Aus den aktuellen Entwicklungen der sicherheitspolitischen Kriminalitätsprävention geht hervor, dass sich die kriminologische Forschung zunehmend wieder mit dem Einfluss der Wohnumwelt auf die Kriminalitätsentwicklung beschäftigt. Im Hinblick auf die Eindämmung der Jugendkriminalität wird der Stadtplanung dabei eine präventive Rolle zugeschrieben. Die vorliegende Arbeit befasst sich aus diesem Anlass mit ökologischen Ansätzen, die zur Erklärung von erhöhtem Kriminalitätsaufkommen in bestimmten Stadtteilen und -vierteln herangezogen werden können, sowie mit Präventionsstrategien, die als Reaktion auf solche Ansätze entwickelt wurden. Überprüft werden soll die These, dass die Struktur des Raumes als Begründung für abweichendes Verhalten (Delinquenz) bei Jugendlichen nicht ausreichend ist. Dabei soll analysiert werden, welche Reichweite die ökologischen Ansätze für die Erklärung der (Jugend-) Kriminalität haben und wie erfolgreich demnach Präventionsstrategien (wie z.B. die „Zero- Tolerance“ Strategie)sein können, die sich ausschließlich auf die Erkenntnisse der ökologischen Kriminalitätstheorien stützen. Dafür sollen ökologische Kriminalitätstheorien wie der Desorganisationsansatz von SHAW und MCKAY, die broken window Theorie von WILSON und KELLING und der defensible space Ansatz von NEWMANN zunächst vorgestellt werden. Dies impliziert eine Betrachtung der ihnen vorangegangenen Untersuchungen und der Daten auf denen ihre Annahmen beruhen, sowie ihrer Grenzen. Neben ihren Begrenzungen sollen ihre durchaus anwendbaren Erkenntnisse und Anstöße für die Kriminalitätsprävention Beachtung finden. Diskutiert wird darüber hinaus eine mögliche Erweiterung dieser Ansätze. Im Anschluss daran sollen zwei Präventionsstrategien vorgestellt werden, die exemplarisch für die aus den ökologischen Ansätzen hervorgegangenen Präventionsmaßnahmen stehen. Abschließend erfolgt die Auswertung der Möglichkeiten und eventuellen Ergänzungen dieser Konzepte. [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung
2. Ökologische Ansätze und ihre Grenzen
2.1. Datenerhebungen der ökologischen Analysen
2.2. Theorieentwicklung auf der Basis ökologischer Analysen
2.2.1. Der Desorganisationsansatz von SHAW und MCKAY
2.2.2. Der defensible space Ansatz von NEWMANN
2.2.3. Die broken window Theorie von WILSON und KELLING
3. Zusammenfassung der Grenzen und Möglichkeiten ökologischer Theorien
4. Anwendbarkeit von ökologischen Kriminalitätstheorien. – Entwicklung von Präventionsstrategien.
4.1. Präventive Stadtplanung nach dem defensible space Ansatz
4.2. Zero Tolerance Strategie
5. Votum
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die These, dass die bloße Struktur des Raumes als Begründung für delinquentes Verhalten bei Jugendlichen nicht ausreicht. Ziel ist es, die Reichweite ökologischer Kriminalitätstheorien zu analysieren und deren Umsetzung in präventive Maßnahmen kritisch zu hinterfragen.
- Analyse ökologischer Kriminalitätstheorien (Desorganisation, Defensible Space, Broken Window)
- Kritische Würdigung der Bedeutung der Wohnumwelt für Kriminalitätsentstehung
- Evaluation präventiver Strategien wie der Zero Tolerance Politik
- Diskussion über soziale Faktoren im Vergleich zu rein baulichen oder polizeilichen Maßnahmen
- Bedeutung der Sozialarbeit für eine ganzheitliche Kriminalitätsprävention
Auszug aus dem Buch
2.2.1. Der Desorganisationsansatz von SHAW und MCKAY
Die ersten groß angelegten kriminalgeographischen Untersuchungen gehen auf die Chicago School insbesondere auf SHAW und MCKAY zurück. Der Desorganisationsansatz bildet den Ursprung der ökologischen Ansätze. Es ist daher sinnvoll sich zu Beginn damit zu beschäftigen, wie dieser erste ökologische Ansatz entstanden ist und was er zu erklären versucht.
Im Jahre 1929 wurde in Chicago festgestellt, dass sich Delinquenz und Kriminalität auf solche Stadtteile konzentrierten, die von baulichem Verfall, weit verbreiteter Armut, hohem Ausländeranteil und einer Vermischung von Wohngebieten mit Industrie- und Gewerbegebieten gekennzeichnet waren.
Charakteristisch für diese Gebiete war ebenfalls eine hohe Mobilität der Bewohner. Das heißt, Familien verließen die Gegend, sobald sie konnten (HERMANN: 96). Außerdem wurde festgestellt, dass die Raten abweichenden Verhaltens in einem Gebiet umso höher waren, je näher es zum Stadtzentrum lag (KAISER: 228). Insbesondere im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts fanden die sozial schwachen Bewohner Chicagos nur in den heruntergekommenen Stadtteilen des Zentrums eine Bleibe (HERMANN: 97). SHAW und MCKAY orientierten sich an der Theorie von BURGESS, der davon ausging, dass das Stadtwachstum von konzentrischen Zonen gekennzeichnet ist (KAISER: 228) und gliederten die Stadt in folgende Zonen:
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung: Die Einleitung thematisiert den Einfluss der Wohnumwelt auf Jugendkriminalität und stellt die These auf, dass rein räumliche Ansätze zur Erklärung von Delinquenz nicht ausreichen.
2. Ökologische Ansätze und ihre Grenzen: Dieses Kapitel stellt theoretische Modelle wie den Desorganisationsansatz, das Defensible Space Konzept und die Broken Window Theorie vor und diskutiert deren wissenschaftliche Grenzen.
3. Zusammenfassung der Grenzen und Möglichkeiten ökologischer Theorien: Eine Zwischenbilanz, die kritisch hinterfragt, ob Stadtteile eigenständige Effekte auf das individuelle Verhalten haben oder ob soziale Variablen übergangen wurden.
4. Anwendbarkeit von ökologischen Kriminalitätstheorien. – Entwicklung von Präventionsstrategien.: Dieses Kapitel analysiert konkrete Umsetzungen der Theorien in der Stadtplanung und der Polizeiarbeit, insbesondere die Zero Tolerance Strategie.
5. Votum: Abschließende Bewertung, die ein Plädoyer für einen ganzheitlicheren Ansatz der Kriminalprävention unter Einbeziehung der Sozialarbeit enthält.
Schlüsselwörter
Kriminologie, Ökologische Kriminalitätstheorien, Jugendkriminalität, Raumstruktur, Desorganisationsansatz, Defensible Space, Broken Window Theorie, Zero Tolerance, Kriminalprävention, Sozialarbeit, Stigmatisierung, Stadtplanung, Soziale Kontrolle, Delinquenz, Kriminalgeographie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Hausarbeit untersucht die Zusammenhänge zwischen räumlichen Strukturen und der Entwicklung von Kriminalität, insbesondere Jugenddelinquenz.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Mittelpunkt stehen ökologische Kriminalitätstheorien, deren Anwendung in der Stadtplanung und die Effektivität polizeilicher Präventionskonzepte.
Was ist die Forschungsfrage?
Die zentrale Frage ist, ob die Struktur des Raumes allein ausreicht, um abweichendes Verhalten bei Jugendlichen zu erklären, und wie erfolgreich Strategien sind, die sich primär darauf stützen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse und einer kritischen Auseinandersetzung mit theoretischen Kriminalitätsmodellen und empirischen Fallbeispielen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Behandelt werden der Desorganisationsansatz, das Defensible Space Konzept, die Broken Window Theorie sowie deren Anwendung in der städtebaulichen Prävention und der Zero Tolerance Politik.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Kriminalitätstheorien, Stadtentwicklung, Kriminalitätsprävention, soziale Kontrolle und Jugenddelinquenz sind die definierenden Begriffe.
Inwieweit wird das Beispiel Hamburg genutzt?
Hamburg dient im Votum als Beispiel, um zu illustrieren, wie einseitige Präventionsstrategien lediglich zur Verlagerung von Problemen in Randbezirke führen können.
Wie kritisch ist die Arbeit gegenüber der Zero Tolerance Strategie?
Die Arbeit sieht die Strategie kritisch, da sie soziale Ursachen vernachlässigt, bestimmte Gruppen stigmatisiert und durch polizeiliche Härte anstatt durch Prävention zu wirken versucht.
Welche Rolle spielt die Sozialarbeit in den Schlussfolgerungen?
Die Autorin plädiert dafür, dass Kriminalitätsprävention nicht allein polizeiliche Aufgabe sein darf, sondern durch Sozialarbeit und die Beteiligung der Bürger ergänzt werden muss.
- Quote paper
- Sandra Schmechel (Author), 2006, Raumstruktur und Kriminalität - Eine Analyse ausgewählter ökologischer Kriminalitätstheorien und Präventionsmaßnahmen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/67574