Quartiersentwicklung mit Migrantenökonomie - die Entwicklung von Migrantenökonomie im Quartier


Diplomarbeit, 2006
211 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

EINFÜHRUNG
Einleitung
Erkenntnisinteresse und Ziel der Arbeit
Aufbau der Arbeit
Methodisches Vorgehen
Literatur- und Internetrecherche
Medienanalyse
Experteninterviews
Unternehmensbefragung
Qualitative und quantitative Kartierung

A. Theorie
1. MIGRANTENÖKONOMIE ZWISCHEN NISCHE UND MARKT
1.1. Bedeutungsgewinn der Migrantenökonomie
1.2. strukturelle Merkmale und Besonderheiten
1.3. Definition und Begriffsabgrenzung
1.4. Entstehungstheorien und Erklärungsansätze
1.5. Bewertung der Entstehungstheorien und Erklärungsansätze

2. QUARTIERSENTWICKLUNG
2.1. Das Quartier als „gesellschaftlicher Raum“
2.2. Das Quartier als Ort von „Milieus“
2.2.1. Das Milieu in der Ökonomie
2.3. Quartiersentwicklung durch Segregation
2.3.1. Mechanismen der Segregation
2.4. Prozesse der Quartiersentwicklung
2.4.1. Gentrifizierung
2.4.2. Marginalisierung
2.4.3. Die Entstehung „Ethnischer Kolonien“
2.5. Die Stadt als Ort der Integration?
2.6. Resümee

3. STADTTEIL- UND QUARTIERSBETRIEBE
3.1. Das Konzept der städtischen Teilökonomien
3.2. Arbeitswelten der Stadtteil- und Quartiersbetriebe: „Gemeinschaften, Gesellschaften, Partnerschaften“
3.2.1. Bedeutung des Quartiers für Stadtteilbetriebe
3.2.2. Beschäftigungswirkung der Stadtteil- und Quartiersbetriebe
3.3. Stadtteil und Quartiersbetriebe in marginalisierten Stadtquartieren..
3.4. Stadtteil- und Quartiersbetriebe in der Strategie der „Lokale Ökonomie“^
3.5. Stadtteil- und Quartiersbetriebe als „Lokal eingebettete Ökonomie“
3.6. Potenziale der Stadtteilökonomie für die Quartiersentwicklung

4. MIGRANTENÖKONOMIEN ALS STADTTEIL- UND QUARTIERSBETRIEBE ...
4.1. Charakteristika der Migrantenökonomie
4.1.1. Ethnizität
4.1.2. soziales Kapital und Informalisierung
4.2. Potenziale und Funktionen der Migrantenökonomie
4.2.1. Wirtschaft und Arbeit
4.2.2. Integration
4.2.3. Quartiersentwicklung
4.3. Zusammenfassung: Potenziale und Funktionen migrantischer Stadtteil- und Quartiersbetriebe

5. RESÜMEE

6. EINFÜHRUNG IN DIE EMPIRISCHE UNTERSUCHUNG
6.1. Auswahl der Untersuchungsräume
6.2. Aufbau der empirischen Untersuchung

7. SCHANZENVIERTEL - MIGRANTENÖKONOMIE IM PROZESS DER GENTRIFIZIERUNG
7.1. Entstehung und Industrialisierung (1682-1939)
7.1.1. Baulich-räumliche Entwicklung
7.1.2. Sozialstruktur und Migranten
7.1.3. Gewerbestruktur
7.1.4. Image
7.2. Marginalisierung (1960-1985)
7.2.1. Baulich-räumliche Entwicklung
7.2.2. Sozialstruktur und Migranten
7.2.3. Gewerbestruktur
7.2.4. Image
7.3. Deindustrialisierung, „Neue Medien“ und Gentrifizierung (1985 bis heute)
7.3.1. Baulich-räumliche Entwicklung
7.3.2. Sozialstruktur und Migranten
7.3.3. Gewerbestruktur
7.3.4. Image
7.4. Zusammenfassung der Entwicklungen
7.5. Migrantenökonomie
7.5.1. Unternehmerportraits
7.6. Auswertung der Wechselwirkungen von Quartiersentwicklung und Migrantenökonomie
7.6.1. Quartiersentwicklung mit Migrantenökonomie - Potenziale und Funktionen der Migrantenökonomie
7.6.2. Die Entwicklung von Migrantenökonomie im Schanzenviertel .

8. REIHERSTIEGVIERTEL - MIGRANTENÖKONOMIE IM PROZESS DER MARGINSALISIERUNG
8.1. Industrialisierung (1875-1962)
8.1.1. Baulich-räumliche Entwicklung
8.1.2. Sozialstruktur und Migranten
8.1.3. Gewerbestruktur
8.1.4. Image
8.2. Marginalisierung (1962-1980)
8.2.1. Baulich-räumliche Entwicklung
8.2.2. Sozialstruktur und Migranten
8.2.3. Gewerbestruktur
8.2.4. Image
8.3. Deindustrialisierung und Aufwertungsversuche (1980 bis heute)
8.3.1. Baulich-räumliche Entwicklung
8.3.2. Sozialstruktur und Migranten
8.3.3. Gewerbestruktur
8.3.4. Image
8.4. Aktuelle Planungen
8.4.1. Imagewandel?
8.5. Zusammenfassung der Entwicklungen
8.6. Migrantenökonomie
8.6.1. Unternehmerportraits
8.7. Auswertung der Wechselwirkung von Quartiersentwicklung und Migrantenökonomie
8.8. Quartiersentwicklung mit Migrantenökonomie - Potenziale und Funktionen der Migrantenökonomie
8.9. Die Entwicklung von Migrantenökonomie im Reiherstiegviertel

9. QUARTIERSENTWICKLUNG MIT MIGRANTENÖKONOMIE
9.1. Funktionen und Potenziale der Migrantenökonomie für die Quar- tiersentwicklung
9.1.1. Wirtschaft und Arbeit
9.1.2. Integration
9.1.3. Quartiersentwicklung
9.2. Entwicklungspfade der Quartiersentwicklung
9.2.1. Migrantenökonomie als Faktor der Gentrifizierung?
9.2.2. Migrantenökonomie als Beitrag zur Marginalisierung?
9.3. Gegenüberstellung und Ergebnisse

10. DIE ENTWICKLUNG VON MIGRANTENÖKONOMIE IM QUARTIER
10.1. Die diametrale Wirkung des Quartiers
10.2. Unternehmerisches Denken und Handeln im Quartierskontext
10.3. Entwicklungsstufen der Migrantenökonomie

11. HANDLUNGSANSÄTZE UND -PERSPEKTIVEN
11.1. Qualifizierung von Migrantenbetrieben
11.2. Das Existenzgründerprojekt auf der „Veddel“
11.3. Übertragung des Konzeptes auf das Reiherstiegviertel

12. ERKENNTNISSE, REFLEXIONEN UND AUSBLICK

Anhang
Quellenverzeichnisse
Literaturverzeichnis
Zeitungsartikel
Internetquellen
Gesprächspartner Experteninterviews
Gesprächsleitfaden Experteninterviews
Gesprächsleitfaden Unternehmensbefragung

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1 Methodisches Vorgehen. Quelle: Eigene Darstellung

Abb. 2 Logo Steg Hamburg. Quelle: Internetseite Steg Hamburg

Abb. 3 Logo TU Hamburg-Harburg. Quelle: Internetseite TU Hamburg -Harburg

Abb. 4 Logo Unternehmer ohne Grenzen e.V. Quelle: Internetseite UoG

Abb. 5 Brancheneinteilung der Stadtteil- und Quartiersbetriebe. Quelle: Eigene Darstellung nach Steg 2003

Abb. 6 Kriterien der Bestandsbewertung. Quelle: Eigene Darstellung

Abb. 7 Qualitätskategorien und Milieuzuordnung des Gewerbes. Quelle: Eigene Darstellung

Abb. 8 Entstehungsmodell der Migrantenökonomie. Quelle: Eigene Darstellung

Abb. 9 Die Sinus-Milieus in West-Deutschland 2005. Quelle: Internetseite Sinus-Sociovision 2006

Abb. 10 Der zirkuläre und kumulative Degradationsprozess „aufgegebener Stadtteile“, Quelle: Eigene Darstellung nach Krätke 1995

Abb. 11 China-Town New York

Abb. 12 Städtische Teilökonomien in Hamburg in % der Gesamt- beschäftigung (Veränderungen 1980- 1997)

Quelle: Breckner/Gonzalez 2002: 25

Abb. 13 Bedeutung des Quartiers für die beruflichen Milieusder Stadtteil- und Quartiersbetriebe.Quelle: Eigene Darstellung

Abb. 14 Berufliche Milieus zwischen Öffnung und Schließung. Quelle: Eigene Darstellung nach Läpple/Walter 2003

Abb. 15 Sektoren der Lokalen Ökonomie. Quelle: Birkhölzer 2000

Abb. 16 Das Programm „Soziale Stadt“ Quelle: www.sozialestadt.de

Abb. 17 Potenziale und Funktionen der Stadtteil- und Quartiersbetriebe. Quelle: Eigene Darstellung

Abb. 18: Potenziale und Funktionen der Migrantenökonomie..Quelle: Eigene Darstellung

Abb. 19: Funktionen und Potenziale migrantischer Stadtteil- und Quartiersbetriebe. Quelle: Eigene Darstellung

Abb. 20 Bebauungsstruktur im Reiherstiegviertel Quelle: Eigene Aufnahmen 2006

Abb. 21 Lage der Untersuchungsgebiete im Hamburger Stadtraum. Quelle: Eigene Darstellung

Abb. 22 Hamburg-Plan 1730 mit Detail Sternschanze. Quelle: Internetseite Stadt Hamburg

Abb. 23 Flora am Schulterblatt um ca. 1900 Quelle: www.bildarchiv-hamburg.de

Abb. 24 Branchenstruktur Schanzenviertel 1982. Quelle: Eigene Darstellung nach GEWOS 1982

Abb. 25 Demonstrationen am 01.Mai 2003 auf dem Schulterblatt. Quelle: www.liberataerszentrum.de

Abb. 26 Ausländeranteil an Gesamtbevölkerung. Quelle: Eigene Darstellung nach Statistikamt Nord 2006

Abb. 27 Sozialhilfeempfängeranteil an Gesamtbevölkerung. Quelle: Eigene Darstellung nach Statistikamt Nord 2006

Abb. 28 Branchenstruktur Schanzenviertel 1982 - 1997. Quelle: Eigene Darstellung nach GEWOS 1982 und IfG 1997

Abb. 29 Die ehemalige Pianoforte Fabrik als Standort der „Neuen Medien“. Quelle: Eigene Aufnahmen 2006

Abb. 30 www.netzpiloten.de

Abb. 31 Arbeitsloseanteil an Gesamtbevölkerung. Quelle: Eigene Darstellung nach Statistikamt Nord 2006

Abb. 32 Branchenstruktur Schanzenviertel 2006. Quelle: Eigene Darstellung nach Steg 2003

Abb. 33 Firmenschilder der "Neuen Medien" in der alten Pianofabrik. Quelle: Eigene Aufnahme 2006

Abb. 34 Branchenstruktur Schanzenviertel 2006. Quelle: Eigene .Darstellung nach eigener Erhebung

Abb. 35 Boutiquen im Schanzenviertel 2006. Quelle: Eigene Aufnahme 2006

Abb. 36 Qualitätsstruktur Gewerbe Schanzenviertel 2006. Quelle: Eigene Darstellung nach eigener Erhebung

Abb. 37 Gastronomiestruktur Schanzenviertel 2003. Quelle: Eigene Darstellung nach Steg 2003

Abb. 38 „Szene-Bars“ und Boutiquen. Quelle: Eigene Aufnahmen 2006

Abb. 39 Das Schanzenviertel um 1999. Quelle: Internetseite Quartiersmanagement Steg Hamburg

Abb. 40 Rote Flora 2006. Quelle: Eigene Aufnahmen 2006

Abb. 41 Milieuverteilung Quartiersökonomie Schanzenviertel 2006. Quelle: Eigene Darstellung nach eigener Erhebung

Abb. 42 Branchenstruktur Schanzenviertel 2003. Quelle: Eigene .Darstellung auf Basis des Gewerbe katasters der Steg 2003

Abb. 43 Anteil der Migrantenökonomie an Branche in Prozent Quelle: Eigene Darstellung auf Basis des Gewerbekatasters der Steg 2003 und eigene Erhebung 2006

Abb. 44 Türkischer Einzelhandel des täglichen Bedards: Quelle: Eigene Aufnahme 2006

Abb. 45 Branchenstruktur Migrantenökonomie Schanzenviertel 2006. Quelle: Eigene Darstellung nach eigener Erhebung 2006

Abb. 48 Migrantische Gastronomiebetriebe im Schanzenviertel. Quelle: Eigene Aufnahmen 2006

Abb. 46 Verteilung der Gastronomiebetriebe zwischen deutschen und Inhabern mit Migrationshintergrund. Quelle: Eigene Darstellung nach eigener Erhebung 2006

Abb. 47 Qualitätsstruktur des Gewerbes Schanzenviertel 2006. Quelle: Eigene Darstellung nach eigener Erhebung

Abb. 49 Qualitätsstruktur Migrantenökonomie Schanzenviertel 2006. Quelle: Eigene Darstellung nach eigener Erhebung

Abb. 50 Türkischer Einzelhandel des nicht-täglichen Bedarfs. Quelle: Eigene Aufnahme 2006

Abb. 51 Milieus Quartiersökonomie Schanzenviertel 2006. Quelle: Eigene Darstellung nach eigener Erhebung

Abb. 52 „Transmontana“ Schulterblatt. Quelle: Eigene Aufnahme 2006 .

Abb. 53 „Bol Kepce“ der älteste Döner-Imbiss des Schanzenviertels. Quelle: Eigene Aufnahme 2006

Abb. 54 „Pamukkale“-Restaurant-Erweiterung. Quelle: Eigene Aufnahme 2006

Abb. 55 Italienische Lebensmittel am Schulterblatt. Quelle: Eigene Aufnahme 2006

Abb. 56 „Street-Life“ am Schulterblatt. Quelle: Eigene Aufnahme 2006..

Abb. 57 Logo Schanzenspiele. Quelle: Internetseite Quartiersmanagement Steg Hamburg

Abb. 58 Die Wirkung des Quartiers auf die Unternehmen. Quelle: Eigene Darstellung

Abb. 59 Eigenschaften der Unternehmer im Schanzenviertel. Quelle: Eigene Darstellung

Abb. 60 Der umgestaltete Stübenplatz. Quelle: Eigene Aufnahme 2006

Abb. 61 Schema der natürlichen Entwicklung des Organismus Hamburg. Quelle: Internetseite Stadt Hamburg

Abb. 62 „Klein Warschau“ am Veringkanal. Quelle: Internetseite Geschichtswerkstatt Wilhelmsburg

Abb. 63 Die chemische Industrie am Fährstieg um 1920. Quelle: Internetseite Geschichtswerkstatt Wilhelmsburg

Abb. 64 Die Wollkämmerei um 1926. Quelle: Internetseite Geschichtswerkstatt Wilhelmsburg

Abb. 65 Die Sturmflut von 1962 im Reiherstiegstiegviertel. Quelle: Internetseite Geschichtswerkstatt Wilhelmsburg

Abb. 66 Verkehrsachsen auf der Elbinsel. Quelle: Weißbuch Zukunftskonferenz Wilhelmsburg

Abb. 67: Arbeitslosenanteil an Gesamtbevölkerung in Prozent. Quelle: Eigene Darstellung nach Statistikamt Nord 2006

Abb. 68: Sozialhilfeempfängeranteil an Gesamtbevölkerung. Quelle: Eigene Darstellung nach Statistikamt Nord 2006

Abb. 69: Ausländeranteil an Gesamtbevölkerung. Quelle: Eigene Darstellung nach Statistikamt Nord 2006

Abb. 70 Städtische Teilökonomien in Wilhelmsburg in % der Gesamtbeschäftigung 2002. Quelle: Breckner/Gonzalez 2002

Abb. 71: Wirtschaftszweige in Hamburg und Wilhelmsburg. Quelle: Eigene Darstellung nach Handelskammer Hamburg 2004

Abb. 72 Wettbüro, Internet- und Call-Shop im Reiherstiegviertel. Quelle: Eigene Aufnahmen 2006 131 Abb. 73 Branchenstruktur Reiherstiegviertel 2006. Quelle: Eigene Darstellung nach eigener Erhebung

Abb. 74 Textilstände auf dem Wochenmarkt Stübenplatz. Quelle: Eigene Aufnahme 2006

Abb. 75 Kiosk im Reiherstiegviertel. Quelle:Eigene Aufnahme 2006

Abb. 76: Qualitätsstruktur des Gewerbes Reiherstiegviertel 2006. Quelle: Eigene Darstellung nach eigener Erhebung

Abb. 77 Döner-Imbisse im Reiherstiegviertel. Quelle: Eigene Aufnahmen 2006

Abb. 78: Gastronomiestruktur Reiherstiegviertel 2006. Quelle: Eigene Darstellung nach eigener Erhebung

Abb. 79 Geschäfte mit exkludierender Wirkung auf den Straßenraum im Reiherstiegviertel. Quelle: Eigene Aufnahme 2006

Abb. 80 Qualitätsstruktur Branchen Reiherstiegviertel 2006. Quelle: Eigene Darstellung nach eigener Erhebung

Abb. 81 Logo Hauptsache Wilhelmburg. Quelle: www.forumwilhelmsburg.de

Abb. 82 Logos der Entwicklungskonzepte der Stadt Hamburg. Quelle: Internetseite der Stadt Hamburg

Abb. 83 Gegenüberstellung der Branchenverteilung der Migrantenökonomie aus der Unternehmensbefragung in Wilhelmsburg 2002 und der eigenen Erhebung im Reiherstiegviertel 2006. Quelle: Eigene Darstellung nach Breckner/Gonzalez 2002 und eigener Erhebung

Abb. 84: Branchenverteilung Reiherstiegviertel 2006. Quelle: Eigene Darstellung nach eigener Erhebung

Abb. 85 Kulturverein im Reiherstiegviertel. Quelle: Eigene Aufnahme 2006

Abb. 86: Branchenstruktur Migrantenökonomie Reiherstiegviertel 2006. Quelle: Eigene Darstellung nach eigener Erhebung

Abb. 87 Wettbüro und Handy-Geschäft im Reiherstiegviertel. Quelle: Eigene Aufnahmen 2006

Abb. 88: Gastronomiestruktur Migrantenökonomie Reiherstiegviertel 2006. Quelle: Eigene Darstellung nach eigener Erhebung

Abb. 89: Qualitätsstruktur Migrantenökonomie Reiherstiegviertel 2006. Quelle: Eigene Darstellung nach eigener Erhebung

Abb. 90 Migrantische Einzelhandelsgeschäfte des nicht-täglichen Bedarfs im Reiherstiegviertel mit geringer Qualität. Quelle: Eigene Aufnahmen 2006

Abb. 91: Ausbildung der selbstständigen Migranten. Quelle: Eigene Darstellung nach Breckner/Gonzalez 2002

Abb. 92 „DAS“ portugiesische Café im Reiherstiegviertel. Quelle: Eigene Aufnahme 2006

Abb. 93 Hammam in St. Pauli. Quelle: Eigene Aufnahme 2006

Abb. 94 „Türkenmarkt“ am Maybachufer in Berlin-Kreuzberg. Quelle: Eigene Aufnahme 2005

Abb. 95 Die Wirkung des Quartiers auf die Unternehmen. Quelle: Eigene Darstellung

Abb. 96 Eigenschaften der Unternehmen im Reiherstiegviertel. Quelle: Eigene Darstellung

Abb. 97 Gegenüberstellung der Funktionen und Potenziale der Migrantenökonomie im Bereich Wirtschaft und Arbeit. Quelle: Eigene Darstellung

Abb. 98 Gegenüberstellung der Funktionen und Potenziale der Migrantenökonomie im Bereich Integration. Quelle: Eigene Darstellung

Abb. 99 Gegenüberstellung der Funktionen und Potenziale der Migrantenökonomie im Bereich Quartiersentwicklung. Quelle: Eigene Darstellung

Abb. 100 Gegenüberstellung der Sozialstruktur Schanzenviertel und Reiherstiegviertel. Eigene Darstellung n.Statistikamt Nord 2006

Abb. 101 Die Wirkung des Quartiers auf die Entwicklung von Unternehmen. Quelle: Eigene Darstellung

Abb. 102 Wirkung unterschiedlicher Quartiersmilieus auf Innovationen. Quelle: Eigene Darstellung

Abb. 103 Unternehmerisches Denken und Handeln in unterschiedlichen Quartierskontexten. Quelle: eigene Darstellung

Abb. 104 Die Elbinsel Wilhelmsburg mit dem Stadtteil Veddel im Nordosten. Quelle: www.wikipedia.de

Abb. 105 Luftbild von der Veddel Quelle: www.hamburgfotos.de

Abb. 106 Plakat Studentisches Leben auf der Veddel. Quelle: www.saga-gwg.de

Planverzeichnis

Plan 1 Übersichtsplan Gebietsabgrenzungen Schanzenviertel. Quelle: Eigene Darstellung

Plan 2 Qualitätsstruktur Gewerbe Schanzenviertel 2006. Quelle: Eigene Darstellung nach eigener Erhebung

Plan 3 Qualitätsstruktur Gewerbe Schanzenviertel mit „Szene“-Geschäften 2006. . Quelle: Eigene Darstellung nach eigener Erhebung

Plan 4 Nationalitätenverteilung Gewerbe Schanzenviertel 2006. Quelle: Eigene Darstellung nach eigener Erhebung

Plan 5 Übersichtsplan Gebietsabgrenzungen Reiherstiegviertel. Quelle: Eigene Darstellung u.a. nach Statistikamt Nord 2006

Plan 6 Qualitätsstruktur Gewerbe Reiherstieg mit exkludierend wirkenden Geschäftsflächen 2006. Quelle: Eigene Darstellung nach eigener Erhebung

Plan 7 Nationalitätenstruktur Gewerbe Reiherstieg 2006. Quelle: Eigene Darstellung nach eigener Erhebung

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Glossar

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Einführung

Einleitung

Die Planungspolitik in Deutschland ist zu Beginn des 21. Jahrhunderts vor zwei zentrale Herausforderungen gestellt: Die Verfestigung hoher struktureller Arbeitslosigkeit und die wachsende soziale und kulturelle Heterogenität der Bevölkerung.

Der im Juni 2006 vorgelegte Bericht der UNO dokumentiert, dass jeder fünfte Mensch in Deutschland einen Migrationshintergrund aufweist. Mit dem am 01.01.2005 in Kraft getretenen Zuwanderungsgesetz wurde die Zuwanderung nach Deutschland erstmals rechtlich geregelt und sich von politischer Seite zu Deutschland als einem Einwanderungsland be- kannt. Zurzeit leben knapp 9% ausländische Staatsbürger in Deutsch- land, die überwiegend in den städtischen Ballungsräumen in West- deutschland ansässig sind.

Der Wandel von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft und den Folgen der Globalisierung geht mit einer tief greifenden Umstrukturie- rung der nationalen Wirtschaft einher. Den neu entstehenden Arbeits- plätzen im hochqualifizierten Bereich stehen die freigesetzten Arbeits- plätze im industriellen Bereich sowie eine Vielzahl an unregelmäßigen und prekären Arbeitsverhältnissen gegenüber. Die Migranten sind ge- genüber dem Durchschnitt der deutschen Bevölkerung besonders stark von Arbeitslosigkeit und prekärer Beschäftigung betroffen.

Durch den Rückzug der öffentlichen Hand aus der Regulierung des Wohnungsmarktes überlagern sich die Probleme der hohen Arbeitslosig- keit mit der hohen Konzentration von Migranten auf der Ebene des Quartiers. Damit sind besondere Herausforderungen für die Quartiers- entwicklung in den Bereichen der sozialen und ökonomischen Integrati- on, der Sicherung von Infrastruktur und Versorgung und der Bekämp- fung von Armut, Arbeitslosigkeit und Ausgrenzung auf Quartiersebene entstanden.

Bei der Auseinandersetzung mit den Problemstellungen wurden die Stadtteil- und Quartiersbetriebe als Akteure entdeckt, um strukturelle Verbesserungen vor Ort herbeiführen zu können. In jüngerer Zeit sind besonders die Migrantenökonomien in den Mittelpunkt des Interesses gerückt, da sie die Schnittstelle zwischen Mehrheitsgesellschaft und Migranten sowie zwischen Erwerbslosigkeit und Beschäftigung darstel- len.

Erkenntnisinteresse und Ziel der Arbeit

Migrantenökonomien sind in deutschen Großstädten zu einem festen Bestandteil der Stadtteil- und Quartiersökonomie geworden. Einzelhan- delsgeschäfte und internationale gastronomische Angebote prägen das Straßenbild vieler Quartiere und gehören als Selbstverständlichkeit zu den Konsummustern von Großstädtern. Gleichwohl sind Migrantenö- konomien erst seit wenigen Jahren zum Untersuchungsgegenstand der wirtschafts- und kommunalwissenschaftlichen Forschung geworden.

Neben ihrer Entstehung und Funktionsweise haben bisherige Untersu- chungen besonders die Bedeutung der Migrantenökonomie für benach- teiligte Stadtquartiere sowie für die Integration von Zuwanderern her- ausgestellt. Demgegenüber werden Migrantenbetriebe im Quartier als ein Integrationshemmnis sowie als Verstärker von sozialer Ausgrenzung be- schrieben.

Ziel der vorliegenden Arbeit ist es herauszustellen, in welchem Wechsel- verhältnis die Migrantenökonomie zu der Entwicklung von Quartieren steht. Grundlage der Untersuchung ist die Annahme, dass Quartiere kei- ne neutralen Unternehmensstandorte sind, sondern die Entwicklungs- perspektive von Unternehmen ebenso beeinflussen, wie die Unterneh- men die Entwicklung von Quartieren mit bestimmen. Ausgehend von dem Verständnis wird untersucht, in wie weit die Migrantenökonomien die Entwicklungspfade eines Quartiers beeinflussen können und wie sich im Gegenzug das Quartiers auf das unternehmerische Denken und Han- deln der migrantischen Unternehmer auswirken kann.

Es wird davon ausgegangen, dass sich die Ausprägung und Verbreitung der Migrantenökonomien in Abhängigkeit der unterschiedlichen Struktu- ren im Quartier vollziehen und in der Folge die Funktionen und Poten- ziale variieren, welche die Migrantenökonomie für das Quartier und sei- ne Bewohner übernehmen kann. Ein Schwerpunkt der Arbeit liegt in der analytischen Auseinandersetzung der Potenziale und Funktionen der Migrantenökonomie, die ihnen von der Politik und der sozial-, wirt- schafts- und kommunalwissenschaftlichen Forschung zugeschrieben werden. Im Zuge dessen wird analysiert, wie Migrantenökonomien im Zusammenspiel mit anderen lokalen Faktoren die baulich-räumliche, so- ziale und ökonomische Struktur von Quartieren beeinflussen und welche Bedeutung den Migrationsbetrieben im Vergleich zu anderen Faktoren in dem Prozess zukommt.

Die Diplomarbeit zeigt theoretisch und empirisch auf, wie sich die Migrantenökonomie im Spannungsfeld von Gentrifizierungs- und Mar- ginalisierungsprozessen entwickeln und verändern. Dabei wird der Blick nicht nur auf das Unternehmen als ökonomische Einheit, sondern auch auf den Unternehmer als individuell denkendes und handelndes Subjekt gerichtet.

Am Ende der Arbeit entsteht ein mehrschichtiges Bild der Wirkungszu- sammenhänge von Migrantenökonomie und Quartiersstrukturen, das zeigt, wie ihre enge Wechselbeziehung zur Synchronisation von Entwick- lungsmöglichkeiten und einer Determinierung gemeinsamer Zukünfte führt.

Aufbau der Arbeit

Dieser Abschnitt gibt einen kurzen Überblick über die einzelnen Kapitel dieser Arbeit und ihre Zusammenhänge. Die Arbeit gliedert sich in fünf Bereiche:

Einführung

Teil A Theorie (Kapitel 1,2,3,4 und 5)

Teil B Empirie (Kapitel 6,7 und 8)

Teil C Expertise (Kapitel 9, 10, 11 und 12) Anhang

In der Einführung erfolgten eine erste Einordnung des Untersuchungs- gegenstandes und die Eingrenzung des Erkenntnisinteresses der Arbeit. Die Darstellung des methodischen Vorgehens beschließt die Einführung

Teil A befasst sich mit dem aktuellen wissenschaftlichen Diskussions- stand zu den Themen Migrantenökonomie (Kapitel 1), Quartiersent- wicklung (Kapitel 2) und Stadtteilökonomie (Kapitel 3). Nachdem eine Einführung in das Themenfeld der Migrantenökonomie mit einer Be- schreibung des Bedeutungsgewinns (Kapitel 1.1), der strukturellen Merkmale und Besonderheiten (Kapitel 1.2), einer Definition und Beg- riffsabgrenzung (Kapitel 1.3) und einer Diskussion der Erklärungsansät- ze und Entstehungstheorien (Kapitel 1.4) vorgenommen wurde, wird die wechselseitige Beziehung von Raum und gesellschaftlichen Prozessen anhand der Modelle des „gesellschaftlichen Raumes“ und von „Milieus“ verdeutlicht. Als treibende Kraft der Quartiersentwicklung wird folgend die Segregation vorgestellt, die über die aktuellen Entwicklungen am Ar- beits- und Wohnungsmarkt wesentlich gestaltet wird. (Kapitel 2.3) Die gesellschaftlichen und ökonomischen Veränderungen führen auf Quar- tiersebene zu den Prozessen der Marginalisierung und Gentrifizierung sowie zu der Entstehung ethnischer Kolonien. (Kapitel 2.4) In Anbet- racht der Segregationsentwicklungen wird im Anschluss die heutige In- tegrationsfunktion von Städten diskutiert (Kapitel 2.5) und abschließend eine Zusammenfassung über die Mechanismen und Prozesse der Quar- tiersentwicklung und ihre Auswirkungen auf die Quartiersbewohner ge- geben. (Kapitel 2.6)

Vor dem Hintergrund der divergierenden Quartiersentwicklung werden Stadtteil- und Quartiersbetriebe als städtische Teilökonomie (Kapitel 3.1) in ihren unterschiedlichen Erscheinungsformen und Vernetzungsarten mit den Strukturen des Quartiers vorgestellt. (Kapitel 3.2) Vor dem Hin- tergrund der sozialen und ethnischen Segregation wird die Entwicklung von Stadtteil- und Quartiersbetrieben in marginalisierten Stadtteilen be- schrieben (Kapitel 3.3) und daraus resultierend ihre Bedeutung in der Strategie der „lokalen Ökonomie“ (Kapitel 3.4) und in ihrem Verständnis als „lokal eingebettete Ökonomie“. (Kapitel 3.5) In Kapitel 3.6 werden schließlich die Potenziale und Funktionen zusammenfassend dargestellt, die den Stadtteil- und Quartiersbetrieben aus ihrer Einbettung in die Strategien und Konzepte zugeschrieben werden.

Migrantenökonomien werden in Kapitel 4 als besondere Form der Stadt- teil- und Quartiersbetriebe dargestellt, was aus ihrer doppelten Einbet- tung in ethnische Zusammenhänge und die Quartiersökonomie sowie aus ihren charakteristischen Merkmalen der Ethnizität und Informalisie- rung resultiert. (Kapitel 4.1) Anhand dieser Charakteristika werden den Migrationsökonomien ebenso Potenziale und Funktionen zugeschrieben, die sie innerhalb eines Quartiers und der Gesellschaft einnehmen kön- nen. (Kapitel 4.2) Diese werden abschließend den Funktionen der Stadt- teil- und Quartiersbetriebe gegenübergestellt und partiell ergänzt. (Kapi- tel 4.3) Den Abschluss von Teil A bildet einen kurzen Überblick über die gewonnen Erkenntnisse und eine Überleitung zur empirischen Untersu- chung. (Kapitel 5).

Im Teil II werden nach einer kurzen Einführung in die empirische Un- tersuchung (Kapitel 6) die Wechselwirkung von migrantischen Stadtteil- und Quartiersbetriebe und der Quartiersentwicklung anhand den Fall- studien Schanzenviertel (Kapitel 7) als Beispiel für ein gentrifiziertes Stadtquartier und dem Reiherstiegviertel (Kapitel 8) als Beispiel für ein marginalisiertes Stadtquartier untersucht. Dafür werden die Stadtquartie- re in ihren einzelnen Entwicklungsphasen dargestellt und die Verände- rungen der baulich-räumlichen, der sozialen und der ökonomischen Strukturen sowie des Images in den jeweiligen Phasen aufgezeigt. (Kapi- tel 7.1-7.4; 8.1-8.5) Im Anschluss wird anhand des bestehenden Daten- materials sowie der Ergebnisses der Erhebung und Befragung, die Ent- stehung und Ausprägung der Migrantenökonomie hergeleitet. (Kapitel 7.5; 8.6) Ergänzt wird die Darstellung durch die Betrachtung der Quar- tiers- und Betriebsentwicklung aus Sicht der Migrantenunternehmer, die anhand von Unternehmerportraits aufgezeigt wird. (Kapitel 7.5.1; 8.6.1) Am Ende der Fallstudien erfolgt eine Auswertung der Wechselwirkung von Quartiersentwicklung und Migrantenökonomie. (Kapitel 7.6; 8.7) Die aufgezeigten strukturellen Veränderungen des Quartiers werden mit denen der Migrantenökonomie in Verbindung gesetzt und anhand des- sen die Funktionen und Potenziale der Migrantenökonomie für den je- weiligen Untersuchungsraum überprüft (Kapitel 7.6.1; 8.7.1) sowie die Wirkung des Quartiers auf die Unternehmer analysiert. (Kapitel 7.6.2; 8.7.2)

In Teil C wird durch eine vergleichende Analyse der unterschiedlichen Bedeutungen der Migrantenökonomie bei Aufwertungs- und Abwer- tungsprozessen von Quartieren sowie anhand ihrer Entwicklungspfade in unterschiedlichen Quartierskontexten die Wechselwirkungen von Quartieren und migrantischer Quartiersökonomie auf verschiedenen E- benen herausgestellt. Neben der Überprüfung der Potenziale und Funk- tionen (Kapitel 9.1) wird die Bedeutung den Migrantenökonomien bei den Marginalisierungs- und Gentrifizierungsprozessen (Kapitel 9.2) ana- lysiert, um abschließend ihre grundsätzliche Wirkung auf die Quartiers- entwicklung abstrahieren zu können. (Kapitel 9.2) Im Gegenzug wird analysiert, welche Funktionen die unterschiedlichen Quartiersstrukturen für die Entstehung und Entwicklung von Migrantenökonomien über- nehmen (Kapitel 10.1), welches unternehmerische Denken und Handeln in verschiedenen Quartierskontexten zu Grunde liegt (Kapitel 10.2) und welche Entwicklungsstufen Migrantenökonomie in Abhängigkeit unter- schiedlicher Quartiersstrukturen durchlaufen. (Kapitel 10.3)

Nachdem die aus der Untersuchung gewonnen Erkenntnisse dargestellt wurden, wird illustriert, wie sich das aufgezeigt Wechselverhältnis von Quartier und Quartiersökonomie in der Praxis auf die Handlungsmög- lichkeiten kommunaler Akteure auswirkt. (Kapitel 11) Neben dem Ver- such der Aktivierung endogener Potenziale (Kapitel 11.1) wird am Bei- spiel Veddel gezeigt, wie durch äußere Einwirkung auf die Stadtteilökonomie und die Zusammensetzung der Quartiersbevölkerung der Entwicklungspfad eines Quartiers beeinflusst werden kann. (Kapitel 11.2) In wie weit sich das Konzept auf das Reiherstiegviertel übertragen lässt, wird im Anschluss erörtert. (Kapitel 11.3)

In Kapitel 10 werden die Erkenntnisse der vorliegenden Untersuchung zusammengefasst und über zukünftige Handlungsfelder und Aufgabenbereiche von Politik, Planung und Verwaltung reflektiert.

Im Anhang befindet sich neben den Quellenangaben, die Liste der Gesprächspartner sowie der Interviewleitfaden für die Experteninterviews und der Unternehmensbefragung.

Methodisches Vorgehen

Um die Wechselwirkung von migrantischen Stadtteil- und Quartiersbe- trieben und der Quartiersentwicklung zu analysieren, wurde der Stand der wissenschaftlichen Forschung zu den Themen „Migrantenökono- mie“ und „Stadtteil- und Quartiersbetriebe“ über eine Literatur- und In- ternetrecherche in Kenntnis gebracht. Aus der bestehenden wissen- schaftlichen Diskussion wurden sowohl für die Stadtteil- und Quartiersbetriebe als auch für die Migrantenökonomien Funktionen und Potenziale für die Quartiersentwicklung abgeleitet. Die Funktionen und Potenziale wurden anhand der empirischen Untersuchung hinsichtlich ihrer Wirksamkeit und Entfaltung untersucht.

Das gleiche Vorgehen wurde zum Thema „Quartiersentwicklung“ ge- wählt. Es konnte herausgestellt werden, dass die beiden aktuellen und diametralen Prozesse, welche die heutige Quartiersentwicklung bestim- men, die Gentrifizierung und Marginalisierung darstellen. Anhand dieser Erkenntnis wurden zwei Untersuchungsräume ausgewählt, die einerseits einem Gentrifizierungs- und andererseits einem Marginalisierungspro- zess unterworfen sind.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1 Methodisches Vorgehen. Quelle: Eigene Darstellung

In der empirischen Untersuchung wurde zu beiden Quartieren eine Se- kundäranalyse qualitativer und quantitativer Daten sowie eine Experten- befragung vorgenommen, um die bauliche, soziale und ökonomische Entwicklung des Quartiers sowie die Entstehung und Verbreitung der Migrantenökonomie vor Ort analysieren zu können. Um einen Einblick in das unternehmerische Denken und Handeln der Migranten zu erhal- ten, wurden Unternehmensbefragungen in beiden Untersuchungsgebie- ten durchgeführt und zur Analyse der heutigen Qualität und Verbreitung der Migrantenökonomie in den Untersuchungsräumen wurde eine quali- tative und quantitative Kartierung vorgenommen. Mittels dieser Vorge- hensweise können die aus der Theorie abgeleiteten Funktionen und Po- tenziale überprüft und so die Bedeutung der Migrationsökonomie für die Quartiersentwicklung herausgestellt sowie Aussagen über die Entwick- lung von Migrantenökonomie im Quartier getroffen werden. (s.Abb.1)

Das methodische Vorgehen stützt sich folglich auf verschiedene qualitative und quantitative Methoden der empirischen Sozialforschung. Neben einer Literatur- und Internetanalyse wurden eine Sekundäranalyse qualitativer und quantitativer Daten, Experten- und Unternehmerinterviews sowie eine quantitative und qualitative Kartierung vorgenommen. Folgend werden die Methoden kurz vorgestellt:

Für die inhaltliche Auseinandersetzung erfolgte eine interdisziplinäre Li- teratur- und Internetrecherche. Es wurden Bibliographien, Monogra- phien und Aufsätze ausgewertet. Bei der Internetrecherche wurden onli- ne zugängliche Informationen über die Thematik recherchiert. Mittels der Literatur- und Internetrecherche wurde der aktuelle Stand der theo- retischen Forschung und praktischen Diskussion („state-of-the-art“- Analyse) zusammengetragen. Aufgrund des jungen Forschungsfeldes be- steht zum Thema „Migrantenökonomie“ wenig Literatur und Datenma- terial. Die Heterogenität der Migrantenökonomie hinsichtlich ethnischer Zugehörigkeit und Diversität der Wirtschaftssegmente spiegelt sich in den vielfältigen, selektiven soziologischen und wirtschaftswissenschaftli- chen Untersuchungen wieder und erschwert einen Überblick über die Entwicklung und Struktur von Migrantenökonomie.

Als Grundlagen für die theoretische Auseinandersetzung mit Migrantenökonomie wurden im Wesentlichen folgende qualitativen und quantitativen Forschungen ausgewertet:

- Schuleri-Hartje u.a. 2005: Ethnische Ökonomie - Integrationsfaktor und Integrationsmaßstab. Eine Untersuchung der Integrationsfunktion und Integrationspotenziale sowie der rechtlichen Maßgaben und ihre Auswirkungen auf die Entwicklung türksicher, italienischer und russischer Ökonomie am Beispiel verschiedener deutschen Großstädte
- Fischer 2001: Ethnische Ökonomie als Potenzial zur Stabilisierung be- nachteiligter Stadtteile? Unveröffentlichte Diplomarbeit zur Analy- se der Bedeutung von Migrantenökonomie in benachteiligten Stadtquartieren
- Burgbacher 2004: Migrantenunternehmer. Existenzgründung und -
förderung am Beispiel Hamburg. Eine Erhebung der Hochschule für Wirtschaft und Politik, bei der 427 in Hamburg ansässige Unternehmer aus Ex-Jugoslawien, China, Afghanistan, Iran, Polen und der Türkei befragt wurden.
- Institut für Mittelstandsforschung (ifm) 2005: Die Bedeutung der ethni- schen Ökonomie in Deutschland. Eine Untersuchung der Push- und Pull-Faktoren für Unternehmensgründungen ausländischer und ausländischstämmiger Mitbürger auf Basis einer Befragung von 2.010 Unternehmer griechischer, italienischer und türkische Herkunft Sekundäranalyse qualitativer und quantitativer Daten Um die bauliche, soziale und ökonomische Entwicklung der Untersu- chungsräume rückblickend rekonstruieren zu können, wurde eine Se- kundäranalyse qualitativer und quantitativer Daten durchgeführt.

Zum einen wurde ein repräsentatives Sample von Medienprodukten zu den Untersuchungsräumen ausgewertet (Pressespiegel) und zum anderen wurden die im Zusammenhang mit den Untersuchungsräumen entwi- ckelten Dokumente und Erhebungen (Dokumentensammlung) ausge- wertet.

Die Auswertung der Medien erfolgt analog folgender Fragen:

- Welches Ereignis bzw. welcher Akteur löste den Artikel/ Do- kument aus?
- Welches Primärinteresse wird im Artikel/Dokument diskutiert?
- Welche weiteren (Sekundär-) Themen werden thematisiert?
- In welcher Weise wird auf das Quartier Bezug genommen?
- Welche Zuschreibungen werden über das Medium transportiert (in Bild und Text)?

Pressespiegel

Ausgewertet wurde ein repräsentatives Sample von Medienprodukten zu den Themen: „Schanzenviertel“, „Reiherstiegviertel/Wilhelmsburg“ und „Migrantenökonomie“. In einem ersten Schritt erfolgte eine Auswahl und Kategorisierung der zu untersuchenden Medien (Print-, Onlineme- dien) sowie die Festlegung eines begrenzten, zeitlichen Untersuchungs- rahmens.

Im Besonderen konzentrieren sich die Auswertungen auf Artikel der Lokalpresse der Hamburger Printmedien. Nach STEGMANN (1997) werden darunter Zeitungen und Zeitschriften verstanden,

- deren überwiegender Teil der Auflage im Hamburger Stadtge- biet abgesetzt wird (Hamburgbezogene Adressatenorientierung),
- deren Themenstruktur durch eine Hamburgbezogene Berichter- stattung gekennzeichnet ist (Hamburgbezogene Sachorientie- rung) und/oder
- die ihre (Lokal-)Redaktion mit Sitz in Hamburg haben (Ham- burgbezogene Autor- bzw. Verlegerorientierung).

Dementsprechend wurden das Hamburger Abendblatt, die Hamburger Morgenpost und die taz ausgewertet. Darüber hinaus werden überregio- nale Zeitungen und Zeitschriften hinzugezogen, wie die Zeit, die Welt und der Spiegel.

Dokumentensammlung

Für die Rekonstruktion der baulichen, sozialen und ökonomischen Entwicklung der Untersuchungsgebiete und zur Analyse des Wirkungszusammenhanges mit der dort ansässigen Migrantenökonomie wurden folgende Dokumente und Materialien verwendet, die sowohl qualitative Informationen und als auch quantitative Daten beinhalten.

Schanzenviertel

- GEWOS GmBH 1982: Vorbereitenden Untersuchungen Ham- burg St. Pauli-Nord Schulterblatt Teil A+B
- Projektgruppe „Wohnen im Stadtteil“ 1982: Der Schulterblatt - Ein Viertel verändert sich. Hamburg 1982
- Institut für Geographie Hamburg 1997: Lokale Ökonomie im Hamburger Schanzenviertel. Universität Hamburg, Institut für Geographie, Arbeitsbereich Wirtschaftgeographie. Arbeitsbe- richte Februar 1997
- Walter, Gerd / Läpple, Dieter 2000: Im Stadtteil arbeiten. Be- schäftigungswirkung wohnungsnaher Betriebe. Gutachten im Auftrag der Stadtentwicklungsbehörde der Freien und Hanse- stadt Hamburg. Hamburg, Mai 2000
- Steg Hamburg: Unveröffentlichtes Gewerbekataster 2003
- Steg Hamburg: Quartiersnachrichten Schanzenviertel. Viertel- jährliche Veröffentlichung (Nr. 23 Juli 2000 - Nr. 42 Dezember 2005)
- Steg Hamburg: Schanze. Zeitung für das Quartiersmanagement. (Nr. 01 Februar 2000 - Nr. 14 April 2004)
- Steg Hamburg: S.U.N Newsletter - Schanzen-Unternehmer- Netzwerk. (07.2003 - 01.2004) Reiherstiegviertel
- Breckner, Ingrid / Gonzalez, Toralf 2002: Qualifikations- und Potenzialanalyse der Hamburger Elbinsel im Rahmen der „Ent- wicklungspartnerschaft Elbinsel“ im EU-Programm EQUAL. TU Hamburg-Harburg, Oktober 2002
- Breckner, Ingrid / Gonzalez, Toralf 2005: Evaluationsbericht „Entwicklungspartnerschaft Elbinsel“ im EU-Programm EQUAL. TU Hamburg-Harburg, Juli 2005

- Sprung über die Elbe. Dokumentation der Internationalen Ent- wurfswerkstatt 17.-24. Juli 2003. Freie und Hansestadt Ham- burg. Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt. [Hrsg.]

- Handelskammer Hamburg [Hrsg.] 2004b: Leben und Arbeiten im Herzen Hamburgs - Die Entwicklungsperspektive der Elb- insel. Hamburg 2004

- SAGA GWG: Hamburgs Süden. Bestandsaufnahme und Aus- blick. Ergebnisse einer Projektarbeit des Wohnungsunterneh- mens SAGA GWG, Hamburg 2005

Eine Einführung in die Dokumentensammlung bezüglich Inhalt, Art und Aussagekraft der Informationen erfolgt jeweils am Anfang der Kapitel des jeweiligen Untersuchungsraums.

Experteninterviews

Experteninterviews kommen in den verschiedensten Forschungsfeldern zum Einsatz, oft im Rahmen eines Methodenmix. In Anlehnung an MEUSER/NAGEL 1991 wird der Expertenbegriff methodologisch auf- gefasst, indem eine Person zum Experten wird, weil sie durch ihre Posi- tion in einer Institution oder durch ihr unterstelltes Sonderwissen, zum Experten im Rahmen des Forschungsinteresses wird. Der Expertensta- tus wird somit auf eine vom Forscher verliehene spezifische Fragestel- lung begrenzt. Implizit wird angenommen, dass die jeweilige Person über ein Wissen verfügt, das sie zwar nicht alleine besitzt, das jedoch nicht je- dem in dem interessierenden Handlungsfeld zugänglich ist. (Meu- ser/Nagel 1991: 443f) Experten werden somit als „Funktionsträger inner- halb eines organisatorischen oder institutionellen Kontextes“ (Meuser/Nagel 1991: 444) verstanden. Die Autoren nennen zwei Kriterien für die Quali- fikation einer Person zum Experten. Als Experte ist nach MEUSER/NAGEL (1991: 443) ansprechbar:

- wer über einen privilegierten Zugang zu Informationen über Personengruppen oder Entscheidungsprozesse verfügt.
- wer in irgendeiner Weise Verantwortung trägt für den Entwurf, die Implementierung oder die Kontrolle einer Problemlösung.

Als Experten durch ihre institutionalisierte Kompetenz dienen für die Diplomarbeit jene Menschen, die Aussagen über die soziale, bauliche und ökonomische Entwicklung der Untersuchungsräume treffen können oder über Informationen zu der Entstehungs- und Handlungslogik von Migrantenökonomien in den Quartieren verfügen. Sie dienen neben der Medien- und Inhaltsanalyse als weitere Datenquelle für die Analyse der Untersuchungsräume Schanzenviertel und Reiherstiegviertel.

Durchführung der Experteninterviews

Die Experten wurden anhand eines offenen, leitfadengestützten Inter- views befragt. In Anlehnung an erprobte Verfahren wurden die relevan- ten Fragekomplexe vorab in einem Interviewleitfaden (siehe Anhang) konkret definiert und gegliedert. So kann eine größtmögliche „Vollstän- digkeit“ und „Vergleichbarkeit“ der Interviews erreicht werden. „Eine leitfadenorientierte Gesprächsführung wird beidem gerecht, dem thematisch begrenzten Interesse des Forschers an dem Experten und auch dem Expertenstatuts des Gegen- übers.“ (Meuser/Nagler 1991: 448) Der Leitfaden stellt keine Festlegung über die Reihenfolge der zu behandelnden Themen dar, vielmehr orien- tierten sich die Gespräche an den Themenkomplexen, die in ihrer Rei- henfolge dem Gesprächsverlauf frei angepasst werden konnten. (vgl. u.a. Diekmann 2001: 446f.)

Die Experten

Bei den Experteninterviews steht das für die Fragestellung relevante Ex- pertenwissen im Zentrum des Interesses. Da es für die Diplomarbeit wichtig war, die soziale und ökonomische Entwicklung der Untersu- chungsräume sowie die Entstehung und Verbreitung der Migrantenöko- nomien zu rekonstruieren, erfolgte die Auswahl der Interviewpartner an- hand ihres Involvierungsgrades in die Prozesse des Quartiers bzw. in das Milieu der Migrantenökonomien. So konnten anhand der Literatur- und Medienanalyse drei Expertengruppen ermittelt werden, welche über die vorgenannten Informationen verfügen: 1) Die Stadtentwicklungsgesell- schaft Hamburg (Steg), 2) Das Institut Stadt- und Regionalökonomie/- soziologie der TU Hamburg-Harburg/HCU und 3) Unternehmer ohne Grenzen e.V. (UuG).

Folgende Kriterien liegen der Auswahl zugrunde:

- Zugang zu Informationen, Zusammenhängen und Hintergrün- den über die Entwicklung des Quartiers und der Migrantenöko- nomie vor Ort
- Spezifisches Orts- und Detailwissen zu den Prozessen und Entwicklungen des Quartiers und der Migrantenökonomie
- „Gestalter“ der Quartiersentwicklung bzw. der Entwicklung von Migrantenökonomien

Innerhalb der Expertengruppen wurden anhand der oben angeführten Fragestellung die jeweiligen Schlüsselpersonen ermittelt, die mit einem leitfadengestützten Interview (s. Anhang) befragt wurden. Folgend wer- den kurz die einzelnen Expertengruppen und Schlüsselpersonen vorge- stellt:

Stadtentwicklungsgesellschaft Hamburg (Steg)

Die Stadterneuerungs- und Stadtentwicklungsgesellschaft Hamburg wur- de 1989 vom Senat der Freien und Hansestadt Hamburg als städtische Gesellschaft gegründet. Sie ist seitdem als anerkannter treuhänderischer Sanierungsträger in zahlreichen Sanierungsgebieten sowie als Stadtteil- entwickler und Quartiersmanager tätig. Gleich nach ihrer Gründung ü- bernahm die Steg die Betreuung der im Schanzenviertel bestehenden Sa- nierungsgebiete („Eimsbüttel S1 Schanzenviertel/Weidenallee“ 1980; „St. Pauli Nord S2 Schulterblatt“ 1986). 1999 wurde als Baustein der „in- tegrierten Stadtteilentwicklung“ zusätzlich zu den bestehenden Sanie- rungsgebieten ein Quartiersmanagement für das Schanzenviertel auf vier Jahre begrenzt eingerichtet. An die Steg wurden u.a. die Aufgaben ge- stellt, die Sauberkeit und Sicherheit im öffentlichen Raum zu verbessern

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2 Logo Steg Hamburg. Quelle: Internetseite Steg

und Lösungsprobleme für die Drogenproblematik im Viertel zu finden, um so das Quartier für Familien und Haushalte mit Kindern attraktiver zu gestalten und das Image des Stadtteils zu verbessern. Förderung und Vernetzung der bestehenden kleinteiligen Quartiersökonomie stellte e- benfalls ein Inhalt des Managements dar.

Folgende Experten wurden interviewt:

Julia Dettmer, Dipl.-Ing. Stadtplanung, seit 1998 bei der Stadtentwicklungsgesell- schaft Hamburg. Julia Dettmer ist von 1999 bis 2003 im ehemaligen „Un- tersuchungsgebiet St. Pauli Nord / Eimsbüttel Süd“ tätig gewesen. Das Gebiet befindet sich im heutigen Bereich der Piazza im Schanzenviertel. Zeitgleich hat sie für das Quartiersmanagement gearbeitet und das Betei- ligungsprojekt „Kinder und Verkehr“ sowie die ersten „Schanzenspiele“ im Juni 2002 durchgeführt. Darüber hinaus wohnt sie seit sechs Jahren im Quartier, wodurch sie zu der beruflichen Perspektive auch aus Sicht der Anwohner den Stadtteil und seine Veränderungen bewerten kann, wodurch sie als Gesprächspartner besonders interessant ist.

Stefan Kreutz, Dipl.-Ing. Stadtplanung, seit 2000 bei der Stadtentwicklungsgesell- schaft Hamburg. Nach mehrjähriger Arbeit im Bereich der Bürgerbeteili- gung und Quartiersentwicklung in Hamburg-Wilhelmsburg sowie im Be- reich der Wirtschaftsförderung im Bezirksamt Altona ist Stefan Kreutz seit September 2000 bei der Steg. Dort ist er u.a. für quartiersbezogene Projekte der Gewerbeentwicklung und des Standortmarketings verant- wortlich. Im Schanzenviertel war Stefan Kreutz von 2000 bis 2003 bei der Quartiersentwicklung mit dem Schwerpunkt Öffentlichkeitsarbeit und Gewerbeentwicklung beschäftigt. Durch den Arbeitsschwerpunkt hat er sich intensiv mit der Stadtteilökonomie vor Ort auseinandergesetzt und die gegenseitigen Beeinflussungen von Veränderungen im Quartier und Gewerbeentwicklung bewusst wahrgenommen. Seine beruflichen Erfahrungen in Wilhelmsburg zeichnen ihn zusätzlich als Experte aus.

Ulf Spiecker, Dipl.-Ing. Städtebau und Stadtplanung, seit 1993 bei der Stadtent- wicklungsgesellschaft Hamburg. Ulf Spiecker hat nach einer Ausbildung als Landschaftsgärtner und dem Studium der Stadtplanung als Verkehrs- und Anwaltsplaner für (Verkehrs-)Initiativen gearbeitet. Bei der Steg war er bisher im Karolinenviertel, in Altona-Nord und in Ottensen tätig, be- vor er im Juni 2000 ins Schanzenviertel kam, wo er seitdem das Sanie- rungsgebiet „St. Pauli Nord S2 Schulterblatt“ betreut. Nach sechs Jahren intensiver Arbeit im Schanzenviertel, zu der ebenfalls die wöchentliche Sprechstunde im Stadtteilbüro gehört, ist Ulf Spiecker hinsichtlich der Entwicklungen und Veränderungen im Quartier hochgradig sensibilisiert. Zudem hat er über die Arbeit im Stadtteilbüro unmittelbaren und z.T langjährigen Kontakt zu Anwohnern und Unternehmern vor Ort

Institut Stadt- und Regionalökonomie / Stadt- und Regionalsoziologie der TU Hamburg-Harburg

Das Institut Stadt- und Regionalökonomie führte das Gutachten „Im Stadtteil arbeiten“ im Auftrag der damaligen Stadtentwicklungsbehörde

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3 Logo TU Hamburg-Harburg. Quelle: Internetseite TUHH

(Steb)1 durch, um die Beschäftigungswirkung wohnungsnaher Betriebe zu analysieren. Im Zuge der Untersuchung von Stadtteil- und Quartiers- betrieben und deren Wechselwirkungen mit ihrem quartiersräumlichen Umfeld wurden ebenfalls Migrantenökonomien als eine besondere Art der Unternehmen hinsichtlich ihrer inneren Organisation und Unter- nehmensführung analysiert. Eines der vier Untersuchungsräume des Gutachtens stellt das Schanzenviertel dar.

Das Institut Stadt- und Regionalsoziologie an der TU Hamburg- Harburg2 führte die „Qualifikations- und Potenzialanalyse der Hambur- ger Elbinsel“ (2002) im Rahmen der "Entwicklungspartnerschaft Elbin- sel" im EU-Programm EQUAL3 sowie die wissenschaftliche Begleitung dieses Projektes (2005) durch. In diesem Zusammenhang wurde sich in- tensiv mit den sozialen und ökonomischen Strukturen der Elbinsel aus- einandergesetzt mit einem Schwerpunkt auf das Thema der Migrantenö- konomie. Darüber hinaus wurde eine qualitative Evaluation des ESF4 - Projektes eines Informations- und Beratungszentrums für ausländische Existenzgründer und Betriebe „Unternehmer ohne Grenzen e.V.“ durchgeführt.

Toralf González, Dipl.-Soziologe, seit 1997 am Institut für Stadt- und Regional- ökonomie/ Stadt- und Regionalsoziologie. Toralf González studierte Soziologie und Städtebau/Stadtplanung in Hamburg. Neben einer freiberuflichen Tätigkeit wirkte er seit 1997 in unterschiedlichen Forschungsprojekten am Institut mit. Er war an dem Gutachten „Im Stadtteil arbeiten“ betei- ligt und führte die Unternehmensbefragungen auch bei Migrantenbetrie- ben durch. Zudem hat er die Projektbearbeitung sowohl für die „Quali- fikations- und Potenzialanalyse“ als auch für die wissenschaftliche Begleitung der "Entwicklungspartnerschaft Elbinsel" durchgeführt. E- benso war er für die Evaluation von „Unternehmer ohne Grenzen“ zu- ständig in dessen Rahmen 16 Migranten zu ihren Unternehmen befragt wurden. Toralf González hat aufgrund seiner direkten und persönlichen Auseinandersetzung mit Migrantenbetrieben ein umfangreiches Exper- tenwissen auf dem Gebiet. Neben seinem Expertenwissen über Migran- tenökonomien und Milieus weist er umfangreiche Kenntnisse über Wil- helmsburg und das Reiherstiegviertel auf, was dadurch verstärkt wird, dass er seit 2002 im Reiherstiegviertel lebt und zudem zu einem Thema promoviert, dass im Quartier verortet ist.

Unternehmer ohne Grenzen e.V. (UoG)

Der Verein „Unternehmer ohne Grenzen“ wurde im Jahr 2001 von mehreren Hamburger Firmeninhabern unterschiedlichster Branche und Nationalität gegründet, um Menschen mit Migrationshintergrund bei der Existenzgründung und Betriebsführung zu beraten und zu qualifizieren. Das Projekt wurde von 2001 bis 2004 aus Mitteln des Europäischen So- zialfonds gefördert. In den fünf Jahren, die der Verein besteht, wurden über 2000 Migranten aus über 80 Ländern beraten. Neben dem daraus resultierenden Expertenwissen über Migranten als Unternehmer weisen „Unternehmer ohne Grenzen“ mit ihren Standorten im Schanzenviertel und im Reiherstiegviertel darüber hinaus Kenntnisse über die regionalen Unterschiede der Migranten und ihrer Betriebe auf.

Kazim Abaci, Dipl.-Volkswirt und Sozialökonom, Geschäftsführer und Grün- dungmitglied von „Unternehmer ohne Grenzen e.V.“. Kazim Abaci war als As- sistent bei einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft beschäftigt bevor er 1999 von der Steg im Rahmen eines EU-Projektes für die Beratung von gründungswilligen Migranten sowie für deutsch-türkische Infoveranstal- tungen gewonnen werden konnten. Nach ehrenamtlicher Tätigkeit mit bis zu 60 anderen migrantischen Unternehmern eröffnete er mit den Mitteln des Fonds und der Unterstützung der damaligen Stadtent- wicklungs-, der Wirtschafts- und der Sozialbehörde die erste Beratungs- stelle am Standort St. Pauli. Aufgrund seiner langjährigen Beratungstätig- keit in der Sternschanze weist er exklusives Expertenwissen über die Gründungsarten und Unternehmertypen in diesem Gebiet auf.

Metin Harmanci, Dipl.-Soziologe und Personalentwickler, seit 2003 bei „Unter- nehmer ohne Grenzen e.V.“. Metin Harmanci ist seit 3 Jahren bei UoG am Standort Reiherstiegviertel beschäftigt. Als Diplom-Soziologe und Per- sonalentwickler ist er in der Beratung und dem Coaching bestehender Betriebe tätig und Ansprechpartner für Fragen der Betriebswirtschaft, des Marketings und in allen finanziellen Angelegenheiten. Darüber hin- aus ist er für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig und bereitet die Themen „Migrantenökonomie“ und „Migranten und Selbstständigkeit“ analytisch auf. Metin Harmanci verfügt durch seine Tätigkeiten im Quartier nicht nur ein explizites Wissen über die dortigen Migrantenökonomien, son- dern er hat ebenfalls an den Projekten der EP Elbinsel zur Beratung und Qualifizierung von Migrantenbetrieben sowie bei dem Existenzgründer- projekt auf der Veddel mitgewirkt. (s.Kap.11)

Auswertung der Experteninterviews

Die Ergebnisse der Experteninterviews liefern Erkenntnisse zum „Über- individuell-Gemeinsamen, Aussagen über gemeinsam geteilte Wissensbe- stände, Relevanzstrukturen, Wirklichkeitskonstruktionen, Interpretatio- nen und Deutungsmustern.“ (Meuser/Nagel 1991: 452) Die Auswertung der Experteninterviews orientiert sich an thematischen Ein- heiten, wobei die Äußerungen im Kontext der institutionellen Hand- lungsbedingung gesehen werden. Ausgewertet wurden die transkribier- ten Einzelinterviews nach der Methode der interpretativen Auswertungsstrategie nach MEUSER/NAGEL (1991: 455ff). Folgende sechs Auswertungsschritte werden von MEUSER/NAGEL vorgeschla- gen und für die Auswertung der Experteninterviews angewendet: Transkription, Paraphrase, Überschriften, Thematischer Vergleich, So- ziologische Konzeptualisierung und Theoretische Generalisierung.

Das Auswertungsverfahren nach MEUSER/NAGEL hat sich als überaus fruchtbar erwiesen. Möglich war auf diesem Wege eine Typisierung des Materials vorzunehmen und die Erkenntnisse der Experteninterviews zusammenzubringen. Mit den durchgeführten Experteninterviews wird kein Anspruch auf Repräsentativität erhoben.

Unternehmensbefragung

Um die Entwicklung von Migrantenökonomie im Quartier aus der Akteursperspektive zu analysieren, wurden migrantische Unternehmer als Akteure vor Ort interviewt. Die Auswahl der Gesprächspartner erfolgte nach den folgenden Kriterien:

- Repräsentation einer bestimmten Branche im Quartier
- Qualität des Unternehmens
- Ansässigkeit der Unternehmen im Quartier
- Möglichkeiten der sprachlichen Verständigung (Deutsch- bzw. Englischkenntnisse)
- Zugang und Verfügbarkeit der Personen (Zeit)

Die Unternehmer wurden dabei so ausgewählt, dass ein vielfältiges Spektrum von Qualitäts-, Branchen- und Unternehmertypen befragt werden konnten. Dadurch wird der Vielfalt und Unterschiedlichkeit der Unternehmerpersönlichkeiten und Biographien Rechnung getragen und eine möglichst differenzierte Sichtweise auf die Untersuchungsthematik ermöglicht.

Die Auswahl der zu befragenden Unternehmer erfolgte mit vorheriger Rücksprache der Experten, um die vorgenannten Kriterien hinsichtlich der potenziellen Interviewpartner zu erörtern. Im Reiherstiegviertel er- folgte die Kontaktaufnahme über Metin Harmanci von UoG, da bereits im Schanzenviertel die Erfahrung gemacht wurde, dass die Gesprächsbe- reitschaft sehr gering und das Misstrauen verhältnismäßig hoch waren. Hinzukam ein hohes Maß an terminlicher Unzuverlässigkeit. So wurden 70% der vorher vereinbarten Interviewtermine nicht eingehalten und auch im Vorfeld nicht abgesagt. Zugesagte Rückmeldungen bezüglich gemeinsamer Terminabsprachen sind ebenfalls nicht erfolgt. Die mit ho- hen zeitlichen Kosten verbundenen terminlichen Schwierigkeiten konn- ten durch eine vorherige Anmeldung von UoG vermieden werden.

Durchführung der Unternehmerinterviews

Um die subjektive Problemsicht der einzelnen Akteure herauszuarbeiten, wurden problemzentrierte leitfadenorientiertes Interviews (s. Anlage) durchgeführt. Das problemzentrierte Interview zielt nach WITZEL (2000: 1) auf „eine möglichst unvoreingenommene Erfassung individueller Handlungen so- wie subjektiver Wahrnehmungen und Verarbeitungsweisen gesellschaftlicher Reali- tät.“ „Problemzentrierung“ bedeutet, dass sich das Interview an einer ge- sellschaftlich relevanten Problemstellung orientiert, deren objektive Rahmenbedingungen vorab untersucht wurden, um die Darlegungen der Interviewten verstehen und am Problem orientierte Fragen bzw. Nach- fragen stellen zu können. Während des Gespräches kann so die subjekti- ve Sichtweise des Befragten herausgearbeitet und die Kommunikation auf das Forschungsproblem zugespitzt werden. Das problemzentrierte Interview beinhaltet eine prinzipielle Offenheit des Interviewers gegen- über der Empirie, wodurch der Erhebungs- und Auswertungsprozess durch ein induktives-deduktives Wechselverhältnis. (vgl. Witzel 2000: 2f) Das heißt, es könne sowohl aus der Allgemeinheit Rückschlüsse auf den Einzelfall als auch vom Einzelfall auf die Allgemeinheit abgeleitet wer- den.

Die Unternehmer

Bei der Auswahl der Unternehmer wurde neben den oben genannten Kriterien und einer möglichst heterogenen Auswahl ebenfalls darauf Wert gelegt, Betriebe auszuwählen, die nach den Ergebnissen der Kartie- rung als repräsentativ für die Quartiere stehen können oder nach Aussa- ge der Experten als Schlüsselpersonen im Quartier fungieren. Im Schan- zenviertel wurde zudem besonders darauf Wert gelegt, dass die Unternehmer seit längerer Zeit dort ansässig sind, um ihre Reaktionen auf die Veränderungen im Quartier ermitteln zu können. Die Unterneh- mer wurden anonymisiert, da die Mehrzahl der Unternehmer nur auf dieser Basis bereit waren, ein Interview zu geben. Die Aufzeichnung der Gespräche zur anschließenden Transkription wurde bei zwei Interviews verweigert.

Im Schanzenviertel wurden drei Betriebe befragt: Ein türkischer Le- bensmitteländler, eine türkische Einzelhändlerin des nicht-täglichen Be- darfs und ein italienischer Feinkosthandel mit gastronomischem Bereich. Im Reiherstiegviertel wurden ein türkischer Einzelhändler des nicht- täglichen Bedarfs, ein türkischer Einzelhändler des täglichen Bedarfs, ein türkischer Inhaber eines Gastronomiebetriebes und die Inhaberin eines portugiesischen Cafés befragt. Da die Befragten in den Unternehmer- portraits (s.Kap.7.6.2; 8.7.2) ausführlich dargestellt werden, kann an die- ser Stelle auf eine weiterführende, detaillierte Beschreibung der Inter- viewpartner verzichtet werden.

Auswertung der Unternehmerinterviews

Die Auswertung der Unternehmerinterviews erfolgt mittels einer qualita- tiven Inhaltsanalyse. In Anlehnung an KROMREY (2001: 298) wird unter Inhaltsanalyse eine „Forschungstechnik, mit der man aus jeder Art von Bedeu- tungsträgern durch systematische und objektive Identifizierung ihrer Elemente Schlüs- se ziehen kann, die über das einzelne analysierte Dokument hinaus verallgemeinerbar sein sollen“ verstanden. Die Methode der Inhaltsanalyse will Kommunika- tion analysieren, indem sie die Sprache, Texte, Bilder, symbolisches Ma- terial auswertet und sie als Teil des Kommunikationsprozesses begreift. Durch Aussagen „über das zu analysierende Material will sie Rückschlüsse auf bestimmte Aspekte der Kommunikation ziehen, Aussagen über den ‚Sender’ (z.B. dessen Absichten), über Wirkungen beim ‚Empfänger’ o.ä. ableiten.“ (Mayring 2003: 12) Das Material wurde unter den theoretischen Fragestellungen systematisch untersucht, wobei die Ergebnisse vor dem jeweiligen Theo- riehintergrund interpretiert wurden. Ziel der Inhaltsanalyse war es, über die Strukturierung und Analyse des Textmaterials, Aussagen über die Wechselwirkung von Quartier als gesellschaftlichem Raum und Migran- tenökonomien sowie Einblicke über das unterschiedliche unternehmeri- sche Denken und Handeln der Befragten unter Einbeziehung des Quar- tierskontextes zu erhalten.

Quantitative und qualitative Kartierung

Zur Untersuchung der Gewerbestruktur der Untersuchungsräume sowie zur Analyse der Art und Verbreitung der Migrantenökonomien wurde eine quantitative und qualitative Kartierung des Gewerbes vorgenom- men. Dafür wurden in beiden Untersuchungsräumen zwei repräsentative Straßenabschnitte gewählt, in denen sich die höchste Geschäftsdichte be- findet und wie in den Experteninterviews ermittelt werden konnte, sich die grundlegendsten strukturellen Veränderungen vollzogen haben und die größten Differenzen hinsichtlich des Qualitätsniveaus bestehen. Bei der Bestandsaufnahme wurden die straßenseitigen Erdgeschoss- nutzungen kartiert, da die dort ansässigen Stadtteil- und Quartiers- betriebe den größten Einfluss auf die Angebotsstruktur, die Nut- zungsvielfalt und die Wirkung auf das Straßenbild aufweisen. Bei der quantitativen Gewerbeerhebung wurden die Geschäfte nach Branchen kategorisiert. (s.Abb.5)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 5 Brancheneinteilung der Stadtteil- und Quartiersbetriebe. Quelle: Eigene Darstellung nach Steg 2003

Die Einteilung der Branchen erfolgte in Anlehnung an die Un- terteilungen des Gewerbekatasters der Steg. (vgl. Steg 2003) Zum Ein- zelhandel des täglichen Bedarfs gehören neben Lebensmittelgeschäften u.a. auch Drogeriemärkte, Bäcker und Kioske. Personbezogene Dienst- leistungen sind neben Frisören auch Wettbüros, Spielhallen und Call- Shops. Die Unterscheidungen in der Gastronomie wurden anhand des Angebotes und der Ausstattung vorgenommen. So werden zu der Un- terkategorie „Kneipe“ ausschließlich Betriebe gezählt, die nur Getränke und keine Nahrungsmittel anbieten, während in Cafés und Bars ebenfalls Essen gereicht wird, ihre Primärfunktion jedoch im Konsumieren von Getränken liegt.

Über die Kartierung der Branche, die in den meisten Fällen von außen absehbar war, wurde ebenfalls die Nationalität des Inhabers kartiert. Da aufgrund der vorherigen Auseinandersetzung mit Migrantenökonomien davon auszugehen war, dass die äußere Erscheinung eines Geschäftes nur bedingt einen Rückschluss über die Nationalität des Inhabers zulässt, wurde eine direkte Befragung der Mitarbeiter/Inhaber bezüglich des Migrationshintergrundes des Unternehmers vorgezogen. Mit der vielfach misstrauischen, abweisenden und z.T auch feindseligen Reaktion auf die Nachfrage wurde in der Form nicht gerechnet. Dies erschwerte die For- schungsarbeit und erhöhte den zeitlich und emotionalen Aufwand der Erhebung ungemein.

Mit der qualitativen Kartierung wurde die Qualität der vorhandenen Gewerbe in den Untersuchungsräumen dokumentiert, um so ihre Funk- tionen und Wirkungen auf das Quartier und seine Bewohner analysieren zu können. Daher erfolgte eine Einteilung nicht nur nach Branche und Nationalität, sondern ebenfalls nach qualitativen Gesichtspunkten. Dabei wurde die Angebots- und Versorgungsqualität, die äußere Erscheinung und die Zielgruppe des Geschäftes anhand der folgenden Fragen analysiert. (s.Abb.6)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 6 Kriterien der Bestandsbewertung. Quelle: Eigene Darstellung

Über eine Bewertung der Angebots- und Versorgungsqualität und der äußeren Erscheinung wurden die Geschäfte den Qualitätskategorien niedrig, mittel und höher zugeordnet. (s.Abb.7)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 7 Qualitätskategorien und Milieuzuordnung des Gewerbes. Quelle: Eigene Darstellung

Neben der Angebots- und Versorgungsqualität und der äußeren Er- scheinung wurde anhand der Fragestellungen erörtert, ob sich die Ge- schäfte einer bestimmten Zielgruppe zuordnen lassen. Anhand der jewei- ligen Auseinandersetzungen mit den Entwicklungen der Untersuchungsräume und den Expertengesprächen konnte das Vorhandensein unterschiedlicher Milieus in den Untersuchungsräumen ermittelt werden, zu denen sich über die Analyse der Zielgruppe bestimmte Unternehmen zuordnen ließen.

Anhand der qualitativen und quantitativen Kartierung der deutschen und migrantischen Stadtteil- und Quartiersbetriebe können Aussagen über die Funktionen und Wirkungsweisen beider Unternehmenstypen im Quartier analysiert werden.

A. Theorie

1. Migrantenökonomie zwischen Nische und Markt

„Der Döner Kebab hat mehr zur Integration der Türken in Deutschland beigetragen als alle Bemühungen von Intellektuellen.“ (Seidel 2001)

Die Entstehung von Migrantenökonomie in Deutschland begann mit der Arbeitskräfteanwerbung in den 1950er Jahren. Mit den Anwerbeverein- barungen wurde die systematische Zuwanderung nach Deutschland ein- geleitet, die auch nach Beendigung der Anwerbung 1973 bis heute fort- besteht. Seit Anfang der 1980er Jahre nimmt die Selbstständigkeit unter der ausländischen Bevölkerung kontinuierlich zu und verstärkt sich wei- ter seit der geänderten Gesetzgebung1 Anfang der 1990er Jahre. (vgl. Goldberg/Sen 1997: 65)

Heute sind Migrantenökonomien zu einem charakteristischen Merkmal deutscher Großstädte geworden. Mit ihren Angeboten im Einzelhandel, Gastronomie und Dienstleistungen erweitern sie die städtische Ange- bots- und Nutzungsvielfalt und prägen das Konsumverhalten der Städter ebenso wie das Warensortiment der Supermärkte. Die Verbreitung von Migrantenökonomien beschränkt sich nicht mehr auf einzelne Stadt- räume, sondern hat sich nahezu auf das gesamte Stadtgebiet ausgeweitet. Im Zuge dessen haben sich die Betriebe hinsichtlich Branche und Qua- lität differenziert entwickelt und weisen eine Vielzahl von Erscheinungs- formen auf.

1.1 Bedeutungsgewinn der Migrantenökonomie

Trotz ihrer langen Entstehungsgeschichte und weiten Verbreitung sind Migrantenökonomien in Deutschland ein aus wirtschafts- und kommu- nalwissenschaftlicher Sicht sehr junges Forschungsthema. Erst ab Mitte der 1990er Jahre wurde in Deutschland begonnen sich intensiv mit der Thematik zu befassen. Vor dem Hintergrund der Verfestigung von struktureller Arbeitslosigkeit von Migranten und deren räumliche Kon- zentration wurde festgestellt, dass sich die ausländischen Selbstständigen aus ihrer ethnischen Nische gelöst und zu Anbietern von Arbeitsplätzen entwickelt haben. (vgl. Floeting u.a. 2005: 3) In dem Zusammenhang wurde der besondere Charakter der Migrantenökonomie durch ihre Ein- bettung in wirtschaftliche und sozio-kulturelle Zusammenhänge für die Integration von Zuwanderern entdeckt. Neben ihrem ökonomischen Nutzen als Arbeits- und Ausbildungsplatzgeber (vgl. ifm 2005) sind es gerade die sozialen Funktionen, welche die Migrantenökonomie zu ei- nem wichtigen Forschungs- und Handlungsfeld für kommunale Akteure gemacht haben. In Anbetracht der anhaltenden und gerade wieder hoch- aktuellen Diskussion um Integration und die Entstehung von „Pa- rallelgesellschaften“ wird vor allem die integrative Wirkung von Migran- tenökonomie thematisiert. (vgl. Schuleri-Hartje 2005) Damit ging eine Neubewertung und veränderte Wahrnehmung von Migrantenökonomie einher. Die Sichtweise einer Nischen- und Armutsökonomie wandelte sich hin zu einem „ernstzunehmenden Faktor lokaler Ökonomie“ (Leicht 2005b).

1.2 Strukturelle Merkmale und Besonderheiten

Die Migrantenökonomie in Deutschland stellt einen sehr dynamischen und stark zunehmenden Wirtschaftszweig dar. Mit 286.000 ausländi- schen Unternehmern stellen die Migranten 7% der Selbstständigen in Deutschland und verzeichnen einen Gesamtumsatz von rund 44 Mrd. Euro. Mit über 600.000 Beschäftigten stellen sie 3-4% aller Arbeitsplätze in Deutschland. (vgl. ifm 2005: 13)

Die größten Gruppen selbstständiger Migranten stellen die Italiener mit 16%, die Türken mit 15% und die Griechen mit 9% Anteil an der Migrantenökonomie in Deutschland dar. (vgl. ifm 2005: 5) Die Griechen und Italiener sind mit rund 50% der unternehmerischen Tätigkeit stark auf den gastronomischen Bereich fixiert, während nur ein Drittel der Türken dort aktiv ist. Türkische Unternehmer sind stärker auf die Han- delsbranche sowie personen- und haushaltsorientierte Dienstleistungen ausgerichtet. (vgl. Burgbacher 2004: 17f). Die Türken, Griechen und Ita- liener sind sowohl im handwerklichen Bereich als auch bei den unter- nehmensnahen und freiberuflichen Dienstleistungen stark unterreprä- sentiert. (vgl. ifm 2005: 12) Die größten Betriebe befinden sich in den Branchen verarbeitendes Gewerbe, Großhandel und Gastronomie; die kleinsten Unternehmen sind Einzelhandelsbetriebe. (vgl. Burgbacher 2004: 19)

Insgesamt weisen die Migrantenökonomien eine starke Heterogenität auf. Branchenverteilung, Bildungsgrad, Gründungsalter, Nutzung von Förderung und Beratung, sozialem Kapital und Grad der Ethnisierung hängen stark von der jeweiligen Nationalität und ihrer Einwanderungs- geschichte nach Deutschland ab. Verallgemeinernde Aussagen zu „der“ Migrantenökonomie können auch aufgrund des begrenzten Datenmate- rials demnach nicht getroffen werden.

1.3 Definition und Begriffsabgrenzung

Der Begriff der „Migrantenökonomie“ wird in der Literatur synonym und zum Teil überschneidend mit den Termini „ethnische Ökonomie“, „Zuwanderer-Ökonomie“ oder „Migrationsökonomie“ verwendet. Die Definitionen, die hinter den Formulierungen stehen, weichen in Abhän- gigkeit der Autoren graduell voneinander ab. Zur Vereinfachung und Vermeidung von Begriffsüberschneidung und Irritationen wird in der Arbeit ausschließlich der Begriff „Migrantenökonomie“ verwendet, der folgend definiert wird. Von der Vielzahl der unterschiedlichen, zum Teil unklar abgegrenzten Definitionen wird die für die vorliegende Untersu- chung wesentliche Variante vorgestellt und daraus eine eigene Beg- riffseingrenzung abgeleitet.

Vorherrschend in der sozioökonomischen Diskussion ist die Definition von Migrantenökonomie nach FLOETING / HENCKEL vom Deutschen Institut für Urbanistik. Sie definieren „ethnische Ökonomie“ als „selbst- ständige Erwerbstätigkeit von Personen mit Migrationshintergrund in Deutschland und abhängige Beschäftigung in von Personen mit Migrationshintergrund geführten Betrieben (...), die in einem spezifischen Migrantenmilieu verwurzelt sind.“ (Floe- ting/Henckel 2003: 68, ebs.: Floeting u.a. 2005: 3; Schuleri-Hartje u.a. 2005: 21) Durch den von den Autoren gewählten Begriff der „ethni- schen Ökonomie“ und den als Bedingung eingeschlossenen Bezug zu ei- nem „spezifischen Migrantenmilieu“ wird der Fokus von vornherein auf kulturelle Besonderheiten dieser Unternehmensform gelegt und diese vorab zur Bedingung und damit zur Eigenschaft des Untersuchungsge- genstands gemacht. Damit werden per Definition Teile der selbstständi- gen Tätigkeit von Migranten von der Betrachtung und Forschung ausge- schlossen. Um dies zu vermeiden wird folgend jede Form der selbstständigen Er- werbstätigkeit von Migranten und Personen mit Migrationshintergrund unter dem Begriff der Migrantenökonomie zusammengefasst. Die Ange- stellten von Migrantenunternehmen, die „abhängige Beschäftigung in von Per- sonen mit Migrationshintergrund geführten Betrieben“, (Floeting/Henckel 2003: 68) werden ebenfalls als Teil der Migrantenökonomie verstanden. Da die Migrantenökonomie hinsichtlich ihrer Wirkung auf die Quartiersent- wicklung analysiert wird, stehen der räumliche Bezug der Betriebe und ihre lokale Eingebundenheit im Vordergrund der Untersuchung. Unter- suchungsgegenstand sind demnach Stadtteil- und Quartiersbetriebe, die von Personen mit Migrationshintergrund geführt werden. Die Einbet- tung in ein ethnisches Milieu und die Ausprägung kultureller und ethni- scher Besonderheiten werden nicht von vornherein als konstituierender Bestandteil der Migrantenökonomie verstanden. Vielmehr stellen der Grad der „Ethnisierung“ der Migrantenökonomien und ihre Auswirkun- gen auf die Entwicklung von Unternehmen und Quartier einen wesentli- chen Schwerpunkt der vorliegenden Forschungsarbeit dar. Daher wird ausschließlich der Begriff „Migrantenökonomie“ oder „Migrationsöko- nomie“ verwendet. Die Bezeichnung „ethnische Ökonomie“ bleibt Un- ternehmensformen vorbehalten, die vordergründig und nachweislich durch ethnische Faktoren in ihrer Struktur und unternehmerischen Han- deln geprägt sind.

1.4 Entstehungstheorien und Erklärungsansätze

Um zu analysieren, wie sich Migrantenbetriebe in Quartieren entwickeln und welche Rolle dem spezifischen Quartiersmilieu sowie dem unter- nehmerischen Denken und Handeln zukommt, werden einleitend die in der sozio-ökonomischen Literatur vorherrschenden Entstehungstheorien und Erklärungsansätze von Migrantenökonomien vorgestellt. Anhand der strukturellen Daten, die neben den qualitativen Zugängen der Theo- rie einen quantitativen Überblick über Wesen und Verbreitung der Migrantenökonomie in Deutschland vermitteln, werden die Entste- hungstheorien und Erklärungsansätze hinsichtlich ihrer Aussagekraft a- nalysiert. Anhand der bewerteten Erklärungsansätze werden erste Ein- schätzungen des unternehmerischen Denkens und Handelns der Migrantenunternehmer vorgenommen sowie ihre mögliche Beeinfluss- barkeit gegenüber äußeren Einflüssen abgeleitet.

In der Literatur lassen sich kulturelle und strukturelle Erklärungsan- sätze unterscheiden. Kulturelle Erklärungsansätze „heben die Besonderheiten „Ethnischer Ökonomie“ hervor und machen ihre Entstehung und Funktionsweise an kulturellen Besonderheiten der ethnischen Gruppe fest.“ (Fischer 2001: 30) Zu ih- nen lassen sich das Kulturmodell und der Ressourcenansatz zählen. Strukturelle Erklärungsmodelle leiten hingegen die Entstehung und Funktionsweise aus den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ab, die Betriebsgründungen von Migranten fördern oder erschweren. Zu ihnen werden das Ergänzungs- bzw. Nischenmodell sowie das Reaktionsmo- dell gerechnet. Der Interaktionsansatz versucht hingegen ethnische und strukturelle Ansätze zu verknüpfen. (vgl. u.a. Goldberg/Sen 1997: 66ff; Hillmann 2001: 43; Fischer 2001: 35ff; Floeting/Henckel 2003: 72f; Schuleri-Hartje u.a. 2005: 23ff)

Kulturelle Ansätze

Das Kulturmodell setzt als Erklärungsansatz bei den kulturellen Unter- schieden an, die zwischen Herkunfts- und Aufnahmeland bestehen. So werden die Werte und kulturellen Normen der Zuwanderer, die sie aus ihrem Herkunftsland importieren, als ausschlaggebend für ihr wirtschaft- liches Verhalten in der Aufnahmegesellschaft gesehen. Ausländische Selbstständigkeit wird als ein „Festhalten an traditionellen Verhaltensweisen

(…) aus der Herkunftsregion“ und einer so genannten „Basar-Mentalität“ er- klärt. (Wiebe 1984: 325; zit. in: Golberg/Sen 1997: 69) Demzufolge ha- ben bestimmte Kulturen eher Präferenzen für selbstständige Ge- schäftsaktivitäten als andere. (vgl. Fischer 2001: 31) Die Studie der Schader-Stiftung und des Difu belegen diese Annahme damit, dass die Selbstständigenquote in Griechenland und der Türkei Ende der 1990er Jahre bei rund 30% und in Italien bei 25% lag, während in Deutschland nur 10% Selbstständige waren. Aus diesen statistischen Werten wird eine „Mentalität der Selbstständigkeit“ abgeleitet. (vgl. Schuleri-Hartje 2005: 25)

Die Kritik am Kulturmodell beruht auf der Einseitigkeit des Erklärungs- versuches, ausländische Selbstständigkeit anhand den vom Aufnahme- land abweichenden kulturellen Werten und Normen abzuleiten. Andere Faktoren wie die strukturelle Situation im Aufnahmeland in rechtlicher, ökonomischer und sozialer Hinsicht sowie individuelle Handlungsmotive werden nicht berücksichtigt. Daher reicht auch eine reine Gegenüber- stellung der Selbstständigenquote in ausgewählten Ländern nicht aus, um eine „Mentalität der Selbstständigkeit“ nachzuweisen, wenn die divergie- rende gesamtgesellschaftliche Situation in den Ländern nicht in die Be- trachtungen mit einbezogen wird. „Das Kulturmodell beruht auf einer fest ge- fügten, von dem Herkunftsland bestimmten und unveränderbaren Kultur, die daher auch eine durch Erfahrungen in der Aufnahmegesellschaft bedingte Verhaltensände- rung, wirtschaftliche Neuorientierung etc. nicht erwarten läst.“ (Goldberg/Sen 1997: 69) Somit wird von dem Modell weder eine unterschiedliche Bran- chenwahl noch das unternehmerische Verhalten der zweiten Generation von Migranten erklärt. (vgl. Goldberg/Sen 1997: 69f; Schuleri-Hartje u.a 2005: 26) Das Modell weist allein für sich genommen einen geringen Er- klärungswert hinsichtlich der Entstehungs- und der Funktionsweise von Migrantenökonomien auf.

Im Ressourcenansatz finden sich weniger zugespitzt Hinweise darauf, dass die kulturelle Prägung des Herkunftslandes Auswirkungen auf die unternehmerischen Aktivitäten von Zuwanderern besitzt. Es wird davon ausgegangen, dass innerhalb einer ethnischen Community spezifische, ethnische Ressourcen vorhanden sind, die für die Unternehmensgrün- dung und -Führung genutzt werden. „Ethnische Ressourcen“ werden von den Anhängern dieses Erklärungsansatzes als zentrale Faktoren bei der Entstehung und Etablierung von Migrantenunternehmen angesehen. Als Ressourcen werden alle Formen von Solidarität und gegenseitiger Unterstützung z.B. in sozialer oder finanzieller Hinsicht, spezifische eth- nische Traditionen und Werte wie Arbeitstugend und Konsumgewohn- heiten, aber auch Ehre, Vertrauen, Solidarität und Loyalität sowie spezi- fische, ethnisch kooperative Strukturen in der Wirtschaftstätigkeit bezeichnet. Besonders der stärkere Familienverbund, der für die Rekru- tierung von Arbeitskräften und im Zuge der Kapitalbeschaffung genutzt werden kann, wird als ethnisches Merkmal betrachtet. Als typische Bei- spiele des Ressourcenansatzes dienen der Handel mit ethnischen Waren oder das Angebot von ethnischen Speisen und Getränken, da die Migranten in diesem Fall direkt von ihren ethnischen Spezifika profitie- ren können. (vgl. u.a. Goldberg/Sen 1997: 69; Fischer 2001: 33)

Die Kritik am Ressourcenmodell setzt wie beim Kulturmodell bei der Einseitigkeit der Betrachtungsebene an. Im Mittelpunkt steht der Zu- wanderer mit seiner kulturell-ethnischen Einbettung und den sich daraus ergebenden Ressourcen. Die Aufnahmegesellschaft wird nicht als Ein- flussfaktor in den Erklärungsansatz mit einbezogen. Es muss davon aus- gegangen werden, dass Migrantenunternehmen zwar z.T ethnische Res- sourcen nutzen, aber sich nicht darauf beschränken lassen. Sowohl das Angebot als auch die Formen der Unternehmensführung gehen über „ethnische“ Erscheinungsformen hinaus und stellen sich wesentlich di- versifizierter dar, wie im folgenden Unterkapitel gezeigt wird.

Der Interaktionsansatz kann als Weiterführung des Ressourcenmodells verstanden werden. Er zielt darauf ab, die Herausbildung spezifischer Geschäftspraktiken im Sinne „kollektiver ethnischer Strategien selbstständiger MigrantInnen“ (Fischer 2001: 34) zu erklären. Das Erklärungsmodell setzt sich aus strukturellen gesellschaftlichen Faktoren, den Gelegenheits- strukturen bestehend aus Marktbedingungen und Zugangsbedingungen zum Markt, sowie aus den so genannten Gruppencharakteristika zu- sammen, die wiederum Zuschreibungen von Eigenheiten einer spezifi- schen ethnischen Community beinhalten. Diese sind „prädisponierende Faktoren“, welche Gründe für die Unternehmensgründung beinhalten sowie die spezifisch verfügbaren Ressourcen. (vgl. Ressourcenmodell) Anhand des Prinzips von Angebot und Nachfrage wird in dem Modell versucht, externe Rahmenbedingungen in Form von Marktbedingungen mit denen von der Gruppe verfügbaren ethnischen Ressourcen zu ver- knüpfen. Die Marktbedingungen werden in dem Zusammenhang als konstituierend für die Nachfrageseite und die ethnischen Ressourcen als konstituierend für die Angebotsseite angesehen.

Die Kritik an diesem Modell geht einher mit der grundsätzlichen Kritik an den Modellen der kulturellen Erklärungsansätze und liegt in der ihnen immanenten „Ethnisierung“ in Form von Zuschreibungen spezifischer kultureller Gemeinsamkeiten und ethnischer Eigenschaften. Darin liegt die Gefahr einer Verallgemeinerung und Vereinfachung der Heterogeni- tät der ethnischen Gemeinschaften und des unternehmerischen Den- kens und Handelns durch Reduktion auf ethnische Faktoren. Viele Ge- meinsamkeiten der Migrantenbetriebe entstehen aus der Situation ihrer Zuwanderung heraus und sind demnach nicht „ethnisch“ bedingt. Die aus der Zuwanderungssituation heraus entstehenden Erklärungsansätze werden folgend als „strukturelle Modelle“ vorgestellt.

Strukturelle Modelle

Die strukturellen Entstehungsmodelle gehen in ihren Erklärungstheorien von gesellschaftlichen Mechanismen aus, welche die Gründung von Migrantenbetrieben primär beeinflussen.

Das Nischen- bzw. Ergänzungsmodell geht davon aus, dass eine re- gionale, räumliche Konzentration von Menschen einer Nationalität be- steht und das diese spezifische Konsumbedürfnisse aufweist, die auf dem inländischen Markt nicht zu decken sind. Diese ungedeckte Nachfrage stellt eine Marktnische dar, die den Einstieg für Personen aus dem Kul- turkreis aufgrund der vorhandenen Absatzchancen ermöglicht. Dem An- satz zur Folge werden Betriebe nur dort gegründet, wo eine ausreichend hohe Konzentration von Menschen mit spezifischen Konsumverhalten leben. (vgl. Goldberg/Sen 1997: 66) Die Betriebe ergänzen mit ihrem Angebot die des deutschen Marktes und stehen daher nicht mit ihnen in Konkurrenz.2 Für Betriebe, deren Funktionsweise sich aus der Nachfra- gestruktur der ethnischen Community erklärt und die zunächst aus- schließlich auf ausländische Kundschaft ausgerichtet sind, lassen sich beispielhaft Im- und Exportgeschäfte, Gastronomiebetriebe, Lebens- mittelgeschäfte und spezialisierte Reisebüros nennen. GOLDBERG und SEN sehen diese Form der Migrantenökonomie als eine Erscheinung der ersten Migrantengeneration und als erste Phase der Selbstständigkeit von Migranten. (vgl. Goldberg/Sen 1997: 66f) Mit der Zeit folgt die Ni- schenökonomie verschiedenen Entwicklungspfaden.

Die Nischenökonomie hat sich an die wandelnden Konsumbedürfnisse der seit Jahren in Deutschland lebenden Migrantenbevölkerung ange- passt. So entstehen Medienunternehmen wie Verlage, Zeitungen und Fernsehsender, Diskotheken und Videotheken sowie Banken, Versiche- rungen, Anwaltsbüros und Arztpraxen, die sich auf die Nachfrage von Gruppen mit bestimmten Nationalitäten spezialisiert haben. Während diese „gereifte“ ethnische Nischenökonomie entsteht (vgl. Schuleri- Hartje u.a. 2005: 25) haben eine Vielzahl der „traditionellen Nischen- ökonomien“ wie Gastronomiebetriebe und Lebensmittelhändler den Sprung von der Nische zum Markt vollzogen. Durch das mit der Zeit veränderte Konsumverhaltens sowohl auf ausländischer als auch auf deutscher Seite decken die Ausländer nun ihre Nachfrage zum großen Teil auch auf dem deutschen Markt und die deutschen Kunden haben die „ausländischen Produkte“ in ihre Konsumgewohnheiten integriert. Die ausländischen Anbieter reagieren darauf mit einer weiteren Anpas- sung ihrer Angebote an die Konsumgewohnheiten der Deutschen, so dass viele der Betriebe ihren Kundenkreis zum größten Teil aus der Mehrheitsgesellschaft beziehen. „Dieser Verschiebungstrend weg von einem eth- nischen und hin zu einem pluralistischen Kontext kann dann als ein Zeichen für die Integration interpretiert werden. (…) Innovationsfreudige Unternehmen versuchen, die ethnischen Grenzen abzubauen, um auch die deutsche Kundschaft für sich zu gewin- nen.“ (Fischer 2001: 37)

Eine weitere Entwicklungsform der Nischenökonomie zeigt sich in be- stimmten Branchen und Bereichen, die ausschließlich von Ausländern besetzt sind. Zu nennen sind hier vor allem Änderungsschneidereien und kleinteiliger Obst- und Gemüsehandel, wie z.T auch die städtischen Ki- oskbetriebe. Damit schaffen Migrantenbetriebe ein zusätzliches Angebot zu den einheimischen Anbietern und nehmen Geschäftstraditionen auf, „die im Zuge der Industrialisierung der Konsumwirtschaft im Absterben begriffen wa- ren.“ (Goldberg/Sen 1997: 68) Da diese Angebote wie im Falle der Än- derungsschneidereien ausschließlich von Einheimischen genutzt werden und somit von Ausländern ein Angebot für Einheimische zur Ergänzung des deutschen Angebots gestellt wird, soll in diesem Fall von Ergän- zungsökonomie gesprochen werden.3 HÄUßERMANN und OSWALD be- tonen, dass diese ethnisch besetzten Arbeitsbereiche nicht aus kulturell begründeten, ethnischen Arbeitspräferenzen herrühren, sondern „ökono- misch bedingte Umschichtungsphänomene“ (Häußermann/Oswald 1997: 24) darstellen. Migranten rutschen demnach in die „unteren“ Tätigkeitsfelder mit höherer Arbeitsbelastungen und geringerer Entlohnung nach, in de- nen Deutsche nicht mehr tätig sein wollen. So zeigt sich, dass die Hin- wendung zum deutschen Markt mit der Bereitschaft einhergeht, „ungüns- tige Arbeitsbedingungen in Kauf zu nehmen“. (Goldberg/Sen 1997: 67)

Das Grundmodell der Nischenökonomie reicht, wie GOLDBERG und SEN hervorheben, lediglich zur Beschreibung der Existenzgründungen der ersten Einwanderergeneration aus. Die Existenz einer Konsumen- tengruppe gleicher Herkunft stelle darüber hinaus keine ausreichende Bedingung für erfolgreiche Geschäftsgründungen von Ausländern dar. Auch individuelle Motive wie das Streben nach höherem Einkommen, wirtschaftlicher Unabhängigkeit und höherem sozialen Status finden in diesem Modell keine Berücksichtigung. (vgl. Schuleri-Hartje u.a. 2005: 25) Für BUKOW (1993) ist der Erklärungsansatz über die Marktmecha- nismen zu neutral und er würde unterstellen, dass Minderheiten die glei- chen Chancen hinsichtlich rechtlicher Rahmenbedingungen oder Ar- beitsmarktzugang wie der Mehrheitsgesellschaft eingeräumt werden würden. (vgl. Bukow 1993: 122) Gleichwohl lassen sich mit dem Ni- schenmodell Branchenkonzentrationen innerhalb der Migrantenökono- mie erklären. Durch die Reduktion der Betrachtung auf veränderte An- gebots- und Nachfragestrukturen und das Außenvorlassen von gesell- schaftlichen Rahmenbedingungen und persönlichen Motiven lässt sich die Entstehung von Migrationsbetrieben mit diesem Modell aber nur be- dingt abbilden.

Das Reaktionsmodell geht im Gegensatz zu den kulturellen Modellen und dem Nischenmodell nicht von den Migranten und den Besonder- heiten ihrer ethnischen Community aus, sondern stellt die rechtlichen, ökonomischen und sozialen Rahmenbedingungen der Aufnahmegesell- schaft in den Mittelpunkt der Betrachtung. Die Entstehung von Migran- tenökonomie wird damit als Reaktion der Zuwanderer auf ihre spezifi- sche Lebenslage im Aufnahmeland interpretiert. Als wesentliche externe Faktoren, von denen das Gründungsverhalten der Migranten beeinflusst wird, gelten vor allem die rechtliche Lage, die Diskriminierung der Migranten auf dem Arbeitsmarkt und der Zugang zu Kapitalquellen, Standorten und Waren. Die rechtlichen Einschränkungen für nicht EU- Bürger hinsichtlich Aufenthaltsstatus und Selbstständigkeit4 beeinflussen ebenso das Gründungsverhalten der unterschiedlichen Migrantengrup- pen wie der für die Erteilung und Verlängerung der Aufenthaltsgeneh- migung notwendige Nachweis eines gesicherten Auskommens, der für viele Migranten zur „Flucht in die Selbstständigkeit“ führte. (vgl. Gold- berg/Sen 1997: 70f; Fischer 2001: 38) Ebenso wird nach dem Modell als Reaktion auf Diskriminierung, verweigerte berufliche Aufstiegschancen und Arbeitslosigkeit mit dem Aufbau einer Selbstständigkeit reagiert, um der Ausgrenzung vom Arbeitsmarkt entgegenzuwirken und sich unab- hängig von diskriminierenden Einschränkungen beruflich weiter zu ent- wickeln. Auch das Institut für Mittelstandsforschung sieht eine statisti- sche Korrelation zwischen der zunehmenden Selbstständigenquote und der ansteigenden Arbeitslosigkeit insbesondere bei Griechen und Italie- nern. (vgl. ifm 2005: 7) Als weiterer wesentlicher Einflussfaktor wird auch der Zugang zu Ressourcen bewertet, der innerhalb verschiedener ausländischer Gruppen unterschiedlich ausfällt. Dies beeinflusst sowohl die Größe als auch die Wahl der Branche, in der der Betrieb gegründet wird. (vgl. Goldberg/Sen 1997: 72) In diesem Ansatz werden die individuellen Gründungsmotive der Unter- nehmer am stärksten berücksichtigt. Über die Determinanten des unter- schiedlichen Ressourcenzugangs sehen GOLDBERG und SEN ebenfalls einen Erklärungsansatz für die Konzentration von ausländischen Grup- pen in bestimmten Branchen. (ebd.) Auch ermöglicht das Modell eine Unterscheidung in die Erwerbstätigkeit der ersten und zweiten Genera- tion, „da sie aufgrund verschiedener Bildungsvoraussetzungen einen anderen Zugang zu notwendigen Ressourcen haben.“ (ebd.) Der Vorteil des Modells ist, dass ein unterschiedliches Engagement in verschiedenen Branchen nicht auf den Faktor Kultur reduziert wird, sondern an den unterschiedlichen Möglichkeiten von ausländischen Gruppen festgemacht werden, die sich aus der rechtlichen Situation, dem Ressourcenzugang und den Her- kunftserfahrungen ergeben. So kann eine ethnisierende Darstellung der Migrantenökonomie vermieden werden.

1.5 Bewertung der Entstehungstheorien und Erklärungsansätze

Nachdem die unterschiedlichen Modelle zur Erklärung der Entstehung von Migrantenökonomien vorgestellt wurden, werden nachstehend anhand der Erhebung des Instituts für Mittelstandsforschung (2005) und der Erhebung der Hochschule für Wirtschaft und Politik Hamburg (2003) die Entstehungsmodelle hinsichtlich ihres Erklärungsgehaltes bewerten und abschließend gegenüberstellen.

Ergänzend zu der vorab angeführten Kritik am Kulturmodell können auch anhand der empirischen Untersuchungen nur wenige Hinweise für die Gültigkeit des Ansatzes gefunden werden. Im Modell wird davon ausgegangen, dass die durch Werte und kulturelle Normen des Her- kunftslandes geprägten Verhaltensweisen der Zuwanderer ihr unterneh- merisches Handeln in der Aufnahmegesellschaft bestimmen. Diese „Mentalität der Selbstständigkeit“ würde aus Sicht des ifm implizieren, dass die Gründungsabsicht schon über einen längeren Zeitraum bei den Migranten bestehen müsste und, dass diese Entscheidung in vielen Fäl- len schon im Heimatland getroffen wurde. Beide Annahmen fanden sich durch die eigene Befragung nicht bestätigt. Die zeitlichen Entwick- lungsmuster von der ersten Idee bis zur Gründung sind ethnienübergrei- fend und mit denen der Deutschen identisch. Insgesamt hatte jeder achte Migrant bereits im Heimatland den Gründungswunsch. (ifm 2005 Seite 19) Es lassen sich hier aber ebenfalls keine Unterschiede zwischen den Ethnien ausmachen. Darüber hinaus müsse sich anhand dieses Ansatzes ein Unterschied zwischen Gründern der ersten und der zweiten Migran- tengeneration finden lassen, da die einen im Heimatland und die anderen in der Aufnahmegesellschaft geprägt und sozialisiert wurden. Aber auch hier ließen sich keine prägnanten Unterschiede ausmachen.

Als prägendes Elemente des Ressourcenansatzes gilt die Verwendung spezifischer ethnischer Ressourcen wie z.B. ein hohes Maß an familiärer Unterstützung in Form von Kapitalbeschaffung, flexibler Arbeitskräfte- einsatz, Handel mit ethnischen Waren sowie das Angebot von ethni- schen Speisen und Getränken. Für die Verwendung ethnischer Ressour- cen finden sich im Datenmaterial einige Hinweise: Jeder dritte bis vierte Migrant erhält bei der Gründung finanzielle Hilfe von der Familie und auch der Anteil der unentgeltlich helfenden Familienmitglieder ist im Vergleich doppelt so hoch wie bei den Deutschen. (vgl. ifm 2005: 23) Die Tatsache, dass 37% der Großhändler ihre Waren ausschließlich aus dem Heimatland beziehen, spricht ebenfalls dafür, dass Kontakte und Verbindungen zum Heimatland für die Selbstständigkeit im Aufnahme- land genutzt werden. Insgesamt liegt der Durchschnitt der Betriebe, die ausschließlich Lieferanten aus dem Heimatland haben über alle Branchen verteilt bei knapp 17%. (vgl. Burgbacher 2004: 24) Da das Angebot von ethnischen Speisen und Getränken ebenfalls als Indikator für das Zutref- fen des Ressourcenansatzes gewertet wird, spricht die Gastronomie-Fi- xierung der Italiener und Griechen ebenfalls für dieses Modell. Bei der Betrachtung werden jedoch nicht die Genese des Angebotes und die in- zwischen vorherrschende Transkulturalität der Migrantenökonomie ge- rade im gastronomischen Bereich miteinbezogen. So haben sich zum ei- nen die Produkte so verändert, dass sie mit dem originären Produkt nur noch wenig gemeinsam haben. (vgl. Goldberg/Sen 1997: 66f) Es werden in diesem Sinne keine „ethnischen Speisen und Getränke“ mehr offe- riert, sondern der deutschen Nachfrage entsprechend konfigurierte Pro- dukte. Der „ethnische“ Bezug des Angebotes durch die Verbindung zum Herkunftsland z.B. über traditionelle Zubereitung und Rezepte oder durch den Import von Zutaten und Köchen ist in der Mehrzahl der Fälle nicht gegeben. Ebenfalls ist zunehmend ein „Handel mit vermeintlich „ethni- schen Waren““ zu beobachten, wie „der süddeutsche Kuhmilchfeta, der unter vermeintlich „türkischer Marke“ verkauft wird“. (vgl. Schuleri-Hartje u.a. 2005: 31) Besonders im gastronomischen Bereich ist eine bewusste Verwen- dung von ethnischen Zuschreibungen zu beobachten. So werden eine Vielzahl von Döner-Imbissen von Bulgaren, chinesische Imbisse von Vietnamesen und Pizzerien von Arabern betrieben, die sich mitunter so- gar ein italienisches Vokabular angeeignet haben, um dem von ihnen er- warteten, ethnischen Bild zu entsprechen. (ebd.) Daraus wird deutlich, dass die so genannten „ethnischen Ressourcen“ nur noch bedingt einen exklusiven, ethnischen Charakter haben. Der Import von Waren aus dem Heimatland und die Unterstützung aus der Familie spielen zwar bei nicht unerheblichen Teilen der Migrantenbetriebe eine Rolle, aber ein- hergehend mit der bereits geäußerten Kritik der Einseitigkeit des Modells kann für die Entstehung von Migrantenbetrieben dieser Tatbestand nicht mehr als hinreichende Erklärung bewertet werden.

Die Nischenökonomie wurde vorab als eine auf die Nachfrage der ei- genen Ethnie ausgerichtete Unternehmensform definiert. Anhand der Erhebung des ifm wird jedoch deutlich, dass die Nachfrage aus der eige- nen ethnischen Community für den größten Teil der Geschäfte eher von geringerer Bedeutung ist. Die Kaufkraft der eigenen Landsleute spielt für die Selbstständigen ebenso wie das Vorhandensein von „ethnische Kolonien“ als Absatzmarkt nur noch eine untergeordnete Rolle. So ha- ben insbesondere Italiener und Griechen ihre Selbstständigkeit in einer „sozialräumlich angepassten Situation, die eine Orientierung auf die einheimische Be- völkerung erforderte“ (ifm 2005: 11) begonnen. Insgesamt überwiegt der Anteil der Unternehmer, bei denen die Kunden gleicher Nationalität we- niger als ein Viertel ausmachen. Bei den Türken besteht bei jedem sechs- ten Geschäft bundesweit der Kundenstamm immerhin bis zur Hälfe, bei jedem achten Geschäft über der Hälfte aus Landsleuten. (ebenda) In Hamburg gaben 15% der türkischen Unternehmer (knapp jeder Sieben- te) an, dass ihre Kundschaft ausschließlich aus Türken bestehe. Hier zei- gen sich ebenfalls stärkere, ethnische Differenzierungen. Während nur 6% der Polen und 7% der Afghanen ihre Kundschaft hauptsächlich in der eigenen Ethnie haben, sind es bei den Ex-Jugoslawen ein Viertel, bei den Iraner 17% und bei den Chinesen 16%. (vgl. Burgbacher 2004: 23) Die meisten Unternehmen richten sich demnach mit ihrem Angebot an die Mehrheitsgesellschaft und agieren nicht in der „Nische“ für die eige- ne Ethnie. In wie weit hinter der heutigen Ausprägung eine Entwicklung im Sinne „von der Nische zum Markt“ steht, kann hier nicht für alle be- fragten Nationalitäten beurteilt werden, da keine Informationen über die Anfänge ihrer wirtschaftlichen Tätigkeit bestehen. Für die Gruppe der Türken, Italiener und Griechen kann diese Entwicklung als ein relevanter Entwicklungspfad der Migrantenökonomie bestätigt werden. Insgesamt zeigen sowohl die Untersuchung in Hamburg als auch die des ifm, dass sich die Gruppe der türkischen Selbstständigen und der Iraner annähernd gleichmäßig auf die Bereiche Handwerk, Handel und Dienst- leistungen verteilt. Die zunehmende Heterogenität der Branchenstruktur wird bei den Türken auf die längere Anwesenheit in Deutschland erklärt, die zu einer Abkehr von den traditionellen Migrantenbranchen und der so genannten Nischenökonomie führt.

Das Modell der „gereiften ethnischen Nischenökonomie“ findet sich ebenso durch die Statistik bestätigt. Vor allem die türkischstämmigen Deutschen, die in den Bereichen unternehmens- und wissensintensiven Dienstleistungen wie Unternehmens-, Steuer- und Rechtsberatung sowie Kreditvermittlung oder Dolmetscherdienste tätig sind, haben einen Kundenstamm der zwischen 50 bis 100% aus Türken besteht. (vgl. ifm 2005: 11) Im Hamburger Durchschnitt haben 33% der ausländischen Dienstleister ausschließlich Kunden der eigenen Ethnie. (vgl. Burgbacher 2004: 24) Hier wird auch ein berufliches Entwicklungspotenzial für hö- her gebildete und besser integrierte Ausländer gesehen, die in einer Ver- mittlerrolle ihre Sprachkenntnisse, institutionelle Kenntnisse und kultu- relle Kompetenz einbringen könnten.

Das hier als Ergänzungsökonomie beschriebene Phänomen der aus- schließlichen Branchenbesetzung durch bestimmte Ethnien kann anhand des vorliegenden Materials nicht nachvollzogen und auch die Ursachen nicht weiter analysiert werden. Die von HÄUßERMANN und OSWALD be- schriebene Unterschichtung (s. Ergänzungsökonomie) stellt einen mögli- chen Erklärungszusammenhang dar. Als weitere Faktoren sind die ver- schiedenen Möglichkeiten des Marktzugangs sowie das im unterschiedlichen Maße zur Verfügung stehende ökonomische, soziale und kulturelle Kapital im Sinne von Ressourcen anzusehen, die dem fol- gend analysierten Reaktionsmodell zugrunde liegen.

Im Reaktionsmodell wird davon ausgegangen, dass die Gründungsmo- tive der Selbstständigen von den äußeren gesellschaftlichen und rechtli- chen Rahmenbedingungen und den ihnen individuell (nicht ethnisch) zur Verfügung stehenden Ressourcen beeinflusst werden. Der Einfluss der rechtlichen Rahmenbedingungen zeigt sich u.a. in der geringen Quote der Selbstständigen im Handwerksbereich, die auf die fehlenden und in Deutschland benötigten formalen Vorrausetzungen zurückzuführen sind. Diese Vorrausetzungen z.B. in Form von deutschen Gesellen- und Meisterbriefen können von vielen Zugewanderten nicht erbracht wer- den, auch wenn sie über die notwenigen Qualifikationen verfügen. Mit der Novellierung der Handwerksordnung (01.01.2004) wurde versucht ein verbesserter Zugang zu dem Segment zu ermöglichen. Bis heute werden in Deutschland aber nur 4,5% der Handwerksbetriebe von Men- schen mit Migrationshintergrund geführt. (vgl. ifm 2005: 12)

Als charakteristische Erscheinungsform des Reaktionsmodells wird die „Gründung aus Not“ bzw. die „Flucht in die Selbstständigkeit“ als Re- aktion auf Ausgrenzungen vom Arbeitsmarkt angesehen. In den Unter- nehmensbefragungen wurde jedoch deutlich, dass Anreize wie berufliche Selbstverwirklichung, Wunsch nach Unabhängigkeit und selbst organi- sierter Arbeitsgestaltung insgesamt eine höhere Bedeutung für den Ent- schluss zur Existenzgründung haben als Zwänge wie Arbeitslosigkeit o- der Diskriminierung. Oft ist es jedoch ein Zusammenspiel aus Anreizen und Zwängen, denen die Entscheidung zur Selbstständigkeit zu Grunde liegt. Über drei Viertel der ausländischen Unternehmer gaben an, dass „unabhängig und eigenständig zu sein“ und „die eigenen Qualifikationen besser verwerten zu können“ für sie die wichtigsten Gründungsmotive seien. Weitere wichtige Motive seien die „Verwirklichung einer Idee“ sowie die Chance „mehr verdienen zu können“. (vgl. ifm 2005: 17f) Bei der Hamburger Unternehmensbefragung liegt die Ein- kommensverbesserung mit 63,3% deutlich an der Spitze, gefolgt von der Ideenverwirklichung (57,6%). Arbeitslosigkeit wird nur von 14,5% der befragten Unternehmen als Gründungsmotiv genannt. (vgl. Burgbacher 2004: 26) Aus der Arbeitslosigkeit heraus haben auch nur ein geringer Teil der Griechen und Italiener gegründet. Bei den Türken war hingegen fast ein Fünftel zum Zeitpunkt der Gründung nicht erwerbstätig, davon haben 5% aus Arbeitslosigkeit gegründet und 7% sind direkt von der Ausbildung in die Selbstständigkeit gegangen. Der geringe Teil an ar- beitslosen Gründern erweckt den Anschein, dass in der Mehrheit nicht aus wirtschaftlicher Not oder Angst um die Existenzsicherung gegründet wird. Insgesamt gaben bei den türkischen Befragten jedoch 22% an, dass sie den Verlust ihres Arbeitsplatzes befürchteten und ebenso häufig, dass sie mit ihrem Arbeitsplatz unzufrieden waren. (vgl. ifm 2005: 19f)

Aus den Gründungsmotiven wird deutlich, dass zwar der Anteil derer, die direkt aus der Arbeitslosigkeit gegründet haben, verhältnismäßig ge- ring ist, dass aber die „Gründungen aus Not“ und „mangels besserer Al- ternative“ gerade bei den Türken maßgebliche Faktoren bei der Ent- scheidung zur Selbstständigkeit darstellen. Auch bei den Migranten, die direkt von der Ausbildung in die Selbstständigkeit gegangen sind, stellen fehlende Ausbildungsplätze und berufliche Perspektiven die Motivation zur Gründung dar. Die Fälle, in denen der Verlust des Arbeitsplatzes befürchtet wird oder Unzufriedenheit am Arbeitsplatz vorherrscht, sind ebenfalls Anzeichen für eine Gründung aus einer Notlage. Bei den Tür- ken stellt damit die „Gründung aus mangelnder Alternative“ bei einem Fünftel der Fälle das Gründungsmotiv dar. Die Entscheidung für eine Selbstständigkeit ist aber niemals monokausal, sondern immer eine Mi- schung aus Gründungszwängen und Anreizen.

In wie weit der Zugang zu Ressourcen als entscheidend für die Grün- dung zu bewerten ist, kann anhand der statistischen Daten nicht klar be- legt werden. Es besteht allerdings eine Korrelation zwischen Bil- dungsniveau und Branchenwahl5 sowie der Zugang zu Fördergeldern und Beratungsangeboten ebenfalls im Zusammenhang mit inländischer und ausländischer Ausbildung einhergeht.6 Damit besteht eine Beziehung zwischen dem individuellen, kulturellen Kapital als persönliche Ressource und der Möglichkeit zur Nutzung von ökonomischem Kapital in Form von Fördergeldern und Krediten. Modelle stellen ein vereinfachtes Abbild der komplexen Realität dar. Über Abstraktion in Form eines Modells wird versucht, Eigenschaften, Beziehungen und Zusammenhänge in der Realität aufzudecken. „Ein Modell ist ein System, das als Repräsentant eines komplizierten Originals auf Grund mit diesem gemeinsamer, für eine bestimmte Aufgabe wesentlicher Eigenschaften von einem dritten System benutzt, ausgewählt oder geschaffen wird, um letzterem die Er- fassung oder Beherrschung des Originals zu ermöglichen oder zu erleichtern, bezie- hungsweise um es zu ersetzen.“ (Wüsteneck 1963) Allen vorgestellten und diskutierten Modellen ist gemein, dass der Grad der Vereinfachung zu weit reicht, um die Entstehung und Entwicklung von Migrantenökono- mie überzeugend erklären zu können. Es kann allen Modellen zugestan- den werden, dass sie eine Komponente der Entstehungszusammenhänge aufdecken, die im Prozess der Existenzgründung bedeutend sind. Das vielschichtige und komplexe Phänomen der Migrantenökonomie kann mit den vorhandenen monokausalen Erklärungsansätzen jedoch nicht hinreichend erfasst werden. Aufgrund des Mangels an weiterentwickelten Modellen wird eine Kombination der Modelle, wie sie z.B. von FISCHER (2001) vorgenommen wird, als eine der Realität am nächsten kommende Lösung vorgeschlagen.

Der Mensch mit seiner individuellen, kulturellen und ethnischen Prägung bildet die Basis des Modells. Ihm sind durch seinen kulturellen Hinter- grund bestimmte Werte, Normen, Traditionen und Verhaltensweisen zu Eigen, die sein Handeln bestimmen und durch die er zugriff auf ver- schiedene Ressourcen hat. Durch den Grad seiner Einbettung in ein spe- zifisches Milieu stehen ihm diese Ressourcen im unterschiedlichen Maße und Ausprägung zur Verfügung, die in Anlehnung an BOURDIEU (1983) als ökonomisches, soziales und kulturelles Kapital verstanden werden. Dem Menschen mit seinen individuellen Vorraussetzungen stehen die externen Rahmenbedingungen wie Marktzugangschancen, Angebots- und Nachfragestrukturen sowie die rechtliche Situation gegenüber. Die externen Rahmenbedingungen wie die Marktzugangschancen oder die rechtlichen Rahmenbedingungen gestalten sich für die Einzelperson e- benfalls in Abhängigkeit seiner persönlichen Voraussetzungen. In einer Kombination aus unbewusster Reaktion und vorsätzlicher Aktion wird anhand der persönlichen Möglichkeiten und angesichts der von außen vorgegebenen Rahmenbedingungen ein individuell motivierter Weg in die Selbstständigkeit gewählt. (s.Abb.8)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 8 Entstehungsmodell der Migrantenökonomie. Quelle: Eigene Darstellung

Nach einem Einblick in die Struktur und Verbreitung von Migran- tenökonomie sowie der theoretischen Auseinandersetzung mit den Ent- stehungsmodellen wird folgend das Quartier und seine Entwicklungen betrachtet, die als Standort der migrantischen Unternehmen einen we- sentlichen und in der Theorie weitgehend vernachlässigten Einfluss auf die Migrationsökonomie hat.

[...]


1 Heute Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt (BSU)

2 Seit 01.01.2006 Hafen City Universität Hamburg (HCU)

3 Die „Entwicklungspartnerschaft Elbinsel“ ist ein Projekt im Rahmen der aus dem Eu- ropäischen Sozialfonds geförderten Gemeinschaftsinitiative EQUAL, die darauf abzielt, neue Wege zur Bekämpfung von Diskriminierung und Ungleichheiten von Arbeitenden und Arbeitsuchenden auf dem Arbeitsmarkt zu erproben. (www.euqal-de.de)

4 Europäischer Sozialfond. Vgl. http://www.esf-hamburg.de; http://ec.europa.eu/employment_social/esf2000/index_de.html

1 Durch die geänderte Regelung des Aufenthaltsstatus für Nicht-EU-Bürger seit dem 01.01.1991 verbessern sich für viele Migranten die rechtlichen Rahmenbedingungen zur Aufnahme einer Selbstständigkeit. Anfang der 1960er Jahre hatten nur wenige Türken einen gesicherten Aufenthaltsstatus, wodurch die Möglichkeiten einer Existenzgründung stark eingeschränkt waren. (vgl. BMI 2006)

2 Blaschke und Ersöz bezeichnen diese Form der Migrantenökonomie daher als Ergänzungsökonomie. (vgl. Blaschke/Ersöz 1987)

3 Blaschke und Ersöz bezeichnen diese wiederum als Nischenökonomie (vgl. Blascke/Ersöz 1987).

4 Für EU-Bürger gelten die Freizügigkeitsregelungen, welche ihnen freie Ein- und Ausrei- se gewährt und die gleichen rechtlichen Bestimmungen hinsichtlich Betriebsgründungen wie den Deutschen einräumen. Demgegenüber ist die Möglichkeit der wirtschaftlichen Tätigkeit bzw. der Selbstständigkeit für Nicht-EU-Bürger eingeschränkt und leitet sich aus ihrem Aufenthaltsstatus ab. Erst seit 1990 erlaubt das Ausländergesetz allen Auslän- dern bzw. Nicht-EU-Bürgern mit einer Aufenthaltsberechtigung die selbstständige Er- werbstätigkeit. Auch die Regelungen zur Festlegung des Aufenthaltsstatus werden weni- ger restriktiv. ( BMI Geschichte 2006)

5 Im unternehmensnahen und freiberuflichen Dienstleistungsbereich gründen Migranten mit deutlich höherem Qualifikationsniveau. (vgl. ifm 2005: 10) Auch die Hamburger Un- tersuchung zeigt, dass im Bereich „sonstige Dienstleistungen“ Studienabsolventen mit 44% überproportional vertreten sind, wohingegen sich im Bereich Gastronomie, Trans- port und Einzelhandel Personen mit angelernten beruflichen Qualifikationen konzentrie- ren. (vgl. Burgbacher 2004: 17)

6 Über 60% der selbstständigen Migranten gaben an, aufgrund von Unkenntnis keine Fördermittel in Anspruch genommen zu haben und über 22% war das Antragsverfahren zu kompliziert war. Hier zeigt sich eine Korrelation zwischen Bildungsniveau und Sprachkenntnis und der Inanspruchnahme von Beratungs- und Fördermöglichkeiten. Bei geringerem Bildungsgrad, Schulbesuch im Ausland und geringer Kenntnis der deutschen Sprache sinken die Fälle, in denen Beratung und Förderung genutzt wurde. (vgl. Burgba- cher 2004: 27ff)

Ende der Leseprobe aus 211 Seiten

Details

Titel
Quartiersentwicklung mit Migrantenökonomie - die Entwicklung von Migrantenökonomie im Quartier
Hochschule
Technische Universität Hamburg-Harburg  (Stadt- und Regionalökonomie)
Note
1,7
Autor
Jahr
2006
Seiten
211
Katalognummer
V67396
ISBN (eBook)
9783638585743
Dateigröße
5523 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Untersuchung zur wechselseitigen Beeinflussung von Quartiersentwicklung und lokal eingebetteter Ökonomie am Beispiel migrantischer Stadtteil- und Quartiersbetriebe
Schlagworte
Quartiersentwicklung, Migrantenökonomie, Entwicklung, Quartier
Arbeit zitieren
Anna Becker (Autor), 2006, Quartiersentwicklung mit Migrantenökonomie - die Entwicklung von Migrantenökonomie im Quartier, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/67396

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