Anselm von Canterbury hat um das Jahr 1080 in nur zwei Kapiteln seines Werkes „Proslogion“ einen Gottesbeweis aufgestellt, der Philosophiegeschichte geschrieben hat. Philosophen wie Décartes, Leibniz, Kant oder Hegel haben es sich zur Aufgabe gemacht, ihn zu bestätigen oder zu widerlegen. In der folgenden Arbeit möchte ich den von Kant „ontologisch“ genannten Gottesbeweis Anselms rekonstruieren und in seiner Zeit und seinem theologischen Umfeld verorten. Dabei werde ich mich weniger mit der formal-logischen Struktur des Arguments auseinandersetzen, sondern die philosophischen, zeit- und umwelt-bedingten Denkmuster dahinter zu erkennen versuchen.
Anselm, dessen Wirken vor allem die zweite Hälfte des 11. Jahrhunderts umfasste, lebte in einer Zeit, in der nach vielen Jahrhunderten relativ starrer Überlieferung theologischer Glaubensinhalte durch das Mönchstum wieder neue intellektuelle Impulse vom Klerus ausgingen. Er erlebte zwei der grössten theologischen Auseinandersetzungen des Mittelalters, den Investiturstreit und den Universalienstreit, und beteiligte sich aktiv an beiden Debatten. Während der Investiturstreit, bei dem es um den Anspruch von kirchlichen und weltlichen Obrigkeiten auf die Amtseinsetzung von Geistlichen ging, eher das Handeln Anselms prägte, hatte der Universalienstreit, bei dem das Verhältnis zwischen allgemeinen Begriffen und der Wirklichkeit diskutiert wurde, starken Einfluss auf sein philosophisches Denken. Ob dieser Einfluss so stark war, dass er sich auch im Gottesbeweis niederschlug, soll Gegenstand der folgenden Untersuchung sein.
Unumstritten ist, dass Anselm trotz seiner Originalität wie alle Denker ein Kind seiner Zeit war. Sein Umfeld und die aktuellen theologisch-philosophischen Diskurse, an denen er teilnahm, prägten sein Weltbild und waren immer Teil der bewussten oder unbewussten Prämissen seiner Argumentation. Es wird deshalb im ersten Teil der vorliegenden Arbeit auf Anselms Leben, Werk und Denken eingegangen, bevor der Gottesbeweis rekonstruiert wird, und im zweiten Teil das Grundproblem und die Positionen des Universalienstreits erläutert, welche Anselm prägten und welche er prägte. In einem dritten Teil wird versucht, die verschiedenen Puzzlesteine zusammenzufügen und die aus Anselms philosophisch-theologischer Disposition hervorgehenden Denkvoraussetzungen im ontologischen Gottesbeweis nachzuweisen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Anselm von Canterbury
2.1. Leben und Werk
2.2. War Anselm Theologe oder Philosoph?
2.3. Der Gottesbeweis in Proslogion II/III
3. Der Universalienstreit
3.1. Thema und Ursprung des Universalienstreits
3.2. Position des Realismus
3.3. Position des Nominalismus
4. Anselm als Unviersalienrealist
4.1. Anselms Haltung im Universalienstreit
4.2. Denkmuster des Realismus im Gottesbeweis
5. Schluss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit rekonstruiert den ontologischen Gottesbeweis Anselms von Canterbury und untersucht, inwieweit philosophische Denkmuster des Universalienrealismus seine Argumentation geprägt haben. Die zentrale Forschungsfrage ist dabei, ob und wie das Verhältnis zwischen Begriff und Wirklichkeit in Anselms Gottesbeweis durch seinen spezifischen Universalienrealismus beeinflusst wurde.
- Rekonstruktion des ontologischen Gottesbeweises im Proslogion
- Analyse des historischen und theologischen Umfelds von Anselm
- Darstellung der Debatte im Universalienstreit (Realismus vs. Nominalismus)
- Untersuchung der Verbindung zwischen Universalienrealismus und Gottesbeweis
- Einfluss des mittelalterlichen Sprachverständnisses auf den Gottesbegriff
Auszug aus dem Buch
2.3. Der Gottesbeweis in Proslogion II/III
„Da ich sah, dass die Schrift [Monologion] aus einer Verkettung vieler Argumente zusammengesetzt ist, begann ich mich zu fragen, ob sich nicht vielleicht ein Argument finden lasse, das keines anderen als seiner allein bedürfe, um sich zu beweisen, und das allein genüge, um sicherzustellen, dass Gott wahrhaft ist und dass er das höchste Gut ist […].“ (P 7)
Dies war Absicht und Ausgangspunkt von Anselms Überlegungen im Proslogion: Um den Gott, an den er glaubte, näher zu erfassen, wollte er das eine Argument für die Existenz Gottes finden, das nur seiner selbst bedarf und allein auf dem Denken beruht. Obwohl er inhaltlich mit Tradition und Kirchenvätern immer in Übereinstimmung blieb, war es ihm wichtig, in seiner Beweisführung ohne sie auszukommen. In Schönbergers Worten: „Die Evidenz des Beweisresultates soll dadurch erreicht werden, dass keine inhaltlichen Voraussetzungen gemacht werden.“ 19 Anselm hatte für einzelne Elemente seines Arguments Vorlagen bei früheren Denkern und richtete sich nach der dialektischen Methode, die Berengar bei der Eucharistielehre angewandt hatte. Doch sowohl die Konstruktion und Zusammenfügung des Beweises als auch die äusserliche Form und „Verpackung“, mit deren Hilfe sein Werk kirchliche Anerkennung fand, war sein eigener, mit viel Mühe erarbeiteter Verdienst.20
Ich werde im Folgenden versuchen, Anselms Argumentation Schritt für Schritt nachzuvollziehen und zu erläutern.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung stellt die Bedeutung des ontologischen Gottesbeweises dar und definiert das Ziel, Anselms Denkmuster in seinem historischen Kontext zu untersuchen.
2. Anselm von Canterbury: Dieses Kapitel behandelt das Leben Anselms, seine intellektuelle Position zwischen Theologie und Philosophie sowie den Kern seines Gottesbeweises im Proslogion.
3. Der Universalienstreit: Es wird die philosophische Debatte um die ontologische Natur von Universalien erläutert, unterteilt in die Positionen des Realismus und des Nominalismus.
4. Anselm als Unviersalienrealist: Hier wird Anselms aktive Rolle als Realist im Universalienstreit analysiert und eine Verbindung zwischen seiner realistischen Grundhaltung und seinem Gottesbeweis hergestellt.
5. Schluss: Der Schlussteil fasst die Ergebnisse zusammen und bestätigt, dass Ansätze des Universalienrealismus die Argumentation Anselms in seinem Gottesbeweis maßgeblich mitgeprägt haben.
Schlüsselwörter
Anselm von Canterbury, Proslogion, ontologischer Gottesbeweis, Universalienstreit, Universalienrealismus, Nominalismus, Scholastik, Gottesdefinition, Dialektik, Philosophie, Theologie, Existenz, Substanz, Denkmuster, Mittelalter.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert, wie die philosophische Strömung des Universalienrealismus den ontologischen Gottesbeweis von Anselm von Canterbury beeinflusst hat.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die scholastische Philosophie des 11. Jahrhunderts, die Debatte um die Existenz von Universalien und die methodische Herangehensweise Anselms an den Gottesbeweis.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist zu klären, inwiefern Anselms realistische Position im Universalienstreit seine Argumentation im Gottesbeweis geformt und geprägt hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine rekonstruktive und vergleichende Methode, um den philosophischen Kontext von Anselms Werken zu analysieren und Bezüge zwischen seinem Gottesbeweis und seinen anderen Lehren herzustellen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Anselms Leben und Werk, eine detaillierte Aufarbeitung des Universalienstreits sowie die Anwendung dieser Erkenntnisse auf die Struktur des Gottesbeweises.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den prägenden Begriffen zählen Universalienrealismus, ontologischer Gottesbeweis, Anselm von Canterbury, Dialektik und scholastische Philosophie.
Wie unterscheidet sich Anselms Vorgehensweise von der Nominalisten?
Anselm maß abstrakten Begriffen reale Existenz bei, während Nominalisten wie Roscelin Universalien lediglich als Namen oder „Lufthauch“ ohne ontologische Basis betrachteten.
Warum wird der Gottesbeweis von Kritikern als semantisches Konstrukt bezeichnet?
Kritiker wie Gaunilo oder Kant bemängeln, dass der Beweis lediglich den Begriff Gottes analysiert und von der gedanklichen Definition vorschnell auf die reale Existenz schließt.
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- Sara Stöcklin (Autor), 2006, Denkmuster des Universalienrealismus im ontologischen Gottesbeweis Anselms von Canterbury, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/67557