Die Tragödie der Kultur - Darstellung der Kulturtheorie Georg Simmels und Jürgen Habermas mit anschließender Verbindung zu Alexander Kluges 'Chronik der Gefühle'


Hausarbeit (Hauptseminar), 2001
21 Seiten, Note: gut

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die Kulturtheorie Georg Simmels
2.1. Die Kultur und der Subjekt-Objekt-Dualismus
2.2. Säulenheilige oder Spezialisten?
2.3. Die Erhöhung der Seele
2.4. Die Tragödie der Kultur

3. Habermas - Kulturauffassung der Moderne 7 3.1. Die Kultur und die Moderne
3.2. Das Projekt der Moderne
3.3. Der Bezug zu Simmel

4. Alexander Kluge und die „Chronik der Gefühle“
4.1. „Chronik der Gefühle“
4.2. Der kulturelle Subjekt-Objekt-Dualismus bei Simmel, Habermas und Kluge
4.3. Aufklärung
4.3.1. Aufklärung in der „Chronik der Gefühle“
4.3.2. Die Verbindung von Habermas und Kluge durch das Motiv der Aufklärung und der Moderne

5. Schluß

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Der Begriff und die Tragödie der Kultur“ – Dieser Titel des von Georg Simmel 1911 in: Philosophische Kultur. Über das Abenteuer, die Geschlechter und die Krise der Moderne[1] erschienenen Aufsatzes soll zugleich als Überschrift und Leitmotiv meiner Arbeit dienen. Simmel entwickelt in diesem Aufsatz seine Kulturtheorie und beschreibt ein Spannungsverhältnis von Subjekt und Objekt, von Mensch und kulturellen Produkten. Die moderne Entwicklung bringt eine objektive Kulturleistung hervor, die der einzelne Mensch sich nicht mehr subjektiv aneignen kann und es kommt zur Tragödie der Kultur.

Fast 70 Jahre später setzt sich Jürgen Habermas in seiner Rede vom 11. September 1980 „Die Moderne – ein unvollendetes Projekt“[2] mit den neueren kulturellen Entwicklungen, bezogen auf den Konflikt zwischen Moderne und Postmoderne, auseinander. In dieser kritischen Betrachtung moderner Entwicklungen wird gleichzeitig sein kulturtheoretischer Ansatz deutlich, wobei sich ihm ein ähnliches Problem bezüglich des Verhältnisses von Subjekt und Objekt stellt. Zunehmende Ausdifferenzierung und die Entwicklung in Wissenschaftsdiskursen sind grundlegende Motive, die ähnlich der Simmelschen Analyse eine Entfremdung von Individuum und Kulturobjekten mit sich führt.

In dieser Arbeit werden nun die zwei kulturtheoretischen Ansätze von Simmel und Habermas zuerst dargestellt und unter dem Blickwinkel einer ‚Tragödie der Kultur’ miteinander in Verbindung gebracht. Die dabei herausgestellten Probleme, insbesondere das Verhältnis von Subjekt und Objekt, werden anschließend auf Alexander Kluges „Chronik der Gefühle“[3] angewendet. Kluge verfolgt mit seiner literarischen Tätigkeit ein aufklärerisches Konzept, daß in Grundzügen und an Hand der Chronik beschrieben werden wird.

2. Die Kulturtheorie Georg Simmels

Georg Simmel, Soziologe und Philosoph, wurde 1858 in Berlin geboren und starb 1918 in Straßburg. Beeinflußt von Kant und dem südwestdeutschen Neukantianismus gehört er trotz seiner schwierigen Laufbahn zu den Mitbegründern der Soziologie. Von besonderer Bedeutung ist seine Arbeit zur „Philosophie des Geldes“.

2.1. Die Kultur und der Subjekt-Objekt-Dualismus

Georg Simmel geht von der grundlegenden Unterscheidung von Subjekt und Objekt aus. Der Mensch bringt diesen Dualismus in die Welt und stellt sich ihr somit gegenüber. Indem der Mensch zu sich ICH sagt, konstituiert er für sich seiende Objekte außerhalb dieses Ich. Der menschliche Geist erzeugt Dinge, wie die Kunst, das Recht, die Religion, die Technik, die Wissenschaft oder die Sitte.[4] Dabei kommt dem subjektivem Leben eine zeitliche Endlichkeit und den geschaffenen Objekten eine zeitlose Gültigkeit zu.

Zwischen diesen beiden Komponenten entsteht die Kultur. Sie kann nicht als etwas Statisches begriffen werden, sondern sie entfaltet sich in einem Entwicklungsprozeß, der sich am Menschen (und der Welt) manifestiert. Er – der Mensch - ist es, der kultiviert und gefördert werden soll. Simmel spricht vom „Weg der Seele zu sich selbst“[5]

Grundlegend ist im Menschen ein Potential für die Kultivierung, welches des richtigen Umgangs und der richtigen Pflege bedarf, um seine Möglichkeiten zu entfalten, angelegt. Kultivierung entsteht nicht durch eine blinde Erwerbung von Wissen und Können, sondern es muß sich eine „Entwicklung der undefinierbaren personalen Einheit“[6] vollziehen.

Um dies zu erreichen, muß der Mensch, wie es seine Art ist, Dinge erschaffen. Er muß produktiv tätig werden und damit sein Inneres veräußern. Es entstehen objektiv geistige Produkte, wie ich sie oben aufgezählt habe. Diese kommen vom Individuum und sind dann losgelöst in der Welt existent. Real existierende Dinge oder geistige Werke, in dem das seelische Leben sich niederschlägt, sind Ausdruck der subjektiven Seele. Die Unbeständigkeit des Geistes manifestiert sich und das so entstandene Erzeugnis besitzt eine gewisse Konstanz und Beständigkeit. Dabei sind sie nicht isoliert, sondern reihen sich in eine Reihe von anderen Objekten ein. Automatisch entsteht eine Wechselwirkung und gegenseitige Beeinflussung. Dem Objekt widerfährt eine Modifikation, insbesondere das Hinzukommen eines Wertes. Der Wert entsteht durch die Objektivierung überhaupt, aber auch durch die Stellung im Ganzen. Die hinzukommende Wertebene ist wohl das wichtigste Attribut, wobei die Ausprägung dieses Wertes ganz unterschiedlich ausfallen kann. Von Bedeutung wird dabei wieder das Subjekt, welches den Dingen ganz unterschiedliche Werte zuweist.

Nach dem Loslösen und der Veränderung der geistigen Gebilde soll sich der Mensch diese Dinge wieder aneignen. Die Kultivierung und Erhöhung besteht nun in der Aufnahme der überpersönlichen Inhalte. Die Aneignung der Inhalte geschieht nicht durch oberflächliches Lernen, sondern von besonderer Wichtigkeit ist eine Art der Verinnerlichung. So wie die Inhalte aus dem Innern des Subjekts, der Seele entstanden sind, müssen sie wieder dorthin gelangen. Die subjektive Seele und das objektive Erzeugnis müssen zusammengefügt werden. In diesem sich wechselseitig beeinflussenden Dualismus besteht für Simmel die Kultur. Kultur ist dann nach Simmel: „der Weg von der geschlossenen Einheit durch die entfaltete Vielheit zur entfalteten Einheit“.[7]

Der Mensch geht über Werte und Reihen, die nicht subjektiv seelisch sind. Werden diese objektiven Dinge weggelassen und die Seele entfaltet sich von sich selbst zu sich selbst, also ohne den ‚Umweg’ der Objektivierung, ist auch eine Entwicklung vorstellbar. Vielleicht handelt es sich dabei um eine viel höhere und bessere Form der Vollendung des Menschen, doch handelt es sich dann nicht um Kultur. Konstituierend für die Kultur ist die Objektivierung und die damit verbundenen Objekte. Dadurch wird die elementare Bedeutung dieser vom Subjekt erzeugten und objektivierten Gebilde deutlich.

Der Prozeß- und Entwicklungsgedanke ist von entscheidender Bedeutung. Kultur ist für Simmel Synthese und im Subjekt-Objekt Dualismus zeigt sich die Abhängigkeit der einen Komponente von der anderen. Das Subjekt bedarf des Objekts und das Objekt benötigt das Subjekt.

2.2. Säulenheilige oder Spezialisten?

Wie im vorherigen Kapitel deutlich geworden ist, beinhaltet der Kulturbegriff zwei Bedeutungsebenen. Auf der einen Seite steht die individuelle Entwicklung und Entfaltungsmöglichkeit jedes einzelnen Menschen, und auf der anderen Seite nimmt die Produktion von kulturellen Erzeugnissen eine übergeordnete Stellung ein, die sich in einer überindividuellen Ebene manifestiert. Es kann nicht die Frage sein, welcher Bedeutung der Vorzug zu geben ist. Beides spielt für die Kultur eine Bedeutung. Die Kultur ist wesentlich mit dem Subjektivem, dem aus der Seele jedes einzelnen Individuums kommendem verbunden. Doch besitzt die Sache selbst, sei es die Moral, sei es das Recht oder ähnliche Phänomene, eine eigene Legitimation.

Simmel gibt für diese zwei Auffassungen zwei extreme Typen an. Da ist auf der einen Seite der nur auf sich konzentrierte und zu seinem eigenen Nutzen handelnde „Säulenheilige“. Der sogenannte „Säulenheilige“ symbolisiert einen Typus, der eine Schwerpunktverlagerung auf die subjektive Seite darstellt. Auf der anderen Seite steht der in einem blinden Fachfanatismus gefangene „Spezialist“, der sich mit der objektiven Seite beschäftigt, ohne Bezug zur eigenen Persönlichkeit.[8] Diese zwei extremen Pole sind abzulehnen. Nach Simmel sollte es sich um eine „Synthese einer subjektiven Entwicklung und eines objektiven geistigen Wertes“[9] handeln und die Verlagerung auf eine Bedeutungsebene paßt nicht ins Konzept.

2.3. Der Nutzen der Kultur – Die Erhöhung der Seele

Nochmals soll die Bedeutung der Kultur und der Kultivierung des Menschen betont werden. Die Kultivierung soll, wie ich schon angedeutet habe, eine Erhöhung und Verbesserung des Menschen vollbringen. Die Kultur ist für Simmel ein positiver Wert, der grundlegend zum Menschsein gehört. Er spricht von „Vollendung“ und von „Verwirklichung des ihr vorgesetzten, [...], vollen und eigensten Seins.“[10] Gleichzeitig tritt der Mensch in eine Beziehung mit der Welt, die es ihm ermöglicht, ihr näher zu sein und sie besser zu verstehen. Er konstituiert sie mit und ist somit für sie mitverantwortlich und mit ihr verbunden.

Auch besteht ein gewisses Bedürfnis den Wandel und die stetige Veränderung des Subjekts mit Hilfe der Manifestation an bestimmten Dingen zu durchbrechen und somit Beständigkeit und Festigkeit zu erzeugen. Simmel spricht von einer „Befriedigtheit“[11], die dadurch hervorgerufen wird. Außerdem entsteht ein besonderer „persönlicher Genuß“[12] beim Kulturschaffenden selber, der seine eigenen Produkte betrachtet.

2.4. Die Tragödie der Kultur

Am Ende seiner Kulturtheorie kommt Simmel zum Problem der Kultur – der Tragödie. Diese Tragödie ist schon in der Grundkonzeption, in der Subjekt-Objekt-Synthese angelegt. Mit der Schaffung der Objekte wie Recht, Kunst oder Sitte geht mit ihrer Objektivierung eine Entfremdung einher. Sie existieren losgelöst vom Produzenten und werden sozusagen selbständig. Die Inhalte unterliegen auch einem Entwicklungsprozeß. Sie werden von anderen Menschen verändert und reagieren mit anderen Inhalten. Simmel spricht von einem „Riß“[13], der zwischen dem Subjekt und dem Objekt klafft. Das in der Theorie gut funktionierende Schema: das einfache Subjekt geht über die Objekte zum entfalteten Subjekt, kann und wird in der Realität unterbrochen.

[...]


[1] Georg Simmel: Der Begriff und die Tragödie der Kultur. In: Philosophische Kultur. Über das Abenteuer, die Geschlechter und die Krise der Moderne. Berlin 1983.

[2] Jürgen Habermas: Die Moderne – ein unvollendetes Projekt (1980). In: Kleine Politische Schriften. Frankfurt 1981.

[3] Alexander Kluge: Chronik der Gefühle. Frankfurt 2000.

[4] Simmel: S.195.

[5] Simmel: S.195.

[6] Simmel: S.197.

[7] Simmel: S.197.

[8] Simmel: S.206.

[9] Simmel: S.206.

[10] Simmel: S.197.

[11] Simmel: S.201.

[12] Simmel: S.201.

[13] Simmel: S.210.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Die Tragödie der Kultur - Darstellung der Kulturtheorie Georg Simmels und Jürgen Habermas mit anschließender Verbindung zu Alexander Kluges 'Chronik der Gefühle'
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (Deutsche Philologie)
Note
gut
Autor
Jahr
2001
Seiten
21
Katalognummer
V6798
ISBN (eBook)
9783638142908
ISBN (Buch)
9783638746212
Dateigröße
543 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Tragödie, Kultur, Darstellung, Kulturtheorie, Georg, Simmels, Jürgen, Habermas, Verbindung, Alexander, Kluges, Chronik, Gefühle
Arbeit zitieren
Silvio Wolff (Autor), 2001, Die Tragödie der Kultur - Darstellung der Kulturtheorie Georg Simmels und Jürgen Habermas mit anschließender Verbindung zu Alexander Kluges 'Chronik der Gefühle', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/6798

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