Bis in die 1970er Jahre besuchten Mädchen in Deutschland im Durchschnitt seltener als Jungen eine weiterführende Schule. Die Mädchen erbrachten schlechtere Leistungen und brachen die Schule häufiger ab als Jungen (vgl. Avenarius, Ditton, Döbert et al. 2003, Diefenbach & Klein 2002, Stürzer 2003). 1 Man vermutete die Gründe für dieses Faktum einerseits im fehlenden flächendeckenden Angebot weiterführender Schulen 2 . Die Kinder mussten, wenn sie nicht in einer größeren Stadt wohnten, für den Besuch des Gymnasiums weite Wege auf sich nehmen oder ins Internat gehen - eine kostspielige und im Zuge des noch nicht so engmaschig ausgebauten öffentlichen Nahverkehrs auch eine schwierig zu organisierende Angelegenheit, so dass v. a. bei mehreren Kindern zuerst die Jungen, denen später die Rolle des Familienernährers zukam, aufs Gymnasium geschickt wurden. Der Grund für die geringere Bildungsbeteiligung der Mädchen an weiterführenden Schulen und ihr relativ geringerer Bildungserfolg kann andererseits auch darin gesucht werden, dass es für ein Mädchen bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts einfach nicht notwendig und erstrebendenswert war, gut in der Schule zu sein oder einen weiterführenden Schulabschluss zu erwerben. Nicht nur in den ländlichen Gebieten lag die Rolle der verheirateten Frau in der Haus- und Erziehungsarbeit oder in der Rolle der mithelfenden Familienangehörigen 3 . Der Unterrepräsentation der Mädchen im System der weiterführenden Bildung - wozu auch die berufliche Bildung zählt - kann demnach als eine Folge der relativ geringeren Investitionen in weibliche (Aus-)Bildung angesehen werden. Gegen Ende der 1970er Jahre versuchte man diesem Status Quo mit großem Aufwand entgegen zu steuern. So wurde im Zuge der so genannten „Bildungsexpansion“ versucht, alle Regionen mit einem engmaschigen Netz aus weiterführenden Schulen zu bedienen. Auch das Bild der Frau veränderte sich grundlegend. So war Bildung für Frauen z. B. im Zuge der [...]
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Lernkulturen und Bildungserfolg
2.1 Empirischer Anknüpfungspunkt
2.2 Auf dem Weg zu einer Studie in Deutschland
2.2.1 Die Ursprungsidee
2.2.2 Modifikationen durch erschwerten Feldzugang
2.3 Theoretische Anknüpfungspunkte
2.3.1 Kultur, was ist das?
2.3.2 Kultur versus Klima?
2.3.3 Geschlechtsspezifische Lernkulturen als Subkulturen
3 Operationalisierung für das Gymnasium
3.1 Lernkultur als interdisziplinäres Konstrukt
3.2 Bildungserfolg
3.3 Drittvariablen
3.3.1 Lehrkräfte
3.3.2 Klassen- und Schulklima
3.3.3 Devianzverhalten
3.3.4 Elterneinflüsse
3.3.5 Einflüsse aus dem Freundeskreis
4 Ergebnisse für das Gymnasium
4.1 Überblick über das Sample
4.1.1 Bildungserfolg von Jungen und Mädchen
4.1.2 Das Verhältnis zu den Lehrern
4.1.3 Klassen- und Schulklima
4.1.4 Verstöße gegen die Schulregeln
4.1.5 Elterneinflüsse
4.1.6 Einflüsse aus dem Freundeskreis
4.2 Test der Forschungshypothesen
4.2.1 Hypothese 1: Geschlechtsspezifischer Bildungserfolg
4.2.2 Hypothese 2: Geschlechtsspezifische Lernkulturen
4.2.3 Hypothese 3: Lernkultur → Bildungserfolg
4.3 Drittvariablenanalyse
4.3.1 Prädiktoren für die Lernkultur
4.3.2 Prädiktoren für den Bildungserfolg
4.4 Zusammenfassung und Interpretation der Ergebnisse für das Gymnasium
5 Operationalisierung für die Hauptschule
5.1 Lernkulturen an der Hauptschule
5.2 Bildungserfolg
5.3 Drittvariablen
5.3.1 Lehrkräfte
5.3.2 Klassen- und Schulklima
5.3.3 Devianzverhalten
5.3.4 Elterneinflüsse
5.3.5 Einflüsse aus dem Freundeskreis
6 Ergebnisse für die Hauptschule
6.1 Überblick über das Sample
6.1.1 Bildungserfolg von Jungen und Mädchen
6.1.2 Das Verhältnis zu den Lehrern
6.1.3 Klassen- und Schulklima
6.1.4 Devianzverhalten
6.1.5 Elterneinflüsse
6.1.6 Einflüsse aus dem Freundeskreis
6.2 Test der Forschungshypothesen
6.2.1 Hypothese 1: Geschlechtsspezifischer Bildungserfolg
6.2.2 Hypothese 2: Geschlechtsspezifische Lernkulturen
6.2.3 Hypothese 3: Lernkulturen → Bildungserfolg
6.3 Drittvariablenanalyse und Interpretation der Dritteinflüsse
6.4 Zusammenfassung der Ergebnisse für die Hauptschule
7 Zusammenfassung und Einordnung der Forschungsergebnisse
8 Begrenztheit der Studie und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, inwieweit geschlechtsspezifisch unterschiedliche Lernkulturen den Bildungserfolg von Mädchen und Jungen an weiterführenden Schulen erklären können. Dabei steht die Forschungsfrage im Mittelpunkt, ob Mädchen aufgrund einer lernorientierteren Einstellung und gruppenspezifischer kultureller Prägungen bessere Schulleistungen erzielen als Jungen.
- Analyse geschlechtsspezifischer Lernkulturen als Subkulturen innerhalb der Schule.
- Empirische Überprüfung des Zusammenhangs zwischen Lernkultur und Schulerfolg bei Gymnasiasten und Hauptschülern.
- Einfluss von Drittvariablen wie Lehrerverhalten, Klassen- und Schulklima sowie familiären Faktoren.
- Vergleich der Ergebnisse zwischen verschiedenen Schulformen (Gymnasium vs. Hauptschule).
- Einordnung der Befunde in den soziologischen Kontext der Bildungssoziologie und Kapitaltheorie.
Auszug aus dem Buch
2.3.3 Geschlechtsspezifische Lernkulturen als Subkulturen
Handeln ist, wie bereits angesprochen, immer mit kognitiven Prozessen verbunden. Die Psychologie, zu deren primären Forschungsfeldern die Analyse dieser Kognitionen gehört, geht davon aus, dass Kognitionen individuell und gruppenspezifisch differenziert sind. Demnach ist anzunehmen, dass es in Organisationen zwar eine kritische Masse geteilter kultureller Inhalte gibt, ohne die die Organisation nicht existieren könnte; diese aber Raum lassen für unterschiedliche Gruppenkulturen – so genannte Subkulturen. Tatsächlich deuten die empirischen Befunde auf die Existenz von Subkulturen innerhalb von Organisationen hin.
Wie an den Operationalisierungen in diesen Studien deutlich wird, ergeben sich Subkulturen entlang von Personen-Clustern, die in ähnlichen sozialen Umständen leben, dementsprechend ähnlich sozialisiert werden und daraus resultierende mehr oder weniger übereinstimmende Einstellungen, Werte und fundamentale Annahmen teilen. Dementsprechend kann die Schule als ein subkultureller Ort der Gesamtgesellschaft angesehen werden. Sie ist aber auch in sich differenziert, d. h. es gibt innerhalb der Schule kleinere „Klumpen“ von Subkulturen.
Unterschiedliche soziale Merkmale kommen für die Differenzierung in Subkulturen in Frage, beispielsweise der soziale Status, aber auch das Geschlecht. Das Geschlecht ist von Geburt an eines der wichtigsten sozialen Differenzierungsmerkmale beim Menschen – wenn nicht sogar das wichtigste. Jedes Neugeborene wird sofort nach der Geburt einem der beiden kulturell legitimierten Geschlechter zugewiesen. Diese Zuweisung ist entgültig und wird normalerweise nicht in Frage gestellt. Hagemann-White (1984, vgl. Kap. III) bezeichnet diesen Mechanismus als „kulturelles System der Zweigeschlechtlichkeit“, welches durch biologische Faktoren begründet wird. Wenn Geschlecht ein so wichtiges Differenzierungskriterium unserer Gesellschaft ist, dann muss das Geschlecht einer der primären Einflüsse in der Sozialisation von Kindern und Jugendlichen sein. Mädchen und Jungen werden unterschiedlich sozialisiert. Diese geschlechtsspezifische Sozialisation findet dabei weniger durch die Eltern statt, die die Kinder eher als Person sehen, als vielmehr durch gesellschaftliche Institutionen und v. a. durch die Kinder selbst (vgl. Hagemann-White 1984, Kap. II).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die historische Entwicklung der Bildungsbeteiligung von Mädchen und Jungen und führt in die Fragestellung ein, warum Mädchen heute in vielen Bereichen des Bildungssystems erfolgreicher sind.
2 Lernkulturen und Bildungserfolg: Dieses Kapitel verankert die theoretischen Konzepte von Lernkultur und Subkulturen und diskutiert den empirischen Anknüpfungspunkt durch die Arbeiten von Mieke van Houtte.
3 Operationalisierung für das Gymnasium: Hier wird der Prozess der Messbarmachung von Lernkultur, Schulerfolg und verschiedenen Drittvariablen am Gymnasium detailliert beschrieben.
4 Ergebnisse für das Gymnasium: Dieses Kapitel präsentiert die empirischen Daten der Befragung am Gymnasium und testet die aufgestellten Forschungshypothesen mittels statistischer Analysen.
5 Operationalisierung für die Hauptschule: Analog zum Gymnasium werden hier die methodischen Anpassungen und die Operationalisierung des Konstrukts Lernkultur für das Hauptschulsample erläutert.
6 Ergebnisse für die Hauptschule: Die statistische Auswertung und Interpretation der Ergebnisse für das Hauptschulsample werden hier dargelegt und den Befunden des Gymnasiums gegenübergestellt.
7 Zusammenfassung und Einordnung der Forschungsergebnisse: Das Kapitel synthetisiert die zentralen Ergebnisse der Studie und diskutiert diese im Kontext gesellschaftlicher und soziologischer Theorien.
8 Begrenztheit der Studie und Ausblick: Kritische Reflexion der methodischen Limitationen der Untersuchung und Vorschläge für zukünftige Forschungsansätze.
Schlüsselwörter
Lernkultur, Bildungserfolg, Geschlechtsspezifität, Bildungssoziologie, Sozialisation, Subkultur, Gymnasium, Hauptschule, Schul-Commitment, Lern-Commitment, Leistungsdruck, Bildungsungleichheit, Schülerbefragung, soziale Herkunft, Peer-Group.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Diplomarbeit untersucht, ob und wie unterschiedliche Lernkulturen von Mädchen und Jungen deren Bildungserfolg beeinflussen, um eine Erklärung für die derzeitige geschlechtsspezifische Diskrepanz in Schulleistungen zu finden.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit fokussiert sich auf die Wechselwirkung zwischen individuellen Lernkulturen, institutionellen Rahmenbedingungen (Schule) und sozialen Einflussfaktoren wie Elternhaus und Freundeskreis.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es zu klären, warum Mädchen im Durchschnitt bessere Schulleistungen als Jungen erzielen, und zu prüfen, ob dies durch eine „lernorientiertere“ Lernkultur der Mädchen plausibel erklärt werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer empirischen Schülerbefragung an zwei verschiedenen Schulformen (Gymnasium und Hauptschule) im Raum München, deren Daten mittels statistischer Verfahren (Faktorenanalyse, Regressionsanalyse) ausgewertet wurden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Fundierung, die methodische Operationalisierung der Variablen sowie die detaillierte Präsentation und Diskussion der Ergebnisse für beide untersuchten Schulformen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Lernkultur, Bildungserfolg, Geschlechtsspezifität, Sozialisation, Subkultur und Bildungsungleichheit sind zentrale Begriffe.
Wie unterscheiden sich die Lernkulturen von Mädchen und Jungen am Gymnasium?
Die Studie zeigt, dass Jungen und Mädchen am Gymnasium qualitativ andere Lernkulturen aufweisen. Mädchen zeigen eine höhere Lernorientierung und Loyalität gegenüber der Schule, während bei Jungen die mentale Stabilität in einem anderen Verhältnis zum Schulerfolg steht.
Gibt es einen Einfluss durch die soziale Herkunft an der Hauptschule?
Ja, der sozio-ökonomische Status und das Bildungsniveau der Eltern zeigen auch an der Hauptschule Effekte, wobei der Bildungserfolg der Jungen stark von externen Faktoren wie der familiären Unterstützung abhängt.
- Quote paper
- Jessica Fischer (Author), 2006, Geschlechtsspezifisch unterschiedlicher Bildungserfolg durch geschlechtsspezifische Lernkulturen? Ergebnisse einer Schülerbefragung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/68106