Struggling with Destiny in Karimpur, Susan S. Wadley


Rezension / Literaturbericht, 1997

20 Seiten, Note: sehr gut


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Methoden und Probleme der Forschung

3 Tell them to listen with their ears open
3.1 The Story of Knowledge and Evil Knowledge
3.2 Four Lives

4 There Should Be Control
4.1 Kontrolle
4.2 Die ideale Familie

5 Power comes through money

6 Poverty is written in my destiny

7 The Domination of Indira

8 Now Love Is Totally Lost

9 Zusammenfassung und Kritik

1 Einleitung

Im Rahmen des Regionalseminars “Gender Studies” in Südasien beschäftigte ich mich mit dem Buch “Struggling with destiny in Karimpur, 1925 -1984” der Ethnologin Susan S. Wadley.

In diesem Buch wertet die Autorin langjährige Beobachtungen und Erfahrungen in Karimpur, Indien aus.

Ihren eigenen Aussagen zufolge ist Karimpur, gelegen im Distrikt Mainpuri im indischen Bundesstaat Uttar Pradesh, “the site of a truly long-term study1. Der amerikanische Kontakt und die Beobachtung begannen 1925 mit Charlotte und William Wiser, die dem Ort den Namen Karimpur gaben. 1967 traf Wadley selbst das erste Mal in Karimpur ein und begegnete den Wisers, deren Forschung sie dann über mehrere Jahre fortführte (weitere Aufenthalte u.a. 1974-75 und 1983-84).

Das Buch entstand in Folge ihrer Feldforschung 1983-84 ursprünglich als Studie über sozialen Wandel, der seit dem ersten amerikanischen Kontakt in Karimpur beobachtet wurde. Dabei will Wadley die Veränderungen mit Hilfe der Lebensgeschichten der Bewohner darstellen. Die Lebensgeschichten werden ergänzt durch orale Traditionen, Geburts-, Bevölkerungsstatistiken und Untersuchungen über die Veränderungen der Arbeitsbedingungen.

Im Folgenden werde ich ihre wichtigsten Aussagen zusammenfassen und eine kurze Kritik geben. Ausführlicher gehe ich auf das Kapitel 2 “There Should Be Control” ein, da es mir für das Verständnis der sozialen Beziehungen in Karimpur am wichtigsten erscheint.

Bei der Gliederung der Arbeit folge ich weitgehend dem Aufbau des Buches. Im Text kursiv Geschriebenes ist ohne Übersetzung direkt Wadleys Arbeit entnommen. Fußnoten am Ende eines Absatzes beziehen sich auf alle vorhergehenden Informationen.

2 Methoden und Probleme der Forschung

Wie bereits erwähnt besteht der Hauptteil ihrer Erfahrungen aus Erzähltem, Mythen, Geschichten, persönlichen Erlebnissen, Lieder und Ritualen der Dorfbewohner. Jeder Interviewte wußte, daß er aufgenommen wurde. Wadley und ihre Assistentin Monisha Behal arbeiteten vorwiegend mit Frauen, wobei sie selbst selten die Hilfe einer Übersetzung ins Englische oder Standard Hindi in Anspruch nahm. Ihr Mann Bruce und seine beiden Assistenten interviewten männliche Gesprächspartner.

Trotz des relativ engen Zusammenlebens war es Wadley nicht erlaubt, am eigentlichen täglichen Leben teilzunehmen, sie durfte z. B. auch nic ht bei der Hausarbeit helfen. Ihre Position gegenüber den Bewohnern Karimpurs bezeichnet sie deshalb als die eines “well-informed outsider”.2

Wadley sieht ihre Forschungsergebnisse eingebettet in verschiedene Problemfelder. Eines die ser Probleme ist die grundsätzliche Frage nach wahrer ethischer Untersuchung, da ja immer persönliche, wenn nicht sogar freundschaftliche Beziehungen zwischen “Untersuchten” und “Untersuchendem” entstehen. Außerdem änderte sich seit Beginn ihrer Arbeit als Ethnologin die Vorstellung von Ethnologie grundlegend: Aus unpersönlichen distanzierten Bezeichnungen wurde “ich”, aus den “Menschen der Dorfes” oder “sie” wurden “die Frauen” oder “die reichen Frauen” oder auch Individuen. Vor allem aber bleibt laut Wadley das Verhältnis zwischen EthnologIn und “Untersuchten” schwer zu bestimmen.3

Als weiteres Problem erwies sich das ursprüngliche Ziel: Das systematische Sammeln von Lebensgeschichten stellte sich als unmöglich heraus, da sich Leben in Karimpur nicht in einer linearen Ze it bewegt oder um ein individuelles Selbst dreht. So änderte sich die Intention dahingehend, daß Wadley zu verstehen sucht, wie Kultur als System von Symbolen ausgedrückt wird, wenn Menschen ihr Leben gestalten. Die Übersetzungen und Interpretationen der Erzählungen selbst sieht sie als problematisch an, da diese Geschichten, über kulturelle Grenzen hinweg erzählt und dann auch noch übersetzt, verschiedene Bedeutungen für Erzähler, Zuhörer und Leser hätten. Somit bezeichnet sie ihre Interpretationen und Übersetzungen als nur eine von vielen möglichen Deutungen an. Dabei aber weist Wadley die LeserInnen darauf hin, daß die

politischen und kulturellen Hintergründe des Erzählers und des Übersetzer und dessen Einfluß auf die Interpretation der Geschichte nicht vergessen werden darf.

3 Tell them to listen with their ears open

3.1 The Story of Knowledge and Evil Knowledge

Allem voran stellt Wadley die Geschichte von Wissen und bösem Wissen, Lakshmi und Kulakshani, die ihr 1983 von Saroj, einer Brahmanenwitwe, erzählt wurde. Ein König hatte 2 Töchter, die beide den Gott Vishnu heirateten. Vishnu fragte beide nach der Hochzeit, welche Wünsche sie hätten. Darauf antwortete Vidya (“Wissen”), auch Lakshmi (“Reichtum”) genannt, daß sie sich ein schönes Haus mit einer Basili kum-Pflanze (zu täglichen Lobpreisung) wünsche, in dem die Frauen um 4 Uhr aufstehen, baden, den Gottesdienst halten sollten. Kein Alkohol, kein Fisch oder Fleisch und keine Verbindung zu Geldtransaktionen sollte dort erlaubt sein. Die zweite Frau Kuvidya (“böses Wissen”), auch Kulakshani (“Unglück”) genannt wünschte sich, daß die Frauen in ihrem Haus um 9 Uhr aufstehen sollten, in ihrem Haus keine Basilikum-Pflanze, keinen Gottesdienst geben sollte, die Frauen mit unordentlichem Haar gehen dürften, Geldgeschäfte, Alkohol, Fisch und Fleisch erlaubt sein sollten. Vishnu erfüllte beider Wünsche, entschied sich aber, mit Lakshmi zu leben, nach dem Grundsatz: Wenn die Frauen im Haus gut sind, wird es dem ganzen Haus immer gut gehen.4

Wadley sieht diese Geschichte als Ausdruck für die tägliche Verbindung der Menschen in Karimpur zu Göttern und Göttinnen. Sie lieben Geschichten über die Gottheiten, die mit auf dieser Welt leben, Geschichten, die über das erzählen, was die Menschen tun und warum es wichtig ist, Geschichten, die ihre Ideale, Lebensregeln etc. ausdrücken. In der genannten Geschichte ist das grundlegende Hindu-Konzept von order and disorder, coherent action and chaotic action, Kontrolle und Unterdrückung und letztendlich von karma enthalten. Die genannten Paradigmen erscheinen in Hymnen, Huldigungen, rituellen Reinigungen, in der Organisation der Hindu-Königtümer, dem Konzept von Frau und Mann und dem der idealen Familie: Männer seien von Natur aus “selbst-kontrolliert” und deshalb “ordered”, wobei der energiereichen Frau die Selbst kontrolle mit allen Konsequenzen fehlt. Diese Vorstellungen finden sich auch im jajmani -System. In diesem System wird das traditionelle Verhältnis zwischen “Herrschaft” und “Angestelltem” geordnet. Kurz gesagt, sie tauchen in allen gesellschaftlichen Hierarchien auf und legitimiert diese.5

Laut Wadley basiert Autorität im hinduistischen Indien auf der Vorstellung von angeborenen, aber veränderlichen Qualitäten, die von den Herrschenden zur Legitimation und Ausübung von Macht, Kontrolle und Schutz für die unter ihnen genutzt werden.6

Wadley kritisiert die bisher verfaßte Literatur zum Thema, die nur über Hierarchie oder Gender schreibt, aber nicht von diesen als miteinander verbundenen, sich gegenseitig beeinflussenden Systemen, die damit auch in ihrer Reaktion auf äußere Veränderungen von einander abhängig sind. Sie beruhen auf der Verneinung ökonomischer und politi scher Macht der per Definition “Niederen”. Dabei sind beide aber nicht Ursache, sondern nur Ausdruck einer bestimmten sozialen Struktur und Ordnung. Das bedeutet, daß arme Frauen doppelt belastet und unterdrückt sind, denn sie sind Frauen, und sie sind arm.7

Laut Wadley fordern die Frauen trotz aller Veränderungen seit der Unabhängigkeit Indiens im Jahre 1947 keine Regierungsmacht oder erklären die Familie für irrelevant. Aber mit zunehmender disorder erlangt die “gender-Kontrolle” größere Bedeutung: Die Kontrolle über Frauen symbolisiert die Kontrolle durch Männer in der Gemeinschaft.8 Außer dem Paradigma von order und disorder sind die Normen von jati und karma von großer Bedeutung: jati (häufig mit “Kaste” übersetzt) definiert Wadley als eine Kategorie für Aktionen und Handeln, das heißt die Regeln und Ordnungen für Handlungen und Aktionen sind durch die eigene Position innerhalb einer jati und das Verhältnis zu anderen jatis genau festgelegt. Die Vorstellung von karma geht davon aus, daß Individuen in ständiger Bewegung sind, sie ständig durch ihre Handlungen das eigene Schicksal neu schaffen. Damit basiert das ganze Leben auf dem Dualismus, daß es ein Schicksal gibt, dieses aber nicht als vollständig festgeschrieben akzeptiert wird, sondern es immer noch Möglichkeiten zur Veränderung gibt.9

Nach diesen einleitenden Aussagen beschreibt die Autorin die wichtigsten ökonomischen, sozialen und gesundheitlichen Bedingungen in Karimpur: Wie bereits erwähnt liegt Karimpur im größten indischen Staat Uttar Pradesh in Nordindien, wo es an grundlegender Infrastruktur wie Strom, sauberem Wasser, Gesundheitsversorgung etc. fe hlt. Uttar Pradesh ist der Staat mit der höchsten Kindersterblichkeit und der geringsten Lebenserwartung für Frauen. Erst Mitte der 70er Jahre wurde ein regelmäßiger Busverkehr in die Distriktshauptstadt Mainpuri eingeführt. Die meisten Arbeitsplätze in Mainpuri liegen im Dienstleistungssektor, es gibt aber keine Arbeitsplätze für Frauen. Die Frauen von Karimpur kommen oft nur einmal im Jahr nach Mainpuri (zur Distriktsmesse). Karimpur selbst sieht sehr ärmlich aus, es liegt buchstäblich “hinter Schlammwänden”. Viele Häuser haben gemeinsame Mauern, über die sich Frauen gegenseitig besuchen, ohne öffentliche Wege oder Straßen benutzen zu müssen. Statistisch gesehen lebte 1984 fast die Hälfte aller Haushalte unterhalb der Armutsgrenze. Von 1925 bis 1984 hat sich die Einwohnerzahl fast verdreifacht (von 754 auf 2.047 Einwohner), die Kindersterblichkeit ist im gleichen Zeitraum um fast die Hälfte gesunken. Das Geschlechterverhältnis hat sich von ursprünglich 900 Frauen pro 1000 Männer zu 790 pro 1000 verschoben. Die Todesursache weiblicher Kinder sind häufig Krankheiten, die “leicht zu übersehen” sind, d.h. alle Formen und Folgen von Unter- oder falscher Ernährung oder Fieber, Diarrhöe, Pocken etc., generell also wahrscheinlich fehlende Aufmerksamkeit und medizinische Versorgung kranker Töchter.10

3.2 Four Lives

Die ersten Lebensgeschichten sind die von Raghunath, einem “cultivator”, Santoshi, einer Hebamme, Saroj, einer Brahmanenwitwe, und Mohan, einem älteren Brahmanen. Anhand einer Übersicht über Bevölkerungszahlen, Familien und jati -Zugehörigkeit in Karimpur wird deutlich, daß die ersten Erzählenden sowohl aus den höchsten als auch aus den niedrigsten jatis stammen.11

Raghunath, zu den höheren jatis gehörig, ist kurz vor der Unabhängigkeit Indiens gebo ren, trotzdem sind seine einschneidenden Erlebnisse keine “weltbewegenden”. Er erzählt von einem ständigen Kreislauf von Sorgen, beginnend mit seiner eigenen Krankheit in der Kindheit, dem Tod seines Vaters und seiner Frau. Ohne Frau und damit ohne Nachfolger ist er darauf angewiesen, daß seine Verwandten ihn im Alter mitverpflegen, sich dadurch bei ihm für seine Unterstützung revanchierend. Er ist aktiv am religiösen Geschehen im Dorf beteiligt, er dient als Medium für den Schlangengott Basuk Dev. Santoshi, aus eine r der untersten jatis, ist verbittert, daß sie ihre Ausbildung aufgrund der Armut abbrechen mußte. Sie trägt es ihren Eltern nach, daß diese sie mit einem Mann verheiratet haben, der keine Ausbildung hat wie sie und daß sie deshalb in ihrer Armut bleiben muß.

Saroj ist sich des Einflusses bewußt, den sie selbst auf ihre Lebensumstände hatte. Ihre und die Familie ihres Mannes waren Landbesitzer. Sie waren offensichtlich “liberal”, denn ihre Töchter waren die ersten im Dorf, die einen Abschluß der 8. Klasse hatten. Nach dem Tod ihres Mannes hatte sie noch 4 Heiraten zu arrangieren, was sonst eigentlich nicht in den Aufgabenbereich der Frauen fällt. Trotz der hohen Mitgiftforderungen lebt ihre Familie nach dörflichen Maßstäben gut. Saroj wird wegen ihrer Beteiligung in politischen Parteien und Entwicklungsprogrammen für die Gemeinschaft in Karimpur auch “Village Indira” genannt. In dieser Bezeichnung liegen sowohl Anerkennung als auch Ablehnung, die meisten Dorfbewohner finden ihr untypisches Verhalten inakzeptabel für eine Brahmanenwitwe.

Mohan gehört zur reichsten und einer der einflußreichsten Familien in Karimpur. Ein Zeichen dafür ist, daß alle Söhne der Familie zu einer Zeit den 10. Klasse-Abschluß hatten, als nur 22% aller Männer überhaupt eine Ausbildung erhielten. Er hatte immer gut bezahlte Jobs, seine Familie hält den größten Hof im Dorf. Die reale Macht der Familie sieht Mohan begründet in ihrer Einheit, der Anzahl der Personen in ihr und den ökonomischen Ressourcen, die sie kontrollierte, also Angestellte, Vieh, Geldverleih etc.12

[...]


1Susan S. Wadley, Struggling with destiny in Karimpur, 1925-1984, Berkeley, University of California Press, 1994, S. xviii.

2Ebd., S. xxv.

3Ebd., S. xxiii ff.

4Ebd., S. 1f.

5Ebd., S. 2.

6Ebd., S. 3.

7Ebd., S. 4.

8Ebd., S. 5.

9Ebd., S. 2, 5f.

10 Ebd., S. 8ff.

11 Die entsprechende Tabelle habe ich als Anhang hinzugefügt.

12 Ebd., S. 17ff.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Struggling with Destiny in Karimpur, Susan S. Wadley
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Institut für Ethnologie)
Veranstaltung
Gender Studies in Suedasien
Note
sehr gut
Autor
Jahr
1997
Seiten
20
Katalognummer
V6740
ISBN (eBook)
9783638142434
Dateigröße
406 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Das zusammengefasste Buch: Struggling with Destiny in Karimpur, von Susan Wadley - ein gut geschriebener Feldforschungsbericht, einfach lesbar auch fuer Nicht-EthnologInnen. Zitierung über Fußnoten, daher kein Literaturverzeichnis.
Schlagworte
Struggling, Destiny, Karimpur, Susan, Wadley, Gender, Studies, Suedasien
Arbeit zitieren
Ilka Borchardt (Autor), 1997, Struggling with Destiny in Karimpur, Susan S. Wadley, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/6740

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