„Der Begriff und die Tragödie der Kultur“ – Dieser Titel des von Georg Simmel 1911 in: Philosophische Kultur. Über das Abenteuer, die Geschlechter und die Krise der Moderne erschienenen Aufsatzes soll zugleich als Überschrift und Leitmotiv meiner Arbeit dienen. Simmel entwickelt in diesem Aufsatz seine Kulturtheorie und beschreibt ein Spannungsverhältnis von Subjekt und Objekt, von Mensch und kulturellen Produkten. Die moderne Entwicklung bringt eine objektive Kulturleistung hervor, die der einzelne Mensch sich nicht mehr subjektiv aneignen kann und es kommt zur Tragödie der Kultur.
Fast 70 Jahre später setzt sich Jürgen Habermas in seiner Rede vom 11. September 1980 „Die Moderne – ein unvollendetes Projekt“ mit den neueren kulturellen Entwicklungen, bezogen auf den Konflikt zwischen Moderne und Postmoderne, auseinander. In dieser kritischen Betrachtung moderner Entwicklungen wird gleichzeitig sein kulturtheoretischer Ansatz deutlich, wobei sich ihm ein ähnliches Problem bezüglich des Verhältnisses von Subjekt und Objekt stellt. Zunehmende Ausdifferenzierung und die Entwicklung in Wissenschaftsdiskursen sind grundlegende Motive, die ähnlich der Simmelschen Analyse eine Entfremdung von Individuum und Kulturobjekten mit sich führt.
In dieser Arbeit werden nun die zwei kulturtheoretischen Ansätze von Simmel und Habermas zuerst dargestellt und unter dem Blickwinkel einer ‚Tragödie der Kultur’ miteinander in Verbindung gebracht. Die dabei herausgestellten Probleme, insbesondere das Verhältnis von Subjekt und Objekt, werden anschließend auf Alexander Kluges „Chronik der Gefühle“ angewendet. Kluge verfolgt mit seiner literarischen Tätigkeit ein aufklärerisches Konzept, daß in Grundzügen und an Hand der Chronik beschrieben werden wird.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Kulturtheorie Georg Simmels
2.1. Die Kultur und der Subjekt-Objekt-Dualismus
2.2. Säulenheilige oder Spezialisten?
2.3. Die Erhöhung der Seele
2.4. Die Tragödie der Kultur
3. Habermas - Kulturauffassung der Moderne
3.1. Die Kultur und die Moderne
3.2. Das Projekt der Moderne
3.2. Der Bezug zu Simmel
4. Alexander Kluge und die „Chronik der Gefühle“
4.1. „Chronik der Gefühle“
4.2. Der kulturelle Subjekt-Objekt-Dualismus bei Simmel, Habermas und Kluge
4.3. Aufklärung
4.3.1. Aufklärung in der „Chronik der Gefühle“
4.3.2. Die Verbindung von Habermas und Kluge durch das Motiv der Aufklärung und der Moderne
5. Schluß
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht das Spannungsverhältnis zwischen dem Subjekt und den von ihm geschaffenen kulturellen Objekten. Ausgehend von Georg Simmels Kulturtheorie und Jürgen Habermas’ Analyse der Moderne wird analysiert, wie eine zunehmende Entfremdung des Individuums von der Kultur entsteht, und wie Alexander Kluges Werk „Chronik der Gefühle“ versucht, diese Brücke durch ein aufklärerisches Konzept wieder zu schlagen.
- Kulturtheorie von Georg Simmel und die Tragödie der Kultur
- Habermas’ Kritik der Moderne und das Projekt der Moderne
- Alexander Kluges „Chronik der Gefühle“ als literarische Aufklärung
- Vermittlung zwischen Subjektivität und objektiven gesellschaftlichen Entwicklungen
- Die Rolle von Expertenkulturen versus alltäglicher Lebenswelt
Auszug aus dem Buch
2.4. Die Tragödie der Kultur
Am Ende seiner Kulturtheorie kommt Simmel zum Problem der Kultur – der Tragödie. Diese Tragödie ist schon in der Grundkonzeption, in der Subjekt-Objekt-Synthese angelegt. Mit der Schaffung der Objekte wie Recht, Kunst oder Sitte geht mit ihrer Objektivierung eine Entfremdung einher. Sie existieren losgelöst vom Produzenten und werden sozusagen selbständig. Die Inhalte unterliegen auch einem Entwicklungsprozeß. Sie werden von anderen Menschen verändert und reagieren mit anderen Inhalten. Simmel spricht von einem „Riß“, der zwischen dem Subjekt und dem Objekt klafft. Das in der Theorie gut funktionierende Schema: das einfache Subjekt geht über die Objekte zum entfalteten Subjekt, kann und wird in der Realität unterbrochen.
Durch die moderne Entwicklung der Kultur verändert sich die Herstellung der Objekte und somit auch die Subjekt-Objekt-Konstellation. Jegliche Produktion und eben auch die von Kulturobjekten wird vielschichtiger. Dadurch daß viele verschiedene Personen bzw. Individuen daran teilhaben, entfällt im eigentlichen Sinne der Produzent. Nicht mehr nur einer erzeugt etwas und veräußert somit sein Inneres, sondern mehrere sind dafür verantwortlich.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in das Thema der Tragödie der Kultur und Vorstellung der kulturtheoretischen Ansätze von Simmel, Habermas und Kluge.
2. Die Kulturtheorie Georg Simmels: Darstellung des Subjekt-Objekt-Dualismus und wie daraus die „Tragödie der Kultur“ resultiert.
3. Habermas - Kulturauffassung der Moderne: Analyse der modernen Entwicklung und der kulturellen Verarmung durch Expertenkulturen im Kontrast zur Lebenswelt.
4. Alexander Kluge und die „Chronik der Gefühle“: Anwendung der theoretischen Ansätze auf Kluges literarisches Werk und die Aufklärung als Mittel zur Verbindung von Subjekt und Geschichte.
5. Schluß: Zusammenfassende Darstellung der Ergebnisse und Bestätigung der Bedeutung der Kultur als Hilfsmittel für das menschliche Selbstverständnis.
Schlüsselwörter
Kulturtheorie, Georg Simmel, Jürgen Habermas, Alexander Kluge, Chronik der Gefühle, Tragödie der Kultur, Subjekt-Objekt-Dualismus, Moderne, Aufklärung, Lebenswelt, Entfremdung, Expertenkulturen, Subjektivität, Gesellschaft, Literatur
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das komplexe Verhältnis zwischen dem Individuum und der kulturellen Umwelt, basierend auf den Theorien von Simmel und Habermas sowie einer Fallstudie zu Alexander Kluge.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind der Subjekt-Objekt-Dualismus, die Entfremdung des Menschen von seiner Kultur in der Moderne und das aufklärerische Potential literarischer Arbeit.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, das Problem der Entfremdung durch die sogenannte Tragödie der Kultur aufzuzeigen und zu untersuchen, wie Alexander Kluges Schreiben dazu beitragen kann, die Kluft zwischen Individuum und Kultur zu überbrücken.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Analyse, die verschiedene kulturphilosophische und soziologische Positionen vergleicht und diese anschließend auf ein literarisches Werk anwendet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der Theorien von Simmel und Habermas und deren Anwendung auf die Erzählweise und das Konzept von Alexander Kluges „Chronik der Gefühle“.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Kulturtheorie, Tragödie der Kultur, Subjekt-Objekt-Dualismus, Moderne, Aufklärung und Lebenswelt sind die prägenden Begriffe.
Wie definiert Simmel die „Tragödie der Kultur“?
Simmel beschreibt damit den Riss, der entsteht, weil die moderne Kultur durch ihre Ausdifferenzierung für das Individuum unüberschaubar und unaneigenbar geworden ist.
Inwiefern nutzt Kluge sein Werk zur Aufklärung?
Kluge nutzt eine spezifische, fragmentarische Erzählweise, die den Leser dazu zwingt, selbst aktiv zu werden, zu reflektieren und die subjektive Ebene der Geschichte zu entdecken.
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- Silvio Wolff (Author), 2001, Die Tragödie der Kultur - Darstellung der Kulturtheorie Georg Simmels und Jürgen Habermas mit anschließender Verbindung zu Alexander Kluges 'Chronik der Gefühle', Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/6798