Margaret Mead und Derek Freeman, Ethnologische Autoritäten in der Krise


Seminararbeit, 1998

28 Seiten, Note: sehr gut


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Biographisches und wissenschaftliches Umfeld Margaret Meads
2.1 Eine kurze Biographie
2.2 Die politische Situation
2.3 Die wissenschaftlich - theoretische Situation

3 Meads eigene wissenschaftliche Arbeit
3.1 “Jugend und Sexualität in primitiven Gesellschaften”
3.2 Einige wichtige Thesen Meads

4 Derek Freeman - ein Kritiker
4.1 “Liebe ohne Aggression”
4.2 Rezensionen

5 Zusammenfassung

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Margaret Mead wird in der Literatur oft als eine Wissenschaftlerin beschrieben, deren Arbeit wegweisend für Ethnologen und Soziologen nicht nur der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts war. Durch die Bedeutung, die ihrer Forschung zugemessen wurde und wird, erhält auch sie selbst etwas wie einen Glorienschein, der jede Art von Kritik zu Blasphemie erklärt.

Der Mythos “Margaret Mead” wurde 1983 von Derek Freeman als einem der ersten öffentlich in seinem Buch “Liebe ohne Aggression” in Frage gestellt.

In meiner Arbeit werde ich im ersten Kapitel Meads persönliche und wissenschaftliche Umfeld skizzieren, um damit ihre Glorifizierung als Wissenschaftlerin wenigstens teilweise zu erklären.

Im zweiten Kapitel lege ich einige der wichtigsten Thesen Meads dar, auf die sich auch Derek Freeman bezog.

Anschließend stelle ich das bereits genannte Werk “Liebe ohne Aggression” vor. Die Wirkung und die Reaktionen darauf untersuche ich anhand von Rezensionen.

Leider kann ich persönlich kein Urteil abgeben, wieweit Freemans Kritik nun gerechtfertigt ist, da ich selber viel zu wenig über die untersuchte Region Samoa weiß. Deshalb beschränke ich mich auf die Beschreibung und den Vergleich beider Forschungen. Wichtig ist mir die Wirkung beider Arbeiten in der Öffentlichkeit, da sie den Grad an Mystifizierung M.Meads verdeutlichen.

Die genannten Rezensionen fand ich zufällig durch Hinweise in anderen Artikeln. Ich suchte bewußt eine Freeman bejahende und eine ablehnende aus, da in dieser Arbeit der Platz fehlt, sich mit mehr differenzierten Positionen zu befassen.

Zitate aus englischsprachigen Texten habe ich nicht übersetzt, um eine möglichst hohe Genauigkeit zu gewährleisten.

2 Biographisches und wissenschaftliches Umfeld Margaret Meads

2.1 Eine kurze Biographie

Margaret Mead wurde am 16.11.1901 als Älteste von fünf Kinder in Philadelphia geboren. Sie entstammte einer Akademikerfamilie: Ihre Mutter hatte Soziologie studiert, der Vater lehrte an der Universität als Professor für Finanzwissenschaften. In ihrer Autobiographie “Brombeerblüten im Winter” beschreibt sie die Atmosphäre im Elternhaus u.a. so: “Da ich in einer akademisch geprägten Umgebung aufwuchs, hörte ich immer wieder Gespräche über Universitätspolitik und Finanzen, über Tricks und Schliche, die sich ehrgeizige Männer ausdachten, und über solche, die sich einen Namen machten, indem sie die Werke anderer zitierten oder beinahe zitierten, ohne Quellen anzugeben. Da ich mit Universitätspolitik und akademischen Auseinandersetzungen aufwuchs, bekam ich schon sehr früh ein Gefühl dafür, wie sich das akademische Leben abspielte.”[1]

Zusammen mit ihren Geschwistern wurde sie von der Großmutter väterlicherseits unterrichtet, die ihr beibrachte, “gleichzeitig induktiv und deduktiv zu lernen”.[2]

Ab 1919 studierte sie am College, wo sie sich erst im letzten Jahr, 1922, dazu entschloß, Ethnologie bei Franz Boas zu studieren. Ruth Benedict war zu dieser Zeit Boas’ Assistentin. “Franz Boas, der neben Benedict entscheidenden Einfluß auf Mead haben sollte, wurde schon damals, in den 20er Jahren, als der Vater der amerikanischen Anthropologie angesehen. (...) Was immer Mead in späteren Jahren tat, war von der Boas-Schule geprägt, das heißt von dem Gedanken, daß jedes kulturelle Phänomen, jede menschliche Verhaltensweise, jedes kulturelle Zeugnis (...) als Teil eines gesamten kulturellen Systems zu sehen und in Bezug zu allen anderen Phänomen der jeweiligen Kultur zu setzen sei.”[3]

Im Sommer 1925 reiste sie zu ihrer ersten 9-monatigen Feldforschung, die einen Kompromiß zwischen ihren eigenen und Boas’ Wünschen darstellte: Sie wollte “ihr Volk” in der Südsee, in Polynesien finden, Boas dagegen wünschte eine Studie bei amerikanischen Indianern, ob Adoleszenzverhalten biologisch determiniert oder kulturell veränderlich ist. 1928 veröffentlichte sie die Ergebnisse ihrer Forschung unter dem Titel Coming of Age in Samoa (dt. Kindheit und Jugend in Samoa). Diese Arbeit wurde ein Bestseller, Freeman bezeichnet sie für den Anfang der 60er Jahre als das “meistgelesene anthropologische Werk überhaupt”. Seiner Meinung nach wurde das Buch nicht nur von Fachleuten, wie z.B. Boas, Benedict, Evans-Pritchard, Lowie, Malinowski und Sapir, sondern auch von Vertretern anderer Wissenschaften (Psychologie, Sexualwissenschaft, Philosophie) begeistert aufgenommen und kaum hinterfragt.[4]

1930 erschien der Bericht ihrer zweiten Forschung Growing up in New Guinea. Ihr Thema war dabei die Beschreibung des typischen Verhaltens von Manus-Kindern, die Erforschung ihres Denkens und der Vergleich mit dem Denken westlicher Kinder. Auch ihre weiteren Forschungen führten sie meist in den Pazifik. So entstand z.B. auch Sex and Temperament in Three Primitive Societies in Zusammenarbeit mit ihrem damaligen Ehemann Reo Fortune 1935. Hier untersuchte sie die These, daß männliche und weibliche Eigenschaften in verschiedenen Kulturen verschieden definiert werden. In ihrer dritten Forschungsperiode 1936 - 1939 arbeitete sie mit Gregory Bateson in Bali und Neu Guinea. Die in dieser Zeit entstandenen Fotos und Filme zur Dokumentation von Verhaltensabläufen und -mustern gelten auch heute noch als Klassiker der Visuellen Anthropologie.

Nach Veröffentlichung der Ergebnisse in Balinese Character: A Photographic Analysis 1942 endete ihre intensive Feldphase, und Mead wandte sich der angewandten Forschung zu. Dazu gehörte für sie u.a. die Erforschung kulturell bedingter Ernährungsgewohnheiten und “Studien über den nationalen Charakter der kriegsführenden Nationen (...), wobei sie auch hier wieder neue methodische Ansätze entwickelte”, z.B. die Erfassung von Kulturen aufgrund von Sekundärmaterial und Personenbefragung.[5]

“Stand zu Beginn von Meads Laufbahn das Studium von Kulturen, die bald durch den Einfluß der westlichen Zivilisation ihre Eigenart verändern oder verlieren würden, mit aller Dringlichkeit im Vordergrund, so sah Mead später (mindestens seit dem Bombenabwurf über Hiroshima und Nagasaki - Anmerkung d. A.) als einen wichtigen Beitrag der Ethnologie die Beschäftigung mit dem kulturellen Wandel und die Anwendung der ethnologischen Forschung im Hinblick auf das Überleben des Menschen.”[6]

Seit 1926 war Margaret Mead im American Museum of Natural History New York beschäftigt, diese Stelle behielt sie bis zu ihrem Tod, wobei die Zeit zwischen 1953 und 1978 die intensivste Museumsarbeit beinhaltete. In dieser Periode wurde Mead mehr und mehr zu einer öffentlichen Figur, vor allem durch Lehrtätigkeit an verschiedenen in- und ausländischen Universitäten, Auftritte in Radio, Fernsehen und der Presse als Repräsentantin der Anthropologie.[7]

Wahrscheinlich begründete auch ihre häufige Präsenz und ihre Kommentare zu Fragen des alltäglichen Lebens ihren Ruf, den Prof. Dr. Irenäus Eibl-Eibesfeldt abwertend mit “Guru für alle brennenden Lebensfragen”[8] bezeichnet. Zanolli schreibt zum gleichen Thema, daß Mead 16 Jahre lang für eine Frauenzeitschrift an einer monatlichen Kolumne mitschrieb, “in der sie sich zu einer Fülle von Themen äußerte und diese meisterhaft aus ihrem Erfahrungsbereich kommentierte. Sie behandelte Themen wie Kinder, Erziehung, Jugend, kulturelle Prägung, Sex und Ehe, die Stellung von Frauen in der Gesellschaft, die Zukunft der Familie, Rasse und ethnische Minoritäten, Religion und Ethik, Alter und Tod, Wissenschaft und Technik, Überbevölkerung, Hunger, internationale Beziehungen und Frieden.”[9] (Hervorhebung d.A.)

Ich denke, schon an diesen beiden Aussagen wird sichtbar, wie stark die Meinungen über Margaret Mead differieren. Genau diese Extreme werde ich im 3. und 4. Kapitel versuchen darzustellen.

2.2 Die politische Situation

Um Margaret Meads theoretische Ansätze und ihre Forschungsergebnisse zu verstehen, ist es wichtig, sich erst einmal die politische und wissenschaftliche Atmosphäre vertraut zu machen, in der sie studierte und arbeitete.

Als sie 1919 mit dem Studium begann, war in Europa der Erste Weltkrieg gerade seit einem Jahr beendet, der trotz der Isolation Amerikas vom Kriegsschauplatz nicht ohne Wirkung auf die Politik und das Alltagsleben in den USA blieb. U.a. auch durch deutsche Angriffe auf amerikanische U-Boote wurde die öffentliche Meinung im Land immer mehr für die eigene Kriegsbeteiligung eingenommen. Im April 1917 erklärten die USA dann den Mittelmächten (Deutschland, Österreich-Ungarn, später auch Türkei und Bulgarien) den Krieg, der nach innen deklariert wurde als ein Krieg, der den Krieg für alle Zeiten beenden sollte, und den Weg bereiten sollte für die Demokratie in der Welt.

Mit den Siegen der Roten Armee über russische Weißgardisten breitete sich in den Jahren 1919 und 1920 in den USA die “Rote Panik” aus. Durch die entstehende Massenhysterie wurden verschiedene gesellschaftliche Strömungen verstärkt. Während des Krieges erlebte nicht nur der Nationalismus einen Aufschwung, sondern auch der Nativismus: ein extremer Fremdenhaß, der gleichermaßen “Fremde”, fremde Sitten und fremde Institutionen traf. Gleichzeitig aber hatten Polizeimaßnahmen und die Hinrichtung Saccos und Vanzettis in verschiedenen Bevölkerungsschichten heftigen Protest hervorgerufen. So erschien ein altes Problem wieder auf der innenpolitischen Tagesordnung: das Gleichgewicht zwischen den Sicherheitsbefugnissen des Staates und der Redefreiheit des Einzelnen.

Im Bereich der Wissenschaft ging es um ebenso Grundsätzliches: die Frage, ob die Natur oder die Kultur das Wesen des Menschen bestimmt.

Die Gründung der Sowjetunion 1922 bot auch in Bereichen der Wissenschaft Anlaß zu neuen Theorien, die unter anderem in der Anlage-Umwelt-Debatte zwischen Evolutionisten und Eugenikern einerseits und den späteren Kulturdeterministen andererseits wirkten. Dazu aber im nächsten Abschnitt.

2.3 Die wissenschaftlich - theoretische Situation

Derek Freeman gibt im ersten großen Kapitel einen Überblick über die Entstehung der gegensätzlichen Theorien, den biologischen Determinismus und Kulturdeterminismus. Bei der Lektüre verschiedener Rezensionen stellte sich heraus, daß Freeman einige Aspekte der Entwicklung und Bedeutung der Debatten ausgelassen hat. Auf diese gehe ich im Kapitel 4.2 ein. Wichtig ist, daß ich hier lediglich die Aussagen Freemans zusammenfasse. Daraus ergibt sich ein bestimmtes Bild, das eine Argumentationsgrundlage Freemans bildet.

1859 veröffentlichte Charles Darwin “Die Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl”. Infolge dessen “wurden die verschiedenen Ausprägungen menschlicher Kultur nicht mehr als gesellschaftlich tradierte Informationssysteme begriffen.”[10] Die Unterschiede zwischen Gesellschaftsformen und Kulturen wurden jetzt zurückgeführt auf die Vererbung erworbener Eigenschaften im Lauf der historischen Auseinanderentwicklung.

Ab 1860 postulierte Francis Galton die Vererbbarkeit geistiger und körperlicher Eigenschaften. Aus diesem Prinzip gingen “eine Anzahl verwandter Lehren” hervor, die “in nachhaltiger Weise die noch junge Wissenschaft der Anthropologie (prägten) (...) Da Galton der erste Evolutionist war, der das Prinzip natürlicher Auslese auf naive und vergröbernde Weise auf menschliche Rassen und Kulturen anwendete, können wir uns Osborn anschließen, der die rassistische Deutung der Menschheitsgeschichte bis zu ihm zurückverfolgt. Ungefähr ab 1916 war diese Geschichtsauffassung, gegen die sich Franz Boas und andere Anthropologen so entschieden auflehnten, bei Eugenikern und anderen sehr populär.”[11]

Zum Glauben an angeborene kulturelle Unterschiede und deren Vererbung gehörte auch die Anschauung, daß “sich Anlage immer gegen Umwelt durchsetzt”. Darin bedeutet Anlage alles, “was der Mensch mitbringt, wenn er auf die Welt kommt. Umwelt - das sind alle Einflüsse, die nach seiner Geburt auf ihn wirken.”[12] (Hervorhebung im Original) Mit einer Untersuchung von Lebensgeschichten von Zwillingen fand Galton die Dominanz von Anlage über Umwelt bewiesen. Die Schlußfolgerung aus dieser Überzeugung waren Pläne für die “Verbesserung des Erbguts”.

Um 1889 gab es einen Wendepunkt in der Wissenschaft, als August Weismann die Nicht-Vererbbarkeit erworbener Eigenschaften postulierte. Aber schon 1890 rief Galton während seiner Huxley - Vorlesung vor dem Anthropologischen Institut von Großbritannien und Irland zu einem “Kreuzzug zur Veredelung der Rasse” auf. Die Eugenik als Bewegung war bald nicht mehr aufzuhalten.[13]

1907 wurde die Eugenics Education Society gegründet. Allmählich wurde die Eugenik in Großbritannien zu einer populären Bewegung. In den USA kam es schon 1906 zur Einsetzung eines Komitees für Eugenik durch die American Breeders Association. Auch das war letztendlich ein Verdienst Galtons, dessen veröffentlichte Vorlesung von 1901 hier mehr Aufsehen erregte als in Großbritannien selbst. Die Eugenik wurde zu einer Art Allheilmittel der Biologie für alle Übel der menschlichen Gesellschaft. Die in diesen Jahren erzielten Forschungsergebnisse in der Genetik schienen das zu bestätigen.[14]

[...]


[1] M.Mead, Brombeerblüten im Winter, Ein befreites Leben, Rowohlt, Hamburg, 1978, S. 31.

[2] Ebd., S. 43.

[3] N.V. Zanolli, Margaret Mead, in W. Marschall (Hg.), Klassiker der Kulturanthropologie, Von Montaigne bis Margaret Mead, C.H.Beck, München; 1990, S. 299f.

[4] D. Freeman, Liebe ohne Aggression, Margaret Meads Legende von der Friedfertigkeit der Naturvölker, Kindler, München, 1983, Kapitel 7, S. 116 - 130.

[5] N.V.Zanolli, 1990, S. 308.

[6] Ebd., S. 309.

[7] Ausführliche biographische Angaben bieten u.a. Jane Howard, Margaret Mead, A Life, New York, 1984; Mary Catherine Bateson, With a Daughter’s Eye, A Memoir of Margaret Mead and George Bateson, New York, 1984.

[8] I. Eibl-Eibesfeldt, Vorwort zu Derek Freeman: Liebe ohne Aggression, München, 1983, S.13.

[9] N.V.Zanolli, 1990, S. 310.

[10] D.Freeman, 1983, S. 27.

[11] D.Freeman, 1983, S. 28f.

[12] Ebd., S. 29f.

[13] Ebd., S. 33f.

[14] Ebd., S. 35f.

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Margaret Mead und Derek Freeman, Ethnologische Autoritäten in der Krise
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Institut für Ethnologie)
Veranstaltung
Geschichte und Entwicklung der amerikanischen Ethnologie
Note
sehr gut
Autor
Jahr
1998
Seiten
28
Katalognummer
V6732
ISBN (eBook)
9783638142373
Dateigröße
625 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Margaret, Mead, Derek, Freeman, Ethnologische, Autoritäten, Krise, Geschichte, Entwicklung, Ethnologie
Arbeit zitieren
Ilka Borchardt (Autor), 1998, Margaret Mead und Derek Freeman, Ethnologische Autoritäten in der Krise, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/6732

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