Die Macht der Triebkräfte im Bahnwärter Thiel

Sind die Triebkräfte der Grund für die scheinbar unausweichliche Katastrophe zum Schluss von Hauptmanns novellistischer Studie?


Seminararbeit, 2006

24 Seiten, Note: 2,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Einleitung

2. Der Machtbegriff

3. Der Stand der Forschung

4. Die Macht der Triebe an ausgesuchten Beispielen im „Bahnwärter Thiel“

5. Resümee

6. Bibliografie

1) Einleitung

In der novellistischen Studie „Bahnwärter Thiel“ von Gerhardt Haupt­mann lassen sich einige Machtverhältnisse aufzeigen, von denen im Folgenden besonders die Macht der Triebkräfte eingehender beschrie­ben werden sollen.

Da es mir nicht möglich ist, den Machtbegriff vollständig durch eine ein­zige Definition einzugrenzen um ihn zu beschreiben, wird eine vorläufige Aussage über den Gegenstandsbereich dem Hauptteil der Arbeit vorangestellt. Dieser soll dann im Verlauf der Arbeit konkretisiert und weiterentwickelt werden.

Da eine erneute Literaturrecherche, bezogen auf die Machtverhältnisse im Bahnwärter Thiel (besonders die Macht der Triebe), leider nicht den gewünschten Erfolg hatte, werde ich Werke zum Stand der Forschung heranziehen, um die dort vorherrschenden Ideen zur Macht im „Bahn­wärter Thiel“ als Forschungsstand anzuführen, welche dann eventuell auch Einfluss auf die Weiterentwicklung des Machtbegriffes nehmen können.

Zentrum dieser Arbeit soll jedoch sein, die verschiedenen Machtver­hältnisse mit dem Fokus der Macht der Triebe (ausgehend von Freuds Definition der Macht der Triebe[1] bzw. der Psychoanalyse[2]) sein. Um weitere Formen der Macht beispielhaft am „Bahnwärter Thiel“ aufzuzeigen, ist nicht der Raum gegeben, sondern würde den Rahmen der Arbeit sprengen.

2) Der Machtbegriff

Der Machtbegriff ist nicht einfach zu definieren, da es viele verschiedene Richtungen gibt: die Psychologie, Theologie, Geschichte, Soziologie, etc. Der Terminus Macht erhält seine Bedeutung erst im konkreten Kontext.

Da es zu weit führen würde, alle Definitionen der angegebenen Disziplinen näher auszuführen, werde ich „Macht“ zunächst einmal kurz und allgemein umreißen, um eine Basis zu schaffen, auf der dieser Begriff dann weiter entwickelt werden kann.

Macht ist ein Konstrukt, bei welchem es mindestens zwei verschiedene Seiten gibt, die zumeist konträre Interessen haben. Während die eine Partei, welche ebenso von einer einzelnen Person vertreten werden kann, wie auch von einer Gruppe, versucht die andere Partei durch den Einsatz von Dritten (Dingen oder auch Personen) dazu zu bringen, dass diese sich dem Willen der ersten beugen und dieser dann umgesetzt wird; wird die andere, wenn sie ebenfalls ein gewisses Machtpotential besitzt, sich dagegen auflehnen. Scheitert dieser Versuch jedoch, kann es über einen längeren oder auch kürzeren Zeitraum dazukommen, dass die unterlegene Partei resigniert und sich fügt, doch auch dieser Zustand muss nicht dauerhaft sein, da ein erneutes Auflehnen gegen die herrschende Partei jederzeit möglich ist.

Die Ergreifung und Durchführung dieser Maßnahmen sind häufig mit der Ausübung von Gewalt oder Zwang verbunden, sodass die eine Seite, die die Macht hat bestimmt. Die andere Partei nimmt dann durch Fügsamkeit Einfluss auf die gemeinsamen Handlungen. Würde sich jeder Machtinhaber bewusst machen, dass eine Verhaltensänderung des Machtlosen die Machtverhältnisse verkehren könnte (und umkehrt), würden leidensfähige Beziehungen in privaten und beruflichen Kon­texten eine andere Halbwertzeit erfahren.

Im Zusammenhang mit der Macht soll an dieser Stelle auch der Begriff der „Ohnmacht“ genannt werden, welcher zuerst einmal die Unfähigkeit der unterdrückten, also der ohnmächtigen Partei transparent werden lässt, sich gegen die Macht, die auf sie ausgeübt wird zu wehren. Dem­nach wird dieser Begriff im Folgenden erst einmal als ein Gegenpol zur Macht angesehen, welcher in der Literatur jedoch deutlich schwieriger zu finden ist, als der Machtbegriff.

3) Der Stand der Forschung

Der Sozialist Eduard Bernstein beschreibt die Novelle als eine für Hauptmann typische, bemerkt jedoch auch, dass dieser eine Vorliebe dafür hat, wiederholt kranke Seelen zu schildern.[3] Gleichsam mündet im Bahnwärter Thiel der Dreiklang von extrem beschriebenen Charakteren, die pathologische Verhaltensweisen aufweisen und dieses Verhalten in einem klassischen Dilemma endet.

Zur Macht in der Novelle wird lediglich gesagt, dass „das Motiv sexu­eller Hörigkeit“[4] hinzukomme, woraus ein Konflikt entwickelt werde, welcher dann die geistige Liebe einerseits und die grobe Sinnlichkeit andererseits gegenüberstelle. Dies wird jedoch nicht weiter ausgeführt.[5]

„Der Bahnwärter Thiel wird dargestellt als das, was er ist, bzw. sein muß. Wenn er handelt vollzieht er dieses Handeln zwangsweise, außer­halb einer Möglichkeit zu intellektueller oder moralischer Freiheit.“[6]

Thiel wird hier als ohnmächtig beschrieben sich gegen die zwanghafte Macht zur Wehr zu setzten, welche ihn immer wieder dazu bringt, so zu handeln und zu agieren wie er es seit jeher tut. Diese Gewohnheiten haben von ihm die Macht ergriffen, welcher er sich nur schwer und dann auch mit großer Gegenwehr widersetzen kann.[7]

„In seinem inneren Kampf und Schicksal zwischen dem Spirituellen und dem Triebhaft-Vitalen, zwischen Sehnsucht und Gefangenschaft, ist der dauernde Grundkonflikt des Hauptmannschen Menschen vorgeformt und begegnen sich alle Antinomien der in dieser Handlung dargestellten Welt.“[8]

Thiel wird hier als triebhaft beschrieben:

„Entscheidend ist der intrapsychische Konflikt Thiels zwischen seiner seelischen Bindung an Minna und der wachsenden sexuellen Abhängig­keit von seiner als brutal und herrschsüchtigen, ja als „Tier“ bezeichneten zweiten Frau Lene, einer ehemaligen Kuhmagd.“[9]

Da im Weiteren dieses Machtverhältnis näher untersucht werden soll, sei an dieser Stelle nur gesagt, dass der von Freud so genannte psychische Apparat, bzw. die drei Instanzen „Ich, Es und Über-Ich“ näher betrachtet werden müssen, um eine daran anschließende Analyse des Hauptmanntextes vor den entsprechenden Hintergrund betreiben zu können.

Werner Zimmermann beschreibt in seinem Werk „Deutsche Prosa­dichtungen unseres Jahrhunderts“[10] die Macht der Triebe und geht in diesem Zusammenhang auch auf Ohnmacht ein, dies jedoch hier bereits anzuführen würde einen großen Teil des Hauptteils der Arbeit vorwegnehmen und die daraus resultierenden Verweise auf dieses Kapitel die Übersichtlichkeit beeinträchtigen, sodass diese Quelle erst später aufgegriffen wird.

[...]


[1] S. Franzjörg Baumgart (Hrsg.): Entwicklungs- und Lerntheorien. Erläuterungen, Texte, Arbeitsaufgaben. Bad Heilbrunn. 20012. S.49 ff.

[2] Die Psychoanalyse nach Sigmund Freud wird auch als die Lehre von der Triebkultur des Menschen beschrieben und beschäftigt sich mit der mit dem „psychischen Apparat“, welcher sich bei Menschen entwickelt und darüber hinaus auch mit der der Lehre vom Unbewussten.

[3] Vgl. Walter Requardt, Martin Machatzke: Gerhard Hauptmann und Erkner. Studien zum Berliner Frühwerk.Bd. 1. Berlin. 1980. S. 119

[4] ebd. S. 118

[5] Vgl. ebd. S. 118

[6] Fritz Martini: Das Wagnis der Sprache. Interpretation deutscher Prosa von Nietzsche bis Benn. Stuttgart 19583. S.61

[7] Beispielsweise wird in der Reclamausgabe (Gerhart Hauptmann: Bahnwärter Thiel Gerhart Hauptmann: Bahnwärter Thiel. Stuttgart. 1999.) ab S.14 beschrieben, wie Thiel entgegen seiner sonstigen Gewohnheit sein Butterbrot zu Hause vergisst, dies jedoch für die lange Arbeitszeit braucht und so genötigt ist, noch einmal nach Hause zu gehen um das Vergessene zu holen. Dieses Verhalten widerstrebt ihm, da es den für ihn natürlichen Rhythmus unterbricht, so hält er auch zunächst unschlüssig inne, bevor er sich dafür entscheidet noch einmal zurück zu gehen. Als er zu Hause ankommt sieht er, wie Lene Tobias misshandelt und beginnt seine baldige Rückkehr zu rechtfertigen. Hier wird deutlich wie sehr ihm diese ungeplante Heimkehr widerstrebt und wie er auch darunter zu leidet, dass es dem Leser so scheint, als würde Thiel selbst und nicht sein Sohn misshandelt werden.

[8] Fritz Martini: Das Wagnis der Sprache. Interpretation deutscher Prosa von Nietzsche bis Benn. Stuttgart 19583. S. 65

[9] Peter Sprengel: Gerhardt Hauptmann Epoche- Werk- Wirkung. München 1984. S.191

[10] Werner Zimmermann: Deutsche Prosadichtungen unseres Jahrhunderts. Interpretationen Teil I. Düsseldorf. 19857.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Die Macht der Triebkräfte im Bahnwärter Thiel
Untertitel
Sind die Triebkräfte der Grund für die scheinbar unausweichliche Katastrophe zum Schluss von Hauptmanns novellistischer Studie?
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Germanistisches Institut)
Veranstaltung
Macht und Ohnmacht der Väter
Note
2,7
Autor
Jahr
2006
Seiten
24
Katalognummer
V67999
ISBN (eBook)
9783638606004
ISBN (Buch)
9783640856947
Dateigröße
449 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Macht, Triebkräfte, Bahnwärter, Thiel, Triebkräfte, Grund, Katastrophe, Schluss, Hauptmanns, Studie, Macht, Ohnmacht, Väter
Arbeit zitieren
Stephanie Plenge (Autor), 2006, Die Macht der Triebkräfte im Bahnwärter Thiel , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/67999

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