Zahlreiche Ereignisse im Lebenszyklus einer Unternehmung können zur Notwendigkeit einer Unternehmensbewertung führen. Ist eine Unternehmensbewertung erforderlich, steht der Bewertende vor der oftmals schwierigen Entscheidung, welches Bewertungsverfahren heranzuziehen ist. Die Auswahl des Bewertungsverfahrens ist insofern bedeutsam, da sie in der Praxis erheblichen Einfluss auf das Bewertungsergebnis haben kann.
In der Literatur werden zahlreiche Bewertungsmethoden diskutiert, wobei zwischen Gesamtbewertungs-, Einzelbewertungs- und Mischverfahren unterschieden wird. Das Institut der Wirtschaftsprüfer (IDW) empfiehlt in ihrem Standard über die Grundsätze zur Durchführung von Unternehmensbewertungen (IDW S1) die den Gesamtbewertungsverfahren zuzurechnenden Ertragswert- sowie Discounted-Cash-Flow-Verfahren (DCF-Verfahren). Das Residualgewinnverfahren, als Variante der Mischverfahren, wird hinge-gen nicht als Bewertungsalternative diskutiert, obwohl es sich in jüngster Vergangenheit zunehmender Beliebtheit in der einschlägigen Literatur erfreut. Die wachsende Bedeutung resultiert nicht zuletzt aus dem vermehrten Einsatz von Residualgewinnen als wertorientierte Steuerungsgröße in Unternehmen, sowie dem Rückgriff auf Größen des Rechnungswesens. Man denke in diesem Zusammenhang an den Economic Value Added (EVA). Trotz allem wird das Residualgewinnmodell bisher in der Praxis zum Zweck der Unternehmensbewertung noch selten eingesetzt.
Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, inwiefern sich das RIM zur Unternehmensbewertung eignet, bzw. warum das Verfahren bisher durch das IDW noch nicht explizit berücksichtigt worden ist. Dazu ist das RIM darzustellen und sowohl hinsichtlich der theoretischen Konzeption als auch hinsichtlich der empirischen Erklärungskraft mit den Methoden der Gesamtbewertung zu vergleichen.
Inhaltsverzeichnis
1. Problemstellung
2. Darstellung des Residualgewinnverfahrens
2.1. Verfahrensalternativen
2.1.1. Nettoverfahren
2.1.2. Bruttoverfahren
2.2. Äquivalenz mit dem Ertragswertverfahren
3. Kritische Würdigung
3.1. Beurteilung aus Anwendersicht
3.1.1. Rechnungswesenbasierte Unternehmensbewertung
3.1.2. Erklärungsanteil des Fortführungswerts
3.1.3. Prognostizierbarkeit des Fortführungswerts
3.2. Empirische Evidenz
3.3. Einhaltung der Kongruenzbedingung
4. Thesenförmige Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Eignung des Residualgewinnverfahrens (RIM) für Zwecke der Unternehmensbewertung. Dabei wird analysiert, inwieweit das Modell theoretisch fundiert ist, wie es sich zu klassischen Gesamtbewertungsverfahren verhält und ob es aufgrund empirischer Befunde als gleichwertige oder überlegene Alternative zur Unternehmensbewertung angesehen werden kann.
- Grundlagen des Residualgewinnverfahrens und seiner Verfahrensalternativen (Netto-/Bruttoverfahren).
- Formaler Nachweis der Äquivalenz zwischen Residualgewinn- und Ertragswertverfahren.
- Kritische Analyse des RIM aus Anwendersicht hinsichtlich Rechnungswesen-Daten und Prognoseeigenschaften.
- Diskussion der empirischen Evidenz zur Erklärungskraft des Modells.
- Bedeutung der Kongruenzbedingung für die theoretische Konsistenz der Bewertung.
Auszug aus dem Buch
3.1.1. Rechnungswesenbasierte Unternehmensbewertung
Möchte man das RIM hinsichtlich der Eignung zur Unternehmensbewertung einer kritischen Beurteilung unterziehen, so kann diese in einem ersten Schritt aus Anwendersicht erfolgen. Dabei besteht ein erster wesentlicher Unterschied zu den Gesamtbewertungsverfahren darin, dass auf Größen des Rechnungswesens zurückgegriffen wird, in der damit verbundenen Hoffnung, die notwendigen Inputgrößen auf einfachere Art und Weise bestimmen zu können. Problematisch erweist sich hier, dass für den Buchwert des Eigenkapitals im RIM, als eigenständigen Erklärungsbeitrag zum Unternehmenswert, keine kausale Verknüpfung zwischen Substanz und Ertrag erfolgt. Die Verknüpfung ist jedoch notwendig, da Substanz ohne Ertrag keinen Wert hat. Demzufolge kann das RIM durch Kombination eines aussagelosen Werts aus Einzelbewertung (Buchwert des Eigenkapitals) und eines korrekten Werts aus Gesamtbewertung (Barwert der Residualgewinne) nur korrekte Bewertungsergebnisse liefern, wenn auf Cash Flows bzw. Erträge zurückgegriffen wird.
Weiterhin ist der Buchwert des Eigenkapitals zum Bewertungszeitpunkt maßgeblich durch bilanzpolitische Spielräume beeinflussbar sowie durch das Rechnungslegungssystem, in dem das zu bewertende Unternehmen bilanziert, festgelegt. Befürworter des Verfahrens setzen dem entgegen, dass die absolute Bestandsgröße des Eigenkapitals für den Unternehmenswert bei Einhaltung der Kongruenzbedingung irrelevant sei. In konservativen Rechnungslegungssystemen wird beispielsweise durch vorsichtige Bewertung der geringere Buchwert des Eigenkapitals durch den Abzug geringerer Kapitalkosten in Bezug auf die Auswirkung auf den Unternehmenswert kompensiert. Folglich sei das RIM nicht den Mischverfahren zuzuordnen. Ist der Buchwert aber frei wählbar, ist er nicht aussagekräftig und es kann auf die Diskontierung künftiger Erträge, wie es im Ertragswertverfahren geschieht, abgestellt werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Problemstellung: Einleitung in die Relevanz der Unternehmensbewertung und Vorstellung des Residualgewinnverfahrens als wissenschaftlich diskutierte, in der Praxis jedoch selten eingesetzte Alternative.
2. Darstellung des Residualgewinnverfahrens: Erläuterung der Netto- und Bruttoverfahren sowie formale Herleitung der Äquivalenz zum Ertragswertverfahren unter der Annahme der Kongruenzbedingung.
3. Kritische Würdigung: Analyse der Probleme aus Anwendersicht, Bewertung der empirischen Studien zur Erklärungskraft und Diskussion der praktischen Relevanz von Verstößen gegen die Kongruenzbedingung.
4. Thesenförmige Zusammenfassung: Zusammenfassende Bewertung des Modells mit dem Ergebnis, dass keine Überlegenheit gegenüber klassischen Verfahren besteht und der Einsatz primär für Plausibilisierungszwecke denkbar ist.
Schlüsselwörter
Residualgewinnverfahren, Unternehmensbewertung, Ertragswertverfahren, RIM, Buchwert, Eigenkapitalkosten, Kongruenzbedingung, Clean Surplus Relation, Goodwill, Fortführungswert, wertorientierte Unternehmenssteuerung, Mischverfahren, Kapitalmarktforschung, Prognosegenauigkeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der methodischen Darstellung und der kritischen Eignungsprüfung des Residualgewinnverfahrens zur Unternehmensbewertung.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Fokus stehen die theoretische Konzeption des Modells, der Vergleich mit dem Ertragswertverfahren sowie die empirische Validität des Ansatzes.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Eignung des Residualgewinnmodells für die Unternehmensbewertung zu bewerten und die Gründe für dessen untergeordnete Rolle in der Praxis zu identifizieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine theoretische Modellanalyse sowie eine Auswertung existierender empirischer Literatur zur Erklärungskraft von Bewertungsverfahren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil umfasst die formale Darstellung des RIM, die Herleitung der Äquivalenz zum Ertragswertverfahren und eine kritische Auseinandersetzung mit der Anwendung des Modells.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Residualgewinn, Unternehmenswert, Kongruenzbedingung, Buchwert des Eigenkapitals und wertorientierte Kennzahlen.
Warum wird das RIM oft als Mischverfahren bezeichnet?
Es wird als Mischverfahren eingeordnet, da es buchhalterische Größen (Buchwert) mit zukunftsorientierten Erfolgsgrößen (diskontierte Residualgewinne) kombiniert.
Welche Rolle spielt die Kongruenzbedingung?
Sie ist die theoretische Voraussetzung für die Äquivalenz zum Ertragswertverfahren; ihre Verletzung in der Rechnungslegung erschwert eine theoretisch fundierte Anwendung des RIM.
- Quote paper
- Florian Bielski (Author), 2006, Darstellung und Kritik des Residualgewinnverfahrens, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/67712