In Abenteuer der Ideen kritisiert Whitehead an Platon dessen Umgang mit dem Problem, „die Beziehung zwischen Gott und der Welt und zwischen den Ideen, die Gott in seiner Kontemplation betrachtet, und der Welt zu charakterisieren.“ Dafür greift Platon auf das Bild einer schaustellerischen Nachahmung zurück. Wenn er sich nach der Betrachtung Gottes, der den Ideen durch Aufnahme in sein Wesen Leben und Bewegung gibt, der Welt zuwendet, kann er in ihr nur zweitklassige Imitationen finden, aber niemals Originale. Sogar gibt es bei Platon einen zweitklassigen, abgeleiteten Gott der Welt, der nichts weiter als ein Scheinbild (eikon) ist, wie die Ideen dieser Welt nichts weiter als Nachahmungen sind. Whitehead betont, dass die Welt für Platon nicht mehr als ein Nachbild Gottes und seiner Ideen, aber niemals Gott und die Ideen selber enthält.
Whitehead meint, dass Platon bestimmte Gründe hat, zwischen der vergänglichen Welt und dem ewigen Wesen Gottes diese Kluft zu lassen. Damit umgeht er jedoch gewisse Probleme:
1) Der Nachweis, wie die Vielheit der Individuen mit der Einheit des Universums verträglich ist.
2) Der Nachweis, warum für die Welt die Einheit mit Gott und für Gott die Einheit mit der Welt
notwendig ist.
3) Die Erklärung dafür, wie die Ideen, die im Wesen Gottes enthalten sind, eben auf Grund dieser ihrer
Beschaffenheit zu überredenden Elementen im schöpferischen Fortschritt werden.
Während Platon das abgeleitete Sein auf dem Willen Gottes beruhen lässt, muss es nach Whitehead ein Postulat der Metaphysik sein, dass die Beziehungen zwischen Gott und der Welt frei von aller Willkür und durch Wesensnotwendigkeiten Gottes und der Welt zu begründen sind. Whitehead konstatiert, dass es Platon nicht gelungen ist, die in den späten Dialogen Sophistes und Timaios entwickelte Überzeugung, dass das göttliche Element in der Welt als eine überredende, nicht aber als eine Zwang ausübende Macht zu betrachten ist, in einen systematischen Zusammenhang mit seiner übrigen Metaphysik zu bringen. Dennoch spricht Whitehead dieser Lehre Platons den Rang einer der größten intellektuellen Entdeckungen in der Geschichte der Religion zu. Whitehead versucht, diesen systematischen Zusammenhang in seiner Kosmologie mit Hilfe der Kategorie der Kreativität herzustellen. Sie stellt für ihn das überredende Element im schöpferischen Fortschritt dar, deren „wichtigste Verkörperung“ Gott ist.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Der bipolare Gott und seine Wechselwirkung mit der Welt
2.1 Gottes Urnatur
2.2 Gottes Folgenatur
2.3 Gott als wirkliches Einzelwesen
3 Objektive Unsterblichkeit als Vollendung des universalen Prozesses
3.1 Die Eigenschaft des Immerwährenden
3.2 Religiöse Erfahrung ist das Verständnis der Wirklichkeit im Prozess mit Gott
4 Kreativität als Prinzip des Neuen
4.1 Die innere Erfahrung der Kreativität
4.2 Selbstschöpferisch sein bedeutet frei sein
5 Abschließende Bemerkung: Religiosität ist kreativ und das Schöpferisch-Sein besitzt eine religiöse Dimension
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht Whiteheads Versuch, die platonische Problematik der Beziehung zwischen Gott, der Welt und den Ideen durch seine Prozessphilosophie zu lösen. Dabei steht die Forschungsfrage im Mittelpunkt, wie die Integration des Prinzips der Kreativität in den Zusammenhang von Gottesbegriff, objektiver Unsterblichkeit und religiöser Erfahrung die menschliche Freiheit und das Schöpferisch-Sein begründet.
- Die bipolare Natur Gottes (Urnatur und Folgenatur) als konstitutives Element der Weltbeziehung.
- Die Interpretation des "wirklichen Einzelwesens" in Whiteheads metaphysischem System.
- Objektive Unsterblichkeit als Vollendung und Bewahrung des universalen Prozesses.
- Kreativität als fundamentales Prinzip des Neuen und als Grundlage individueller Freiheit.
- Die Korrelation zwischen religiöser Erfahrung und der inneren Erfahrung der Kreativität.
Auszug aus dem Buch
2.3 Gott als wirkliches Einzelwesen
„Wirkliche Einzelwesen sind die Bausteine des Universums und nichts existiert, es sei denn als Element in ihrer Konstitution.“
Nach Whitehead ist Gott, wie jeder Teil der Wirklichkeit ein wirkliches Einzelwesen. Die wirklichen Einzelwesen werden mit der Ausnahme Gottes auch wirkliche Ereignisse genannt. Sie „sind die letzten realen Dinge, aus denen die Welt zusammengesetzt ist. Man kann nicht hinter die wirklichen Einzelwesen zurückgehen, um irgendetwas Realeres zu finden. Sie unterscheiden sich voneinander; Gott ist ebenso ein wirkliches Einzelwesen wie der ´trivialste Hauch von Sein´ im weit entlegenen leeren Raum. Aber obwohl es verschiedene Grade der Bedeutung und Funktionsdifferenzen gibt, stehen sie doch, gemessen an den Prinzipien, die in der Wirklichkeit zum Ausdruck kommen, alle auf derselben Stufe. Die letzten Tatsachen sind ausnahmslos wirkliche Einzelwesen; und diese wirklichen Einzelwesen sind komplexe und ineinandergreifende ´Erfahrungströpfchen´.“
Wirkliche Einzelwesen sind atomar. Es gibt in ihnen kein Vorher, kein Nachher und keine räumliche Ausdehnung im herkömmlichen Sinne. Sie unterscheiden sich voneinander hinsichtlich ihrer Intensität und Funktion, doch sie sind gleich auf Grund der Gleichheit ihrer existentiellen Bestimmungen. Sie sind eine Synthese des gesamten Universums. Ihr Sein ist ein Prozess des Werdens, der selbst nicht in der Zeit stattfindet. Zeitliche und räumliche Ausdehnung sind Resultate dieses Werdens und nicht seine Voraussetzung.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung thematisiert Whiteheads Auseinandersetzung mit Platon und führt das Konzept der Kreativität als zentrales, überredendes Element im schöpferischen Fortschritt ein.
2 Der bipolare Gott und seine Wechselwirkung mit der Welt: Das Kapitel analysiert die Ur- und Folgenatur Gottes sowie dessen Status als wirkliches Einzelwesen innerhalb der Prozesskosmologie.
3 Objektive Unsterblichkeit als Vollendung des universalen Prozesses: Hier wird erläutert, wie durch das Vergehen wirklicher Ereignisse eine objektive Unsterblichkeit in Gott erreicht wird, die das Immerwährende als göttliche Eigenschaft etabliert.
4 Kreativität als Prinzip des Neuen: Dieses Kapitel expliziert Kreativität als letzte metaphysische Kategorie, die den Prozess von der Vielheit zur Einheit ermöglicht und die Grundlage für Freiheit bildet.
5 Abschließende Bemerkung: Religiosität ist kreativ und das Schöpferisch-Sein besitzt eine religiöse Dimension: Die Arbeit schließt mit dem Fazit, dass Religiosität und das menschliche Schöpferisch-Sein durch die Verschmelzung von religiöser und innerer Erfahrung der Kreativität untrennbar miteinander verknüpft sind.
Schlüsselwörter
Alfred North Whitehead, Prozessphilosophie, Kreativität, Gott, Urnatur, Folgenatur, wirkliches Einzelwesen, objektive Unsterblichkeit, Schöpfung, Freiheit, Prozess, religiöse Erfahrung, Metaphysik, Welt, Selbstschöpfung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert das philosophische System von Alfred North Whitehead mit einem spezifischen Fokus auf das Zusammenspiel von Gottesbegriff, dem Prinzip der Kreativität und der menschlichen Freiheit.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Die zentralen Felder umfassen Whiteheads Metaphysik, die bipolare Struktur Gottes, die Theorie der objektiven Unsterblichkeit und die philosophische Bedeutung der Kreativität.
Welches primäre Ziel verfolgt die Arbeit?
Das Ziel ist die Untersuchung der Frage, wie Whitehead die platonischen Probleme der Beziehung zwischen Gott und Welt löst und inwiefern Religiosität als eine kreative Dimension des Seins verstanden werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit angewandt?
Es handelt sich um eine philosophische Arbeit, die primär textanalytisch und interpretativ vorgeht, indem sie Whiteheads Hauptwerke (insbesondere "Prozess und Realität") sowie einschlägige Sekundärliteratur systematisch aufeinander bezieht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Gottes Natur, die Erläuterung der objektiven Unsterblichkeit als Prozessabschluss und die detaillierte Darstellung der Kreativität als Prinzip des Neuen.
Welche Schlüsselbegriffe prägen die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind "bipolarer Gott", "wirkliches Einzelwesen", "objektive Unsterblichkeit", "Kreativität" und der Begriff der "Reflektapher" nach Hans Lenk.
Warum spielt die Unterscheidung zwischen Urnatur und Folgenatur bei Gott eine so zentrale Rolle?
Diese Unterscheidung ist notwendig, um Gott einerseits als zeitloses Prinzip der Möglichkeiten (Urnatur) und andererseits als aktives, an der Welt partizipierendes Wesen (Folgenatur) zu verstehen, ohne seine Einheit zu verlieren.
Was bedeutet der Begriff "Kreatapher" im Kontext der Arbeit?
Der Begriff beschreibt Kreativität als eine Metapher, die kontrastreiche Spannungen erzeugt und dazu dient, das Prozesshafte der Welt auf einer höheren Organisationsebene durch Reflexion neu zu verstehen.
- Citation du texte
- David Völker (Auteur), 2004, Die religiöse Erfahrung der Realität oder Die Freiheit der Selbstschöpfung. Zum Gottes- und Kreativitätsbegriff bei Alfred North Whitehead, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/68212