Storytelling als Interventionstechnik in der Logotherapie und Existenzanalyse


Magisterarbeit, 2006
119 Seiten, Note: Ausgezeichnet

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

EINFÜHRUNG

1 Kurzfassung / Abstract

2 Schlüsselworte / Keywords

3 Vorwort / Idee zur Arbeit

4 Fragestellung der Arbeit

A THEORETISCHER TEIL
1 EINE GESCHICHTE AM ANFANG DAS BÄUMLEIN
2 DEFINITIONEN UND ANWENDUNG
2.1 Storytelling
2.2 Narration
2.3 Narratologie
2.4 Implizites Wissen
2.5 Bildung
2.6 Logotherapie und Existenzanalyse
2.7 Begriffssystematisierung
3 DAS STORYTELLING
3.1 Historischer Rückblick
3.2 Erzählschemata
3.2.1 Romanze
3.2.2 Die Tragödie
3.2.3 Die klassische Komödie
3.2.4 Die Satire
3.3 Literaturgattungen
3.3.1 Das Märchen
3.3.2 Die Fabel
3.3.3 Metapher
3.3.4 Das Symbol
3.4 Die Prozedur der Narration
4 DIE THERAPEUTISCHE GESCHICHTE
4.1 Definition und Anwendung
4.2 Entstehung und Entwicklungsgeschichte
4.2.1 Schlussfolgerung
4.3 Beziehungsstrukturen im Prozess der Therapeutischen Geschichte
4.3.1 Basale Beziehungsprozeduren
4.3.1.1 Spiegeln
4.3.1.2 Urvertrauen / Geborgenheit / Sicherheit
4.3.1.3 Die soziale „Rolle“
4.3.1.4 Identifikation
4.4 Anwendungsbereiche von therapeutischen Geschichten
4.5 Ziel / Funktion der therapeutischen Geschichte
5 LOGOTHERAPIE UND EXISTENZANALYSE
5.1 Allgemeines
5.2 Begriffserklärung im Speziellen
5.3 Methoden der Logotherapie und Existenzanalyse
5.3.1 Die Dereflexion
5.3.2 Paradoxe Intention
5.3.3 Einstellungsänderung / Einstellungsmodulation
5.3.4 Die Existenzielle Bilanz
5.3.5 Das Sinnwahrnehmungstraining
5.3.6 Der Sokratischer Dialog
5.3.7 Der phantastische Dialog
5.4 Literaturrecherche zum Thema
5.4.1 Bibliotherapie
5.4.2 Fallgeschichten
5.4.3 Narrative Logotherapie
5.4.4 Werteimagination nach Böschemeyer

A

B PRAKTISCHER TEIL
1 DEFINITION
2 KRITERIEN EINER SINNVOLLEN GESCHICHTE
3 AUSWIRKUNGEN
4 DER PROZESS
4.1 Eingangsphase /Arbeitsschritte
4.1.1 Das Sammeln von Informationen
4.2 Kreative Phase
4.2.1 Das Imaginieren der Geschichte
4.2.2 Wahl des Erzählmodells
4.2.3 Wahl des Gestaltungsmodells
4.2.3.1 Die geschlossene Geschichte
4.2.3.2 Das offene Ende
4.2.3.3 Die offene Geschichte
4.2.3.4 Die interaktive Geschichte
4.2.3.5 Die spontane Geschichte
4.3 Therapeutische Phase
4.3.1 Der Prozess des Schreibens
4.3.2 Das Vortragen / Das Erzählen
4.3.3 Das Aufarbeiten
5 GESCHICHTEN ALS BEISPIELE
5.1 Die geschlossene Geschichte
5.2 Offenes Ende
5.3 Die Offene Geschichte
5.4 Die Interaktive Geschichte
5.5 Die spontane Geschichte
6 EINE FALLGESCHICHTE
6.1 Herausarbeiten von Ähnlichkeiten und Elementen der klassischen Tragödie
6.2 Herausarbeiten von Ähnlichkeiten und Elementen des Strukturphasenmodells
6.3 Herausarbeiten von Ähnlichkeiten und Elementen der epischen Form
6.4 Herausarbeiten von Ähnlichkeiten und Elementen der Drei-Ebenen- Kommunikation
6.5 Herausarbeiten von Ähnlichkeiten und Elementen der Logotherapie
6.6 Herausarbeiten von Ähnlichkeiten und Elementen der logotherapeutischen Geschichte
6.6.1 Eingangsphase
6.6.2 Kreative Phase und therapeutische Phase
6.7 Herausarbeiten von Ähnlichkeiten und Elementen der logotherapeutischen Philosophie
6.8 Exploration/Anamnese/Verlauf
6.9 Ergebnis

ZUSAMMENFASSUNG UND ABSCHLUSS

LITERATURVERZEICHNIS

ANHANG

CHECKLISTE: Storytelling

EINFÜHRUNG

1 Kurzfassung / Abstract

Kurzfassung:

Storytelling, das Geschichten erzählen, ist ein uraltes Ritual der Menschheit. Schon vor Millionen von Jahren diente dieses Medium als Informationsfluss um Geschehnisse (Schicksal) zu berichten (interpretieren, deuten), Erfahrungen auszutauschen, Gefühle zu verarbeiten, Sinnzusammenhänge zu verstehen, Geborgenheit, Sicherheit und Schutz zu spüren. Viele Assoziationen, die in Verbindung mit „eine Geschichte vorgelesen bekommen“ ausgelöst werden (Urvertrauen), fördern die Absichten des therapeutischen Prozesses. Das Storytelling / das Geschichten erzählen ist eine spezielle Form des Gesprächs.

Die Grundaussagen der Lehre von der Logotherapie und Existenzanalyse, ihr zugrunde liegendes Menschenbild und ihr geistiges Grundkonzept lassen den Schluss zu, dass die Technik des Geschichten Erzählens sich als hervorragendes therapeutisches Instrumentarium eignet, um das Thema eines Patienten aufzuarbeiten und dazu notwendige seelische Entwicklungen zu fördern.

Die Verschiebung eines Konfliktes/einer persönlichen Fragestellung in einen anderen Bezugrahmen/Kontext, den einer Geschichte und deren dortige Bearbeitung schaffen gleichermaßen Nähe und Distanz zwischen Therapeut und Klient wie der Patient es braucht, erhalten die Würde und die Intimität der Person. Die in der Geschichte stattfindende Lösung / Wandlung / Neuorientierung sind therapeutische Angebote, die vom Patienten nach dessen Möglichkeiten angenommen werden. Die Grundmotivation dazu kommt vom Patienten selbst, ist er es doch, der dem Therapeuten bewusst oder unbewusst den „Auftrag dazu“ erteilt, indem er sich in die therapeutische Situation und Beziehung einlässt. Die Sprache der Metapher, ihr Symbolcharakter, und die „magischen Möglichkeiten“ arbeiten tief im Unterbewusstsein und können dort verborgene Prozesse direkter ansprechen als in einem üblichen therapeutischen Gespräch. Im Reich der Phantasie wo alles möglich ist, kann sich der Patient ohne Konsequenzen mit seinen Themen, Gefühlen und „Hindernissen“ freier bewegen und auf spielerische Art und Weise auf „vorweggenommene“ Lösungen reagieren. Dies ist der im Anschluss an das Hören der Geschichte stattfindende gemeinsame Prozess zwischen dem Therapeuten und seinem Klienten.

Gleichzeitig transportiert der Therapeut, indem er selbst die Geschichte für diesen Patienten schreibt und auf dessen Fragestellung/Problem bezogen bleibt, sein (logo)- therapeutisches Angebot und seinen persönlichen Erfahrungsschatz. Er lenkt und beeinflusst den Informationsfluss nach den Grundaussagen der Lehre, deren Vertreter er ist und derer sich der Patient anvertraut. Diese Annahme soll anhand eines Grundkonzeptes für das Schreiben von therapeutischen Geschichten vorgestellt werden.

Abstract:

Storytelling is an ancient ritual of mankind. Millions of years ago this medium was used as a way of informing each other about happenings (fate) and to interpret them, to exchange feelings, to understand connections of meaning and to feel safety and protection. Many associations that are released while a story is read to us can be useful for the therapeutic process. Storytelling is a special form of a conversation. The language of a metaphor, its symbol character and the “magic possibilities” work deep in our subconscious and can apply to hidden processes more easily than in a customary therapeutic conversation. In our imagination, where anything is possible , the patient can move more freely and without consequences among his feelings and obstacles and therefore react to “anticipated” solutions in a very playful way. At the same time the therapist – while writing the story himself for the specific patient and staying referred to his or her formulation of question/problem – transports his (logo) – therapeutic offering and his personal experiences.

2 Schlüsselworte / Keywords

Schlüsselworte:

Storytelling, Logotherapie, Interventionstechnik, Geschichten, Märchen, Therapeutisches Märchen, Metaphern, das therapeutische Gespräch, Logotherapie und Existenzanalyse, das logotherapeutische Märchen

Keywords:

Storytelling, logo therapy, psychotherapeutic techniques for intervention, stories, ferry tales, therapeutic tales , methaper, logo therapy and

3 Vorwort / Idee zur Arbeit

Schon während meiner Ausbildung sind mir in den Lehrbüchern Frankls die vielen Fallbeispiele und Zitate aufgefallen, die er einerseits seinen Patienten als Intervention erzählt hat, andererseits dem Leser die Lehrinhalte veranschaulichen. Später erfuhr ich Ähnliches bei Elisabeth Lukas, die zudem noch die Literatur Tolstois zum Analysieren auf logotherapeutisches Gedankengut entdeckte. Ich entwickelte die Idee, eine individuelle Geschichte zu schreiben für einen bestimmten Klienten nach dem logotherapeutischen Gedankengut, diese vorzutragen und gemeinsam mit dem Klienten aufzuarbeiten. Heute ist das Storytelling ein wichtiges Element meines psychotherapeutischen Arbeitsalltages.

Mit der vorliegenden Arbeit möchte ich meine Erfahrungen in ein Konzept und als Idee einer Interventionstechnik vorstellen.

Das „logotherapeutische Storytelling“ steht somit jedem Therapeuten zur Erweiterung seines Methodenrepertoires zur Verfügung.

4 Fragestellung der Arbeit

Ist das Storytelling eine Interventionstechnik für die psychotherapeutische Fachrichtung Logotherapie und Existenzanalyse?

Welche Methoden Techniken, Potentiale für Einstellungsveränderung und Neuorientierung im Menschen bietet die Lehre der Logotherapie und Existenzanalyse?

Wie lassen sich diese in einer Geschichte einarbeiten um eine literarische Geschichte zu einer logotherapeutischen Geschichte zu machen?

Welches Basiswissen aus angrenzenden Wissensbereichen ist wichtig für das eigenständige Schreiben einer therapeutischen Geschichte?

A THEORETISCHER TEIL

1 EINE GESCHICHTE AM ANFANG DAS BÄUMLEIN

Das kleine Bäumlein lebt fröhlich in einem Jungwald, zusammen mit vielen anderen und entwickelt sich prächtig. Es hat starke Wurzeln, die die Nährstoffe und das Wasser aus dem weichen Humusboden aufsaugen und genug Sonnenlicht. Seine Baumkrone ist wunderbar.

Und während der ganzen Zeit scheint die Sonne und versorgt alle und alles.

„Du bist aber ein schöner Baum“, ruft ein Vogelpaar entzückt, „hier bauen wir unser Nest und ziehen unsere Kinder groß. Das ist ein guter Platz zu leben!“

Das Bäumlein aber presst ganz fest die Äste zusammen, sodass die Vögel keinen Platz für ein Nest finden und schließlich weiter fliegen. Und währenddessen scheint die Sonne und versorgt alle und alles. Nun ist es zufrieden, denn das Bäumchen will keine Eindringlinge bewirten.

Einige Zeit später kommt eine Marienkäferfamilie und klettert am Stamm des Bäumleins hoch. „Du bist aber ein schöner Baum. Was für ein Glück, dass wir dich gefunden haben. Hier ist ein guter Platz zu leben!“ Die Marienkäfer freuen sich.

Das Bäumlein aber erschrickt und presst seine Rinde so fest zusammen, dass diese ganz glatt wird und die Käfer nicht hochklettern können. Schließlich geben sie auf und ziehen weiter. Und auch währenddessen scheint die ganze Zeit die Sonne und versorgt alle und alles.

Der kleine Baum ist zufrieden, denn er will keine ungebetenen Gäste bewirten.

Wieder einige Zeit später erreicht eine Schar von frechen Blattläusen den jungen Baum und bevölkert ihn von oben bis unten. Alles Strampeln hilft nichts! Die Blattläuse saugen die Blätter aus und knabbern an allen Ecken und Enden. Das Bäumlein hat keine Chance sich zu wehren und wird immer dünner und kleiner. Ganz arm und verlassen und hilflos steht es so da. Schließlich hebt es den Blick und sieht die anderen Bäume rings herum – denen geht es gut. Dort ist viel Leben und viel Freude! Die Vogelfamilien zwitschern und sorgen für Unterhaltung. Die Marienkäfer laben sich an den Blattläusen. Die Bäume rings herum sind stark und kräftig geworden!

Und auch währenddessen gibt es Sonne und Regen und alles und alle werden versorgt.

Da erkennt der junge Baum, dass er nimmt, was er geschenkt bekommt, Nährstoffe, Wasser, Sonnenlicht, aber dass er selbst nichts hergeben will, Schutz für die Vögel zum Beispiel, oder Nahrung für die Käfer.

Er senkt seinen Blick zu Boden, er schämt sich ein wenig und fühlt sich verlassen und verloren. Traurig steht er so eine Weile da und beobachtet von der Ferne das fröhliche Treiben ringsum. Da, auf einmal, hört er sich rufen: „Liebe Tiere des Waldes, hallo Nachbarn! Nichts für ungut, aber ich glaube ich brauche Euch ein wenig, so wie ihr mich! Darf ich euch einladen, zu mir zu Besuch zu kommen? Kommt doch und macht es euch bei mir gemütlich!“ Und etwas leiser fügt es noch hinzu: „Bitte, helft alle mit, ich möchte ein großer und starker, gesunder Baum werden!“

Und während der ganzen Zeit über scheint die Sonne und versorgt alle und alles.

Ängstlich wartet das Bäumchen auf Antwort und freut sich, dass die Käfer, Vögel und Eichhörnchen gar nicht böse zu sein scheinen. Sie kommen tatsächlich und im Nu ist es von den lästigen Blattläusen befreit. Einige Wochen später ist der junge Baum auch schon wieder kräftig und nun zudem auch noch glücklich.

Er beschützt die Vögel mit seinem breiten Blätterdach und die Käfer mit seiner dicken Borkenrinde. Dafür beschützen ihn seine Freunde vor Schädlingen. Und alle zusammen freuen sich über das Geschenk, teilen zu können.

Die Angst des Bäumleins vor Anderen hat sich nach einer Weile in ein großes Vertrauen an das Gute, das in anderen wohnt, verwandelt.

2 DEFINITIONEN UND ANWENDUNG

2.1 Storytelling

Das Storytelling bezeichnet eine Methode, mit der explizites aber vor allem implizites Wissen weitergegeben werden kann. Storytelling / das Geschichten erzählen ist dem Forschungsbereich Narratologie (Erzählforschung) zugeordnet, wird unter anderem auch in der Bildung (pädagogischer Bereich) und im Wissensmanagement (Methode als Modell am MIT [Massachusetts Institute of Technology] entwickelt, und von Kleiner & Roth, 1998 in Deutschland eingeführt) eingesetzt. Im Zusammenhang mit dieser Arbeit geht es konkret um das Erzählen von Geschichten und um aktives Zuhören. Wichtig ist, dass der Zuhörer in die erzählte Geschichte direkt oder indirekt eingebunden wird. Dadurch wird der Inhalt der Geschichte nicht nur "gehört", sondern auch "erlebt". Das hat den Vorteil, dass das zu transportierende Wissen eher verstanden wird und sich zudem verinnerlicht.

Zusätzlich kann Storytelling auch als Methode zur Problemlösung eingesetzt werden.

2.2 Narration

(Erzählung) wird unterschiedlich benützt, sowohl für die großen Epen und Erzählungen aus der Geschichte der Völker, aber auch für die erzählte Geschichte und Lebensgeschichte eines einzelnen Menschen. Narration nennt man auch noch die typische Geschichte (Story) oder ein Erlebnis, das in der Therapiestunde erzählt wird. (Otte, 2005, S 38)

2.3 Narratologie

Die Erzähltheorie oder Erzählforschung ist eine interdisziplinäre Methode der Geisteswissenschaften, Kulturwissenschaften, und Sozialwissenschaften (zum Beispiel das Narrative Interview als qualitative Methode). Ihr Gegenstand ist jede Art des erzählenden Textes, von der erzählenden Literatur (Epik) über Geschichtsschreibung bis hin zu Interviews, Zeitungsartikeln oder Witzen. Andere Formen des Geschichtenerzählens, wie zum Beispiel in der Psychoanalyse methodisch angewandt (nämlich die Analyse der Geschichte, die der Patient/Klient erzählt) werden dem Bereich der Narratologie zugeordnet, sind aber nicht Thema oder Gegenstand der vorliegenden Arbeit.

2.4 Implizites Wissen

bezeichnet das im Verhalten im weiteren Sinne, das heißt in Prozessen des Wahrnehmens, Beurteilens, Erwartens, Denkens, Entscheidens oder Handelns verausgabte, durch das Subjekt und unter Umständen auch den analysierenden Beobachter jedoch nicht, nicht vollständig oder nicht angemessen explizierbare (verbalisierbare, objektivierbare, formalisierbare, technisierbare) Wissen einer Person. (Neuweg 2005).

Der auf Polanyi zurück gehende Ursprungsbegriff verdeutlicht, dass das Interesse nicht Strukturen, sondern Prozessen, nicht primär dem Wissen, vielmehr der „Könnerschaft“ (Neuweg 2001) gilt. Der Blick richtet sich auf Wahrnehmungs-, Entscheidungs- und Handlungsdispositionen und die ihnen entsprechenden Formen der Performanzregulation; erst von dort her wird auf die Beziehung zwischen explizitem Wissen und Können rückgefragt.

2.5 Bildung

Bildung ist ein sprachlich, kulturell und historisch bedingter Begriff. Der moderne dynamische und ganzheitliche Bildungsbegriff steht für den lebensbegleitenden Entwicklungsprozess des Menschen, bei dem er seine geistigen, kulturellen und lebenspraktischen Fähigkeiten und seine personalen und sozialen Kompetenzen (sozial kompetentes Verhalten verknüpft die individuellen Handlungsziele von Personen mit den Einstellungen und Werten einer Gruppe) erweitert. Es kann aber keinen perfekten Menschen geben. Individuelle Anlagen sowie zeitliche, räumliche und soziale Bedingungen setzen der Verwirklichung eines wie auch immer definierten Bildungs-Ideals Grenzen.

Nach Daniel Goeudevert ist Bildung „ein aktiver, komplexer und nie abgeschlossener Prozess in dessen glücklichem Verlauf eine selbstständige und selbsttätige, problemlösungsfähige und lebenstüchtige Persönlichkeit entstehen kann“. Bildung kann daher nicht auf Wissen reduziert werden: Wissen ist nicht das Ziel der Bildung, aber sehr wohl ein Hilfsmittel. Darüber hinaus setzt Bildung Urteilsvermögen, Reflexion und kritische Distanz gegenüber dem Informationsangebot voraus; andernfalls handelt es sich eher um Halbbildung.

Eine alternative Definition findet sich bei Kössler: "Bildung ist der Erwerb eines Systems moralisch erwünschter Einstellungen durch die Vermittlung und Aneignung von Wissen derart, dass Menschen im Bezugssystem ihrer geschichtlich-gesellschaftlichen Welt wählend, wertend und stellungnehmend ihren Standort definieren, Persönlichkeitsprofil bekommen und Lebens- und Handlungsorientierung gewinnen. Man kann stattdessen auch sagen, Bildung bewirke Identität..." (Henning Kössler 1989, S. 56) (aus: www.wikipedia.de, „Bildung“, 09.11.05)

Professor Bittner, der den Lehrstuhl für Pädagogik in Würzburg innehat, definiert sehr logotherapeutisch: „Bildung ist im zentralen Sinn Ich-Werdung, denn alle Bildung muss durch das Nadelöhr der Individualität.“ (Bittner, 2003)

2.6 Logotherapie und Existenzanalyse

„Existenzanalyse“ und „Logotherapie“ sind die Bezeichnung für eine Psychotherapierichtung. Frankl definiert: „Sofern beide – sowohl die Logotherapie, als auch die Existenzanalyse – eine am Geistigen orientierte Psychotherapie darstellen, gliedert sich diese Psychotherapie einerseits in die Logotherapie als Therapie vom Geistigen her und andererseits in die Existenzanalyse als Analyse auf Geistiges hin.“

(Frankl, 1990, S. 271)

2.7 Begriffssystematisierung

Die Begriffe: Patient, Klient, Person, Mensch, Hörer, Leser werden in der vorliegenden Arbeit als Synonyme für Mensch verwendet und haben dieselbe Bedeutung. Weiters verstehen sie sich als gleichgültig für beide Geschlechter.

Die Begriffe:. Märchen, Erzählung, Metapher werden in dieser Arbeit als Synonyme für das Wort Geschichte, also in derselben Wortbedeutung gemeint.

Der Begriff: „Existenzanalyse und Logotherapie“ wird im Inneren der Arbeit häufig in umgedrehter Wortform erwähnt, weil es die üblichere und von Frankl gewählte Wortwahl ist. „Existenzanalyse und Logotherapie“ ist aber die offiziell in Österreich anerkannte psychotherapeutisch-wissenschaftliche Methode.

3 DAS STORYTELLING

3.1 Historischer Rückblick

Warum werden Geschichten erzählt und was ist der Nutzen?

Die Bedeutung der soziokulturellen Funktion des Erzählens:

Die Geschichte des Geschichtenerzählens ist so alt wie die Menschheit selbst. „Geschichten zu erzählen oder erzählt zu bekommen ist ein Basisbedürfnis in allen Kulturen.“ (Otte, 2005, S 38) Das Storytelling beginnt mit den Stammesalten und Schamanen, die das Wissen der Sippe / des Stammes auf diese Art und Weise weitergaben und geht weiter zu den alten Meistern des Ostens. Diese haben Geschichten lange Zeit als Vermittlungsinstrument ihrer Lehren verwendet (Kopp, 1971) um metaphorisch die Bedeutung von Konzepten wie dem der Einheit des Menschen zu erfahren, ohne sie in logischen Denkbegriffen zu erklären. Laotze, Sun Tzu oder der Toameister Chuang Tsu. Die Gleichnisse des Alten und Neuen Testaments, die heiligen Schriften der Kabbala, die Koans des Zen-Buddhismus, die Allegorien der Literatur, die Bilder der Dichtkunst und die Märchen der Geschichtenerzähler – sie alle bedienen sich der Storie.

Im Orient hatte das Geschichten erzählen einen großen sozialen Stellenwert, aber auch bei uns waren die Minnesänger Geschichtenerzähler, die nicht nur Wissen verbreiteten, sondern auch durch ihren Vortrag die Freude und die Zeit des Feierns mit an den Ort ihres Wirkens (Burg, Hof) brachten.

Geschichten werden in der Sprache der Metapher geschrieben und erzählt, enthalten also nicht einfach Daten und Fakten, sondern transportieren auch Gefühle, verdeutlichen den Blickwinkel und die Beurteilung des Geschehenen. Durch (unsere) Geschichten realisiert der Mensch sich selbst und kann erkennen was er sucht oder sich wünscht, also Muster und Glaubenssätze. Gerade weil Geschichten emotional betroffen machen, können sie verändern, weitsichtig machen.

Schon vor Millionen von Jahren gaben sie Geschichten weiter um Wissen zu vermitteln (Bildungsaspekt), Erfahrungen auszutauschen, Geschehnisse zu interpretieren, Freude, aber auch Trauer, Geborgenheit und Zusammengehörigkeit zu erleben.

Geschichten haben das Potential der Neuorientierung und der persönlichen, sozialen wie gesellschaftlichen Weiterentwicklung.

3.2 Erzählschemata

Das Erzählen von Geschichten als menschliches Bedürfnis, folgte in seinen ursprünglichen Formen keinen Richtlinien und theoretischen Vorgaben. Dennoch entwickelten sich dramaturgische, beziehungsweise narrative, Muster im Laufe der Literaturgeschichte. (aus: www.wikipedia.de, „Romanze“, 10.12.05)

3.2.1 Romanze

Die Romanze Ist eine der Ballade verwandte, volksliedhafte und lyrisch-epische Verserzählung. Ihr zugrunde liegt

eine Reise oder eine Serie von Abenteuern, die möglichst phantastisch sind (Odyssee) und

ein Ziel, das der Suche nach einem Schatz, einem Geheimnis oder irgendeinem Objekt der Sehnsucht, der Begierde oder der Erlösung geweiht ist (z.B. ein Pokal wie der heilige Gral, das Paradies, ein verborgener Schatz, die Geheimnisse des Kriminalromans oder eine Jungfrau, die irgendwo gefangen wird und häufig den Schatz bei sich hat). Auch die Utopie ist eine Romanze (bis in die Neuzeit hinein lagen Utopien nicht in der Zukunft, sondern in fernen Gegenden).

Die Stimmung der Romanze ist sommerlich und märchenhaft.

3.2.2 Die Tragödie

Grundmuster:

(nach dem Modell von Aristoteles)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

In ihrer "klassischen" Form beschäftigt sich die Tragödie mit dem Schicksal, Unglück und den letztendlich tragischen (schuldlos schuldig werden) (zum Beispiel wenn zwei Menschen mit einem Flugzeug abstürzen, es aber nur ein Fallschirm gibt und somit klar ist, dass einer der beiden sterben muss) Katastrophen, die Mächtigen, Adligen und Menschen in hohen sozialen Positionen widerfahren. Fehlentscheidungen, Charakterfehler und Hybris (Überheblichkeit) führen dazu, dass die Situation der betroffenen Figuren sich unausweichlich verschlechtert und mit ihrem Tod endet.

Aristoteles schrieb in seiner Poetik der Tragödie geradezu psychologische Wirkungsmacht zu: Die Zuschauer sollten in der Aufführung Mitleid (eleos) für den Helden empfinden und in der Anschauung seines tragischen Schicksals eine Reinigung (Katharsis) von eben diesen Gefühlen erleben. Er definiert das Grundschema der klassischen griechischen Tragödie fest und unterteilt:

Strukturell:

Einleitung: Einführung in Ort, Zeit und Umstände

Erregendes Element, der Punkt, an dem die Dinge in den Fluss geraten, die Handlung beginnt

Konflikt: Steigende Handlung, Entwicklung von Umständen, die für den Helden günstig sind, scheint sich anzubahnen

Höhepunkt: Zuspitzung der Lage, Spannungssteigerung bis zur Entscheidung

Lösung: fallende Handlung, das Verhängnis für den Helden nimmt seinen Lauf, das Moment der letzten Spannung, man glaubt noch an einen guten Ausgang, die Katastrophe, der endgültige Sturz des Helden.

Emotional:

Eleos: wird durch ein geistiges Bild von etwas Bösem oder Verhängnisvollem verursacht, das jemandem zustößt, der es nicht verdient. Wesentlich ist die Nachvollziehbarkeit, die betroffene Person muss als moralisch gut gelten (vgl. Hiltunen 2002, 40-41).

Die Katharsis: kann nur dann hervorgerufen werden, wenn die beiden vorangehenden Gefühlsregungen Mitleid und Furcht stattgefunden haben.

Die Katharsis bildet somit den emotionalen Höhepunkt der Tragödie (vgl. Hiltunen 2002, 46-47). Der Begriff ist in der Poetik nicht definiert. Hiltunen geht von seinem medizinischen Ursprung aus und sieht die Katharsis als physiologische und psychologische Befreiung von Emotionen. (Hiltunen 2002, 46) Der Blick in ein Lexikon bestätigt Hiltunens Interpretation: Ka|thar|sis (...) 1. Läuterung der Seele von Leidenschaften als Wirkung des [antiken] Trauerspiels (Literaturw.). 2. das Sich befreien von seelischen Konflikten u. inneren Spannungen durch eine emotionale Abreaktion (Psychol.) (Scholze-Stubenrecht u.a. 1997, 411) und Furcht (phobos) in der Rhetorik definiert Aristoteles Furcht (phobos) als Antizipation, also als gedankliche Vorwegnahme des Bösen, der Angst und der Unruhe, die durch das geistige Bild einer drohenden Gefahr hervorgerufen wird. Die Furcht entsteht demnach bei Ereignissen, die nicht weit in der Zukunft liegen, sondern unmittelbar bevorstehen. Diese Bedrohung führt zu Furcht, und somit auch zu einem lustvollen Empfinden basierend auf der Hoffnung auf Rettung (vgl. Hiltunen 2002, 39).

Besonders herausheben möchte ich das Moment der „Krise“: Das Schicksal oder die Götter bringen den Akteur in eine unauflösliche Situation, den für die griechische Tragödie typischen Konflikt, welcher den inneren und äußeren Zusammenbruch einer Person zur Folge hat. Es gibt keinen Weg nicht schuldig zu werden. (Wikipedia-online-Lexikon, Stichwort: griechische Tragödie)

3.2.3 Die klassische Komödie

(v.griech.: komodia = Lied der Gemeinen; Gesang bei einem fröhlichen Umzug) Drama oder Handlung mit glücklichem Ausgang, dessen zu Charakteren erstarrten leitenden Figuren sich der Zuschauer charakterlich, intellektuell oder moralisch überlegen fühlt.

Die Zuschauer blicken zu den Figuren auf Bühne oder Leinwand entweder hinauf oder auf sie hinab, empfinden sie entweder als Verkörperung einer Kraft der sie gleichen, oder einer Schwäche, der sie bloß nicht gleichen wollen: die sie deswegen verlachen. Schwankt dieses Gefühl, handelt es sich um eine Tragikomödie. Nicht zufällig geht ihre Entstehung somit geschichtlich mit Zeiten moralischen Verfalls und Niedergangs und somit auch dem Aufkommen intellektueller Opposition zur Gesamtheit einer Kultur einher.

3.2.4 Die Satire

(lat. satira; von satura lanx: „mit Früchten gefüllte Schale“, im übertragenen Sinne: „bunt gemischtes Allerlei“; früher fälschlich auf Satyr zurückgeführt, daher die ältere Schreibweise Satyra) ist eine Spottdichtung, die mangelhafte Tugend oder gesellschaftliche Missstände anklagt. Historische Bezeichnungen sind im Deutschen auch Spottschrift, Stachelschrift und Pasquill (gegen Personen gerichtete Satire).

(aus: www.wikipedia.de, „satire“, 10.12.05)

3.3 Literaturgattungen

Epische und sprachliche Gestaltungsgrundlagen der Geschichten, die sich für das Schreiben einer (therapeutischen) Geschichte eignen und sich als literarisches Modell anbieten sind:

Märchen, Mythos, Sage, Legende, Schwank, Anekdote, Erzählung, und Kurzgeschichte. Sehr gut eigenständig zu erzählen beziehungsweise in eine Geschichte einzuarbeiten sind das Gleichnis, die Parabel, Rätsel, Fabel, Witz, Sprichwort, Symbol- und Bildsprache wie Metapher, Vergleich, Hyperbel, Wiederholung, Häufung , Dialog, und der Brief.

Je nach Absicht/Kriterien/Ziel/Auftrag wählt der Erzähler/Autor ein literarisches Modell und ein episches Grundmuster.

Für das Schreiben von Geschichten, insbesondere von therapeutischen Geschichten hat das Märchen einen Hauptstellenwert. Darin kommen Metaphern und Symbole als Sprachelemente vor, aber eine Geschichte kann auch in ihrer Gesamtheit eine Metapher sein und Symbolcharakter haben. Diese Begriffe möchte ich nun exemplarisch näher ausführen:

3.3.1 Das Märchen

Es handelt sich beim Märchen um meist relativ kurze Erzählungen mit ausgeprägten surrealen und wunderbaren Elementen. Bei Volksmärchen lässt sich kein bestimmter Urheber feststellen. Sie wurden zunächst über teilweise große Zeiträume hinweg mündlich überliefert, weswegen sie in zahlreichen Varianten aufzutauchen pflegen. Irgendwann wurden sie dann „gesammelt“ und schriftlich festgehalten. Bei den so genannten Kunstmärchen handelt es sich indes um bewusste Schöpfungen von Dichtern und Schriftstellern. Bisweilen greifen sie Motive der Volksmärchentradition auf, meist werden aber neuartige fantastische Wundergeschichten erfunden, die mit dem Volksmärchen aber dennoch durch den Aspekt des Wunderbaren oder Unwirklichen verbunden bleiben. Im weitesten Sinne zu den Kunstmärchen können auch die in neuerer Zeit entstandenen Fantasy-Geschichten gerechnet werden (aus: www.wikipedia.de, „Märchen“, 10.12.05). Das Märchen setzt (un/bewusst) dramaturgische Ansätze der Identifikation ein, um eine Meta-Information zu transportieren. Einzel-, Symbol- und Detaildeutungen sollen bei der Gattung Märchen vermieden werden, da einzelne Bearbeiter Märchen das Kleid der Zeit überwerfen. Der Kern, die Aussage, bleibt aber unangetastet. (Lüthi 1998, 23)

3.3.2 Die Fabel

ist eine kurze Geschichte, meist mit Tieren als Protagonisten und einer Moral, die aus eben dieser kurzen Geschichte hervorgeht.

In der Theorie wird zwischen der rhetorischen und der belehrenden Fabel unterschieden. Die rhetorische Fabel ist einem konkreten Streitfall zugeordnet. Die belehrende Fabel dient dabei nicht unmittelbar zur Durchleuchtung eines konkreten Problems, sondern zur Vermittlung einer allgemeinen Lebensweisheit, die langfristig Entscheidungen beeinflussen soll. Diese Allgemeinheit hat die belehrende Fabel mit dem Märchen gemein. Die Dramaturgie der Fabel besteht weniger in der Geschichte selbst, als vielmehr in dem Moment, in dem die Verbindung zwischen dem Erzählten und der Moral hergestellt wird. Dieser Moment der intellektuellen Befreiung von Emotionen, wie Neugierde und Spannung, kann nach aristotelischen Überlegungen als Katharsis betrachtet werden (Coenen 2000, 8-9). Einerseits ist sie in eine Geschichte und die dazugehörige Moral unterteilt, andererseits beschreibt die Fabel zwar einen Einzelfall, dieser ist aber gleichzeitig eine transparente und mehrdeutige Allegorie (Coenen 2000, 12-13).

3.3.3 Metapher

Auf der Suche nach der präzisen Definition für diesen Begriff, bin ich auf unterschiedliche Bedeutungen des Wortes „Metapher“ gestoßen. Ergo dessen gibt es unterschiedliche Begriffsdefinitionen innerhalb der Psychotherapie. Im Zusammenhang mit den Inhalten der vorliegenden Arbeit verstehe ich unter dem Begriff „Metapher“ Folgendes:

Der Begriff: Die Metapher wird als, „.bildliche Übertragung, besonders eines konkreten Begriffs auf einen Abstrakten, aufgrund eines Vergleichs" (Duden ³1974, S 460) definiert. Das „Bildliche" ist also die Besonderheit der Metapher, deren Wortstamm ,,pher" auf das griechische Verb pherein (,,tragen") zurückzuführen ist, während die Vorsilbe ,,meta" den Sinn der Umwandlung, des Wechsels in sich trägt (Duden ³1974, S.459). Somit wird die Metapher zum Träger einer Umwandlung, eben eines Bildes. Metaphern sind unabdingbarer Teil unserer Kommunikation, sie werden nicht nur ausschmückend und rhetorisch benutzt. Metaphern können in pointierter Form die im Hintergrund liegende Auffassung über einen Sachverhalt zum Ausdruck bringen (Kruse 2000, S 23). Sprach- und verständnistheoretisch reduzieren sie Komplexität der Kommunikation und helfen so zu verstehen, wie etwas für den Betrachter funktioniert, wie er es erlebt. Durch Metaphern werden Erscheinungen, die sonst unbegreiflich wären, durch bekannte Strukturen und Begriffe verständlich gemacht. Dabei visualisieren Metaphern komplexe Vorstellungen durch Rückgriff auf alltägliche Bilder und können so einem unvertrauten Erfahrungsbereich neue Klarheit und greifbare Gestalt geben (Krippendorff, 1994, S 80).

Therapeutischer Nutzen: Gerade diese Eigenschaft der Metapher, dass die zu Grunde liegenden Voraussetzungen ausgeblendet werden, ist auch ihr Vorteil. Denn durch diese erhebliche Reduktion von Komplexität ist es möglich, pointiert und knapp komplexe Sachverhalte oder zumindest die Sichtweise von ihnen auszudrücken. Bedingung für diese Nutzung ist natürlich das Bewusstsein, dass Metaphern nie genau „das“ abbilden, wofür sie „nur“ stehen. So bleibt letzten Endes die intersubjektive Nachvollziehbarkeit erhalten (jeder Mensch ist einzigartig) und es ist die Kunst des Therapeuten mit diesem Faktum seinen Klienten in Form einer Geschichte, die eben in diese subjektiven Wirklichkeiten auf eindringt, erarbeitet, verarbeitet und deren Entwicklung fördert indem sie diese „evoziert“. Dabei bleiben die Würde und der geistige Freiraum (zwei Grundannahmen der Logotherapie) des Menschen respektvoll erhalten. Die Tatsache, dass ein unergründbarerer Rest bleibt, macht die Metapher (Bildsprache + Mythos) zu einer symbolischen Sprache.

Auch Birkenbihl geht auf die Metaphern näher ein, definiert sie als Übertragung einer Bedeutung und Redeschmuck (vgl. Birkenbihl 2001, 22-23), und schreibt ihnen eine didaktisch wertvolle und gehirngerechte Eigenschaft zu (Birkenbihl 2001, S 25). So transportiert beispielsweise die Metapher der „eiserne Vorhang“ weit mehr als die Summe der semantischen Einzelinhalte der Worte „eisern“ und „Vorhang“. Jede Metapher stellt eine Mini-Story dar. Birkenbihl stellt diese Erkenntnis der analytisch-faktischen Informationsaufnahme gegenüber und kommt zu dem Schluss, dass nackte Daten, Fakten, Informationen (...) von unserem Hirn weder begriffen noch verarbeitet und genutzt werden können, denn, erst wenn wir Wissen angeboten bekommen, das für uns autobiografisch Sinn macht, können wir die Info (...) begreifen und uns(...) merken. (Birkenbihl 2001, S 26). Frau Otte definiert die Metapher als eine Sprache für vorbewusstes Beziehungswissen. „Es sind Bilder mit denen wir, oftmals ohne uns dessen bewusst zu sein, versuchen, Gefühle oder Vorstellungen auszudrücken, die sachlich/logisch nicht ausgedrückt werden können. (….) Metaphern, die ein Mensch spontan gebraucht, sind eine wunderbare Möglichkeit Rollen und Narrationen zu erkennen (Otte, 2005, S 42).

3.3.4 Das Symbol

Was bedeutet der Begriff „Symbol“: „Symbolos“ (griechisch) heißt: zusammenfassen. Das Symbol fasst in einem Zeichen (Bild) alle damit verbundenen Vorstellungen zusammen. In einem Symbol drückt sich also ein ganzer Ideen- und Gefühlskomplex aus. Somit hat jedes Symbol und jede symbolhafte Handlung eine allgemeine und eine persönliche Bedeutung. Zum Beispiel: Ein Mann schenkt einer Frau rote Rosen. C.G. Jung schreibt den Symbolen zusätzlich zum bewussten, einen weitgehend unbewussten Aspekt zu, der niemals definiert und restlos aufgeklärt werden kann. Je älter und ursprünglicher das Symbol, so Jung, desto vielgestaltiger und unklarer die dahinter liegende Bedeutung, verschlüsselt und verborgen. Alles Verborgene macht neugierig, will enträtselt werden. (Röggla, 2005)

3.4 Die Prozedur der Narration

Das Geschichten erzählen, die Narration, beschreibt im Kern eine Prozedur, wie Menschen in Beziehung zu sich selbst, zu anderen und zu ihrer Umwelt stehen und treten, zeigen Seins-Weisen, Selbstbilder, „Wer- oder wie bin ich?“ In Geschichten und in ihren Deutungen kann man sich erkennen, sich identifizieren oder distanzieren, auf alle Fälle mit sich über eine Gefühlserfahrung in Kontakt treten, und sich erkennen, Zugang zum Identitätsgefühl erlangen.

Im Kapitel Begriffssystematisierung habe ich den Begriff „implizites Wissen“ des impliziten Gedächtnisses definiert, nun stelle ich das implizite Gedächtnis dem expliziten Gedächtnis gegenüber.

Das implizite Gedächtnis, auch emotionales oder prozedurales Gedächtnis genannt (Otte, 2005, S 28), das den größten Teil unseres leib-seelischen Wissens speichert, bleibt zum großen Teil unbewusst, kann aber durch Selbstwahrnehmung oder Reaktionen anderer oder durch therapeutische Aktionen bewusst gemacht werden und damit bearbeitbar, veränderbar. Diese Inhalte (zum Beispiel zunächst unbewusstes Vermeidungsverhalten, das der Bewältigung von Angst dient) werden dann, wenn bewusst, in Worte und Bilder, zum Beispiel Metaphern oder Symbole transferiert und können in der Folge vom expliziten Gedächtnis als Erlebnis oder Geschichte abgespeichert werden.

Das explizite Gedächtnis teilt man ein in

einerseits das semantische (Wissens-) Gedächtnis (wie Menschen, Orte, Fakten, Objekte) und

andererseits das narrative (episodische, autobiographische) Gedächtnis für Ereignisse. Es funktioniert bewusst und seine Inhalte sind abrufbar. Somit gehen kognitiven und emotionalen Prozessen immer unbewusste Prozesse voraus (Roth, 2003).

Neue Untersuchungen der Hirnforschung belegen, dass diese Gedächtnisstrukturen (implizit und explizit) beständig zusammenarbeiten, vernetzt sind, aber stets durch neue, andere Erfahrungen veränderbar sind, die der Mensch macht. Erfolgreiche Psychotherapien verändern diese Strukturen nachweisbar. (Grawe, 2004, Roth, 2003)

Otte erwähnt, dass die komplexen sozialen Prozeduren allerdings semantisch (mittels Erklärungen) schwer erreichbar sind, narrativ (durch Geschichten) „schon etwas besser“ (Otte, 2005, S 31), denn das explizite narrative (episodische) Gedächtnis umfasst das personenbezogene Wissen und ist der ordnende Speicher für unsere Geschichte und Geschichten. Hier tragen wir Erlebnisse zu Lebensgeschichten zusammen und erzählen sie uns und anderen. (Welzer, 2001). Dem Therapeuten zeigen sie die dahinter liegenden Grund- und Beziehungsstrukturen, die dann „aktualisiert“ die Symptomatik (Mega-Prozedur, Otte, 2005) der Jetztsituation erklären.

4 DIE THERAPEUTISCHE GESCHICHTE

4.1 Definition und Anwendung

Definition: Therapie [griechisch] die, alle der Beseitigung oder Linderung von Gesundheitsstörungen und Krankheitszuständen dienenden medizinischen Maßnahmen ...(www.brockhaus.de)

Definition: Der Begriff Geschichte meint in diesem Werk die Verwendung eines epischen Modells mit besonderen Elementen als eine therapeutische, gesundheitsfördernde Maßnahme für den Leser/Hörer.

Schulen verschiedener therapeutischer Richtungen (wie zum Beispiel Hypnosetherapie, Verhaltenstherapie, Familientherapie, Narrative Therapie, Daseinsanalyse) haben das Geschichten schreiben und erzählen, also das „Storytelling“ für sich entdeckt und spezielle Modelle für das Schreiben einer therapeutischen Geschichte entwickelt. Diese sind zum Teil so individuell, wie die Arbeitsweise eines Psychotherapeuten eben ist. Gleichzeitig verfolgen sie gemeinsame Ziele. Auch sind ideologische Gemeinsamkeiten aufgrund von ähnlich formulierten Kernlehrinhalten vorhanden. So gelten auch die folgenden Ausführungen zum Teil für die logotherapeutische Geschichte, auf die ich aber im nächsten Kapitel detailliert eingehe.

Daneben wird in der Narratologie, der Erzählforschung, die sich als übergeordneter Gesamtbereich versteht, Grundlagenforschung betrieben, die schulenunabhängig als Wissen zur Verfügung steht.

4.2 Entstehung und Entwicklungsgeschichte

Carl Gustav Jung (1957) sieht die Geschichte/Metapher als ein Wort-Bild, welches in dem Moment zum Symbol wird, wenn es mehr als seine offensichtliche und unmittelbare Bedeutung enthält und es dadurch einen unbewussten Aspekt (metaphorische Urbilder, Archetypen) erfährt, der nie genau definiert werden kann.

Sheldon Kopp (Kopp S. 1971) spricht ähnlich wie Jung vom Symbolcharakter und von der Geschichte/Metapher als Kommunikationsmittel und spricht in dem Zusammenhang von der Bedeutungsvielfalt die sich durch die Geschichte eröffnet, wie sie auch Milton Erickson (1978) therapeutisch nutzt.

Nach Julian Jaynes (1976) Auffassung kann die Metapher/Geschichte sogar neue Bewusstseinsmuster hervorbringen.

Ernest Rossi untersucht die Arbeit von M. Erickson und verbindet diese mit neuen Erkenntnissen aus der Hirnforschung und erkennt, dass die Metapher/Geschichte direkt in der rechten Hemisphäre wirkt, also dort, wo die metaphorische Sprache und die psychosomatische Symptomatologie vermutet werden.

Richard Bandler und John Grindler (1975) ersetzen offiziell die Worte Geschichte, Erzählung, Märchen durch das Wort Metapher und definieren diese metaphorische Sprache als eine ursprüngliche Erfahrung, „die durch Prozesse der rechten Gehirnhälfte vermittelt wird, wodurch sich unbewusste Assoziationsmuster summieren und dem Bewusstsein eine neue Reaktion anbieten durch einen Prozess der Suche nach Querverbindungen.“ (Mills, Crowley, 1998, S 41) Neue Untersuchungen von R. Nebes (1977) deuten darauf hin, dass beide Hirnhälften bei der Sprachbildung synergetisch zusammen wirken.

R. Ornstein (1978) konnte in zwei unabhängigen Studien zeigen, dass die linke Hemisphäre zwar notwendig ist um die Abfolge des gedruckten Wortes zu dekodieren, die Beteiligung der rechten Hemisphäre aber zur Entwicklung der Bildvorstellungen und zur Verarbeitung der Metapher notwendig ist, um die Bedeutung der Geschichte heraus zu finden. K. Pelletier entwickelt aus den ihm vorliegenden Erkenntnissen das Konzept der Bedeutungsänderung bei der Verarbeitung in der rechten Gehirnhälfte und stimmt mit S. Kopp (s. oben) überein, was dieser als die vielfältigen Bedeutungen der Metapher bezeichnet hat, die „ alle nebeneinander stehen können, und was Erickson und Rossi die Zwei-Ebenen-Theorie der Kommunikation nannten.“ (Mills, Crowley, 1998, S 45) Die Annahmen der Forschungsanfänge scheinen somit bestätigt, nämlich dass es die Funktionsweise der rechten Hirnhälfte ist, bildhaft, umfassend, Kontext gebunden und veränderlich zu sein. Nun entsteht die Metapher aber ihrer Definition nach aus einer Verflechtung bildhafter Vorstellungen und Andeutungen, deren Botschaft man nur ausgehend vom Kontext und von wechselnden Bedeutungen erschließen kann.

K. Pelletier ist sich sicher, dass bald Forschungsergebnisse vorliegen, die bestätigen, dass die Metapher/Geschichte die Sprache der rechten Gehirnhälfte ist. Das wird dann die Grundlage für den therapeutischen Nutzen der Wirksamkeit metaphorischer Kommunikation bereitstellen.

Das Element: „ gemeinsame phänomenologische Wirklichkeit“

E. Rossi z.B. (1972/1985) meint, dass es möglicherweise die wichtigste Funktion/Element der therapeutischen Geschichte ist, eine „ gemeinsame phänomenologische Wirklichkeit“ herzustellen, in der die durch die Geschichte/Metapher des Therapeuten geschaffene Welt vom Patienten erfahren wird. Nach Rossi erzeugt dieses „gewollte Element“, die gemeinsame phänomenologische Wirklichkeit eine dreifache empathische Beziehung zwischen dem Patienten, dem Therapeuten und der Geschichte.

J. Mills und R. Crowley, zwei Forscher aus Kalifornien (vgl. Mills, Crowley, 1998, S. 108), entwickeln diese These weiter und fragen sich wie man diese gemeinsame phänomenologische Wirklichkeit erzeugt, durch welche die therapeutische Geschichte ihre Wirkung erreicht.

Sie erweitern das Grundmodell der klassischen Geschichte um das Sammeln von spezifischen Informationen (positive Erfahrungen die die innerer Welt der Ressourcen zeigen wie Hobbies, Filme, Zeichentrickfiguren, Freunde, Tiere, Ereignisse, Erinnerungen …) und unspezifischen Informationen (Aspekte des sensorischen und sprachlichen Systems, also die verbalen und nonverbalen sensorischen Beschreibungen „wie“ wir uns mitteilen und greifen auf Erkenntnisse der Forscher R. Bandler und R. Grinder (Bendler, Ginder, 1975) zu, die sensorische Sprache einer Person zur bewussten, verbalen Präsentation des inneren neurologischen Prozesses in der Kommunikation, untersuchten) die dann in der individuellen Geschichte für den konkreten Patienten/Familie als Hintergrundstruktur der Geschichte für Szenen, Beschäftigungen und Geschehnisse als vertraute Elemente bzw. Strukturelement genutzt werden.

Mills und Crowley, entwickeln ein Modell eines neuen schulenübergreifenden Konzeptes einer therapeutischen Geschichte. Sie stellen ein Modell für das therapeutische Schreiben von Geschichten vor, das sie, in Erweiterung der Zwei-Ebenen-Kommunikation von Milton Erickson (1978), die sie die

„Drei-Ebenen-Kommunikation“ nennen. Als erste Kommunikationsebene beschäftigt der Verlauf der Geschichte durch eine interessante Handlung den bewussten Geist des Lesers/Hörers. Die Darstellung eines metaphorischen Konflikts soll dem Konflikt des Patienten gleichen, die Personifizierung unbewusster Prozesse mit Hilfe verschiedener Charaktere gelingen, die Integration paralleler erprobter Lernsituationen eingeflochten sein, und die Darstellung einer metaphorischen Krise, die als Wendepunkt zur Lösung dient, darf nicht fehlen, weil sie zur Entwicklung eines neuen Identitätsgefühls dient und als Höhepunkt gibt es eine Feier. Die zweite Kommunikationsebene sieht eingestreute Suggestionen vor. Diese werden auf einer unbewussten Ebene als bedeutungsvoll eingestuft und gehört und entspringen der Lehre von M. Erickson. (Erickson, 1966/1980, S. 262-263). Während des Geschichteerzählens werden die eingestreuten therapeutischen Suggestionen durch die Dynamik und Modulation der Stimme hervorgehoben und unterstrichen. Die dritte Kommunikationsebene meint das Verweben. Dieses läuft ab, während sich die Geschichte entfaltet. Mills und Crowley meinen, dass durch den konsequenten Gebrauch einer an Sinnesreizen reichen Sprache, ein simultaner Prozess sensorischer Verwebung statt findet mit dem Ziel, einerseits das sensorische Funktionieren und das Gleichgewicht herzustellen und zu integrieren, andererseits solcherart Blockaden zu öffnen beziehungsweise aufzulösen. Am Ende geben Mills und Crowley den Tipp, dass die Geschichte, die erzählt wird, mit einer Aktivität die der Klient im täglichen Leben wirklich tun kann, verknüpft werden soll, um die therapeutische Botschaft durch eine tatsächliche physische Erfahrung zu ankern. Dies nennen sie eine „lebendige Metapher“. (Mills, Crowley, 1998, S. 172)

[...]

Ende der Leseprobe aus 119 Seiten

Details

Titel
Storytelling als Interventionstechnik in der Logotherapie und Existenzanalyse
Hochschule
Sigmund Freud Privatuniversität Wien  (Psychotherapiewissenschaft)
Note
Ausgezeichnet
Autor
Jahr
2006
Seiten
119
Katalognummer
V67220
ISBN (eBook)
9783638585439
ISBN (Buch)
9783638727235
Dateigröße
1177 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Storytelling, Interventionstechnik, Logotherapie, Existenzanalyse
Arbeit zitieren
Magistra Beate Pottmann-Knapp (Autor), 2006, Storytelling als Interventionstechnik in der Logotherapie und Existenzanalyse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/67220

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Storytelling als Interventionstechnik in der Logotherapie und Existenzanalyse


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden