„Welche Bedeutung kommt der Geschlechterdifferenz in der modernen, funktional differenzierten Gesellschaft zu?“ Um diese Frage zu beantworten, analysiert der Text Funktionssysteme wie Familie und Politik, die Systembildungsebenen Organisation und Interaktion, sowie die Unterscheidung von Kommunikation und Bewusstsein in Hinsicht auf die soziologische Systemtheorie.
Will man den Zusammenhang von geschlechtlicher Arbeitsteilung und gesellschaftlicher Differenzierung untersuchen, bietet es sich an, zunächst die unterschiedlichen Differenzierungsformen näher zu betrachten. Luhmann unterscheidet hier die segmentäre, stratifikatorische und funktionale Form der gesellschaftlichen Differenzierung.
Die stratifikatorische Differenzierung teilt die Gesellschaft in ungleiche, nach gesellschaftlichen Funktionen definierte Teilsysteme, die in einem „gottgewollten“ hierarchischen Verhältnis zueinander stehen(siehe Ständegesellschaft im Mittelalter).
Nicht nur die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gesellschaftsschicht zählt in der stratifikatorisch differenzierten Gesellschaft zu den Inklusions- bzw. Exklusionsmodi. Der Zugang zu sozialen Rollen wird auch durch das Alter, insbesondere aber durch das Geschlecht des Individuums reguliert.
Die schichteninterne Differenzierung erfolgt segmentär durch Familien, in denen eine strikte Aufgabenteilung vorherrscht. Der Mann ist das Familienoberhaupt und als solcher für den Unterhalt und die Repräsentation der Familie in der Gesellschaft zuständig. Er bestimmt die Standeszugehörigkeit seiner Ehefrau und Nachkommen, während die Frau Rollen übernimmt, welche auf den Stand des Mannes verweisen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1 Differenzierungsformen der Gesellschaft
1.2 Stratifikatorische vs. funktionale Differenzierung
2. Funktionssysteme und Inklusionsmodi
2.1 Systeminterne Differenzierung in Leistungs- und Publikumsrollen
2.2 Wiedereintritt der Geschlechterdifferenz in soziale Systeme
3. Geschlechterbeziehungen in modernen Organisations- und Interaktionssystemen
3.1 Transformation von der hierarchischen Unterordnung zur partnerschaftlichen Intimbeziehung
3.2 Geschlechtsspezifische Arbeitsteilung in Organisationen
3.3 Geschlechterdifferenz als Orientierungshilfe in Interaktionssystemen
4. Fazit und kritische Würdigung
4.1 Bedeutung der Geschlechterdifferenzierung
4.2 Rollenerwartungen gegenüber Männern und Frauen
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit analysiert die Bedeutung der Geschlechterdifferenz in der modernen, funktional differenzierten Gesellschaft unter Rückgriff auf die soziologische Systemtheorie nach Niklas Luhmann.
- Untersuchung von Differenzierungsformen (segmentär, stratifikatorisch, funktional)
- Analyse der Inklusions- und Exklusionsmechanismen in Funktionssystemen
- Wandel von hierarchischen Strukturen hin zu partnerschaftlichen Modellen
- Einfluss von Geschlechterrollen auf Organisations- und Interaktionssysteme
- Kritische Reflexion über veraltete Rollenerwartungen für beide Geschlechter
Auszug aus dem Buch
Die Geschlechterdifferenz in der funktional differenzierten Gesellschaft
In der funktional differenzierten Gesellschaft kann den Individuen auf der Basis von Alter, Geschlechts- bzw. Standeszugehörigkeit keine eindeutige soziale Rolle zugewiesen werden, da sie nur momenthaft in die verschiedenen Teilsysteme inkludiert sind. Inklusion in ein Funktionssystem bzw. Exklusion aus ihm bedeutet in der modernen Gesellschaft nicht zwingend Inklusion oder Exklusion in bezug auf ein anderes Funktionssystem. So hat beispielsweise das Einkommen des Wählers keinen Einfluss auf sein politisches Stimmgewicht, wie es in den ersten Verfassungen der Französischen Republik der Fall war.
Alter, Geschlecht und soziale Schicht fungieren normalerweise nicht mehr als Exklusionskriterien. Frauen können prinzipiell gesellschaftlich ebenso inkludiert sein wie Männer. Zwar gibt es noch immer Ungleichheiten, dennoch ist eine eindeutige Zurückdrängung der Geschlechterdifferenz zu verzeichnen.
Laut Luhmann wird die Inklusion durch systeminterne und systemspezifische Differenzierung in Leistungs- und Publikumsrollen geregelt. Inhaber der Leistungsrollen sind für die typischen Leistungen des Systems zuständig. Zum Beispiel im System Gesundheit für die Budgetierung und/oder Umsetzung einer medizinischen Grundversorgung unabhängig von der Zahlungsfähigkeit des Patienten. Den Nicht-Experten, also dem Rest der Bevölkerung, kommen die Publikumsrollen zu. In der Regel gilt jedoch eine kommunikative Teilhabe aller Individuen an allen Teilsystemen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel erläutert die theoretische Basis der systemtheoretischen Untersuchung und definiert die relevanten Differenzierungsformen der Gesellschaft.
2. Funktionssysteme und Inklusionsmodi: Hier wird analysiert, wie moderne Funktionssysteme Individuen über Leistungs- und Publikumsrollen einbinden und wo Geschlechterdifferenzen systemisch wieder auftauchen.
3. Geschlechterbeziehungen in modernen Organisations- und Interaktionssystemen: Das Kapitel beleuchtet den Wandel von starren Geschlechterhierarchien hin zu modernen Intimbeziehungen und die Auswirkungen auf Organisationen sowie Interaktionen.
4. Fazit und kritische Würdigung: Der Abschluss fasst die Beobachtungen zusammen und kritisiert einseitige Rollenzuschreibungen, die sowohl Frauen als auch Männer benachteiligen.
Schlüsselwörter
Geschlechterdifferenz, Systemtheorie, Funktional differenzierte Gesellschaft, Inklusion, Exklusion, Soziale Systeme, Arbeitsteilung, Organisationssysteme, Interaktionssysteme, Rollenerwartungen, Luhmann, Differenzierungsformen, Geschlechterrolle, Sozialisation, Gleichberechtigung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, welche soziologische Bedeutung der Geschlechterdifferenz in der modernen, funktional differenzierten Gesellschaft zukommt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Themenfelder umfassen Funktionssysteme, Organisationen, Interaktionen, das Verhältnis von Individuum und System sowie den Wandel von Geschlechterrollen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage lautet: „Welche Bedeutung kommt der Geschlechterdifferenz in der modernen, funktional differenzierten Gesellschaft zu?“
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Analyse basiert auf der soziologischen Systemtheorie von Niklas Luhmann unter Einbeziehung der Systembildungsebenen Organisation und Interaktion.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert, wie soziale Systeme Inklusion regeln, wie sich Geschlechterbeziehungen gewandelt haben und wie Geschlechterrollen als Orientierungshilfe in Interaktionssystemen dienen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Systemtheorie, Inklusion, Geschlechterdifferenz, funktionale Differenzierung und Rollenerwartungen.
Wie verändert sich die Rolle des Geschlechts in modernen Funktionssystemen?
Es zeigt sich eine Zurückdrängung der Geschlechterdifferenz als Exklusionskriterium, wobei Geschlecht heute eher punktuell in der systemischen Kommunikation auftaucht.
Warum betont die Autorin auch die Situation von Männern in der Gesellschaft?
Die Autorin weist darauf hin, dass auch Männer unter veralteten Rollenerwartungen leiden, beispielsweise im Kontext von Sorgerechtsentscheidungen, wo das Geschlecht als diskriminierender Faktor wirken kann.
- Quote paper
- Juliane Sarnes (Author), 2002, Soziale Ungleichheit, Macht und Herrschaft - Die Geschlechterdifferenz in der funktional differenzierten Gesellschaft, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/68014