Verfall und Niedergang, kurz Dekadenz, waren in der Zeit um 1900 ein verbreitetes Thema in der Literatur. In dieser Zeit, Juli 1911 bis Juli 19121, verfasste auch Thomas Mann sein Werk „Der Tod in Venedig“. Beschäftigt man sich mehr mit der Entstehungsgeschichte der Novelle, zeigt sich, dass Thomas Mann im Sommer 1911 selbst einige Tage in Venedig verbracht hat und dort „eine Reihe kurioser Umstände und Eindrücke“ erlebt hat. Thomas Mann hat sich, ebenso wie der Protagonist Gustav von Aschenbach, aufgrund einer Schreibkrise zu dieser Reise entschlossen. Auch andere Gemeinsamkeiten zwischen dem Autor und dem Protagonisten sind offensichtlich, v.a. bezüglich des Typus, der Herkunft und der literarischen Vergangenheit. Thomas Mann verarbeitet also im Tod in Venedig ein Ereignis, welches er zum Teil selbst erlebt hat. Denn auch er hatte in Venedig eine Begegnung mit einem polnischen Knaben, wobei er nach seiner Rückkehr aus Venedig von einer „recht sonderbaren Sache“ spricht, die er von da mitgebracht hat, „einen Fall von Knabenliebe bei einem alternden Künstler“. Auch die Choleraepidemie und die Haltung der venezianischen Behörden waren tatsächliche Ereignisse, denen Thomas Mann in dieser Zeit begegnete. Denn in Hamburg brach im Jahr 1905 die Cholera aus, wobei die tödliche Gefahr der Krankheit aus kommerziellen Gründen vertuscht wurde. Thomas Mann selbst hatte die Wirkung ansteckender Krankheiten miterlebt, als seine Frau Katja 1911 an Tuberkulose erkrankte. Trotz dieser vielen Gemeinsamkeiten zu Thomas Mann, zeigen sich bei der Physiognomie Gustav Aschenbachs auch gewisse Ähnlichkeiten zu dem Komponisten Gustav Mahler, der im Jahre 1911 gestorben ist. Über die Gründe dafür wird seither spekuliert. Klar ist jedoch, dass all die autobiographischen Züge und die Beziehungen zu aktuellen Themen und Personen noch ein Grund mehr sind, den „Tod in Venedig“ als eines der modernsten und bemerkenswertesten Werke Thomas Manns zu bezeichnen und sich intensiv mit dem Thema der Novelle zu beschäftigen. Die Dekadenz taucht scheinbar auch schon im Titel „Der Tod in Venedig“ auf und ist im Verlauf der Geschichte durch spezielle Schauplätze und Motive allgegenwärtig, die den Verfall des Protagonisten begleiten und veranschaulichen.
Struktur der wissenschaftlichen Arbeit
I. Einleitung
II. Schauplätze des Verfalls
1. Münchner Friedhof
2. Schifffahrt nach Venedig
3. Venedig
III. Motive des Verfalls
1. Todesboten
a) Wegbegleiter
b) Seelengeleiter
2. Todesmotive
a) Gondel
b) Sanduhr
c) Erdbeere und Granatapfel
IV. Der dionysische Verfall
1. Aschenbachs Haltung
2. Cholera und Karbolgeruch
3. Vision und Traum
V. Zusammenfassung
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht Thomas Manns Novelle „Der Tod in Venedig“ im Hinblick auf die Inszenierung von Verfall und Dekadenz, indem sie die symbolische Aufladung von Schauplätzen und Leitmotive analysiert, die den Untergang des Protagonisten Gustav von Aschenbach voraussagen und begleiten.
- Die Funktion von Schauplätzen wie dem Friedhof und der Stadt Venedig als Spiegel des inneren Verfalls.
- Die Analyse von Todesboten und Todesmotiven als leitmotivische Vorausdeutungen des Schicksals.
- Die Untersuchung des „dionysischen Prinzips“ als Gegenpol zur apollinischen Lebensweise Aschenbachs.
- Die Verknüpfung von autobiographischen Zügen Thomas Manns mit der literarischen Ausgestaltung der Novelle.
- Die Bedeutung von Symbolen wie Sanduhr, Erdbeeren und Granatapfel für die psychologische Entwicklung des Künstlers.
Auszug aus dem Buch
1. Münchner Friedhof
Zu Beginn des „Tod in Venedigs“ macht Gustav von Aschenbach einen Spaziergang, der am Nördlichen Friedhof von München endet. Gegenüber der Aussegnungshalle des Friedhofs befindet sich eine Steinmetzerei, „ein zweites unbehaustes Gräberfeld“ mit Kreuzen, Gedächtnistafeln und Monumenten. Es „regte sich nichts“ (S. 8), alles scheint ausgestorben. Aschenbach wartet dort allein auf die Trambahn und betrachtet währenddessen verträumt die zahlreichen Grabsteine. Die Atmosphäre am Friedhof, mit den Gräbern, Kreuzen und Erinnerungen an ehemals Lebende, zeigt schon erste Anzeichen des Verfalls und des Todes. Auf einem Friedhof herrscht allgemein eine unangenehme Stimmung, da der Besucher stets mit dem Tod oder mit trauernden Menschen konfrontiert wird.
Es wird klar, dass Aschenbach, auch wenn er jetzt noch außerhalb des Friedhofes steht, seinem Tode nahe ist. Wo ihn sein Ende ereilen wird, wird ebenfalls vorausgedeutet, indem der Autor „das byzantinische Bauwerk der Aussegnungshalle“ beschreibt. Mit seinen „griechischen Kreuzen und hieratischen Schildereien“ (S. 8) erinnert es an den Markusdom von Venedig. Auf diese Weise wird schon zu Anfang der Novelle der weitere Verlauf und das Ziel der Geschichte, Aschenbachs Tod in Venedig, angedeutet. Verstärkt wird das Motiv dadurch, dass Aschenbach sich einige Zeit später nochmals an die Aussegnungshalle, „das weiße Bauwerk“ (S. 77), erinnert, nämlich zu dem Zeitpunkt, als er von dem Clerk im Reisebüro die Wahrheit über die tödliche Cholera in Venedig erfährt. Diese Krankheit ist letztlich der Grund für den Tod des Künstlers. So kehrt Aschenbach am Ende der Novelle wieder zu den Toten auf dem Friedhof zurück und wird einer von ihnen.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Entstehungsgeschichte der Novelle und verknüpft autobiographische Aspekte von Thomas Mann mit der Thematik des Verfalls und der Dekadenz.
II. Schauplätze des Verfalls: Dieses Kapitel analysiert Orte wie den Münchner Friedhof, die Schifffahrt und Venedig als atmosphärische Vorboten und Verstärker des künstlerischen Niedergangs.
III. Motive des Verfalls: Hier werden die wiederkehrenden Todesboten und spezifische Todesmotive wie die Gondel, die Sanduhr und Früchte als Symbole für Aschenbachs Schicksal untersucht.
IV. Der dionysische Verfall: Dieses Kapitel thematisiert den Übergang Aschenbachs vom apollinischen Lebensstil in den dionysischen Rausch, unterstützt durch das Auftreten der Cholera und traumhafte Visionen.
V. Zusammenfassung: Das abschließende Kapitel fasst die symbolische Komplexität der Novelle zusammen und würdigt das Werk als bedeutendes Bildnis einer Dekadenzdichtung.
Schlüsselwörter
Thomas Mann, Der Tod in Venedig, Dekadenz, Verfall, Gustav von Aschenbach, Todesboten, Dionysisches, Apollinisches, Symbolik, Cholera, Venedig, Novelle, Literatur um 1900, Psychagog, Künstlertum.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die verschiedenen Motive und Schauplätze in Thomas Manns Novelle „Der Tod in Venedig“, die den körperlichen und geistigen Verfall des Protagonisten Gustav von Aschenbach symbolisieren und vorausdeuten.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind der Verfall, der Kontrast zwischen apollinischer Ordnung und dionysischem Rausch, die Symbolik des Todes sowie der Einfluss autobiographischer Elemente auf das Werk.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Thomas Mann durch eine dichte Motivik und eine bewusste Wahl der Schauplätze den „roten Faden“ des Untergangs in seiner Novelle konstruiert hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die textnahe Interpretation mit der Untersuchung von Symbolzusammenhängen und motivgeschichtlichen Bezügen verbindet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst die Schauplätze, dann die Todesboten und Todesmotive sowie schließlich der psychologische und dionysische Verfallsprozess des Protagonisten detailliert analysiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Dekadenz, Todesboten, dionysischer Verfall, Symbolik und die spezifische Physiognomie der Charaktere, die als Vorzeichen des Todes fungieren.
Welche Rolle spielt die Figur des Tadzio in der Analyse?
Tadzio wird als „Seelengeleiter“ (Psychagog) interpretiert, dessen Schönheit zwar göttlich wirkt, der aber durch kränkliche Züge eng mit dem Tod und Aschenbachs Verderben verknüpft ist.
Wie interpretieren Sie die Bedeutung der „Erdbeeren“?
Die Erdbeeren werden als tödliches Motiv gedeutet; sie symbolisieren einerseits das Neue und Sinnliche, das Aschenbachs Willen bricht, und sind andererseits die direkte Ursache für seine Infektion mit der Cholera.
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- Anonym (Author), 2004, Thomas Manns: "Der Tod in Venedig" - Schauplätze und Motive des Verfalls, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/67068