Zu Gottfrieds von Strassburg um 1210 entstandenem Versroman-Fragment Tristan,einem der Hauptwerke der mittelalterlichen Hochepik, gestalten sich die Interpretationsansätze inzwischen derart komplex, dass ein Konsensus in der Forschung als unerreichbar gilt. Dies mag kaum verwundern, zumal die Widersprüchlichkeit des Werkes und seine gleichzeitige Vielgestaltigkeit als eines seiner Hauptcharakteristika zu bezeichnen sind. So wird Gottfrieds Roman, der gemeinhin als der richtungsweisende Liebesroman des Mittelalters gehandelt wird, unter anderem auch als Künstlerroman interpretiert. Der in ihm geführte Diskurs über Bildung ist für den Handlungsverlauf von Relevanz, und manche Forscher entdecken für das Werk die (auch strukturelle) Bedeutung der Musik. In der Tat ist seine ästhetische Seite ebenso bedeutsam wie die ethisch-moralische.
Vor allem die ältere Forschung widmete sich ausgiebig der Auseinandersetzung mit irokeltischen, kymrischen und piktischen Paralleltexten, aber auch mit orientalischen Einflüssen. Gottfrieds mögliche Affinität zu Strömungen wie dem Katharertum und dem Neoplatonismus und ihre Wirkung auf den Roman wird in der Sekundärliteratur ebenso diskutiert wie Bezüge zu antikem Denken und Implikationen aus dem religiösen und geistlichen Diskurs seiner Zeit. Was für einzelne Romangestalten oder Motive gilt, ist häufig auch bezüglich der Gesamtstruktur des Tristan relevant: Verschiedene Folien scheinen quasi übereinander projiziert und liefern eine eigene Form der „Illumination“ bzw. eine spezielle ästhetische Mischfärbung. Sie spiegeln eine Vielzahl von Quellen bzw. im Roman verarbeitete Diskurse, die sich unter der Hand des Dichters zu einer neuen, heterogenen Einheit formieren.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1. Uneinheitlichkeit als strukturelles Merkmal
1.2. Rituelle Spaltung, Zerteilung und Zerstückelung in Gottfrieds Tristan
1.3. Verwendete Forschungsliteratur
1.4. Einbeziehung verwandter Fassungen
2. Ritualtheorien
2.1. Anmerkungen zum Thema Ritual
2.2. Das Ritual als Mittel, um Unkontrollierbares unter Kontrolle zu bringen
2.3. van Genneps Stufenmodell des rite de passage und Turners Thesen zum Schwellenreich
2.4. Zum Initiationsritus
2.4.1. Der Initiationsritus als Übergangsphänomen
2.4.2. Initiation im Hochmittelalter
2.4.3. Initiatorischer Tod, Zerstückelung und Wiedergeburt in der Mythologie
3. Allgemeine Überlegungen zu Ritual und Spaltung in Gottfrieds Tristan
3.1. Die Präsenz von Ritualen in der Literatur des Mittelalters
3.2. Tod, Spaltung und „Wiedergeburt“ als textstrukturierende Elemente
3.3. Entwicklungsweg, Initiations- und Übergangsriten in Gottfrieds Tristan
3.4. Spaltung, Zerteilung und Zerstückelung als rituelle Formen in Bastritual und Moroldkampf
4. Ritual, Spaltung und Zerstückelung im Moroldkampf
4.1. Die Bedeutung des Moroldkampfes im Werk
4.2. Der Moroldkampf und die „militärische Initiation“
4.2.1. Kennzeichen militärischer Initiationsformen nach Eliade
4.2.2. Das liminale Setting des Moroldkampfes
4.2.3. Heilige Hitze und hitzige Wut
4.2.4. Magische Hitze und die symbolische Aneignung der Kräfte eines wilden Tieres - die Ebersymbolik
4.2.5. Der Kampf ganzer Heere als Kennzeichen der militärischen Initiationsform
4.2.6. Sakrale Führung und rechtliche Fixierung
4.2.7. Fazit zu Elementen der militärischen Initiationsform im Moroldkampf
4.3. Indexikalität, Ästhetik, Stellvertreterkampf und gender
4.3.1. Indexikalität und gender: Rituelle Funktionen des Moroldkampfes nach den Theorien von Rappaport, Laqueur und Geertz
4.3.2. Zerstückelung des Körpers und des Panzers im Moroldkampf und der rituelle Akt der Determinierung von „gender“
4.3.3. Zusammenfassung: Veränderung der Wertigkeit - die Diskursivität der sakralen Mächte und die Konstruktion von Männlichkeit im Stellvertreterkampf
4.3.4. Die Funktion von Ästhetik bei der Einkleidung und Ausrüstung Tristans und die Sprengung des künstlichen Panzers
Exkurs I: Heilung von den Wunden und der Prozess der Entfragmentierung als Gegenprinzip der Spaltung
5. Spaltung und Zerteilung im Bastritual
5.1. Das Bastritual und seine rituellen Funktionen
5.1.1. Die Signifikanz des Bastrituals als Ritual der Zerteilung und Spaltung
5.1.2. Liminale Ausgangssituation: Zur Vorgeschichte des Bastrituals
5.1.3. Zeigen geht vor Erklären: Der Bast als performatives Ritual der Spaltung und Zerteilung und die Vermittlung von Können und Wissen
5.1.4. Bast als Enthäutung und Enthüllung; Entkleiden und Bekleiden
5.2. Tristans Vorgehen und seine rituelle Bedeutung
5.2.1. Der Bast als Teilritual: Zerteilung eines Lebewesens als Performance
5.2.2. Die Furkie. Überhöhung, symbolische Kastration und rituelle Verschleierung
5.2.3. Die Curie: Symbolisches Verwerfen und Arrangement des „Minderwertigen“
5.2.4. Die Semantik des prîsant; symbolisches Wieder- Zusammensetzen des Zerteilten
5.3. Sakrales und initiatorisches Opfer und der Bast
5.3.1. Zerteilung, initiatorisches Opfer und Transformation im Bastritual
5.3.2. Sakralität und Gemeinschaftsopfer: Brotmetapher und Bastritual im Vergleich
5.3.3. Mythologisches Opfer und Initiation. Zum mythischen Bild des Gespaltenseins und der Zerstückelung. Dionysos und andere zerstückelte Gottheiten als liminale Gestalten und rituelle Opferhelden und Gottfrieds Tristan
5.3.4. „Gläubige“ Reaktion und Mythosanalogie in der Bastszene
5.4. Gruppenbildung und Nahrungskommunikation
5.4.1. Gruppenbildung und rituelle Gesichtspunkte der Nahrungsaufnahme und des Opferungs-mythos im Zusammenhang mit Zerteilung und Synthese
5.4.2. Das Jagdmotiv und der Aspekt der Nahrungskommunikation
5.4.3. Transsubstantiation und symbolisches Mahl. Die Mysterien der Nahrungsaufnahme und die Naturphilosophie
5.4.4. Der Nahrungszirkel und seine Analogien zum initiatorischen Opferritual
5.4.5. Archaische und mythische Jagd und die Performance der Zerteilung. Paradigmenwechsel in der Semantik des Hirschen und seiner Mittlerfunktion und die Bezüge zu Gottfrieds Tristan
5.5. Bast, Sezierung, Analyse und Wissenschaft. Die sezierende „Analyse“ der Teile und das Ganze
5.6. Zusammenfassung und Ergänzungen zu ritueller Verschleierung und Bewältigung des Unwägbaren
5.6.1. Euphemistische Sprache und rituelle Elemente im Bastritual
5.6.2. Bewältigung von Unwägbarem in der ”royal procession”
5.7. Dramatisierung der Konflikte: Deep play von Clifford Geertz in Bastritual und Moroldkampf
5.8. Fazit: Vergleich zwischen ritueller Spaltung/Zerteilung/Zerstückelung in Moroldkampf und Bastritual
Exkurs II
A. Synthese, Verschmelzung und Vereinigung in der Minnegrotten-Episode
B. Die „Erlebnisstruktur“ der Grotte als symbolischem Ort der Minne
C. Die Bedeutung der Höhlen- und Grottensymbolik für initiatorische Themen und Gottfrieds Minnegrotte
D. Einheit und Verschmelzung als initiatorisches Thema und der Ort die Grotte als Minneort. Rundheit und Geschlossenheit, Uterus und Urorobus
E. Einfachheit und Einheitlichkeit
6. Fazit: Verschmelzung und Zerteilung: Bastritual und Minnegrotten-Episode
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Bedeutung ritueller Spaltungs- und Zerstückelungsmotive in Gottfrieds von Straßburg Versroman-Fragment "Tristan". Im Fokus steht dabei die Forschungsfrage, wie diese rituellen Formen, insbesondere im Moroldkampf und im sogenannten Bastritual, textstrukturierende Funktionen erfüllen und inwiefern sie mit initiatorischen Konzepten sowie geschlechtsspezifischen Identitätskonstruktionen (gender) verknüpft sind.
- Analyse von rituellen Formen der Spaltung, Zerteilung und Zerstückelung.
- Untersuchung der rituellen Dramatisierung von Konflikten im Moroldkampf.
- Interpretation des Bastrituals als komplexe künstlerische "Performance".
- Kulturanthropologische Einordnung initiatorischer Themen und Übergangsriten.
- Zusammenhang zwischen rituellen Handlungen und der Konstruktion von Männlichkeit.
Auszug aus dem Buch
4.2.1. Kennzeichen militärischer Initiationsformen nach Eliade
Als Kennzeichen der militärischen Initiationsform nach Eliade sei als erstes das Ertragenkönnen körperlicher Schmerzen und die Mutprobe erwähnt. Typisch ist auch die magische Verwandlung in ein berserkerhaftes, wildes Raubtier. Initianden eignen sich dessen Magie in der Kriegerprüfung des Einzelkampfes an. Gleichzeitig verkörpern die Kämpfer häufig eine Kriegerkaste, oder auch ganze Heere.
Ein wütender und rasender Berserker, „von seiner eigenen wilden und glühenden Kraft besessen", d.h., ein Eingeweihter der Kriegskunst, wurde man nur aufgrund einer magisch-religiösen Erfahrung. Der Initiand „erhitzte’ sich in höchstem Maße, fortgerissen von einer geheimnisvollen, unmenschlichen und unwiderstehlichen Kraft [...] eine Art dämonischer Raserei, die den Gegner mit Schrecken erfüllte und ihn schließlich lähmte."
Die magisch-religiöse Kraft wird meist als ‚brennend’ dargestellt und entsprechend durch Metaphern für Hitze, Brand, einem sehr heißen Zustand wiedergegeben.
Diese Form der sakralen Überhitzung ist im Übrigen auch als ein Kennzeichen der schamanistischen Initiation zu werten, mit der sich eine Anzahl von Motiven der militärischen Initiationsform decken. So schlucken Schamanen häufig glühende Kohlen oder gehen barfuss durch Feuer.
Auf die Erhitzung in der militärischen Initiation folgt oftmals eine Art „Zähmung” und „Abkühlung“ des Mannes durch Frauen bzw. weibliche Führerfiguren - eine nachträgliche Form der Kontrolle und Abstufung der berserkerhaften initiatorischen Kräfte.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Komplexität der Tristan-Interpretationen ein und definiert die rituelle Spaltung und Zerstückelung als zentrales, bislang wenig erforschtes Thema.
2. Ritualtheorien: Das Kapitel erläutert grundlegende ethnologische und kulturwissenschaftliche Ansätze zu Ritualen, Schwellenzeiten (rites de passage) und Initiationsriten, die als theoretisches Fundament der Arbeit dienen.
3. Allgemeine Überlegungen zu Ritual und Spaltung in Gottfrieds Tristan: Hier werden Forschungsmeinungen diskutiert, die Rituale und das Motiv des symbolischen Sterbens und der Wiedergeburt als gliedernde und textstrukturierende Elemente im Tristan-Roman identifizieren.
4. Ritual, Spaltung und Zerstückelung im Moroldkampf: Diese Untersuchung zeigt auf, wie der Moroldkampf als militärische Initiation sowie als performatives Rechtsritual fungiert, bei dem Zerstückelung und Geschlechterrollen rituell verhandelt werden.
5. Spaltung und Zerteilung im Bastritual: Dieses Kapitel analysiert das Bastritual als eine hochkomplexe ästhetische "Performance", bei der die Zerteilung eines Hirschen eine kulturelle Neuordnung darstellt und der Jäger als "Performer" fungiert.
6. Fazit: Verschmelzung und Zerteilung: Bastritual und Minnegrotten-Episode: Das Fazit stellt die unterschiedlichen Modelle der rituellen Zerstückelung (im Moroldkampf) und der künstlerisch-kulturellen Zerteilung (im Bastritual) gegenüber und setzt sie in Beziehung zur Minnegrotten-Episode.
Schlüsselwörter
Gottfried von Strassburg, Tristan, Bastritual, Moroldkampf, Zerstückelung, Spaltung, Initiation, rite de passage, Performativität, gender, Männlichkeit, Identitätskonstruktion, Mythologie, rituelle Performance, Literaturanthropologie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit im Kern?
Die Arbeit analysiert die rituellen Formen der Spaltung, Zerteilung und Zerstückelung, die als konstante Elemente in Gottfrieds "Tristan" auftreten.
Welche Themenfelder stehen im Zentrum der Analyse?
Die Arbeit verbindet germanistische Literaturwissenschaft mit kulturanthropologischen Ansätzen, insbesondere zu Initiationsriten, Ritualtheorien nach van Gennep und Turner sowie Performanz-Theorien.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es aufzuzeigen, wie die dargestellten rituellen Zerteilungsvorgänge den Entwicklungsweg des Helden strukturieren und zur Konstruktion seiner Identität sowie zur Festlegung von Geschlechterrollen beitragen.
Welche wissenschaftliche Methodik wird verwendet?
Die Autorin kombiniert literaturwissenschaftliche Textanalyse mit kulturwissenschaftlichen und anthropologischen Modellen, um die Performanz ritueller Szenen in den Kontext mittelalterlicher Weltbilder zu stellen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil konzentriert sich auf eine detaillierte Untersuchung des Moroldkampfes und des Bastrituals, ergänzt durch einen Exkurs zur Minnegrotten-Episode.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Zentral sind Begriffe wie Zerstückelung, Initiation, Performativität, gender, symbolische Kastration und rituelle Ordnung.
Welche Rolle spielen die Frauenfiguren bei der Heilung?
Weibliche Figuren wie Isolde werden als Heilerinnen und Gegenspielerinnen zum zerstörerischen, männlich konnotierten Kampfprinzip verstanden; ihre Heilkunst dient der "Entfragmentierung" des Helden.
Wie unterscheidet sich die "Performance" des Bastrituals vom Moroldkampf?
Während der Moroldkampf ein konfliktreiches, gewaltsames "Deep Play" darstellt, zeigt sich das Bastritual als eine ästhetisierte, "zivilisierte" Form der Performance, bei der die Zerstückelung hinter künstlerischer Ordnung und Wissensvermittlung zurücktritt.
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- Eva Köppl (Author), 2006, Rituale der Spaltung, der Zerteilung und der Zerstückelung in Gottfrieds von Strassburg "Tristan", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/67429