„Ich glaube nur, was ich sehe!“ – Diesen Satz hört man recht oft, wenn eine Diskussion um die Glaubhaftigkeit vermeintlicher Fakten entbrennt, wenn verschiedene Meinungen aufeinander treffen und ein Disput entsteht – doch ist aus diesem Moment der mögliche Kehrschluss richtig, dass wir alles, was wir sehen, auch glauben können? Ist die reine Sichtbarkeit bereits Beweis genug für Wirklichkeit, für Existenz? Ist der Ansatz, zu glauben, was man sieht, ausreichend, um sich eine Meinung zu bilden, die gegenüber anderen vertreten werden kann? Ist diese Meinung dann auch die eigene, oder nicht lediglich nur eine Reproduktion des wahrgenommenen, vermittelten und eventuell konstruierten „Faktums“, ja eventuell sogar „Artefakts“? Sehen wir vielleicht nur, was wir glauben wollen? Wo treffen wir auf Wahrheit, auf Wirklichkeit? Gehen wir einmal davon aus, dass wir beide Begriffe synonym verwenden, wie dies im Folgenden auch getan werden wird, und nehmen das als Wahrheit, was der Wirklichkeit entspricht. Ein jeder Mensch lügt. Oft und immer, jeden Tag. Mehrfach. Und interessanterweise nimmt niemand Anstoß daran, dass wir dies tun. Wir lügen den lieben langen Tag Dinge in die Welt, sei es, dass die Sonne aufgehe, obgleich wir genau wissen, dass sie nicht aufgeht, sondern die Erde sich dreht, oder dass der Himmel blau sei, oder dass der Mond abnehme, sei es dass man unheimlich gern Stachelbeer-Bananenkuchen äße, nur um die Gastgeberin nicht zu verärgern, sei es dass man Weihnachtsmänner aus Schokolade kaufe – eine sogar manifestierte Lüge – und dennoch kann man den Sonnenaufgang ebenso sehen, wie der Weihnachtsmann „wirklich“ zum Weihnachtsfest gehört und man den Kuchen wirklich gern gegessen hat, um nicht unhöflich zu wirken.
Die Lüge ist also bereits Element der Gesellschaft, sie gehört dazu. Ist denn Wahrheit überhaupt möglich? Was ist Wahrheit oder Wirklichkeit denn? Was lässt etwas wahr erscheinen und vor allem wann und für wen? Die größte Kritik an der Hermeneutik lag bereits immer an ihrer Gebundenheit an Subjekten und deren Interpretationen, festgemacht an einer bestimmten Sprachsemantik – gilt nicht dies für unser gesamtes Leben im Sinne von Erfahrungen sammeln ebenso ? Viele Fragen, die unter dem Schwerpunktaspekt der Konsequenztheorie im Rahmen dieser Arbeit angerissen werden sollen, um Denkanstöße zu liefern ohne dass auf diese ewigwährenden Fragen eine endgültige Antwort gegeben werden kann.
Inhaltsverzeichnis
1.0 Glauben und Wissen, Wahrheit und Lüge
2.0 Wirklichkeit als Wahrheit
2.1 Theorien und Hintergründe
2.1.1 Die Konsequenztheorie
2.1.2 Der skeptische Rationalismus und Skeptizismus
2.1.3 Wahrnehmung
2.2 Die Ontologie sozialer Tatsachen
2.2.1 Objektive Tatsachen
2.2.2 Soziale Tatsachen
2.2.3 Realismus?
3.0 Die Massenmedien
3.1 Jede Selektion ist gleichzeitig Konstruktion
3.2 Desinformation
3.3 Motivation zur falschen Berichterstattung
4.0 Ausweg aus dem Circulus vitiosus?
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die philosophischen und psychologischen Grundlagen der Wirklichkeitskonstruktion und deren Anwendung auf die massenmediale Berichterstattung. Dabei wird die zentrale Forschungsfrage verfolgt, wie Medien durch Selektionsprozesse eine subjektive Wirklichkeit erzeugen, die den Anspruch auf Objektivität faktisch untergräbt.
- Die Konsequenztheorie nach Heinz von Foerster und ihre Bedeutung für die Kommunikation.
- Die Grenzen der menschlichen Wahrnehmung und der Erkenntnistheorie.
- John R. Searles Ontologie sozialer Tatsachen als Erklärungsmodell für gesellschaftliche Konstrukte.
- Die Mechanismen der Desinformation und Selektion in den modernen Massenmedien.
- Der Einfluss kollektiver Intentionalität und gesellschaftlicher Erwartungen auf die Berichterstattung.
Auszug aus dem Buch
2.2.1 Objektive Tatsachen
Die gesellschaftliche Wirklichkeit erscheint uns, da sie von uns geschaffen wurde, einfach, plausibel und logisch. „Autos sind zum Fahren da; Geld zum Verdienen, Ausgeben und Sparen, Badewannen um ein Bad zu nehmen“. Ein Problem entsteht für uns nach Searle erst dann, wenn uns der Zweck einer Sache nicht geläufig ist. Aus kognitionspsychologischer Sicht ist der Mensch aufgrund von Logik und Kombinatorik, die sich immer an erlernten Heuristiken orientiert, anhand gemachter Erfahrungen und erlerntem Wissen, in der Lage, Probleme zu lösen. Begegnen wir aber im sozialen Alltag unvergleichlich neuem, tritt das aus der Psychologie bekannte Phänomen auch im sozialen Umfeld auf: Es entsteht die Frage nach dem „Wozu ist es da?“.
Kann diese Frage einmal nicht beantwortet werden, wird unser Wirklichkeitsempfinden auf die Probe gestellt, denn wie beschreibt man Geld, wenn man nicht weiß, wozu es da ist. Ferner müssen wir wieder die Begriffe der Objektivität und der Subjektivität aufgreifen, auf denen unsere Weltsicht mit Masse beruht, die aber auch durch uns geprägt wurden. Searle unterscheidet zwischen dem epistemischen Sinn und dem ontologischen Sinn. „Wir sprechen oft von Urteilen als ‚subjektiv’, wenn wir meinen, dass ihre Wahrheit oder Falschheit nicht ‚objektiv’ entschieden werden kann, weil Wahrheit oder Falschheit nicht einfach eine Tatsachenfrage ist, sondern von bestimmten Einstellungen, Gefühlen und Gesichtspunkten der Urteilenden und der Hörer des Urteils abhängt“ so Searle. Hier wird zusammengefasst, dass auch das, was wir als Tatsache ansehen, interindividuell interpretativ ist. Nach Searle lassen sich beide Begriffe, epistemisch und ontologisch, jeweils noch in objektiv und subjektiv unterteilen.
Zusammenfassung der Kapitel
1.0 Glauben und Wissen, Wahrheit und Lüge: Das Kapitel führt in die Problematik ein, inwieweit das, was wir sehen, tatsächlich existiert oder lediglich ein durch Wahrnehmung und gesellschaftliche Übereinkunft konstruiertes Bild darstellt.
2.0 Wirklichkeit als Wahrheit: Dieser Abschnitt beleuchtet theoretische Hintergründe wie die Konsequenztheorie, den Skeptizismus und die kognitiven Grenzen der menschlichen Wahrnehmung.
3.0 Die Massenmedien: Hier wird analysiert, wie Medien durch Selektion und die Konstruktion von Wirklichkeit agieren und warum der Anspruch auf neutrale Berichterstattung problematisch bleibt.
4.0 Ausweg aus dem Circulus vitiosus?: Das Fazit hinterfragt, ob die Relativität der Information als Chance für einen kritischen Umgang mit Medien verstanden werden kann, statt nur als Defizit.
Schlüsselwörter
Wirklichkeitskonstruktion, Konsequenztheorie, Massenmedien, Wahrheit, Lüge, Wahrnehmung, Soziale Tatsachen, Desinformation, Selektion, Epistemik, Ontologie, Kollektive Intentionalität, Konstruktivismus, Journalismus, Propaganda.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der theoretischen Herleitung, dass unsere wahrgenommene Realität ein soziales Konstrukt ist, und wendet diese Erkenntnis auf die Arbeitsweise und Glaubwürdigkeit moderner Massenmedien an.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Im Fokus stehen erkenntnistheoretische Grundlagen, die Philosophie der Wirklichkeitskonstruktion nach John R. Searle, psychologische Wahrnehmungsaspekte und die medienkritische Analyse journalistischer Selektionsprozesse.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es aufzuzeigen, dass Wahrheit oft ein bedarfsabhängiges Konstrukt ist und dass die Berichterstattung in Medien systembedingt immer eine bestimmte (selektive) Sicht der Wirklichkeit präsentiert.
Welche wissenschaftlichen Methoden finden Anwendung?
Die Arbeit basiert auf einer theoretisch-analytischen Auseinandersetzung mit philosophischen Strömungen, kombiniert mit kognitionspsychologischen Ansätzen und medienwissenschaftlicher Literaturanalyse.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung zur Konstruktion von Realität und eine praktische Analyse der Medienpraxis, inklusive Beispielen zur bildlichen und inhaltlichen Selektion.
Welche Schlagworte charakterisieren das Werk?
Die zentralen Begriffe umfassen Wirklichkeitskonstruktion, Konsequenztheorie, Ontologie sozialer Tatsachen und die kritische Auseinandersetzung mit der journalistischen Desinformation.
Wie definiert der Autor das Verhältnis von Wahrheit und Lüge?
In Anlehnung an Heinz von Foerster betrachtet der Autor Wahrheit als "Erfindung eines Lügners", was bedeutet, dass der Begriff der Wahrheit zwingend die Abgrenzung durch eine Lüge erfordert, um als solches existieren zu können.
Warum ist laut der Arbeit eine neutrale Berichterstattung unmöglich?
Der Autor argumentiert, dass jeder Bericht über ein Ereignis zwangsläufig eine Selektion darstellt, die den Blickwinkel des Beobachters einnimmt, womit eine neutrale, objektive Abbildung der Wirklichkeit ausgeschlossen ist.
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- Sven Hosang (Author), 2005, Die Bedeutung der Konsequenztheorie für die Konstruktion der Wirklichkeit durch Medien , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/67212