"Die Schlafwandler": Ein komplexer Roman von einem komplexen Menschen. Dennoch versteht es keiner besser als Broch, Bilder im Text so zu verankern, dass fast illusions- und geisterhaft ebendiese Bilder im Leser Fuß fassen können und ihn in fremde Welten entführen. Die vorliegende Arbeit beschreibt und analysiert Realität und Imagination und ihre Übergänge in einzelnen zentralen Textpassagen der "Schlafwandler". Der Leser von Brochromanen und damit auch dieser Arbeit sollte sich vor Ungewöhnlichem nicht scheuen.
Inhaltsverzeichnis
1. Hermann Broch und die Schlafwandler
1.1 Text und Bild
1.2 Verschwommene Bilder
2. Der Titel als Bild: Die Schlafwandler
2.1 Fokalisierung als erzählerisches Mittel in Die Schlafwandler
2.2 Visuelle Elemente im Text
3. Erlebnisse im Kaiserpanorama
3.1 Szenenaufbau
3.2 Handelnde Personen und Fokalisierung
3.3 Die Wahrnehmung und das Chaos
4. Verschiedene Bilder
4.1 Ansichtskarten
4.2 Amerika-Bilder
4.3 Gesicht und Landschaft
5. Der Wertezerfall in der Brochschen Erzählpraxis
6. Literatur
Zielsetzung & Themen
Die Seminararbeit untersucht das Zusammenspiel von Text und visueller Wahrnehmung in Hermann Brochs Romantrilogie "Die Schlafwandler" und analysiert, wie diese Elemente den thematisierten Wertezerfall sowie das schlafwandlerische Handeln der Romanfiguren abbilden.
- Die Funktion von Bildern und Metaphern in Brochs Erzählstruktur.
- Fokalisierungstechniken als Mittel zur Darstellung der Wahrnehmungsstörungen.
- Die Rolle der Medientechnik (z.B. Kaiserpanorama, Fotografie) für die Orientierungslosigkeit.
- Der Zusammenhang zwischen visueller Wahrnehmung, Identität und dem Zerfall von Werten.
Auszug aus dem Buch
1. Hermann Broch und die Schlafwandler
Sonderbar erscheint der Titel Die Schlafwandler für einen Roman Hermann Brochs, der doch von realistischen Gedanken und Themenkreisen handelt. Dennoch soll sich im Verlauf dieser Arbeit immer mehr herauskristallisieren, wie gerade dieser Titel in einen solchen Roman eingepasst ist und ihn treffend überschreibt. „Dieser Roman hat zur Voraussetzung, daß die Literatur mit jenen menschlichen Problemen sich zu befassen hat, die einesteils von der Wissenschaft ausgeschieden werden, weil sie einer rationalen Behandlung überhaupt nicht zugänglich sind und nur mehr einem absterbenden philosophischen Feuilletonismus ein Scheinleben führen, andererseits mit jenen Problemen, deren Erfassung die Wissenschaft in ihrem langsameren, exakteren Fortschritt noch nicht erreicht hat“1. Dieses kurze Kommentar Hermann Brochs zu seinem Roman, gibt dem Leser vor, bei der Lektüre der Schlafwandler hinter die äußere Handlung zu blicken und die Probleme herauszufiltern, die für das Rationale nicht erfassbar sind. Dennoch befindet sich Broch ganz bewusst im Gegensatz zum psychologisierenden Roman seines Vorbildes James Joyce. Die Schlafwandler sollen eben nicht psychologisieren, sondern sich von der Psychologie frei machen. Broch strebt den erkenntnistheoretischen Roman an, der auf erkenntnistheoretische Grundlagen und Wertlogik zurückgeht. Besonders die Einbeziehung Zerfall der Werte in den Roman zeigt den Gegensatz zu Joyce.2
Die Schlafwander sind ein derart komplexes Netzwerk aus den Gedanken und Erfahrungen Brochs, dass es unmöglich erscheint, den Text auch nur annähernd auszuschöpfen. Dass Broch im Laufe der Zeit immer stärker, „unter anderem im Nachfeld der Polemik zwischen affirmativer und kritischer Brochforschung, in den Sog der Tendenzliteratur und des roman à thése geraten ist“3, erscheint mir absurd. Betrachtet man nur die Erzählstruktur und die verwendeten Bilder etwas genauer, ohne das Hauptaugenmerk auf den Zerfall der Werte zu richten, ergibt sich eine unendliche Fülle von Interpretationsmöglichkeiten.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Hermann Broch und die Schlafwandler: Einführung in die Thematik der Arbeit und Einordnung von Brochs Roman im Kontext zeitgenössischer Literaturströmungen.
2. Der Titel als Bild: Die Schlafwandler: Untersuchung der Titelmetaphorik und der spezifischen narratologischen Techniken, die den Zustand des Schlafwandelns erzeugen.
3. Erlebnisse im Kaiserpanorama: Analyse einer Schlüsselszene, die die Verflechtung von Technik, visueller Wahrnehmung und der Entfremdung der Protagonisten verdeutlicht.
4. Verschiedene Bilder: Untersuchung spezifischer Bildmotive wie Ansichtskarten, Amerika-Referenzen sowie der metaphorischen Verschmelzung von Gesicht und Landschaft.
5. Der Wertezerfall in der Brochschen Erzählpraxis: Synthese der Ergebnisse zur Symbolik des Wertezerfalls und dessen Konsequenzen für das Handeln der Romanfiguren.
6. Literatur: Verzeichnis der verwendeten wissenschaftlichen Quellen.
Schlüsselwörter
Hermann Broch, Die Schlafwandler, Textethik, Kulturkritik, Erzählte Visualität, Wertezerfall, Fokalisierung, Schlafwandeln, Wahrnehmungschaos, Literaturwissenschaft, Moderne, Medienkritik, Identität, Psychologie, Narratologie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit analysiert, wie Hermann Broch in seinem Roman "Die Schlafwandler" durch eine komplexe Bildsprache und spezifische Erzähltechniken den Zustand des Schlafwandelns und den damit verbundenen Wertezerfall seiner Zeit darstellt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen das Verhältnis von Text und Bild, die Rolle der visuellen Wahrnehmung, der Zerfall moralischer Werte sowie die Entfremdung des Menschen durch neue Medien der Moderne.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Broch seine Erzählweise nutzt, um den Leser direkt in den "schlafwandlerischen" Zustand seiner Figuren zu versetzen und den Roman als erkenntnistheoretisches Werk zu deuten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse angewandt, die sich auf narratologische Aspekte, Bildinterpretation und den Vergleich mit zeitgenössischen medienkritischen Ansätzen stützt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse von Erzähltechniken (Fokalisierung), die Interpretation zentraler Szenen wie dem Kaiserpanorama sowie die Untersuchung spezifischer Bildmotive und deren Bedeutung für die Figurenzeichnung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselbegriffe sind unter anderem "Erzählte Visualität", "Wertezerfall", "Schlafwandeln", "Fokalisierung" und "kulturkritische Reflexion".
Wie unterscheidet sich Brochs Schlafwandler-Konzept von einem normalen Traum?
Broch beschreibt den Schlafwandler als eine Person, die zwar wach agiert, jedoch die Realität nicht adäquat wahrnehmen kann, da Bewusstsein und Unterbewusstsein getrennt voneinander fungieren, im Gegensatz zum Träumenden, der sich in einer völlig irrealen Welt befindet.
Welche Bedeutung hat das Kaiserpanorama in der Analyse?
Das Kaiserpanorama dient als zentrales Symbol für die moderne Bilderflut, die den Menschen überfordert, zur Entfremdung führt und als „Gottesersatz“ die eigene Urteilsfähigkeit der Figuren ausschaltet.
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- Peter Kaimer (Author), 2006, Zu: Hermann Broch: "Die Schlafwandler", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/67592