Erziehungswissenschaft als empirische Verhaltenswissenschaft


Skript, 2000

11 Seiten, Note: gut


Leseprobe

Erziehungswissenschaft als empirische Verhaltenswissenschaft

1. Empirische Erziehungswissenschaft in der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts

1.1. Historische Entwicklung:

- In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts werden erste Versuche unternommen, die Pädagogik nach dem Vorbild der Naturwissenschaften zu entwerfen. Insbesondere Ernst Christian Trapp (1745-1818) , der in Halle die erste Professur für Philosophie und Pädagogik innehatte, fordert den Rückgriff auf Beobachtung und Erfahrung als Grundlage für ein wissenschaftliches System der Pä- dagogik, womit er sich gegen die theologische Fundierung der Pädagogik wendet. 1783 verläßt Trapp die Universität aufgrund von Konflikten mit Vertretern der theologischen Fakultät.

- In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts finden sich Ansätze einer experimentellen Pädagogik nach dem Vorbild der Psychologie, welche sich gleichsam auf dem Weg der Etablierung als eine empir- ische, auf Beobachtung und Experiment basierende Disziplin befindet.

- Vertreter der experimentellen Pädagogik:

I. für die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts:

- Ernst Meumannn (1862-1915): Meumann war Assistent des Psychologen Wilhelm Wundt (1832-1920) und versuchte, die ihm aus der Psychologie geläufigen naturwissenschaftlichen Verfahren auf die Erziehungswisenschaft zu übertragen, wobei er unter anderem Untersuchungen über Sprachentwicklung, Lern- und Gedächnisprobleme durchführte.

- Wilhelm August Lay (1862-1926):

Lay war zunächst lange Jahre Volksschullehrer und promovierte 1903 mit einer Arbeit über "Experi- mentelle Didaktik", in der er versuchte, psychologische Experimente für Probleme des Unterrichts, wie zum Beispiel Fragen des Anschauungsunterrichts, zu nutzen.

II. für die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts:

- Aloys Fischer (1882-1937):

Fischer studierte ein Jahr bei Wundt und leitete seit 1918 das pädagogische und psychologische In- stitut der Universität München.

- Peter Petersen (1884-1952):

Peterson studierte in Leipzig unter anderem bei Wundt und war später gemeinsam mit Lay in einem Arbeitskreis für experimentelle Didaktik tätig. Seit 1923 war er Professor für Erziehungswissenschaft an der Universität Jena. Zusammen mit seiner Frau Else Müller-Petersen ist er Begründer der pädagogischen Tatsachenforschung, einer empirischen Unterrichtsforschung.

- Rudolf Lochner (1895-1981):

Lochner war nach längerer Zeit als Gymnasiallehrer und in der Erwachsenenbildung seit 1934 Profes- sor an den pädagogischen Hochschulen Hirschberg, Celle und Lüneburg.

1.2. Das Ziel und die Hauptthesen der experimentellen Pädagogik:

I. Ziel:

- Aus der Kritik der experimentellen Pädagogik an der traditionellen normativen Pädagogik, welche auf die fehlende wissenschaftliche Begründung, also auf die fehlende empirische Absicherung abzielt, resultiert das Ziel, mit dem Rückgriff auf die Erziehungswirklichkeit objektive Ergebnisse zu erzielen. Daraus ergeben sich folgende Hauptthesen:

II. Hauptthesen:

- Die Basis der erziehungswissenschaftlichen Theorien sind pädagogische Tatsachen, da diese ein gesichertes Fundament bilden.

- Die Erfassung von Tatsachen geschieht mit Hilfe von Beobachtung und Erfahrung, wodurch die Wissenschaftlichkeit der Pädagogik gesichert ist.

- Aus der empirischen Forschung wird auf Gesetze geschlossen. Hier folgt die experimentelle Pädagogik dem Induktionsprinzip, welches impliziert, daß von dem Besonderen ( = z. B. wiederholte Beobachtungen) auf das Allgemeine ( = Erstellung einer Gesetzmäßigkeit) geschlossen wird.

- Ein hypothetischer Streitpunkt bei Vertretern der experimentellen Pädagogik betrifft die Frage, wie weit die experimentelle Pädagogik zugleich Normen für das praktische Handeln aufstellen kann.

Lay und Meumann vertreten die Position, daß die experimentelle Pädagogik gleichsam eine norma- tive Disziplin ist, welche Anweisungen für das praktische Handeln aufstellen kann. Die objektive In- stanz ist gamäß ihrem Ermessen in der Aufstellung von Gesetzmäßigkeiten gegeben. Lochner vertritt die Position, daß sich die experimentelle Pädagogik auf Aussagen über die Er- ziehungswirklichkeit beschränken solle, da gemäß seinem Ermessen allgemein gültige Sätze nur im Rahmen einer Wissenschaft aufgestellt werden können, welche werturteilsfrei sei.

1.3. Die Forschungsmethodik

I. Beobachtung:

- Die Beobachtung kann gemäß der experimentellen Pädagogik als intendierte, umfassende Wahrnehmung mit dem Ziel der Erkenntnisgewinnung über das beobachtete Verhalten verstan- den werden.

II. Experiment:

- Das Experiment kann gemäß der experimentellen Pädagogik als planmäßig-systematische Herbei- führung von Umständen zum Zweck der Beobachtung verstanden werden. Zu differenzieren sind das Laboratoriumsexperiment und das Feldexperiment. Ein Laboratoriumsexperiment ist durch die künstliche Versuchsanordnung gekennzeichnet. Der Forscher schafft bestimmte gewünschte, kon- trollierbare Bedingungen, welche im Verlauf des Experiments entweder konstant gehalten werden, oder variiert werden. Basis für ein Laboratoriumsexperiment ist somit die Simulation als Nachbil- dung eines Aspektes der Wirklichkeit. Beim Feldexperiment ist das Milieu vorgegeben. Folglich be- steht beim Feldexperiment ein Nichtvorhandensein von isolierten Faktoren. Aufgrund des natür- lichen Fundaments des Feldexperiments ist die Variierbarkeit der Bedingungen beim Feldex- periment nicht gegeben.

- Beispiel für ein Laboratoriumsexperiment:

Lay führte ein Experiment zum Vergleich von Druck- und Schreibschrift durch. Wortneuschöpf- ungen wurden an der Tafel den Schülern abwechselnd in Schreib- und Druckschrift angeboten. Da- nach wurden sie von den Schülern aufgeschrieben mit anschließender Feststellung der Fehlerzahl. Ergebnis war, daß die Schreibschrift der Druckschrift erheblich überlegen sei. Als Konsequenz für die pädagogische Praxis ergibt sich die Forderung, im Erstchreibunterricht mit Schreibschrift zu arbeiten.

[...]

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Erziehungswissenschaft als empirische Verhaltenswissenschaft
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Pädagogik)
Veranstaltung
Forschungsmethoden der Erziehungswissenschaft
Note
gut
Autor
Jahr
2000
Seiten
11
Katalognummer
V6768
ISBN (eBook)
9783638142670
Dateigröße
360 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Das Skript behandelt die Erziehungswissenschaft unter Perspektive der empirischen Verhaltenswissenschaft. Es klärt über den historischen Forschungsverlauf, die Vertreter, Forschungsmethoden und -designs, auf.
Schlagworte
Verhaltenswissenschaft, operante Konditionierung, Forschungsmethoden, Empirie, Werturteilsstreit, Adorno, Habermas, Beobachtung, Skalierungen
Arbeit zitieren
Isabel Ebber (Autor), 2000, Erziehungswissenschaft als empirische Verhaltenswissenschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/6768

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