die humanitären Ideen der Aufklärung zum Tragen kamen, die europäischen Monarchen und Kommunen dazu neigten, die kontrollierte Zuwanderung von Menschen in ihr Hoheitsgebiet zu stimulieren. Der französische Merkantilist Colbert beispielsweise verschärfte im ausgehenden 17. Jahrhundert die Gesetze, die das Verlassen Frankreichs verboten, so lange, bis auf den Versuch, es dennoch illegal zu tun, die Todesstrafe stand. Und schon im 16. Jahrhundert appellierten einige Städte mit Erfolg an den König von Spanien, die Rückkehr der damals aus dem Königreich Neapel vertriebenen Juden zu genehmigen, da ohne deren Kenntnisse die Erhebung von Steuern nicht durchführbar wäre. Friedrich Wilhelm von Preußen, Peter der Große und eine Vielzahl weiterer Herrscher empfingen derzeit Ausländer mit offenen Armen und Marrus hebt hervor, dass noch in den Jahrzehnten vor dem 20. Jahrhundert politisches Exil ein relativ ungestörtes Leben bedeuten konnte. Flüchtlinge wurden von den aufnehmenden Staaten bis 1898 die Polizeiinternationale gegen die Anarchisten der Tat gegründet wurde, in der Regel nicht als Bedrohung, sondern als Segen eingestuft.

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Ende der Leseprobe aus 10 Seiten

Details

Titel
Zu: Michael R. Marrus, Die Unerwünschten - The Unwanted. Europäische Flüchtlinge im 20. Jahrhundert
Hochschule
Universität Hamburg  (Institut für Geschichtswissenschaft)
Veranstaltung
Einführung in die Neuere Geschichte
Note
1,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
10
Katalognummer
V66961
ISBN (eBook)
9783638593106
Dateigröße
448 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Marrus stellt die in vielerlei Hinsicht vergessenen Flüchtlinge ins Zentrum des historischen Geschehens und behandelt in fünf Kapiteln die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, den Krieg und die Nansen-Ära, die von Faschismus und Nazismus ausgelösten Flüchtlingsbewegungen und die Nachkriegszeit. Die Perspektive ist umfassend gesamteuropäisch und bezieht die Periode vor dem Ersten Weltkrieg genauso ein wie die des Kalten Krieges.
Schlagworte
Michael, Marrus, Unerwünschten, Unwanted, Europäische, Flüchtlinge, Jahrhundert, Einführung, Neuere, Geschichte
Arbeit zitieren
Nils Prinz (Autor), 2005, Zu: Michael R. Marrus, Die Unerwünschten - The Unwanted. Europäische Flüchtlinge im 20. Jahrhundert, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/66961

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