Die Gründungsorakel in den Historien Herodots in ihrem Kontext - Zentrale Kolonisationssteuerung durch das Orakel oder reine Erfindung?


Seminararbeit, 2006
19 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1) Einleitung

2) Die Gründungsorakel in den Historien Herodots in ihrem Kontext – Zentrale Kolonisationssteuerung durch das Orakel oder reine Erfindung?

3) Abschlussbetrachtung

4) Quellenverzeichnis

5) Bibliographie

1) Einleitung

In der archaischen Zeit sorgte die „große Kolonisation“ innerhalb einer relativ kurzen Zeit – man geht etwa vom Zeitraum 750 bis 500 v. Chr. aus[1] – für eine vergleichsweise weite Streuung von griechischen Kolonien im Mittelmeerraum. Südgallien, Süditalien, und Sizilien waren während dieser Wanderungsbewegung vor allem die Ziele der griechischen Siedler.

Einen beeinflussenden Faktor bei Koloniegründung stellte das Orakel von Delphi dar. Etliche Zeugnisse von „Gründungsorakeln“ sind in den Werken Herodots[2] enthalten. Primär geht es in dieser Hausarbeit um die Diskussion, welchen Einfluss das delphische Orakel auf die ersten literarisch erfassbaren Gründungen hatte. Unter Berücksichtigung der oben genannten Quelle und ausgewählter Forschungsliteratur soll die Funktion des Orakels von Delphi im Kontext der überlieferten Gründungsberichte genauer untersucht werden.

Betrachtet man die Forschungsmeinungen zu diesem Thema, so stellt man fest, dass trotz mannigfaltigen Veröffentlichungen immer noch eine rege Kontroverse geführt wird.[3]

So weisen Fontenrose[4] und Londey[5] darauf hin, dass fast alle Gründungsorakel Erfindungen seien, welche im Nachhinein in die Gründungsberichte gesetzt wurden, um den Gründungen einen „göttlichen“ Rahmen zu verleihen. Andere Historiker, wie Rohrbach, sind der Meinung, dass die Kolonisation an sich ein Akt des Opferns an Delphi und die Orakel der Pythia bloßer Ausdruck sakraler Bedürfnisbefriedigung seien.[6] Ferner herrscht, vor allem in der älteren Forschung, die Meinung vor, dass Delphi eine „Kolonisationsagentur“[7] gewesen sei. Damit wird Delphi sowohl die Rolle des Informationszentrums, als auch die einer Instanz zur Kolonisationssteuerung zuerkannt. Wie sich daran bereits erkennen lässt, ist also sowohl die historische Glaubwürdigkeit der Orakel an sich als auch einen Schritt weiter gehend deren Intention strittig.

Für meine Arbeit erwiesen sich die Aufsätze von W.G. Forrest, P. Londey sowie die Monographien von J. Boardman, M. J. de Araùjo Caldas, J. Fontenrose, M. Giebel, J. Kirchberg, I. Malkin, T. Miller und H.H. Rohrbach als hilfreich.

2) Die Gründungsorakel in den Historien Herodots in ihrem Kontext – Zentrale Kolonisationssteuerung durch das Orakel oder reine Erfindung?

Blickt man auf die Zeit der großen Kolonisation (ca. 750 bis 500 v. Chr.) im archaischen Zeitalter zurück, so machten sich in diesem Zeitraum verhältnismäßig viele Griechen auf, ihre Heimat gegen fremde Gefilde einzutauschen. So wird der Kolonisationsprozess an sich in etlichen Textpassagen in den Historien des Herodot geschildert.

Etliche Ursachen wie Überbevölkerung und Missernten führten dazu, zahlreiche Griechen zur Auswanderung zu bewegen.[8] Für die Organisation – wenn man es denn so nennen will – einer neuen Koloniegründung waren mehrere Komponenten wichtig. In den Kolonisationsberichten treten häufig dieselben Interessensgruppen bzw. Parteien auf. Zunächst wäre da der Oikist zu nennen, welcher als „Gründervater“ einer solchen Unternehmung vorstand.[9] Im Anschluss daran wären die Siedlergruppe zu nennen und die Metropolis des Gründers bzw. der Siedler. Eine Etappe, die in fast allen Berichten einen Platz einnimmt, ist das Orakel von Delphi.

Im Folgenden soll nun geklärt werden, welchen Platz die Orakelsprüche in den durch Herodot überlieferten Gründungsberichten einnehmen und welche Intention sie haben.

Der detaillierteste Gründungsbericht findet sich im viertel Kapitel der Historien, in welchem die Gründung Kyrenes, die laut Rohrbach[10] um 631 v. Chr stattgefunden haben dürfte, geschildert wird.[11]

Herodot weist zu Beginn der Schilderung darauf hin, dass es zwei Überlieferungen der Gründungsgeschichte gäbe. So stamme eine Überlieferung von den Bewohnern der Metropolis und eine von denen der Apoikie.[12] Im Mittel- und Schlussteil seien die beiden Versionen identisch, jedoch würden sich die Anfänge unterscheiden. Höchstwahrscheinlich waren den Ausgewanderten andere Aspekte in ihrer Überlieferung wichtig, als das bei den Theraiern der Fall war.[13]

Am Anfang des Berichts der Theraier zog Grinnos, der damalige, greise König der Insel Thera, mit seinem Gefolge zum Heiligtum Delphis, um dort für seine Stadt zu opfern.[14] Während des Opfers erteilte das Orakel Grinnos den Auftrag, welchen Herodot indirekt überliefert, der Koloniegründung in Libyen. Jener lehnte jedoch auf Grund seines hohen Alters ab und verwies auf den mitgereisten Battos. Daraufhin ruhte das gegebene Orakel etliche Zeit. In Thera wusste zudem niemand, wo Libyen überhaupt war, und somit ließen die Einwohner insgesamt von dem ungewissen Unterfangen einer Koloniegründung ab. Bis auf einen einzigen Baum sollen in einer darauf folgenden, sieben Jahre anhaltenden Dürre nun alle anderen verdorrt sein, was zu einer erneuten Orakelbefragung führte. Die Pythia erinnerte an das „Gebot des Gottes, eine Kolonie zu gründen“.[15] Infolgedessen schickten die Theraier Kundschafter aus, um Informationen über Libyen zu sammeln. Auf der Insel Kreta im Ort Itanos fanden sie einen Fischer, welcher sie auf die Insel Platea, die der Küste Libyens vorgelagert war, verwies. Nach Aussendung eines kleinen Expeditionstrupps mit der Unterstützung des Fischers fanden die Theraier dann die Insel und benachrichtigten ihre Landsleute. Ferner beschlossen die Theraier, dass einer von zwei Brüdern auswandern und Battos „König und Führer der Auswanderer“ werden sollte.[16]

Der Bericht der Kyrenaier schildert die Anfangsepisode bezüglich der Figur des Battos etwas anders. Battos, dessen edle Herkunft ausdrücklich genannt wird, war auf Grund seines Stotterns als Heranwachsender zur Pythia gegangen, um sich deswegen Rat zu holen. Allerdings gab sie diesem nicht den erhofften Spruch, sondern den Auftrag, in Libyen eine Kolonie zu gründen. Auf Seiten des Akzeptanten löste dieser Spruch Ratlosigkeit aus, auf welchen die Pythia aber auch auf Nachfrage nicht weiter reagierte. Von diesem Zeitpunkt an überschattete Thera allerlei Unglück, so dass die Theraier erneut das Orakel befragten. Jenes antwortete, dass es ihnen besser ginge, wenn sie unter Battos` Führung die Kolonie Kyrene in Libyen gründeten. Jedoch landete der Kolonisationszug nach vergeblicher Rückkehr nach Thera auf der Libyen vorgelagerten Insel Platea. Zwei Jahre materielle Not bewegten sie dazu, erneut das Orakel zu befragen.

In festem Glauben, alles richtig gemacht und Libyen erreicht zu haben, bekamen die Siedler die ironische Antwort, dass sie Libyen scheinbar besser kannten als das Orakel, es jedoch noch nie gesehen hätten.[17]

Im Anschluss an die unterschiedliche Einleitung folgt eine in beiden Versionen identische Fortsetzung der Gründungsgeschichte.

Als Konsequenz des zweiten Orakelspruches glückte die Kolonisation in Libyen dann. Da die Siedlung nach sieben Jahren vor Ort immer noch die einzige in Libyen war, forderte die Pythia durch einen Orakelspruch andere Griechen auf, nach Libyen zu gehen. Laut Orakelspruch würden die letzten Ankömmlinge kein gutes Land mehr erhalten, worauf anschließend eine größere Anzahl nach Libyen ging und die Kolonie prosperieren konnte.[18]

Beide Versionen haben gemeinsam, dass der erste Spruch der Pythia missachtet wurde, worauf eine zweite Befragung erfolgte. Nach erstmaliger Befragung, welche in beiden Fällen von den Theraiern nicht beachtet wurde, kommt es als Konsequenz dazu, dass Thera von Unglück heimgesucht wurde. Man könnte es gar als göttliche Sanktionierung betrachten.[19] Überdies erwählte die Pythia durch den jeweiligen ersten Orakelspruch sowohl den Oikisten als auch das Ziel der Kolonisation. In beiden Fällen kamen die vermeintlichen Oikisten (im ersten Fall zunächst Grinnos; nachdem jener abgelehnt hatte, Battos) aus anderen Gründen zum Orakel.[20] Grinnos kam in der ersten Version wegen eines Opfers und hatte Battos im Gefolge. Im zweiten Fall wollte sich Battos hingegen seines Stotterns entledigen. Jedoch erfolgte nur im zweiten Fall eine aktive Orakelbefragung (durch Battos), welche in der ersten Version nicht erwähnt wird. Durch die aktive Orakelbefragung rückt Battos mehr ins Zentrum des Geschehens.[21] Betrachtet man die zweiten Orakelsprüche, so zeigen sich auch hier einige Unterschiede. Lediglich die Erinnerung an die Koloniegründung in Libyen findet sich im indirekt (!) überlieferten ersten Teil, im zweiten antwortet das Orakel in einer ironisch zu verstehenden Zurechtweisung der Delegation direkt. Das letzte Orakel verhilft der Neugründung Kyrene dann zum Erfolg, da viele Griechen dem Spruch folgten und sich in Kyrene niederließen.

[...]


[1] Vgl. Londey, P., Greek colonists and delphi, in: Australian congress of classical archaeology 1 (1985), S.118.

[2] Herodot, Historien, übs. von A. Horneffer, Stuttgart 41971.

[3] Gute Überblicke über den aktuellen Forschungsstand finden sich bei:

Malkin, Irad, Religion and colonization in ancient Greece (Studies in Greek and Roman religion 3), Leiden 1987, S.17ff.

Miller, Theresa, Die griechische Kolonisation im Spiegel literarischer Zeugnisse, Tübingen 1997, zugl. Diss. München 1997, S. 88ff.

[4] Vgl. Fontenrose, Joseph, The delphic oracle, London 1987, S.137ff.

[5] Vgl. Londey, P (1985), S.121.

[6] Vgl. Rohrbach, Hans Hermann, Kolonie und Orakel. Untersuchungen zur sakralen Begründung der griechischen Kolonisation, Leipzig 1960, zugl. Diss. masch. Leipzig 1960. S.33.

[7] Vgl. Curtius, E., 9. Griechische Geschichte, Berlin 1871. Zit. nach Rohrbach (1960), S.52: „Es war eine ihrer [der delphischen Priesterschaft] wichtigsten Aufgaben, alle Welt- und Völkerkunde, welche irgend erreichbar war, bei sich zu vereinigen und sich so in den Stand zu setzen, dem Colonisationstriebe der Hellenen die richtigen Bahnen anzuweisen […].“

Siehe dazu auch Malkin (1987), S.18 und

Giebel, Marion, Das Orakel von Delphi. Geschichten und Texte, Stuttgart 2001, S.31.

[8] Vgl. Giebel (2001), S.29.

Vgl. Boardman, John, Kolonien und Handel der Griechen. Vom späten 9. bis zum 6. Jahrhundert v. Chr., München 1981, S.191ff.

[9] Zur Bedeutung des Oikisten siehe Leschhorn, Wolfgang, Gründer der Stadt, Stuttgart 1984.

[10] Vgl. Rohrbach (1960), S.31.

[11] Hdt. IV, 147ff.

[12] Ebd., 150.

[13] Vgl. Miller (1997), S.109.

[14] Genaueres zur Motivation des Opfers wird nicht gesagt; Hdt. IV, 147.

[15] Hdt. IV, 151.

[16] Ebd., 150 ff.; Siehe dazu auch ergänzend Meiggs, R., Lewis, D., A selection of greek historical inscriptions to the end of the fifth century B.C., Oxford ²1988, Nr. 5 (Siedlereid).

[17] Hdt. IV, 157.

[18] Ebd., 159.

[19] Vgl. Rohrbach (1960), S.33.

[20] Vgl. Miller (1997), S.103ff.

[21] Ebd., S.105.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Die Gründungsorakel in den Historien Herodots in ihrem Kontext - Zentrale Kolonisationssteuerung durch das Orakel oder reine Erfindung?
Hochschule
Universität Paderborn
Veranstaltung
Die Polis im Antiken Griechenland
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
19
Katalognummer
V67949
ISBN (eBook)
9783638586795
ISBN (Buch)
9783638754132
Dateigröße
539 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Es werden in dieser Arbeit alle in den Historien Herodots gegebenen Gründungsorakel in ihrem historischen Kontext analaysiert. Ein Versuch zur Prüfung der historischen Relevanz der Orakel für die griechische Expansion erfolgt im Anschluss daran.
Schlagworte
Gründungsorakel, Historien, Herodots, Zentrale, Kolonisationssteuerung, Orakel, Erfindung, Polis, Antiken, Griechenland, Kolonisation und Orakel, Delphi und Kolonisation, Gründungsbericht Herodot
Arbeit zitieren
Simon Tewes (Autor), 2006, Die Gründungsorakel in den Historien Herodots in ihrem Kontext - Zentrale Kolonisationssteuerung durch das Orakel oder reine Erfindung?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/67949

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