Aikido in der sozialen Arbeit?


Hausarbeit, 2007

27 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Überblick

1. Was ist Aikido?
1.1. Annäherung
1.2. „Ai“, „Ki“ und „Do“
1.3. Exkurs: Geschichte des Aikido

2. Persönliche Erfahrungen, Erkenntnisse und Reflektionen

3. Bewegungspädagogik, Judo, Aikido
3.1. Bewegungspädagogik
3.2. Judo
3.3. Aikido
3.3.1. Aikido im Konfliktmanagement
3.3.2. Andere hochmoderne Aikido-Anwendungen

4. Resümme

5. Schlusswort

Quellenangaben

„Lernen ist Erfahrung. Alles andere ist einfach nur Information.“

(Albert Einstein)

Überblick

In dieser Hausarbeit soll untersucht werden, ob und wie Aikido möglicherweise in der sozialen Arbeit –insbesondere in der Pädagogik- verwendet werden kann beziehungsweise wie es möglicherweise schon verwendet wird.

Nicht Gegenstand der Betrachtung sind die sportlichen Aspekte und Wirkungen des Aikido.

Im ersten Teil wird als Einstieg eine erste Beschreibung des Aikido geliefert und der geschichtliche Hintergrund des Aikido aufgezeigt werden.

Der zweite Teil besteht aus meinen eigenen Erfahrungen mit und Gedanken zu Aikido. Hier wird auch klar werden, wie ich auf die Idee der Verwendung des Aikido in der sozialen Arbeit gekommen bin. Sicherlich wird einiges des hier Dargestellten eine Vorwegnahme von Aspekten sein, die gleich nochmals aufgegriffen werden, denn

der dritte Teil enthält die Ergebnisse meiner Literaturauswertung, die ich nach Verfassen der vorangehenden Teile betrieben habe.

Teil vier schließlich resümmiert die vorherigen Teile.

1. Was ist Aikido?

1.1. Annäherung

Aikido ist eine moderne Kampfkunst, in der Selbstverteidigungs-techniken geübt werden. Körperliche Kraft spielt eine absolut untergeordnete Rolle. Trainiert wird meist paarweise, wobei die Partner bei jeder neuen Übung gewechselt werden. Die Gruppen lassen sich gut heterogen aus älteren und jüngeren Teilnehmern, Frauen, Männern, Anfängern und Fortgeschrittenen zusammensetzen. Ein Großteil besteht aus Techniken mit leerer Hand, also ohne Waffen. Ein weiterer Teil beinhaltet Schwert-, Stock- und Messertechniken, wobei es auch verschiedene Kombinationen gibt. Nicht zuletzt wird –meist in der Aufwärmphase- einige Zeit mit allgemeiner und spezieller Gymnastik so wie mit Atemübungen und Übungen zur Konzentration verbracht. Jeweils zu Beginn und Ende des Trainings wird kollektiv ein kleines Verbeugungs-Ritual durchgeführt.

Während der ganzen Zeit, die auf der Matte verbracht wird, ist eine gewisse Etikette zu beachten. Diese war in Japan wesentlich strenger einzuhalten, als dies hier und heute der Fall ist. Eine Besonderheit die das Aikido von den meisten anderen Kampf-Künsten unterscheidet ist, dass keine Wettkämpfe durchgeführt werden. Wohl schon alleine dadurch entwickelt sich eine weniger konkurrierende Situation zwischen den Einzelnen als bei anderen (Wett-)kampfsportarten. Auch gibt es für die unterschiedlichen Graduierungen keine farbigen Gürtel, was gut zu dem Selbstverständnis passt, dass im Zweifelsfall alle Anfänger sind. Andererseits gibt es im Aikido aber auch eine den Graduierungen folgende Hierarchie, die dazu führt, dass jeder weiß, wo er steht. Ein anderer Unterschied ist, dass die meisten Aikidotechniken im Vergleich zu „abgehackten“ Techniken anderer Kampfstile „rund“ sind und viele Hebel statt gegen die mit der natürlichen Bewegungsrichtung der Körpergelenke ausgeführt werden. Die Angriffe werden nicht abgeblockt, sondern die Angriffsenergie wird umgelenkt bzw. ins Leere laufen gelassen.

Es werden ausschließlich Selbstverteidigungstechniken gelehrt. Es geht viel mehr darum, seinen eigenen Standpunkt zu behaupten oder zu finden, als darum, gegen andere aktiv zu werden.

Wie Morihiro Saito –der langjährigste Schüler des Aikidobegründers- schreibt:

„The emphasis in Aikido is on the spiritual growth of the individual through the acquisition of defensive skills. The ethical dimension of Aikido permeates every aspect of its practise both on and off the mat. In the philosophy of Aikido´s founder, Morihei Ueshiba, Aikido is a means for uniting people into a “one world family”. It is not a means for hurting others, but is rather a way of “loving self-protection”.”

(Saito &Pranin 1994)

Durch Aikido-Training wird die Motorik, die Konzentration, die Beweglichkeit und das Wohlbefinden verbessert.

In den folgenden Kapiteln wird noch deutlicher werden, was Aikido ist.

1.2. „Ai“, „Ki“ und „Do“

Diese drei japanischen Silben lassen sich nicht eindeutig und perfekt ins deutsche übersetzen. Am üblichsten sind jedoch als entsprechende Übersetzungen für:

- „Ai“: Harmonie, Liebe
- „Ki“: Lebensenergie
- „Do“: Weg.

Die japanische Silbe „Do“ entspricht dem chinesischen „Tao“.

Mit „Weg“ soll zum Ausdruck gebracht werden, dass der Übende quasi „open end“ auf einem von ihm selbst gewähltem Übungsweg Menschen folgt, die schon länger als er selbst diesen Weg beschreiten. Von und mit jenen gilt es zu Lernen. Dabei gibt es kein erreichbares Ziel, an dem man ankommen könnte, vielmehr handelt es sich um ein repetitives Einüben einer bestimmten Kunst. Uns Europäern ist dies nicht so geläufig wie asiatischen Kulturen. In Asien gibt es schon lange viele „Wegkünste“, wie zum Beispiel Zen oder Judo. Einige davon haben im letzten Jahrhundert auch in Europa mehr oder weniger Verbreitung gefunden.

Die Kunst wird dabei nicht als bloßer Selbstzweck verfolgt, sondern zielt auf den ganzen Menschen, seine ganze Existenz und Persönlichkeit.

Im Vergleich zu europäischen Lehrmethoden verlangt das Beschreiten eines solchen Übungsweges dem Schüler konsequenteste Aufmerksamkeit und hohen Respekt gegenüber dem Lehrer ab. Verglichen mit der hier traditionell bekannten Meister-schaft in einem Handwerk, ist bei den Wegkünsten nicht zu erwarten, nach einigen „Gesellenjahren“ selbst Meister zu sein. Dazu ist für japanische Vorstellungen die Meisterschaft ein viel zu hohes Niveau, als dass es jeder, der sich einigermaßen anstrengt, erreichen könnte.

Beim Aikido zeigen sich die Auswirkungen der zurückgelegten Wegstrecke deutlich daran, wie elegant sich die, die schon lange Zeit üben und manchmal schon relativ alt sind (der Aikidobegründer praktizierte bis ins höchste Alter Aikido) im Vergleich zu den neueren Weggefährten ausnehmen, die anfänglich mehr oder weniger unbeholfen wirken.

Etwas verkürzt gesagt, ist das einzige das man um Aikido zu lernen tun muss, Üben. Denn „wer übt, kann gar nichts dagegen tun, dass er besser wird“ (xxx 2004).

Jigoro Kano, der Begründer des Judo, begriff „Do“ auch als Weg, allerdings als einen, auf dem der Grundsatz „gegenseitige Hilfe für den wechselseitigen Fortschritt und das beiderseitige Wohlergehen“ (nach: Beudels & Anders 2002) ist.

Auch die „Lebensenergie“ ist nichts, was in Europa auf alte Traditionen zurückblicken kann. In anderen Kulturen aber weiß man schon seit Jahrhunderten um diese Energie, die mitunter auch als „kosmische Energie“ bezeichnet wird. In Indien z.B. kennt man sie als „Prana“, in Japan eben „Ki“ und in China entsprechend „Chi“ genannt. Diese Silben kennen wir mitunter aus auch hier er-lernbaren Traditionen wie etwa Tai-Chi oder Reiki.

Diese Energie fließt durch alle Lebewesen und erhält sie am Leben. Ist der Fluss gestört, kann es zu verschiedensten Symptomen und Krankheiten kommen. Fließt sie gar nicht mehr, ist kein Leben mehr vorhanden. Sämtliche alten Traditionen wie Yoga, Reiki, Tai-Chi, Judo oder Aikido beeinflussen den Fluss der Energien bzw. erlauben zu erlernen, wie man selbst seinen Energiefluss positiv beeinflussen kann.

Hier und heute wird das allerdings nur in manchen Aikidostilen überhaupt erwähnt. Einige lehren „lediglich“ die Kampfkunst als Handwerk ohne dabei von esoterischen Dingen zu sprechen. Es muss also niemand, um Aikido üben zu können, an die Existenz dieser „Lebensenergie“ glauben.

Mit „Liebe“ und „Harmonie“ ist ein Ziel impliziert, an das sich der Aikidoka zunehmend annähert. Geübt wird dies zunächst während der Trainingseinheiten auf der Matte. Im Laufe der Zeit wird man –automatisch- auch im Alltag immer besser darauf achten, dass man seinen Mitmenschen liebevoll im Sinne von respektvoll und mit Hilfsbereitschaft begegnet. Das wiederholt Geübte wird –ohne, dass darüber gesprochen werden müsste- in andere Bereiche transferiert. Disharmonien –wozu jegliche Formen von Gewalt gehören- werden zunehmend früher erkannt und vorgebeugt. So lässt sich Gewalt im Keim erkennen, Eskalationen können vermieden werden.

„Liebe“ bedeutet aber auch Ernsthaftigkeit und Klarheit. Geübt wird das beispielsweise bei den Angriffen, denn man kann seine Verteidigungstechniken nur weiterentwickeln, wenn man zunehmend „härter“ angegriffen wird. Diese „Härte“ ist dann aber im Sinne von „Ai“ auch als eine Art der Liebe zu verstehen.

Übertragen auf Situationen außerhalb der Trainingssituation kann einem Angreifer mittels einer Aikidotechnik die Sinnlosigkeit seines Angriffes verdeutlicht werden und er bekommt somit die Möglichkeit, zukünftig harmonischer zu handeln.

Nicht zuletzt bedeutet „Ai“ bzw. „Aiki“ angemessen zu handeln. In jeder Situation jedem gerecht zu werden, das kann durch Aikido hervorragend geübt werden, da man mit unterschiedlichsten Partnern trainiert (unterschiedliche Körperkonstitutionen, unter-schiedliche technische Niveaus etc.). Im Training ist man also ständig mit neuen Partnern, also neuen Voraussetzungen konfrontiert, mit denen man umzugehen lernt. Neben dem eine Technik Ausführendem muss aber auch der Angreifer angemessen handeln. Beispielsweise muss die Angriffsgeschwindigkeit möglichst so gewählt werden, dass der Angegriffene nicht überfordert ist, aber trotzdem spürten kann, dass der Angriff echt ist.

1.3. Exkurs: Geschichte des Aikido

Aikido geht auf den Japaner Morihei Ueshiba, geboren 1883, gestorben 1969, zurück.

Im Alter von etwa sieben Jahren schickte ihn (wohl sein Vater) in einen buddhistischen Tempel, in dem er das Studium von konfuzianischen und buddhistischen Schriften begann. Auch im Kindesalter lehrte ihn sein Vater dann Sumo-Kampf (frei nach Ueshiba 1997).

Im Alter von 17 Jahren machte er seine ersten Erfahrungen im Training von Judo. 1903, also im Alter von 20 Jahren, ging er vor Ausbruch des Russisch-Japanischen Krieges zum Militär, wo er als geschicktester im Umgang mit dem Bajonett auffiel (frei übers. n. Saito &Pranin 1994).

Im darauf folgendem Jahr wurde er als Obergefreiter an die Kriegsfront geschickt, von wo er als Feldwebel zurückkehrte, zu dem er wegen seiner hervorragenden Tapferkeit ernannt wurde. Nach drei Jahren beim Militär ging er bald als Kolonist nach Hokkaido und leitete dort eine 54 Haushalte umfassende Siedler-gruppe. Dort lernte er 1915 seinen Jujutsu-Lehrer kennen, bei dem er bis Ende 1919 viel Zeit und Geld investierte, um diese ihn faszinierende Kunst zu studieren. Dieser Lehrer unterrichtete auch Waffentechniken und demonstrierte eine Fähigkeit, die er „Aiki“ nannte. Damit kontrollierte er den Geist (englisch: „mind“) eines Angreifers und neutralisierte so dessen Aggression. Ab 1925 unterrichtete Ueshiba einige interessierte Militärs, ab 1931 im größeren Stil an verschiedenen Militärinstituten.

1924/25 erlebte er bei einem Gefecht in der Mandschurei oder Mongolei, dass er mit einem sechsten Sinn schon vor einem Angriff sah, dass und wohin ein Angriff kommen wird. Kurz darauf hatte er eine Erleuchtung bezüglich der Einheit seines Selbst und des Universums. Daraufhin entschied er, nicht mehr Aiki-Bujutsu, sondern Aiki-Budo als Namen für die von ihm entwickelte Kampfkunst zu verwenden, was gegenüber der technischen Seite viel mehr die philosophischen Prinzipien betont.

1930 besuchte ihn der Gründer des Judo. Dieser war so beeindruckt von Ueshiba´s Kampfkunst, dass er sagte, dies sei seine Idealvorstellung von Budo. Zwischen 1930 und 1940 erlebte Aiki-Budo seine erste Hochzeit (alles a.a.O. und frei nach Ueshiba 1997).

Ueshiba wurde ein äußerst spiritueller Mensch, der fortan sein ganzes Leben der Kampfkunst und der Spiritualität hingab. Er war lange Zeit intensiv praktizierendes Mitglied in einer schintoistischen[1] Sekte, in der er auch Kampfkunst unterrichtete. Für ihn stellte Aikido ein eklektisches System dar, das Elemente des Schintoismus, des tantrischen[2] Buddhismus[3], des Taoismus[4], Konfuzianismus[5] und des Christentums enthält (frei übersetzt nach Stevens, 1993). Einmal soll er gesagt haben:

„The Aikido I practise has room for each of the world´s eight million gods and I cooperate with each one of them. The Great Spirit of Aiki enjoins all that is Divine, and you will be able to perceive gods wherever you are.” (M. Ueshiba, zit. n. Stevens 1993)

[...]


[1] Schintoismus ist eine japanische Religion, in der Naturkräfte und Ahnen verehrt werden (Duden 2005).

[2] Tantrismus ist eine in Indien entstandene Heilsbewegung (a.a.O.).

[3] Buddhismus ist „die von Buddha begründete indisch-ostasiatische Heilslehre“ (a.a.O.).

[4] Taoismus ist eine „philosophisch bestimmte chinesische Volksreligion (mit Ahnenkult u. Geisterglauben), die den Menschen zur Einordnung in die Harmonie der Welt anleitet“ (a.a.O.).

[5] Konfuzianismus ist die „auf dem Leben und der Lehre des Konfuzius beruhende, weltanschauliche (ethische) Grundhaltung“ (a.a.O.).

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Aikido in der sozialen Arbeit?
Hochschule
Evangelische Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe  (Fachbereich soziale Arbeit)
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
27
Katalognummer
V68257
ISBN (eBook)
9783638609173
ISBN (Buch)
9783638672368
Dateigröße
519 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit ist Bestandteil einer integrierten Fachprüfung in den Fächern Methodik/Didaktik der sozialen Arbeit und Pädagogik.
Schlagworte
Aikido, Arbeit
Arbeit zitieren
Christian Drollmann (Autor), 2007, Aikido in der sozialen Arbeit?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/68257

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